Sind Kosmos und Leben virtuelle Entwürfe? – Teil II


Von Karl Sumereder

„Was wir die Realität nennen, besteht aus einigen eisernen Pfosten der Beobachtung, die wir ausfüllen mit einer Pappmaché – Konstruktion von Vorstellung und Theorie“. (John A. Wheeler)

Schon Demokrit, Platon und Aristoteles versuchten, die Phänomene der Welt zu erklären, indem sie eine verborgene Welt, eine unerkennbare Wirklichkeit hinter unserer Welt der Erscheinungen, voraussetzten. Von verschiedenen Naturphilosophen wird angenommen, dass es außer dem unsere Vorstellungen von Raum, Zeit und Kausalität beherrschenden Alltagsverständnis eine dieses Verständnis übersteigende „Bewusstseinsrealität“ gibt, mit einem Informationsaustausch durch „Bewusstseinswellen“. Wirkungen aus solcher „Bewusstseinswelt“ könnten jene Erscheinungen erklären, die wir als para-normal, mystisch, magisch oder als Inspiration bezeichnen. Gewissermaßen Feld(Raum)-Prozesse, Vorgänge einer mit den Mitteln der Feldphysik nicht erfassbaren Wirklichkeit, einem „Transfeld“, mit anderer als der materiellen Realitätssphäre.

Experimentelle Erkenntnistheorie der Kybernetik

Lässt sich aus dem Aufstieg der nach so strengen Ordnungsprinzipien geregelten materiellen Natursysteme aus ungeordneten, chaotischen Wirklichkeitsbereichen, oder der Entwicklung der so überaus komplizierten und komplexen biologischen Natursysteme, denen es gelingt, ihre Ordnungszustände über gewisse Zeit aufrecht zu erhalten, oder lässt sich aus der Architektur der komplexen Baupläne aller Entstehungs-, Entwicklungs-, Regenerations- und Organisationsprozesse eine katalytisch-kybernetisch steuernde Regulierung ableiten? Das auch hinsichtlich der Herkunft der Naturkräfte und die Veranlassung der verschiedenen Wirkweisen der Energien?

Unter Hinweis auf das Simulieren von Intelligenz in Computern (es wurden ja schon Maschinen gebaut, welche im Backgammon Weltmeister zu schlagen vermögen und im Schach das Niveau von Meistern erreicht haben, Leistungen die man bislang nur einem menschlichen Bewusstsein zugetraut hatte), weiters auf die durch die Computertechnologie gestaltbaren virtuellen Realitäten in Echtzeit, auch der Annahme, dass das lineare Ursache-Wirkung-Denken nicht den komplexen Zusammenhängen und kybernetischen Wechselwirkungen in der Natur entspricht, kann man die ablaufende Evolution anorganischer und organischer Systeme als eine intelligente kybernetisch virtuelle Regulierung deuten, was freilich Spekulation ist. Unser Innen- und Außenleben ist doch so komplex, dass die Aufmerksamkeit jeweils nur wenig davon erfassen kann. Der weitaus größte Teil der Lebensbewältigung geschieht automatisch, ist also längst an unbewusst oder unbemerkt ablaufende Steuerungen delegiert. Ja, man kann die Spekulation bis zur Hypothese vorantreiben, dass das, was wir als die Wirklichkeit benennen, sich als virtuell, als eine Projektion erweist, die sich auch auf uns selbst bezieht.

Kybernetisch-virtuelle Realität in Echtzeit?

