Wir sind eine begnadete Generation!


Von Eberhard Hamer

Der nachfolgende Beitrag nimmt zwar Bezug auf die Lage in Deutschland, deckt sich in seinen Thesen aber völlig mit der Situation in Österreich. Daher geben wir die Darlegungen Hamers hier unverändert wieder. Darüber hinaus gelten seine Ausführungen praktisch für die meisten fortgeschrittenen Industrieländer der westlichen Welt. Anmerkung der Redaktion

 

Die Deutschen sind nach Umfragen überwiegend unzufrieden, unzufrieden mit ihrer Regierung, unzufrieden mit den Preissteigerungen, unzufrieden mit dem, was sie für ihre Arbeit verdienen oder was sie ohne Arbeit an Sozialleistungen bekommen u. m.

Eigentlich scheint jeder mindestens einen Grund zu haben, unzufrieden zu sein.

Betrachtet man aber die wirkliche Lage unserer Bevölkerung und vergleicht sie mit der Situation in anderen Ländern, ist eigentlich kein Grund für Unzufriedenheit vorhanden, sollte umgekehrt die deutsche Bevölkerung sich klar darüber sein, dass sie in einer einzigartig guten Situation dasteht, dass es ihr besser geht als allen Generationen vorher und dass es ihr wohl auch besser geht, als es der Generation nach ihr gehen wird.

Wir müssen uns klar sein, dass wir eine begnadete Generation sind, dass wir eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausnahmesituation in Mitteleuropa genießen:

