Größe schützt vor Dummheit nicht


Flucht in Fusionen bringt keineswegs Sicherheit, zerstört aber die Marktwirtschaft

 

Von Gerulf Stix

Die finanziell trostlose Lage der drei amerikanischen Auto-Riesen General Motors, Ford und Chrysler beherrscht seit Wochen die Wirtschaftsnachrichten in allen Medien. Somit kann die Sachinformation als gegeben angenommen werden. Was zu tun bleibt, ist die nicht einfache Analyse all der Faktoren, die zu diesem Desaster geführt haben; eine anspruchsvolle Aufgabe für ökonomisch geschulte Köpfe. Vielleicht wird der eine oder andere Betrachter dabei nostalgisch an jene Worte anknüpfen, die dem früheren Verteidigungsminister der USA McNamara (1961–68) in den Mund gelegt werden: „Was für General Motors gut ist, ist auch gut für Amerika“. In einer Gesamtbetrachtung, in welcher die Autoindustrie nur einen Teilaspekt bietet, prägte der berühmte Wirtschaftswissenschafter Galbraith den Begriff des Industrial-Military-Complex. Nicht auszuschließen, dass diese Verwobenheit eines der maßgeblichen Motive für jene 14-Milliarden-Dollar-Hilfsspritze war, zu der sich der abtretende US-Präsident G. W. Bush im letzten Moment noch durchrang.

Hier soll pointiert ein Faktor herausgehoben und beleuchtet werden, der weit über die Autoindustrie hinaus von allgemeiner Bedeutung für das Wirtschaftsgeschehen ist, nämlich der Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße, Führungsverhalten und deren wirtschaftspolitischen Auswirkungen. Zugegeben, auch ein Stoff für mehrere Bücher, aber erstaunlich transparent, wenn es darum geht, bei der Sache den springenden Punkt herauszuschälen.

Das Streben, ein Monopol zu erlangen, ist überall anzutreffen und nicht bloß auf die Wirtschaft beschränkt. Prof. Walter Eucken, der geistige Vater der späteren „sozialen Marktwirtschaft“ (Ordoliberalismus der sog. Freiburger Schule) formulierte es für die „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ (1959) so: „Ein tiefer Trieb zur Beseitigung von Konkurrenz und zur Erwerbung von Monopolstellungen ist überall und zu allen Zeiten lebendig. Jeder erspäht Möglichkeiten, um Monopolist zu werden.“ Individuell können die Motive durchaus unterschiedlich sein. Da will einer in seiner Branche einfach „der Größte“ werden. Ein anderer will es den Mitbewerbern „zeigen, wo der Bartl den Most holt“. Wieder andere erstreben knallhart Gewinnmaximierung über den Weg einer Monopolpreisbildung und pure Rationalisten errechnen sich Skalenvorteile durch Kostenoptimierung bei hohen Stückzahlen in Produktion, Vertrieb und Verwaltung. Auch die gesamte Marken-Werbung gehört zum Thema Monopolbildung. Mit diesen Beispielen ist der ganze Fundus an möglichen Motiven natürlich nicht ausgeschöpft. In der Praxis verbünden sich je nach Branche und Marktlage oft mehrere Motive – rationale wie irrationale -, um gebündelt in Richtung Monopolbildung zu drängen. In Krisenzeiten tritt das Motiv der Angst in den Vordergrund oder genauer gesagt: das Flucht-Motiv. Damit sind wir, was die gegenwärtige Lage betrifft, beim springenden Punkt angelangt.

