Mythen und Verklärung um „Lichtgestalten“


Anton Szanya, Von magischen Helfern, strahlenden Helden und finsteren Gesellen – Studien zu Politik und Religion, Studienverlag Innsbruck–Wien 2004, ISBN 3-7065-4028-2

 

Von Mathias Holweg

Das Buch beschreibt die immer wiederkehrend auftretende Gestalt des magischen Helfers – eine abgehobene Person, die Aufgaben zu lösen verspricht, deren Lösung unter herkömmlicher Erwartung nicht möglich erscheint. Eine für die Beteiligten bequeme Versuchung, aus der Wirklichkeit in das Wunschdenken abzutauchen und Ziele anzustreben, die ohne solche Wunderwirker nur Träume bleiben. Anlass für die Buchbesprechung jetzt ist der Tod von Jörg Haider und der schon zu seinen Lebzeiten aufkeimende Mythos, dass er Dinge zuwege bringen könne, die kein anderer schafft. Kreisky war eine ähnlich wirkende Gestalt in den siebziger Jahren. Nach ihrem Leben werden solche Persönlichkeiten von ihren Bewunderern in eine Art irrationalen Himmel befördert, mitunter sogar in der Erwartung, dass die Person von dort weiter wirke. („Wo Du jetzt auch bist, schau, bitte, auf Dein Land …“ – So gehört in Klagenfurt). Für Schäden, die ja auch mitunter zurückbleiben, sind dann die finsteren Gestalten zuständig, die den Helden umgarnten und ganz profan benutzten. Beispiele wie hier von der „kleinen Bühne Österreich“ haben verständlicher Weise nicht die Dimension wie analoge Erscheinungen in großen Ländern oder gar in kontinentalen, ja Welt-Maßstäben. Im Kleinen wie im Großen finden sich erstaunliche Nachwirkungen mit nicht zu unterschätzendem Einfluss auf gesellschaftlich-politische Entwicklungen.

Das Buch beschreibt solche Entwicklungen im Weltbild der Menschen in der Geschichte bis heute. Übermenschliche Personen und Denkfiguren spielen da immer eine Rolle, da der Mensch zwar Gewissheit liebt, was sein Schicksal betrifft, diese aber mit der eigenen Vorstellungskraft natürlich nicht erreicht. Ausweg bietet die Flucht in Wunschvorstellungen und Traumwelten vielfältiger Art. Die Götterwelt der Alten und die Offenbarungen als Grundlage der abrahamitischen Religionen geben Zeugnis von solchen Wünschen.

Seit den ersten Schritten der Aufklärung in der italienischen Renaissance gab es, zuerst in Europa beginnend, eine Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens, das u. a. zu den Errungenschaften unserer heutigen Technik führte und mitgeholfen hat, für Europa einen bedeutenden Platz in der Welt zu erreichen. Parallel dazu haben sich aber in Europa und anderen Teilen der Welt, deren Kulturen sich dem wissenschaftlichen Weltbild zuwandten, Denkstrukturen im menschlichen Beziehungsgeflecht erhalten, die jedweder Ratio entbehren.

An Hand von Fallbeispielen, beginnend im Italien des 14. Jahrhunderts bis herauf ins heutige Europa, werden Personen geschildert, die ein rationales Weltbild denken und gestalten, und andererseits die sie umgebenden Anhänger beschrieben. Ebenso werden die „finsteren Gestalten“ erwähnt, die die Helden umschwärmen und sie schamlos benutzen. Gerade das 20. Jahrhundert ist voll von solchen Personen und Ereignissen, die mit ihrer Irrationalität nicht die proklamierte heile Welt, sondern auch größte Katastrophen zuwege gebracht haben.

Das Buch zeigt, wie gefährlich es ist, wenn Gemeinschaften in den Rausch der Wirklichkeitsferne, in religiösen Fundamentalismus oder in den Sog okkulter Ideen geraten. In Summe haben die Entwicklungen und Ergebnisse des 20. Jahrhunderts für Europa eine Zerstörung des aufgeklärten Potenzials gebracht, die die Erfolgsgeschichte der zivilisatorischen Errungenschaften insgesamt in Frage stellt.

Die Vereinigten Staaten von Amerika führten in jüngster Vergangenheit vor, welche Probleme entstehen können, wenn Menschen die Geschicke eines Staates in die Hand bekommen, die von Sendungsbewusstsein und Auserwähltheitsglauben beseelt sind.

Das Buch ist ein Beitrag zu der in der europäischen Öffentlichkeit meist verweigerten Diskussion über den eigentlichen Kulturkampf, der ständig läuft: religiös unterfütterte Weltbilder mit absolutem Wahrheitsanspruch gegen aufgeklärtes Denken mit endlichem Wahrheitsanspruch und unvollständig erklärbarer Welt. Verbinden sich charismatische Persönlichkeiten mit irrationalen Ideen, dann wird es meist gefährlich.

Das Buch ist sachlich sehr gut aufbereitet und bietet zudem eine spannende Lektüre.

 
Dipl.-Ing. Mathias Holweg
ist Schulpädagoge in Niederösterreich.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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