Das Lied von der Ente


Lehrreich war’s, das muss ich sagen,
was da in den letzten Tagen
oder eigentlich schon Wochen
über mich hereingebrochen:

Unverfroren stehlen Laffen
ein Gedicht, von mir geschaffen,
und verbreiten’s froh und heiter
als ihr eignes Opus weiter!

Manche aber setzen munter
Kurt Tucholskys Namen drunter,
„des Propheten unsrer Krise“ –
frei nach Klassenkampf-Devise.

„Ja, er ist und bleibt der Beste“
lauten vielfach die Atteste,
und es wird – nicht übertrieben! –
gar „ich liebe ihn“ geschrieben.

Literarische Experten
trachten, dies noch zu erhärten,
kurz und gut den Mann zu rühmen,
der so reich an Pseudonymen.

Und im Internet, der Fama
unsrer Tage, schwillt das Drama
bis in Sender und Gazetten,
deren Dürre aufzufetten!

Das Gerücht samt Metastasen
platzt jedoch wie Börsenblasen:
Mist! Die Verse schrieb ein Rechter –
und da sind sie gleich viel schlechter.

Viel zu billig und zu simpel
ist’s auf einmal für die Gimpel –
„Schreiberling“ bin ich indessen
und drum schleunigst zu vergessen.

Meine Schuld laut ihrer Meinung
ist’s, dass Kurt, die Lichterscheinung,
sich im Grabe drehen müsse
ob der „plumpen Wortergüsse“.

Mehr begossen noch sind Pudel,
die mit Frankfurt-Rundgesudel
eigne Dummheit übertünchen
und ihr Schreibtisch-Opfer lynchen!

Wie der Fuchs in jener Fabel
schimpfen sie im Lügen-Babel
über die zu sauren Trauben –
unverschämt und kaum zu glauben.

Still die Schwänze eingezogen
haben andre Demagogen,
welche nun in Schmuddelecken
die verbrannten Finger lecken:

Ausgestrichen im Geheimen
werden „Links“ zu meinen Reimen –
Wowis „Gästebuch“ desgleichen
lässt statt Segel Sager streichen.

Doch gelöschte „Links“ – ein Omen! –
drücken weiter im Abdomen,
denn im „Net“ verbleiben Spuren
zu Zensoren und Lemuren.

Krönung aber sind die Quellen,
die mir Vorsatz unterstellen:
Ihrem Abgott – so die Schlauen –
wolle bloß den Ruhm ich klauen!

Nun – Verschwörungstheorien
werden sonst zwar nie verziehen,
aber von gewissen Seiten
darf man jeden Kohl verbreiten …

 
Post scriptum in Prosa: Zwar auch nicht von Tucholsky, dafür aber wirklich von Karl Kraus stammt der Satz „Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weiß, von wem es ist.“

Bearbeitungsstand: Freitag, 14. Jänner 2011
 
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