Kritik am Kapitalismus ist wohlfeil


Von Bertram Schurian

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Leitartikler in ihren Blättern und Fernsehmoderatoren in ihren Diskussionsrunden Kritik am kapitalistischen System üben und mit vielen Worten für eine Abschaffung dieser ungerechten und zerstörerischen Ordnung in der Welt eintreten. Die Vormachtstellung der USA wird in Zweifel gezogen und der russische Ministerpräsident wird mit den Worten zitiert, dass nach dem Finanz-Crash nichts mehr so sein wird wie bisher. Doch der Untergang des kapitalistischen Systems ist schon öfters von falschen Propheten aus dem Osten vorhergesagt worden und nie eingetroffen – auch nicht nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Auch jetzt wird sich dieses System an die veränderten Umstände anpassen und uns nach der Krise wieder Wohlstand bringen. Kritik am System ist natürlich erlaubt, denn in den vergangenen Jahrzehnten bzw. Jahren wurde einigen Entwicklungen weltweit stattgegeben, die mit ihren Auswüchsen zu einem Vertrauensverlust führten, der sich in einer großen Krise des weltweiten Finanzsystems entladen hat. Der sichtbarste Ausdruck dieser Krise sind die im Höllentempo gefallenen Börsenkurse weltweit.

Bei aller berechtigter Kritik am System, sollte man aber die Kirche im Dorf lassen. Denn dieses häufig unverstandene bzw. missverstandene und jetzt von vielen verteufelte System hat dafür gesorgt, dass wir (das heißt: die industrialisierte Welt) eine Wohlstandsmehrung in den vergangenen fünf Dekaden erfahren durften, die die kühnsten Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Der relativ (!) freie Welthandel machte es auch möglich, dass Länder wie China, Indien, Brasilien und andere sich aus der Armutsfalle, die durch eine sozialistisch inspirierte und ausgerichtete Wirtschaftspolitik verursacht worden war, herausarbeiten konnten. Auch das Russland nach der Implosion der Sowjetunion sah seinen Wohlstand durch eine Öffnung seiner Märkte und die bessere Vermarktung seiner Rohstoffquellen zunehmen.

Reaganomics und Thatcherism

Um die heutige Krise des US-amerikanischen bzw. angelsächsischen Finanzsystems, das sich durch die Arbeitsteilung und Verzahnung der Weltwirtschaft zu einer internationalen Banken- und Finanzkrise entwickelt hat, zu verstehen, muss man zu den Anfängen der Wirtschafts-und Sozialpolitik des ursprünglichen Schauspielers, kalifornischen Gouverneurs und späteren Präsidenten der USA Ronald Reagan zurückgehen. Er war seinerzeit der Meinung, und diese Meinung wurde von vielen auch seriösen Wissenschaftern unterstützt, dass die Wirtschaft der USA zu stark reglementiert sei und – sollte sie weiterwachsen – dringend von diesen überflüssigen Fesseln befreit werden müsse. Einer der seriöseren Wissenschafter war Prof. Friedman von der Universität in Chicago, der für eine freie und wenig reglementierte Wirtschaft eintrat, denn – so sein Lehrsatz – „der freie Markt“ wäre imstande, die meisten wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen. Der Staat müsse sich als Unternehmer zurückziehen und Besitzungen des Staates müssten in private Hände übergehen. Denn, so die damalige Überzeugung, private Unternehmer wirtschaften immer besser als der Staat. In Europa war es die damalige Ministerpräsidentin Thatcher von Großbritannien, die seinen Ideen folgte und dafür Sorge trug, dass diese in ihrem Land eingeführt wurden. Der Nachfolger von Reagan, der Vater des jetztigen Präsidenten Bush, nannte diese Auffassung „Voodoo“-Ökonomie und konnte sich mit den meisten Thesen nicht anfreunden. Trotzdem ging die Deregulierung von vielen Wirtschaftszweigen auch unter Clinton und Bush junior weiter.