Flucht aus dem Risiko

Die Krise der Autohersteller bietet da einigen Anschauungsunterricht. Bekanntlich war Chrysler schon unter die Fittiche von Mercedes geflüchtet, aber das bewährte sich nicht. Heute gehört Chrysler (wenn die Informationen stimmen) dem inzwischen berühmt-berüchtigten Cerberus Fonds. Ford hatte Volvo geschluckt. Generals Motors und Ford wähnten sich in ihrer Größe schier unanfechtbar – bis die Krise sie eines anderen belehrte. In Europa loten Frankreich und Italien einen Zusammenschluss ihrer Autohersteller Peugeot-Citroën und Fiat aus (APA, 16. Dezember 2008). Bekanntlich kämpft Fiat seit Jahren mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Das Flucht-Motiv liegt auf der Hand: Möglichst rasch aus dem Risiko, sich allein im Marktwettbewerb behaupten zu müssen, herauskommen und sich stattdessen in den Schutz einer größeren Organisationseinheit begeben! Die Reihe der Beispiele könnte nicht nur hinsichtlich Europas, sondern weltweit bis zu den asiatischen Autobauern in Japan, Korea usw. fortgesetzt werden. Überall der Versuch, der Krisensituation durch Flucht in noch mehr „Größe“ auszuweichen.

Die Autobranche dient hier nur als ein besonders ins Auge fallende Exemplum. Das Flucht-Motiv lässt sich in allen großen Wirtschaftsbereichen beobachten: „Fast ein Drittel der europäischen Firmenchefs plant während der Finanzkrise in den kommenden zwölf Monaten Akquisitionen. Besonders Restrukturierungsdeals nehmen zu, geht aus einer unter Vorstandsvorsitzenden durchgeführten Umfrage der Boston Consulting Group und der Investmentbank UBS hervor. Die Wirtschafts- und Finanzkrise werde große, möglicherweise branchenumwälzende Fusionen und Übernahmen in Gang setzen. Diese Erwartungshaltung stimmt mit der Erfahrungen aus historischen Krisen in der 1930er und 1970er-Jahren überein.“ („Die Presse“, 13. Dezember 2008) In den USA entstehen neue Giganten der Bankenwelt: Die Bank of America wird nach Übernahme der Bank Merrill Lynch zum größten Vermögensverwalter der Welt und die Bank Wells Fargo schluckte die Wachovia, womit sie über das größte Filialnetz in den Staaten verfügt. Alles nur Beispiele …

Gleichfalls im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen die spektakulären Zusammenschlüsse bei den Luftfahrtgesellschaften. Eben erst ging die Übernahme der AUA durch die Lufthansa über die Bühne. Um das Schicksal der Alitalia wurde lange gepokert, nun übernimmt die Air France/KLM (selbst eine Fusion!) ein Viertel der Anteile an Alitalia. In den USA soll es durch den Zusammenschluss von Delta und Northwest zur Bildung der größten Airline der Welt kommen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Nun darf man bei Wirtschaftsunternehmen, die allein schon durch die Art ihrer Dienstleistung direkt weltweit operieren wie eben Luftlinien, nicht außer Acht lassen, dass es im globalen Markt natürlich andere Größenmaßstäbe gibt als bei Industrien, die sich regional entwickelt und dann aus dieser Position heraus ihre Tätigkeit in Richtung weltweiter Märkte ausgedehnt haben. Im ersteren Fall ist der sachlogische Zwang zur Großorganisation sicherlich stärker als im anderen Fall. Ein markant negatives Beispiel für letzteren dürfte die globale Monopolbildung beim Saatgut sein. Hier überwiegt nacktes Monopolstreben eindeutig jede vernünftige Sachlogik; ganz im Gegenteil droht hier sogar eine weltweite Schädigung der an sich lebenswichtigen Biodiversität im Bereich der Kulturpflanzen.

