Über die menschliche Biodiversität


Von Jan Mahnert

Die Entzifferung des menschlichen Genoms im Februar 2001 zeigte, dass jeder Mensch 99,99 Prozent seiner Erbsubstanz gemeinsam mit allen Menschen besitzt und dass es somit keine Rassen im Sinne von genetisch scharf getrennten Menschengruppen gibt. Diese Erkenntnis veranlasste viele Journalisten zu schreiben, die Rassentheorien seien nun endgültig widerlegt worden. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit: Die Entzifferung der Genoms zeigte zwar, dass alle Menschen ein und derselben Art (Homo sapiens) angehören, damit war die Frage der menschlichen Biodiversität aber noch nicht vom Tisch. Denn: Die Genfrequenzen variieren von einer Menschengruppe zur anderen und ermöglichen die Bestimmung der Herkunft eines Menschen.

Zur Bekämpfung des Rassismus bediente man sich lange der Forschungsergebnisse Richard Lewontins. Dieser hatte 1972 entdeckt, dass es zwischen zwei Angehörigen ein und derselben ethnischen Gruppe mehr genetische Unterschiede (etwa 85 Prozent) gibt als zwischen den Angehörigen zweier verschiedener ethnischen Gruppen. Diese Tatsache hinderte aber keineswegs die Genetiker daran, spezifische ethnische Marker zu finden: 1994 publizierte L. Luca Cavalli-Sforza einen Atlas zur geographischen Verteilung der menschlichen Gene in der Welt (The history and geography of human genes, Princeton University Press). Obwohl Cavalli-Sforza das Rassenkonzept verwirft, ließ sich die Menschheit im Rahmen seiner Untersuchungen in vier Hauptgruppen einordnen, die den alten Rassen erstaunlich ähnelten: Afrikaner, Australier, Kaukasier und Mongoliden. Die im Buch enthaltenen Karten veranschaulichen die Korrelationen zwischen Genen und Raum.

Raum, Gene und Völker

In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass die genetischen Unterschiede zwischen den Hauptgruppen der Menschheit noch geringer sind, als von Lewontin angenommen. Dem Genetiker Noah Rosenberg zufolge betragen sie nur 3 bis 5 Prozent. Aber selbst diese geringen Werte ermöglichen es den Forschern, die verschiedenen Menschengruppen voneinander zu unterscheiden. Im Dezember 2002 veröffentlichte die Zeitschrift Science eine Studie Rosenbergs über die genetische Struktur der Menschheit:[1] Bei der Auswertung der Erbsubstanz von 1.056 Menschen aus 52 verschiedenen Volksgruppen kristallisierten sich sechs genetische Hauptcluster heraus, von denen fünf geographischen Großräumen entsprechen (Afrika, Eurasien, Ostasien, Ozeanien, Amerika).

Wie genau man anhand der Erbsubstanz die Herkunft bestimmen kann, zeigte auf beeindruckende Weise das Team um John Novembre in der Studie „Genes mirror geography within Europe“[2] im August dieses Jahres. Die Forscher untersuchten das Genmaterial von 1.387 Europäern und stellten fest: Erbgut und geographische Herkunft korrelieren so eng miteinander, dass man sagen kann, aus welchem Land eine untersuchte Person stammt bzw. welchem Volk oder sogar welcher Volksgruppe sie angehört. In der Schweiz konnten die drei Hauptsprachgruppen voneinander unterschieden werden! November glaubt sogar – was zugegebenermaßen unwahrscheinlich klingt –, dass sich die Herkunft einzelner Europäer bald „oftmals auf wenige hundert Kilometer genau“ bestimmen lässt.