Die Kybernetik (griechisch: Steuermannskunst) als Wissenschaft ist zunächst einmal eine Systemtheorie über die Maschine schlechthin. Sie ist seit den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts insofern bedeutsam geworden, als es gelang, Input-Output-Systeme, zu denen herkömmliche Maschinen ja gehören, auch zu bauen und zu beherrschen, indem sie sich selbst regeln und steuern. Diese Wissenschaft von der Steuerung und Regelung, der zielgerichteten Beeinflussung von Systemen, der Informationsprozesse und deren Automatisierung, kann man spekulativ für eine Hypothese über Lebewesen in ihrer Eigenschaft als kognitive, informationsverarbeitende Systeme heranziehen. Systeme, die von „außen“ Informationen im Sinne von Eigenschaften, Formen, Beziehungen und so weiter aufnehmen, sie bearbeiten, speichern, damit umgehen und angemessen und erfolgreich handeln. Kybernetik ist ja auf beliebige Systeme anwendbar und dient dazu, die Gesetzmäßigkeiten von Steuerungs- und Regelungsvorgängen, sowie von Informationen verarbeitenden Prozessen in Natur und Technik zu erkennen. Sie dient weiters dazu, diese bewusst zur Synthese technischer, beziehungsweise zur Verbesserung natürlicher Systeme einzusetzen. Es geht dabei auch um die möglichst genaue Simulierung und Darstellung der Vorgänge in lebendigen Systemen durch hoch entwickelte elektronische Maschinen.

Der Computer, die Telematik und die künstliche Intelligenz, kann als Bekräftigung der Legitimität einer solchen Konzeption herangezogen werden.

Der Begründer der Wissenschaft von der Kybernetik Norbert Wiener (1894–1964) meinte, dass die in allen Dingen, den größten und den kleinsten, bei der organischen wie der anorganischen Materie gegebene Kategorie „Information“ weder an Materie noch an Energie, weder an Raum noch Zeit gebunden sei. Sie sei eine selbständige, eine vorgegebene ontologische Kategorie. Der deutsche Pionier der Kybernetik Karl Steinbuch hat 1961 bemerkt, dass das, was wir an geistigen Funktionen beobachten, die Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Abgabe von Information ist.

Das kybernetische Denken fußt auf der Erkenntnis, dass nicht alles in der eindimensionalen Beziehung zwischen einer Ursache und einer Wirkung verknüpft ist, sondern in Regelkreisen.

Das kybernetische Denken ist somit mehrdimensional; eine zumindest horizontale, flächige Dimension durch Rückkoppelung gleichrangiger Faktoren.

Was heißt virtuelle Realität?

Für die auf Kybernetik beruhende Art des Denkens führte Frederic Vester den Begriff „vernetztes Denken“ ein. Vor allem durch die Diskussion über Umweltschäden begann man zu verstehen, dass lineares „Wenn-dann-Denken den komplexen Zusammenhängen und kybernetischen Wechselwirkungen von Systemen und Subsystemen nicht adäquat ist“, beziehungsweise dass die Vorstellung, zwischen Ursache und Wirkung bestehe immer ein proportionaler Zusammenhang, nicht immer entspricht.

Der verwendete Begriff „virtuell“ – aus dem Lateinischen „virtus“ = Kraft, Vermögen – bezeichnet etwas, das ontologisch nicht eindeutig bestimmbar ist. Mit diesem Begriff wird eine vor sich gehende Wirkung konstatiert, ohne den Realitätsgehalt dessen, wovon die Wirkung ausgeht. Unter virtueller Realität wird heutzutage die Darstellung und gleichzeitige Wahrnehmung einer Wirklichkeit und ihrer physischen Eigenschaften, in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven (virtuellen) Umgebung verstanden. Virtualität spezifiziert also eine gedachte oder über ihre Eigenschaften konkretisierte Entität, die ähnlich der Welt des menschlichen Geistes nicht physisch, aber in ihrer Funktionalität oder Wirkung dennoch vorhanden ist.

In der auf der Quantenmechanik basierenden kosmologischen „Viele-Welten- Theorie“ lässt die gekrümmte Raumzeit es zu, durch so genannte „Wurmlöcher“ (Wurmlöcher verbinden zwei Stellen des Raumes oder der Zeit, ähnlich einer Raupe, die an einer Stelle eines Apfel eindringt und an einer anderen wieder hervorkommt) blitzartig an weit entfernte Orte im Universum oder überhaupt in ein Paralleluniversum zu gelangen. Wurmlöcher sind eines der größten Rätsel die Albert Einstein uns mit seiner Relativitätstheorie mitgegeben hat. Wurmlöcher sind allerdings bislang rein theoretische Gebilde, welche sich möglicherweise aus speziellen Lösungen der Feldgleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie ergeben.