Größe vermittelt ein trügerisches Sicherheitsgefühl

Ungeachtet sachbedingter Unterschiede lässt sich zusammenfassend beobachten, dass weite Teile der Wirtschaft zu einer „Flucht in die Größe“ angetreten sind oder in diese Richtung neigen. Insbesondere die (angestellten) Manager großer Unternehmen bemühen sich auffallend stark, auf noch größere Zusammenschlüsse und Fusionen hinzuarbeiten. Das Fluchtmotiv ist hierbei offenkundig. Eine etwas andere Rolle spielen jene Akquirierungen, die eher einer Jagd nach Schnäppchen gleichen. Kleine, oft gute Firmen werden bei günstiger Gelegenheit – eben auch in Krisensituationen – nur zu dem Zweck aufgekauft, sich deren innovatives Potenzial einzuverleiben, was den Konkurrenzdruck mildert und zugleich das eigene Angebot stärkt. Zunehmende Größe des eigenen Unternehmens vermittelt den darin Verantwortlichen das Gefühl von mehr Sicherheit gegenüber den Unwägbarkeiten des Marktgeschehens. Aber dieses Gefühl trügt.

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe wissenschaftlich fundierter Untersuchungen, die belegen, dass Fusionen in den meisten Fällen nicht zu den erhofften positiven Ergebnissen führen. Nach jüngeren Studien scheitern fast zwei Drittel dieser Verschmelzungen in dem Sinne, dass danach weder der Firmenwert noch die Rentabilität der untersuchten Firmen gestiegen wären. Trotz dieser objektiven Erkenntnisse wird nach Kräften weiterfusioniert, zu stark ist offenbar das Fluchtmotiv der sich unsicher fühlenden Manager. Bemerkenswerter Weise stemmen sich typische Familienbetriebe, in denen Kern-Eigentümer und Unternehmensleitung sich noch einigermaßen decken, stärker gegen Fusionsbestrebungen als angestellte Manager. Familienunternehmer geben nur ungern einem meist dann durch besondere Umstände erzwungen Druck in Richtung Fusion nach. Leider erleben wir seit Jahren eine Ausdünnung dieser mittelgroßen Unternehmensstrukturen; eine tragische Folge vor allem der verfehlten Steuerpolitik, die den sog. Mittelstand relativ am stärksten belastet.

Dass schiere Größe keineswegs die eingebildete Sicherheit garantiert, zeigt nun in aller Deutlichkeit die amerikanische Autoindustrie. Inzwischen ist es nämlich evident, dass diese Autogiganten glattwegs an den Markterfordernissen vorbeiproduziert haben. Ohne auf die seit Jahren steigenden Treibstoffpreise und das zunehmende Umweltbewusstsein zu achten, wurden auf Teufel komm raus große, spritfressende Automobile erzeugt. Die sind jetzt aber nicht mehr gefragt. Wo blieb da die unternehmerische Voraussicht? Wo sind die breit vorangetriebenen Neuentwicklungen mit Marktrelevanz?

Offensichtlich haben die mächtigen Unternehmensleiter die Zeichen der Zeit übersehen – oder sie meinten, sie könnten sie dank ihrer Machtposition ignorieren. Die „Größe“ hat den Blick auf die Zukunft wohl eher vernebelt als geschärft. Mächtige fühlen sich gar nicht so selten sozusagen auch im Besitz aller (fachlichen) Weisheit. Aber das ist ein fataler Irrtum, denn Größe schützt vor Dummheit nicht.

Anpassungsfähigkeit und Kraft zur Erneuerung lahmen

Es ist eine durch hundertfache Erfahrung belegte Tatsache, dass mächtige Großorganisationen auch im Wirtschaftsbereich strukturell erstarren, unbeweglich werden und nach und nach ihre Anpassungsfähigkeit an den Markt verlieren. Jede angestrebte Neuerung muss sich erst mühsam durch die gegebenen Zuständigkeitseben durchkämpfen. Kommt sie vielleicht sogar von oben, was von guter Führung zu erwarten wäre, dann muss sie mühsam die Trägheit des Apparates überwinden. Das kostet Kraft und Zeit. Kommt sie von unten – meist auf Grund von in der Praxis marktnahe gewonnenen Einsichten –, dann versickert sie häufig auf dem Weg nach oben. Die Wirtschaftsgeschichte ist voll solcher Beispiele.