Konsequente Ökologie

Wie ist mit diesen Erkenntnissen umzugehen? Noch während die Entzifferung des menschlichen Genoms im Gange war, verabschiedete die UNESCO die Allgemeine Erklärung über das menschliche Genom und Menschenrechte. Dieser Erklärung zufolge darf niemand auf seine genetischen Eigenschaften reduziert und einer Diskriminierung aufgrund genetischer Eigenschaften ausgesetzt werden. Dies hat konkret zur Folge, dass beispielsweise eine selektive Einwanderungspolitik aufgrund der genetischen Nähe/Distanz der Zuwanderer zur Bevölkerung des Aufnahmelandes grundsätzlich unzulässig ist. Die Absichten der UNESCO sind ethisch nachvollziehbar, geraten aber mit dem Gedanken eines ökologisch motivierten Schutzes der Biodiversität in Konflikt.

Unter diesem, aus ökologischer Sicht konsequenten Schutz ist eine Form des Schutzes zu verstehen, die keine Unterscheidung zwischen Tier-, Pflanzen- und Menschenreich vornimmt, d. h. die alle Arten gleich behandelt. Man kann beispielsweise nicht vor den Gefahren von invasiven gebietsfremden Organismen für die einheimische Fauna und Flora warnen und gleichzeitig im Humanbereich aktiv Masseneinwanderung unterstützen. Wer einheimische Biotope schützen will, muss neben den einheimischen Tieren und Pflanzen auch die einheimischen Menschen als Gruppe vor Verdrängungsrisiken schützen. Konsequente Ökologie kann vor dem Menschen nicht Halt machen.

Zu Recht nimmt man heutzutage größere Rücksicht auf die Rechte des Einzelnen und schützt ihn vor verschiedenen Übeln. Wer aber in der Menschheit nur einen Haufen von schutzbedürftigen Individuen sehen will, geht an einem wichtigen Teil der Realität vorbei: Der Einzelne gehört im Normalfall einer Gruppe an, der ebenfalls Rechte zukommen – insbesondere das Recht auf biokulturelle[3] Kontinuität.[4]

Pflanzen- und Tiergemeinschaften wird das Recht auf Kontinuität prinzipiell zuerkannt: Es bildet das Fundament jeder Naturschutzpolitik. Bei Menschengemeinschaften wird dieses Recht hingegen nicht mehr als selbstverständlich erachtet. Insbesondere in Europa hat sich zunehmend die Vorstellung durchgesetzt, einheitliche Gemeinschaften seien etwas Rückständiges und Gefährliches. Um das ethnische Bewusstsein der Völker Europas zu schwächen, wurden in den letzten Jahrzehnten im Zeichen der EG/EU die Landesgrenzen durchlässig gemacht und die Personenfreizügigkeit gefördert. Fremdenfreundlichkeit wurde zum moralischen Imperativ erklärt und das Zusammenleben von Menschen aus aller Herren Länder wird einseitig nur als Bereicherung erklärt. Die Befürworter dieser Politik sehen in der abnehmenden Einheitlichkeit der europäischen Stammbevölkerungen einen Fortschritt; aus ökologischer Sicht ist diese Entwicklung jedoch als Negativum zu bewerten.

Ethnische genetische Interessen

Der Schutz der Biodiversität läuft im Kern auf nichts anderes als den Schutz der Gene hinaus. Diese sollen unbeeinträchtigt von einer Generation zur nächsten übertragen werden können, um den Fortbestand der Lebewesen als Individuen und als Gemeinschaften/Gruppen zu sichern. Kurzum: Die Biodiversität zu schützen bedeutet, genetische Interessen schützen.

Wie eine Schutzpolitik im Humanbereich aussehen könnte, schildert Frank Salter (Max-Planck-Institut, Andechs) im Buch On Genetic Interests[5], das vom Schutz der genetischen Interessen ethnischer Mehrheiten handelt, womit Salter dem Zeitgeist gegen den Strich geht. Geschützt werden heutzutage nämlich vor allem Minderheiten; die Mehrheit wird hingegen häufig umgekehrt als Bedrohung für die Minderheiten dargestellt und soll im Namen der Toleranz auf die eigenen genetischen Interessen verzichten.