Wirklich oder virtuell?

Hinter der Bedeutung des Wortes „wirklich“ steht die ursprüngliche Theorie, dass nur feste materielle Körper Beispiele von Wirklichkeit sind. Heutzutage sind auch andere physikalische Gebilde, wie Kräfte und Kraftfelder – die allerdings gewöhnlich an Atome und subatomare Teilchen gebunden sind – ebenfalls wirklich. Auch andere Dinge, die mit Materie in Wechselwirkung stehen und physische Gegenstände beeinflussen können, wie das Bewusstsein von Lebewesen, sind ebenso real oder existierend.

Der Philosoph René Descartes (1596–1650) war der erste Denker, der den menschlichen Geist von der Sphäre der materiellen, organischen Natur trennte, wobei nur letztere für ihn wissenschaftlich ergründbar war. Descartes war ein Vertreter des uralten Dualismus von Materie und Geist. Mit seinem berühmten „Ich denke, also bin ich“ hob er hervor, dass wir auf unser Bewusstsein beschränkt sind. Sein Modell, das die Außenweltinformation in der Zirbeldrüse auf nicht materiellen Geist treffen ließ, um Bedeutung zu erzeugen, hatte so eine materialistische Form gefunden.

Wenn nun das uns begreifliche Universum eine Simulation wäre, wären wir als ebenso simulierte Wesen im strengen Sinne überhaupt „wirklich?“ Also eigentlich ohne eigene Existenz, eine Imagination? Wären alle gedachten oder über ihre Eigenschaften konkretisierten Entitäten (= Gegenstände, Dinge, Prozesse) Merkmale, Eigenschaften, Spiegelbilder einer anderen Realität? Wäre all das, was uns annehmen lässt, in einer Welt, die uns umgibt, deren Gegenstände und Ereignisse man genau als in realer und gegenwärtiger Zeit zu leben fühlt, nur Ausfluss einer ganz anderen Realität?

Handelt es sich bei solchen Überlegungen etwa um bloße Archetypen? Um im kollektiven Unbewussten angesiedelte Strukturdominanten, die als unbewusste Wirkfaktoren das Bewusstsein beeinflussen, dieses präfigurieren und strukturieren? Viele solcher Wirkfaktoren beruhen eben auf Ur-Erfahrungen der Menschheit, wie Geburt, Kindheit, Pubertät und Sterben.

„Das Leben ist wie ein Traum in einem Traum“
Edgar Allan Poe

Imaginationen

Die Vielfalt der Kulturen, der Religions- und Glaubenssysteme beweist, in wie unterschiedlicher Weise über das Woher und Wohin, über Sinn und Zweck unseres Daseins sich denken lässt. Der den Lesern und Leserinnen der „Genius- Lesestücke“ bekannte Autor Hans-Joachim Schönknecht hat in einem einschlägigen Dialog zum Ausdruck gebracht, dass der hier vorliegende Ansatz abstrakt und spekulativ im doppelten Sinn des Wortes ist.

Einerseits werden Gedanken entwickelt, die einem unwahrscheinlich vorkommen. Diese Unwahrscheinlichkeit muss aber keine Eigenschaft der Hypothese sein, sondern mag ihren Grund darin haben, dass diese Gedanken unserer gewohnten, meist ungeprüft geltenden Auffassung widersprechen. Es liege also an uns, eigene Scheuklappen abzustreifen. Zum anderen ist der Text auch in der zweiten philosophischen Bedeutung des Wortes spekulativ. Nämlich eine Erkenntnishaltung, die das Wissen rein um seiner selbst anstrebt und die auf das Ganze geht; also eine Schau des Ganzen anstrebt, während die Einzelwissenschaften nur jeweils einen Ausschnitt aus der Gesamtwirklichkeit thematisieren.