Die berüchtigten Chicago-Boys

Amerika hatte, bedingt durch die Erfahrungen aus der großen Depression in den Jahren 1929 bis 1933, einen stark reglementierten Industrie- und diversifizierten Bankensektor, der von den Behörden streng beaufsichtigt wurde. Die Finanzaufsichtsbehörde der USA, die SEC, war eine der strengsten und unnachgiebigsten Behörden der USA nach der Steuerbehörde. Aber die neue amerikanische Lehrmeinung, deren bester Sprecher und Befürworter Prof. Friedmann in Chicago war, wurde als der Weisheit letzter Schluss angesehen und an vielen Universitäten gelehrt. Berühmt/berüchtigt wurden die Absolventen der Chicago School of Economics durch ihre harte Wirtschaftspolitik, die wenig Rücksicht auf soziale Errungenschaften nahm. Weiters wurden viele Lehrpläne in den Wirtschaftuniversitäten der Welt an diese amerikanischen Lehrmeinungen angepasst. Dies hat zu einer zu einseitigen Ausrichtung der Lehrpläne geführt. Die Ansichten und Erfahrungen, die in Europa gewonnen worden waren, wurden langsam aber stetig zurückgedrängt.

Was Bilanzierungsregeln bewirken können

Auch die Bilanzierungsvorschriften der Europäer, die im allgemeinen viel vorsichtiger und zurückhaltender waren als die US-amerikanischen, wurden weitgehend den US-amerikanischen angepaßt. Eine Regel, dass Aktiva in der Bilanz nach dem aktuellen Börsenwert bilanziert werden durften – marked to market –, führte ein prozyklisches Element in die Bilanzen ein. Wenn die Börsenwerte steigen, ist dies positiv und es kann dann mehr Fremdkapital angezogen werden, doch wehe die Börsenkurse fallen! In Europa war und ist es üblich, Gewinne erst dann zu bilanzieren, wenn sie anfallen, hingegen Verluste zu buchen, sobald der leiseste Verdacht darauf besteht. Dies hatte bei uns zur Folge, dass Bilanzen ein sehr konservatives und dadurch risikoloseres Bild über ein Unternehmen gaben, während die US-amerikanische Sicht auf eine Bilanz ein betont freundlicheres, dadurch aber verschleiert riskanteres Bild eines Unternehmens abgab. Die Zurücknahme bzw. laxe Handhabung vieler Regeln – so wurden nach und nach die Börsenzugangsregeln so gestaltet, dass Unternehmen einfacher und leichter Kapitalemissionen tätigen konnten, – hatte immerhin zur Folge, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung in Gang gesetzt wurde, der mehr als zwanzig Jahre gedauert hat.

Sehenden Auges bei der Geldmengenaufblähung mitgespielt

Durch die internationale Vernetzung griff dieses Wachstum auch auf viele Länder in Europa, Asien, Afrika und Südamerika über. Dieser wirtschaftliche Aufschwung ging auch mit einer, wie sich jetzt feststellen lässt, viel zu starken weltweiten Geldmengenzunahme einher. Diese Geldmengenzunahme und die gleichzeitig einsetzende Niedrigzinspolitik hatten zur Folge, dass sich Übertreibungen auf den verschiedenen Finanz-und Immobilienmärkten auf der Welt ereigneten. Unter anderem die Savings-and-Loan-Krise in den USA in den 80er Jahren, die Immobilienkrise in Schweden, Finnland und Japan und viele mehr.

Die heutige Finanzkrise ist nicht auf grundlegende Fehler des Systems zurückzuführen, sondern ausschließlich auf teils mangelnde und teils zu laxe Handhabung bestehender Regelungen. Schon 1996 hatte der damalige Chef der US-amerikanischen Notenbank Greenspan moniert, dass seiner Meinung nach die Finanzmärkte und in der Hauptsache der amerikanische Markt „irrationale Übertreibungen“ zeigten. Er sah es dabei nicht als seine erste Aufgabe an, diese irrationale Übertreibung zu beenden. So wandte er sich u.a. gegen eine strengere Beaufsichtigung des boomenden Marktes der Derivate („Die Presse“, 11. Oktober 2008). Er ließ sich aber von der Erfahrung mit der im Nachhinein festgestellten negativen Handlungsweise der Zentralbanken in der großen Depression der dreißiger Jahre leiten. Die Depression wurde nämlich durch deren Handlungsweise damals noch verschlimmert. Anstatt für Liquidität in der Krise zu sorgen, wurde diese durch den Einzug von Krediten geschmälert. Erst die Auffassungen von Keynes bewirkten ein Umdenken und eine langsame Erholung, die später durch die Konjunkturprogramme von Roosevelt (New Deal) in den USA verstärkt wurde. Außerdem zeigte sich, dass es ein großer Fehler war, in dieser Periode die Zollschranken zu erhöhen, was es den Europäern und in der Hauptsache Deutschland unmöglich machte, seine Produkte zu exportieren. Immer wieder hat uns die Geschichte gezeigt, dass Banker auch nur Menschen sind, die, wenn nicht gut beaufsichtigt und streng reglementiert, gelegentlich zu irrationalem und unverantwortlichem Handeln bereit sind.