Als Instrument zur Sicherung der ethnischen genetischen Interessen schlägt Salter einen sogenannten „universellen Nationalismus“ vor. Dieser bildet eine biologisch informierte Variante der im 19. Jahrhundert von Otto von Bismarck und im 20. Jahrhundert von Woodrow Wilson vertretenen Auffassung. Diesem universellen Nationalismus gemäß sollen politische und genetische Grenzen in Einklang gebracht werden; in jedem gebildeten Volksstaat solle der Regierungsapparat auf die Sicherung der ethnischen Interessen der Mehrheit Bedacht nehmen. Die Modelle der Französischen Republik und des Verfassungspatriotismus lehnt Salter ab, denn sie eignen sich mit ihren abstrakten Konzepten und Idealen seiner Meinung nach nicht zur Sicherung der genetischen Interessen.

Salters Thesen können Unbehagen bewirken; Salter vertritt sie aber mit viel Nuance. Er räumt beispielsweise ein, dass Mischehen unter Umständen friedensfördernd wirken. Auch seine Kritik am Multikulturalismus ist differenziert: Obwohl Salter im Multikulturalismus eine wesentliche Bedrohung für die genetischen Interessen der Völker sieht, verteidigt er dennoch die Vereinigungsfreiheit: Gesellschaften, die multiethnisch bleiben wollen, sollen dies tun können. (Umgekehrt sollen aber Völker, die ihre genetischen Interessen schützen wollen, dies auch dürfen.) Salter unterscheidet richtig zwischen dem historischen Zusammenleben mehrerer Volksgruppen einerseits und jener Multikulti-Ideologie, die „ethnische Mehrheiten durch Masseneinwanderung zerstören will oder dies einfach in Kauf“ nimmt. Dieser Ideologie gilt Salters Kritik, wobei er nicht zögert, auch die Auswüchse des Nationalismus zu kritisieren. Diese Haltung zeugt von seinem humanistischen Willen, eine ausgewogene und menschliche Ethnopolitik zu formulieren.

Salters Buch ist für Freiheitliche insofern von großer Bedeutung, als es überzeugend den Schutzgedanken mit liberalen Grundsätzen verbindet. Obschon Salter mit Entschlossenheit für den Schutz genetischer Interessen plädiert, sind ihm sowohl Rassenwahn als auch Demokratiefeindlichkeit fremd. Salter verlangt keineswegs die Abschaffung der Menschenrechte, sondern ihre Ergänzung durch Bestimmungen zum Schutz der genetischen Interessen. Ihm ist aber bewusst, dass die Menschenrechte und der Schutz der genetischen Interessen fallweise kollidieren können. Zur Aushandlung von fairen Lösungen setzt er auf Verständnis und Kompromissbereitschaft. Der Gedanke einer friedlichen Lösung sollte auf jeden Fall ein Leitmotiv sein.

