Georgien und das Pharisäertum


Von Richard G. Kerschhofer

Schon Autoren wie Herodot und Plinius registrierten erstaunt die Vielzahl von Völkerschaften in der kleinen Kaukasus-Region. Völkerwanderungen, lokale Fürsten und diverse Großmächte haben seither nichts zur Entschärfung des explosiven Gemenges beigetragen, im Gegenteil. Und so tut man sich leicht mit Schuldzuweisungen: Es kommt immer nur darauf an, wo man die Vorgeschichte beginnen lässt.

Doch keine Vernebelungspropaganda vermag etwas daran zu ändern, dass der georgische Präsident Saakaschwili für die jüngste Eskalation verantwortlich ist: Just während die Welt gebannt auf die Eröffnung der Olympischen Spiele blickte, startete er einen brutalen und dummen Großangriff auf das abtrünnige Südossetien. Brutal, weil die Bevölkerung dem Flächenbombardement aus georgischen Panzern und Raketenwerfern unvorbereitet ausgeliefert war. Und dumm, weil man offenbar glaubte, Russland werde tatenlos zusehen. Darum wurde sogar verabsäumt, den einzigen Nachschubweg aus Russland, den Tunnel zwischen Nord- und Südossetien, unpassierbar zu machen.

Für die russische Führung war es ein willkommener Anlass, die in den letzten Jahren hochgerüstete georgische Armee weitgehend außer Gefecht zu setzen. Diejenigen, die sich darüber am meisten aufregen, hielten und halten es in solchen Fällen zwar auch nicht anders – aber ihre Erregung ist verständlich: Denn es waren amerikanische und israelische „Militärberater“, von denen die Georgier ausgebildet wurden, und den Russen fiel eine Menge Kriegsmaterial in die Hände, darunter israelische Drohnen samt zugehöriger Software.

Bei der Opferbilanz ist Vorsicht geboten, doch dürften weit über tausend ossetische und mehrere hundert georgische Zivilisten sowie an die hundert russische und mindestens doppelt so viele georgische Soldaten den Tod gefunden haben. Es gibt Hinweise darauf, dass auch „Militärberater“ umkamen, aber die gehen in keine Statistik ein, denn sie sind Angestellte von „Sicherheitsfirmen“ – siehe Irak.

Das strategische Interesse der USA an Georgien liegt auf der Hand. Doch ebenso, dass die NATO-Mitgliedschaft einstiger Satellitenstaaten und Sowjet-Republiken für die Russen eine bedrohliche Einkreisung darstellt. Sie haben nicht vergessen, wie sehr der Westen sie nach dem Zusammenbruch der UdSSR überflüssigerweise auch noch gedemütigt und bei der Ausplünderung ihres Landes durch „Oligarchen“ – meist Doppelstaatsbürger – mitgeholfen hat. Mit dem überzogen scheinenden Vorgehen gegenüber Georgien signalisiert Moskau der Welt, dass damit Schluss sein soll – und den früheren Sowjet- und heutigen US-Satelliten, dass die NATO ihretwegen nicht unbedingt einen Weltkrieg riskieren würde.

Das israelische Interesse wird erst bei näherem Hinsehen klar: Dank vieler noch zu Sowjet-Zeiten nach Israel emigrierter Georgier gibt es enge persönliche und wirtschaftliche Verflechtungen. Die Pipeline von Baku über Georgien zum türkischen Hafen Ceyhan gehört vorwiegend israelischen Investoren – und sie sichert einen großen Teil des israelischen Ölbedarfs! Die Russen achteten übrigens sorgsam darauf, diese Pipeline nicht zu beschädigen.

Einige Fragen bleiben offen: Hat Saakaschwili im Alleingang gehandelt? Das wäre blamabel für CIA und Mossad. Oder hat er im Auftrag seiner Hintermänner gehandelt, um die Russen zu „testen“? Dann hätte er bewusst georgische Mitbürger verheizt. Oder wurde die Krise angezettelt, um die Polen und Tschechen endgültig von einem Raketenabwehr-System zu „überzeugen“, mit welchem die USA angeblich vor iranischen und nordkoreanischen(!) Atom-Raketen geschützt werden sollen?

Ein Blick auf die Landkarte zeigt allerdings auch, welch enorme Bedeutung Georgien bei einem Angriff auf den Iran hätte. Mit der Bombardierung von Militär-Basen, Flughäfen Radar-Stationen weitab von Südossetien und Abchasien hat Russland einen solchen Angriff – in dem knappen verbleibenden Zeitfenster vor dem Präsidentenwechsel in USA – zumindest behindert, wenn nicht zu verhindern geholfen. Wohl kaum aus Liebe zu den Ayatollahs, sondern um die Lieferung modernster Luftabwehr-Raketen an den Iran weiter hinauszögern zu können, denn auch dem Kreml kann nicht an einer totalen Konfrontation gelegen sein.

Und was hat die EU aufzubieten? Die zwanghafte Wichtigtuerei eines Nicolas Sarkozy, der nach dem Abgang von Tony Blair dessen Rolle als Bushs „Pudel“ übernommen hat. Oder die Großmäuligkeit eines Bernard Kouchner, der Russland mit „Sanktionen“ drohte. Oder die doppelzüngigen Moralpredigten der einstigen FDJ-Funktionärin Angela Merkel. Und dergleichen mehr – doch keinen scheint es zu stören, dass Saakaschwili seine Auftritte mit der EU-Fahne garniert, als wäre sein Land längst Mitglied! Wie häufig in der EU haben eben die Interessen der eigenen Bürger Nachrang hinter denen der USA und Israels, und wie immer wird daher bei „Interventionen“, „Strafaktionen“ und dem „Selbstbestimmungsrecht“ mit zweierlei Maß gemessen. Das Ausschlachten der Georgien-Krise eignet sich zudem, um von Afghanistan, Irak und Palästina abzulenken.

Tatsache ist, dass die Energieversorgung Europas großteils von Quellen und Transportwegen abhängt, die direkt von Russland – oder indirekt von den USA kontrolliert werden. Würden die Eurokraten wirklich europäische Interessen vertreten, wären sie nie der pharisäischen Anti-Iran-Front beigetreten. Denn Erdöl und Erdgas aus dem Iran – unter anderem über das von der OMV geplante „Nabucco“-Projekt – würde vor allem den Mitteleuropäern einen größeren Handlungsspielraum geben. Darf natürlich nicht sein…

 

Dr. Richard G. Kerschhofer ist freier Publizist in Wien.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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