Geschichtspolitik mit Selbstbehalt?


Eine ironische Betrachtung

 

Von Lothar Höbelt

70 Jahre nach dem März 1938 haben sich alle Debatten um das „Anschluss“-Thema im vereinten Europa erledigt. Auf der anderen Seite ist es mitunter ganz aufschlussreich, wer sich hierzulande in vorauseilendem Gehorsam einer neuen Spielart „praktischer Anschlusspolitik“ hingibt, die im Nachvollzug bundesdeutscher Überspanntheiten der Weisheit letzten Schluss sieht.

Ein gutes, weil schlechtes Beispiel dafür ist die Seuche politisch korrekter „Toponomastik“, die in Österreich immer wieder am Beispiel der faschistischen Umbenennungspolitik in Südtirol kritisiert worden ist, die aber in letzter Zeit in so manchen heimischen Gremien unfröhliche Urstände feiert. Nun kann man über die Sinnhaftigkeit von Bezirksräten – wenn sie nicht gerade Stoff für Persiflagen liefern – schon fast kaum mehr geteilter Meinung sein. Gerade deshalb bemächtigen sich Schmalspur-Ideologen, die von der Geschäftsordnung mit Einbahnregelungen abgespeist werden, offenbar mit Vorliebe der sogenannten „Geschichtspolitik“ (die weder der Geschichtswissenschaft nützt noch der Politik!), sprich: Sie widmen sich mit Vorliebe der Umbennung von Straßen und Plätzen, die nach historischen Gestalten benannt sind, die nicht im heutigen Zeitgeschmack liegen.

In der Bundesrepublik Deutschland ist gerade eine Welle im Gang, das Land von Tafeln und Gedenkstätten mit dem Namen Hindenburg zu säubern. Dem Andenken des greisen Feldmarschalls wird das wohl kaum schaden. Beim historischen Allgemeinwissen, das als Resultat diverser Schulreformen übriggeblieben ist, ist die „Gefahr“ gering, dass Absolventen mit seinem Namen überhaupt noch etwas anzufangen wissen. Man mag sich auch fragen, ob ein braver preußischer Junker von den alternativen Stadträten, die mit seinen Meriten so scharf ins Gericht gehen, überhaupt geehrt werden wollte.

Dennoch lässt das bundesdeutsche Beispiel heimische Epigonen nicht ruhen. Was Haider die Ortstafeln, sind seinen Gegnern die Straßenschilder. Der Torheit der Mächtigen folgt die Torheit der un- und ohnmächtigen Hinterbänkler. Prompt muss auch in Klagenfurt eine Hindenburgstraße weichen, nein: besser noch, weil sich die Geschichte laut Marx doch nur als Farce wiederholt, vielmehr eine Hindenbergstraße, weil sich doch auch hinter einem Druckfehler sinistre Absichten verbergen könnten.

Doch was können die unschuldigen Anrainer dafür? Deshalb ein Vorschlag zur Güte, den Sanierungskonzepten unserer kranken Kassen abgeluchst. Was wäre mit einem Selbstbehalt der Antragsteller, also einer Kostenbeteiligung an Schildern, Briefpapier etc., die bei derlei Etuden anfallen. So ließe sich dann auch unterscheiden zwischen wirklichen Überzeugungstätern und bloßen Profilierungsneurotikern. Wer weiß: Vielleicht erweist sich die Anwendung des Verursacherprinzips auf politische Umweltsünder überhaupt als ausbaufähig, sozusagen als marktwirtschaftliches Medikament gegen die allgegenwärtige Gesetzes- und Verordnungsflut?

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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