  • Wir haben die längste Friedenszeit seit 1945, die irgendeine Generation in Deutschland gehabt hat. Alle früheren Generationen mussten Kriege und Kriegstote erleiden, wir nicht mehr. Allein dies wäre für frühere Generationen ein ausreichender Grund zur Dankbarkeit gewesen.
  • Wir haben sogar die Wiedervereinigung unseres Volkes ohne Kampf, Revolution oder Streit in Frieden erleben dürfen, obwohl kaum keiner von uns überhaupt damit gerechnet hat, – noch weniger mit friedlicher Wiedervereinigung rechnen konnte.
  • Niemand muss mehr in Deutschland hungern. Hunger war für frühere Generationen die große Geißel. Dies ist überwunden. Selbst wer aus Hungerländern zu uns kommt oder auch hier keine Arbeit hat, muss nicht hungern, sondern wird ausreichend versorgt.
  • Was Hunger bedeutet, können wohl nur die Alten unserer Generation nachempfinden, welche im Krieg und vor allem nach dem Kriege hungern mussten. Nicht mehr hungern zu müssen, war damals unser größtes Ziel. Dies haben wir erreicht und sollten dankbar dafür sein.
  • Statt Hunger und Mangel haben wir die höchste Güterversorgung einer Generation aller Zeiten. Schaut man in die Wohnungen mit Fernseher, Waschmaschine, Spülmaschine, teurem Mobiliar u. a., so wird deutlich, was wir an Wohlstand erreicht haben. Wie wir heute leben, wäre früheren Generationen als unerreichbarer Luxus erschienen. Und selbst wer von Sozialhilfe lebt, nimmt an dieser hohen Güterversorgung teil. Wir sind die Generation mit dem höchsten Durchschnittsvermögen aller Zeiten und der höchsten Güterversorgung – ohne dass wir uns dessen ausreichend bewusst und ausreichend dankbar dafür wären.
  • Vergleicht man unsere Wohnungen heute mit den primitiven Wohnungen früherer Generationen, so wird auch hier eine einzigartige Verbesserung sichtbar. Sechzehn Quadratmeter hat der Durchschnittsdeutsche zur Verfügung mit Licht, mit fließendem Wasser, mit Heizung, mit Fernseher und zumeist mit Verkehrsanschluss. Wir dürfen in einem Wohnluxus leben, von dem ebenfalls frühere Generationen sich nicht träumen ließen und den wir heute gedankenlos als selbstverständlich hinnehmen.
  • Frühere Generationen sind aus ihrem Dorf oder aus ihrem Stadtteil selten herausgekommen. Solange Pferd und Kutsche die einzigen Fortbewegungsmittel waren, waren die Menschen ortsgebunden. Heute dagegen haben wir größte Beweglichkeit mit eigenem Auto, mit Flugreisen in warme Länder oder in die Welt und mit Zugverbindungen nahezu überall hin. Uns ist eine Bewegungsfreiheit zugewachsen, die unseren Lebensradius gegenüber früheren Generationen einzigartig ausgedehnt und unsere Lebensqualität entsprechend gesteigert hat.
  • In früheren Generationen war Bildung ein Privileg der Ober- und Mittelschicht und musste teuer erkämpft werden. Heute haben wir Bildung für alle, sogar subventioniert.
  • Noch vor hundert Jahren war die Forderung nach Bildung eine der Kernthesen des Sozialismus. Heute haben wir dies erreicht und dennoch sind diejenigen, denen diese Bildung kostenlos zugute kommt, nicht einmal dankbar dafür, wissen gar nicht, welchen Vorzug sie vor früheren Generationen damit genießen.
  • Ebenso wie es heute Bildung für alle gibt, gibt es auch Aufstieg für alle. Es gibt keine ständischen Schranken mehr, keine Behinderungen eines Geschlechts, keine sozialen Begrenzungen. Jeder kann durch eigene Anstrengung heute jeden Aufstieg erreichen, wenn er will und die Fähigkeit dazu hat. Lediglich die eigenen Fähigkeiten sind noch eine Begrenzung. Diese aber lassen sich gesellschaftlich nicht ändern.
    Wissen wir eigentlich, welcher Vorteil unser durchlässiges liberales Aufstiegssystem für jeden von uns gewesen ist und noch ist? Auch hierin haben wir es besser als frühere Generationen und vor allem auch besser als viele andere Völker in der Welt.
    Jahrhunderte lang war in Deutschland und in anderen Ländern die Arbeitslosigkeit mit entsprechender Armut ein bitteres Schicksal. Heute dagegen hat der Staat die Verantwortung übernommen, jedem einen Arbeitsplatz zu beschaffen, und haben wir die teuerste und größte Verwaltung dafür eingerichtet, diese Arbeitsplatzgarantie durchzusetzen. Wer arbeiten will, bekommt auch heute einen Arbeitsplatz. Selbst denjenigen, die das nicht unbedingt wollen, werden Arbeitsmöglichkeiten angeboten. Und wer Arbeit hat, hat auch Einkommen, kann auf eigenen Füßen stehen und damit selbstbewusst leben. Wir haben nicht nur für jeden Deutschen einen Arbeitsplatz verfügbar, sondern auch noch für Millionen von Immigranten Arbeitsplätze geschaffen – eine einzigartige Leistung unserer Wirtschaft und Gesellschaft, wie in keiner Generation zuvor.