Gedankenexperimente gehören zur Wissenschaft, erst recht zur Literatur. Auch die Philosophie macht von jenen kleinen fiktiven Verrückungen der Realität Gebrauch, deren Auswirkungen in Gedanken durchgespielt werden.

Sicherlich ergibt sich eine Schranke aus der Tatsache, dass die Leistungscharakteristik von Gehirnen, als einem Produkt der Evolution, unter dem Aspekt des Nutzens, der Überlebensdienlichkeit geformt wurde und menschliche Gehirne nicht auf die Erkenntnis von Dingen an sich ausgelegt sind. Es muss aber, so meint Hans-Joachim Schönknecht, unser helleres Bewusstsein, das Denken, dennoch etwas Besonderes an sich haben, das seiner Begrenztheit selbst ansichtig wird und diese kontinuierlich aufzuheben trachtet. Liegt da bereits eine Überschreitung einer Grenze, der vermeintlichen Endlichkeit unseres Denkens vor?

Die Rätsel unserer Existenz bleiben ein Geheimnis

In den Philosophien des Altertums und den darauf aufbauenden der Neuzeit, sowie den Einsichten aus den Naturwissenschaften oder einem der religiösen Glaubenssysteme, wird in verschiedener Weise Beruhigung über das gesucht, was unserem Verstand nicht fasslich ist.

Wissenschaft, so der Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger (1887–1961), ist nicht Metaphysik, aber Wissenschaft würde ohne Metaphysik wahrscheinlich degenerieren und eine rein rational-technizistische Denkform hervorbringen.

Das Mathematikgenie Kurt Gödel (1906–1978) hat in einer Theorie, die als „Unvollständigkeitstheorem“ bezeichnet wird, die Einsicht geliefert, dass es beim menschlichen Verständnis der Welt immer Aussagen geben wird, die prinzipiell unbeweisbar sind. Er machte klar, dass sich die Unendlichkeit der Wahrheit nicht mit endlichen Theorien erfassen lässt.

Es geht auch um die Frage, ob Vernunft am Anfang aller Dinge und auf ihrem Grund steht oder nicht. Es geht darum, ob die Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen und im Ozean des Unvernünftigen letztlich bedeutungslos ist. Wir haben kein absolutes Kriterium, mittels welchem wir beurteilen können, ob dieses Leben eine Art Traum oder virtueller Natur ist. Möglicherweise steckt hinter dem Phänomen Leben eine unzeitliche Seinssphäre. Es scheint, dass der Welt etwas innewohnt, das geheim bleiben muss. Vielleicht ist dieses Geheime schon in uns selbst angelegt, denn der Mensch ist sich selbst doch das größte Geheimnis.

Wenn es in unbegreiflichen Zeiträumen zum Erlöschen aller Lebensformen auf unserem Planeten und auf allenfalls anderen Planeten, sogar des Weltalls selbst kommen mag, könnten die Ur-Energene als Baustoff für die Kreation eines neuen Weltalls dienen.

Wie auch immer, in der Echtzeit verläuft unser tägliches Leben. Die großen und die kleinen zu bewältigenden Alltagsprobleme, individuell als schön oder als schlecht empfunden, machen das aus, was wir real sind. Auch wenn wir in einer virtuellen Simulations-Realität existieren, sind wir uns selbst jedenfalls wirklich genug. Mit etwas uns als einem Konstrukt gegebenem Spielraum können und müssen wir uns so verhalten, wie wir es eben tun.

Des Philosophen Arthur Schopenhauers (1788–1860) Satz: „Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“, begleitet uns in allen Lebenslagen.

Was bleibt, ist die Einsicht, dass unser sich ständig ausweitendes Wissen gerade in so manchen wesentlichen Grundfragen nicht gesichert ist. Nicht nur jenes letzte und unlösbare Geheimnis unserer Existenz, woher wir kommen und wohin wir gehen, bleibt daher weiterhin unangetastet.

 
Dr. Karl Sumereder, Innsbruck, war Top-Manager und bereist die Welt.

Anmerkung:
Der erste Teil dieser Abhandlung erschien als Lesestück Nr. 7 in der November-Ausgabe des Genius-Briefes.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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