Fristentransformation – Keine Bankentätigkeit ohne Vertrauen

Das Bankgeschäft an sich ist eine schwierige Tätigkeit, denn eine Bank muss dafür sorgen, dass aus Ersparnissen Investitionen werden können. Ersparnisse, die jederzeit abhebbar sind und nur dann, wenn das Vertrauen in das Bankinstitut besteht, in Summe langfristigen Charakter annehmen, dienen als finanzielle Grundlage für Investitionen, die fast immer langfristig angelegt sind. Diese Funktion einer Fristentransformation ist die Hauptaufgabe einer Bank und macht es nötig, dass die Regeln streng sind. Denn das Eigenkapital einer Bank ist normaler Weise niedrig, es liegt zwischen 7 und 10 %. Der Staat hat hier die Aufgabe, Regeln aufzustellen, die sowohl den Sparer als auch denjenigen, der investiert, schützen. Beachtet der Staat seine Rolle nicht streng genug, bzw. lässt er eine laxe Handhabung der Regeln zu, dann gefährdet er nicht nur sich selbst und seine Staatsfinanzen, sondern alle. Das ist eine in der Geschichte oft gemachte Erfahrung. Dies ist auch die Lehre, die aus der gegenwärtigen Krise gezogen werden sollte: In einer freien Wirtschaft ist ein starker Staat nötig, der darauf achtet, dass die einmal aufgestellten und geltenden Regeln auch eingehalten und beachtet werden. Gerade der in Deutschland in der Freiburger Schule entwickelte Ordo-Liberalismus, aus dem die Soziale Marktwirtschaft erwuchs, hat wissenschaftlich erhärtet, dass die sehr leistungsfähigen freien Märkte eine starke ordnende Wirtschaftspolitik benötigen, um sich nicht selbst zu zerstören. Diese Erkenntnis wurde in letzter Zeit nicht beachtet. Konstruktive Kritik am kapitalistischen System ist richtig, eine Verteufelung dieses System hingegen unangebracht. Denn was wären die Alternativen?

Die Lichtseiten überwiegen alle Schatten

Besonders in Deutschland sollte man sehr zurückhaltend sein mit einer Verteufelung des Systems. Prof. Eberhard Hamer weist in seinem sehr lesenswerten Artikel „Wir sind eine begnadete Generation!“ (Genius-Lesestück 10/2008) darauf hin, wie gut es der deutschen Bevölkerung trotz der Wiedervereinigung mit den mitteldeutschen Ländern dank des durch staatliche Ordnungspolitik gebändigten kapitalistischen Systems geht. Denn heute noch bezahlt jeder Deutsche Staatsbürger schwer für das kommunistische Experiment, das in der sowjetisch besetzten Zone veranstaltet wurde und unter dem Namen „DDR“ lief. Wie sehr das kommunistische System in der DDR abgewirtschaftet hatte, zeigt die Transferleistung, die die BRD für die neuen Länder aufgebracht hat. In der Periode 1991 bis 2005 wurden 980 Milliarden Euro in die ehemals kommunistisch regierten Bundesländer transferiert; das waren ca. 50 % des Bruttosozialproduktes der BRD im Jahre 2005. Weitere 156 Milliarden Euro werden in der Periode 2005 bis 2019 in dieses Gebiet transferiert. Die Gesamtkosten belaufen sich auf die unvorstellbare Summe von 1,14 Billionen Euro, das sind in US-$ 1,59 Billionen (Kurs US-$ 1,4 für 1 Euro). Zum Vergleich: USA Stützungsprogramm für den Finanzsektor US-$ 700 Milliarden. So ist gerade in Deutschland allzu harsche Pauschalkritik am „Kapitalismus“ nicht angebracht.