So nimmt es nicht Wunder, dass Innovationen sehr oft von kleinern Firmen, Instituten, ja sogar von Einzelpersonen ausgehen, während große und mächtige Unternehmen im Verhältnis zu ihren Möglichkeiten (!) weit seltener durch Innovationskraft und Innovationsfreude auffallen.

Marktverhältnisse können sich rasch ändern. Dann ist unternehmerische Anpassungsfähigkeit herausgefordert. Auch hier sind die Kleineren die Schnelleren. Bei Großkonzernen ist es nach allen Erfahrungen genau um diese überlebenswichtige Anpassungsfähigkeit schlecht bestellt.

Pure Größe schützt ganz und gar nicht vor einem Marktversagen, sondern lässt dieses oft sogar in eine Katastrophe ausarten. Denn eben wegen der Größenordnungen, um welche es volkswirtschaftlich geht, wenn Wirtschaftsriesen ins Wanken geraten, werden solche Entwicklungen für ganze Regionen fast automatisch zu einem Politikum par excellence.

Das volkswirtschaftliche Dilemma

Während die Freisetzung von Arbeitskräften bei mittleren Unternehmen zwar weh tut, aber leichter ausgeglichen werden kann, droht bei krisengeschüttelten Gro0ßunternehmen dann oft ziemlich rasch tausenden, ja zehntausenden Menschen Arbeitslosigkeit. Deren persönlicher Kaufkraftverlust zieht in der Folge wie ein Dominoeffekt unzählige weitere Firmen jeder Größenordung mit in die Krise.

Die Politik muss eingreifen, will sie keinen Flächenbrand zulassen. Und so kommt es unweigerlich zu der an und für sich absurden Situation, dass Riesenfirmen zum Ausbügeln ihrer selbst begangenen Fehler dann noch vom Staat mit riesigen Geldmitteln gestützt werden, quasi nach dem Motto: „Die sind so riesengroß, dass sie einfach nicht fallen dürfen!“

Schneller noch als bei den Autogiganten zeigte sich dieser Effekt gleich zu Beginn der Finanzkrise bei den Großbanken, von der City Group bis zur UBS, von den deutschen Landesbanken bis zur (relativ kleinen) Kommunalkredit AG in Österreich. „Die Banken dürfen nicht fallen, weil sie sonst die ganze Wirtschaft mitreißen.“ Eine bittere Wahrheit, die aber nicht davon abhalten darf, unfähige Manager zu feuern und versagende Aufsichtsorgane zur Rechenschaft zu ziehen! Da liegt nämlich Vieles im Argen.

Eine der wichtigsten Lehren, die heute schon am Beginn der sich erst ausweitenden Krise für die künftige Wirtschaftspolitik gezogen werden kann, lautet: Wehret dem ausufernden Größenwahn der Monopolisten! Nehmt die seit Jahrzehnten erhärtete Feststellung kompetenter Wirtschaftswissenschafter endlich ernst: „Wer Monopolkämpfe gewähren lässt, behindert die Entwicklung des Leistungswettbewerbes.“ (Walter Eucken) Das Riesenwachstum von Wirtschaftsunternehmungen ist erstens für diese selbst entgegen ihrer Einbildung gar nicht gut, und zweitens macht es die gesamte Wirtschaft, ja darüber hinaus unsere ganze Gesellschaft in einem schier unbeherrschbaren Ausmaß krisenanfällig.

Gerät in wichtigen Bereichen alles in die Hände von ein paar Dutzend Mammut-Unternehmungen, droht nicht nur eine unglaubliche Ausbeutung der Steuerzahler, sondern das Ende einer freiheitlichen Gesellschaft.

 
Der Verfasser ist studierter Volkswirt und war jahrzehntelang ebenso in der Wirtschaftspraxis wie in der Wirtschaftspolitik tätig.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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