  • Aber auch über die Arbeitsplätze bleibt der Jubel verhalten, ist oft die Unzufriedenheit größer als die Zufriedenheit. Die heutige Generation ist nicht mehr dankbar für etwas, was ihr selbstverständlich erscheint.
  • Unter dem Stichwort „soziale Gerechtigkeit“ hat die Sozialpolitik in unserer Generation die größte Umverteilung unserer Geschichte durchgeführt. Die Leistungsträger müssen nicht nur abgeben für diejenigen, die in Not sind, sondern auch für diejenigen, deren Lebensschicksal – auch aus eigenem Verschulden – ungünstig gelaufen ist. Mehr als Dreiviertel unserer Haushalte bekommen irgendwelche Sozialleistungen. Wer also ungewollt ein Kind bekommt, in Drogen oder Alkohol verfällt, länger oder dauernd krank wird oder aus ähnlichen Gründen in der Gesellschaft abfällt, geht nicht mehr wie in früheren Generationen unter, sondern wird durch Sozialleistungen aufgefangen, in Ausnahmefällen sogar netto besser gestellt als Leistungsträger! Dass aber darüber großer Jubel und Dankbarkeit herrschte, sieht man nicht. Die Unzufriedenheit ist bei den Sozialleistungsempfängern sogar höher als bei den Leistungsträgern, die immerhin von ihrem Bruttolohn zwei Drittel für die Umverteilung abgeben müssen!
  • Wer in früheren Generationen krank wurde, konnte sich Arzt oder Krankenhaus oft nicht leisten oder fiel durch die Krankheitskosten in Armut. Unsere Generation dagegen hat zum ersten Mal kostenlose Gesundheitsfürsorge für alle. Wer immer irgendwo irgendwie krank ist, für den sind genügend Ärzte da. Er kann kostenlos ins Krankenhaus, sogar in Rehabilitationsanlagen und wird auf öffentliche Kosten mit den fortschrittlichsten Medizingeräten so lange behandelt, bis er wieder gesund ist, falls dies überhaupt möglich ist. Nie hat eine Generation vor uns sich träumen lassen, dass es einen solchen medizinischen Luxus für sie gäbe – nicht nur für die Oberschicht, sondern für alle, auch für das Prekariat und sogar für Immigranten.
    Aber auch hierfür ist die Bevölkerung nicht dankbar, sondern sieht dies inzwischen als Anspruch. Der Krankenschein wird gefordert, auch wenn man nicht krank ist. Krank zu sein, ist kein wirtschaftlicher Nachteil mehr. Auch wer mutwillig krank spielt, kriegt sein Gehalt unvermindert weiter.
  • Eine einzige Gruppe unserer Bevölkerung scheint allerdings doch dankbar zu sein: die Rentner. Nie haben Rentner in Deutschland eine relativ so hohe Rente gehabt wie heute. Nie ist es vorher Rentnern so gut gegangen. Die Touristikindustrie konzentriert sich insbesondere auf die „reisenden Rentner“, welche von ihrer Rente die ganze Welt sehen und Luxus genießen wollen.
    Schon wegen der Differenz bei der Anzahl zunehmender Leistungsnehmer und abnehmender Leistungsträger werden künftige Rentner die gleiche Versorgung wie heute nicht mehr haben. Aber auch früher hatten Rentner es nie so gut wie heute. Die Rentner sind die bevorzugteste Generation. Und wenn sie sich nicht mehr richtig bewegen oder helfen können, stehen ihnen vielfältig Betreuungsorganisationen und Betreuungseinrichtungen zur Verfügung, die nie zuvor einer Rentnergeneration verfügbar waren. Den Rentnern geht es wirklich gut und sie wissen dies.
  • Dass wir heute mehr Vermögen haben als frühere Generationen, dass unsere Einkommen immer noch steigen und dass wir in den letzten 40 Jahren eine wirtschaftliche Situation hatten, wie keine Generation vor uns, ist nicht allein unser Verdienst, sondern hängt vor allem damit zusammen, dass wir eine ganze Generation lang eine wirtschaftliche Blütezeit erleben durften, die allerdings zum größeren Teil auf einer einmaligen weltweiten Geldmengenvermehrung beruhte. Die Weltgeldmenge hat sich in den letzten 30 Jahren vervierzigfacht, die Gütermenge nur vervierfacht. Wir glaubten, mit der ungehemmten Geldvermehrung und Liquiditätsschwemme immer vermögender zu werden. Die derzeitige Krise zeigt aber, dass diese Scheinwerte und Scheinkurse wieder zusammenfallen werden. Der reale Markt lässt sich nicht betrügen. Die Scheinblüte wird vergehen.
    Wir aber haben die Blütezeit genießen dürfen. Ob echter oder Scheinwohlstand: Wir waren die begünstigste Generation und dafür sollten wir dankbar sein!

 

Prof. Dr. Eberhard Hamer, Hannover, ist u.a. durch aufrüttelnde Bücher bekannt geworden. Sein wohl aktuellstes titelt „Was passiert, wenn der Crash kommt?“ (2005).

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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