Korea – der Vergleich macht sicher

Ein anderes gutes Beispiel, wie segensreich oder wie fatal sich ein einmal gewähltes wirtschaftliches System auf das Wohlergehen der Bevölkerung auswirken kann, bietet Korea. Obwohl der Norden des geteilten Landes nach dem Ende des Koreakrieges 1954 die bessere wirtschaftliche Ausgangsposition hatte – alle natürlichen Grundstoffe wie Eisenerze und Kohle befanden sich im Norden – ist das Resultat nach 54 Jahren für den Norden niederschmetternd. Nordkorea ist zu einem kriminellen Regime mutiert, das nach Kaufkraftparitäten korrigiert für seine Bevölkerung ein Pro-Kopf-Einkommen von US-$ 1.700,– jährlich erwirtschaftet.

Südkorea dagegen ist heute Mitglied der OECD und erwirtschaftet für seine Bevölkerung ein nach Kaufkraftparitäten korrigiertes Pro-Kopf-Einkommen von US-$ 25.000,–. In Südkorea herrschen verglichen mit Nordkorea fast paradisische Zustände. Während kurz nach dem Koreakrieg die Bevölkerung in Südkorea Gras essen musste, um zu überleben, ist dies jetzt der Fall in Nordkorea – obschon sich durch den Zwang des Faktischen die Dinge auch in Nordkorea verändern.

Das wirtschaftlich gescheiterte Sowjet-System

Etwas schwerer zu beurteilen sind die Kosten des Kommunismus in der Sowjetunion, die das russische Volk zu tragen hatte. Wenn Russland – es liegt geografisch in etwa auf demselben Breitengrad wie Kanada – ungefähr dieselbe Entwicklung wie dieses Land genommen hätte, was bei einer sozialdemokratischen Regierung durchaus möglich gewesen wäre, dann müsste Russland heute bei einer Bevölkerung von 225 Millionen stehen – und nicht wie in der Wirklichkeit bei 140 Millionen – mit einem Pro- Kopf-Einkommen von US-$ 38.400 korrigiert für Kaufkraftparitäten. Dies bedeutet ein Bruttosozialprodukt von US-$ 8.6 Billionen. In Wirklichkeit hat Russland heute ein BSP von nur US-$ 2.1 Billionen. Der Unterschied ist gravierend. Die echten Kosten des kommunistischen Experimentes sind dies nicht, denn die sind viele Male höher an geopferten Menschenleben und vertanen Chancen und in Zahlen kaum auszudrücken.

Im Vergleich hierzu Kanada und die USA. Kanada: Bevölkerung 33,2 Millionen, Pro-Kopf-Einkommen US-$ 38.400. USA: Bevölkerung 304 Millionen, Pro-Kopf-Einkommen US-$ 45.800, in beiden Fällen für Kaufkraftparitäten korrigiert.

Diese Beispiele belegen, dass es keine echte Alternative zu unserem heutigen Finanz-und Wirtschaftssystem gibt. Allerdings hat das US-amerikanische System gezeigt, dass es in hohem Maße verwundbar ist, wenn man nicht auf die Integrität seiner Wirtschaftsprüfer, seiner Kreditbeurteilungsunternehmen und seiner staatlichen Aufsichtsbehörden zählen kann. Märkte funktionieren nur dann ordentlich, wenn sie an strikte Regeln gebunden sind. Diese Finanzkrise ist demnach ursächlich auch eine Krise der Angelsachsen und nicht der Europäer, Russen, Chinesen oder anderer. Das europäische Banken- und Finanzsystem ist robuster und wenig krisenanfällig. Dass europäische Banken trotzdem mit zu den Verlierern gehören, hängt mit der Dummheit, Unkunde, Gier und Spielsucht der dortigen Verwalter/Manager zusammen und nicht mit einem Versagen des Systems.

Deshalb ist es eine wirtschaftspolitische Aufgabe, an unserem im Prinzip erfolgreichen europäischen System weiter zu arbeiten und nicht ungeschaut die angelsächsischen Methoden nachzuahmen.

 
Dkfm. Bertram Schurian war lange Zeit im Top-Management internationaler Konzerne tätig und lebt derzeit in Kärnten.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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