Multikulturalismus und Freiheit

Heutzutage ist die Frage vom Schutz der biokulturellen Identität der Völker in Europa weitgehend tabu, so tief sitzt das Trauma des Nationalsozialismus und seiner wahnsinnigen Rassenpolitik noch. Seit 1945 wurden alle Bemühungen unternommen, um das „völkische“ Gedankengut auszurotten, was allgemein zur Verpönung des Nationalismus führte: Ein Volk darf nicht mehr einen Raum für sich allein beanspruchen, sondern muss ihn teilen. Da alle Menschen als gleich(berechtigt) und auswechselbar anzusehen sind, darf es keine Rolle spielen, woher die Zuwanderer kommen. Diese Vorstellungen haben binnen wenigen Jahrzehnten zur Entstehung multikultureller Gesellschaften geführt und dauerhaft das Gesicht Europas verändert. Wem das nicht gefällt, der wird sofort in die Nähe von Hitler gerückt. Sergio Vieira de Mello, ehemaliger UN-Administrator für das Kosovo, gab unmissverständlich zu verstehen: „Ich wiederhole: Unvermischte Völker sind eigentlich ein Nazikonzept.“[6] Folglich ist der Multikulturalismus als Inbegriff der Demokratie zu verstehen. Wie wenig die Multikulti-Ideologie aber mit Demokratie zu tun hat, habe ich in einem früheren Beitrag gezeigt („Demokratie und Homokratismus“, in: Genius 4/2004). Wenn Selbstbestimmung das ist, woran man Demokratie misst, leben wir in einem Punkt unter einer sehr eingeschränkten Freiheit: In den meisten Ländern Europas ist es der Stammbevölkerung so gut wie unmöglich geworden, wirklich über ihr Schicksal zu bestimmen, indem sie auch ihre biokulturellen Interessen verteidigt. Wer sich aktiv dafür einsetzt, kann vor Gericht kommen, seine Arbeitsstelle verlieren oder anderen Unannehmlichkeiten ausgesetzt werden. Die hochgelobte Meinungsfreiheit, also „ein liberaler Grundwert“ bleibt da auf der Strecke. Die offene Gesellschaft ist doch nicht so offen …

Anmerkungen

[1] Noah A. Rosenberg et al., „Genetic structure of human populationsî, in: Science , Vol. 298, S. 2381–2385.

[2] John Novembre et al., „Genes mirror geography within Europe“, in: Nature advance online publication (http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/abs/nature07331.html)

[3] Wie im Teil „Raum, Gene und Völker“ dieses Beitrags gezeigt, beträgt die Identität eines Volkes oder einer Volksgruppe nicht nur eine kulturelle, sondern auch einen genetische Seite. Das Adjektiv „biokulturell“ verbindet diese beiden Seiten, die sich jedoch nicht zwingend im Gleichschritt verändern. Wechselt beispielsweise ein Volk seine Religion, wirkt sich dies auf die kulturelle Seite aus, während die genetische Seite vorerst unverändert bleibt.

[4] Der Begriff „Kontinuität“ ist im doppelten Sinn von „Fortbestand“ und „Einheitlichkeit“ zu verstehen. Einheitlichkeit darf nicht mit „Reinheit“ verwechselt werden. Letzterer Begriff ist unpassend, um die ethnische Zusammensetzung von Menschengruppen zu beschreiben, denn es gibt faktisch kaum reine Gruppen. Möglich ist Reinheit höchstens im Rahmen kleiner Gruppen, die Inzucht betreiben. Wenn der Genpool aber mehrere Hunderttausend bis Millionen von Menschen umfasst und sich über Tausende von Quadratkilometern ausdehnt, kann von Reinheit keine Rede sein. Reinheit ist ein Hirngespinst religiösen Ursprungs und ist gefährlich, insofern als es absolute Maßstäbe setzt: Etwas ist entweder rein oder unrein, ein Dazwischen gibt es nicht. Der Begriff „Einheitlichkeit“ setzt hingegen relative Maßstäbe und eignet sich daher besser für die Beschreibung der ethnischen Zusammensetzung einer Bevölkerung: Besteht letztere weitgehend aus biokulturell verwandten Menschen, ist der Einheitlichkeitsgrad hoch; nimmt infolge von Zuwanderung aus ferneren Gebieten die biokulturelle Distanz zwischen den Bevölkerungsteilen zu, wird der Einheitlichkeitsgrad niedriger.

[5] Frank Salter, On Genetic Interests. Family, Ethnicity, and Humanity in an Age of Mass Migration, Transaction Publishers, New Brunswick 2007, 388 Seiten.

[6] Zitiert nach Daniel L. Schikora, „Re-Islamisierung: Ethnoreligiöser Nationalismus im albanischen Kosovo“, in: Sezession, Heft 13, April 2006, S. 42.

 

Mag. Jan Mahnert ist studierter Soziologe und lebt in der Schweiz.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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