Wo sind die Ersparnisse geblieben?


Von Bertram Schurian

Das Jahr 2008 wird in die Wirtschaftsgeschichte eingehen als „annus horribilis“. Es wird, nach aller Wahrscheinlichkeit, in seinen Folgewirkungen die große Wirtschaftdepression in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Schatten stellen, wenn nicht entsprechende Maßnahmen zur Verhinderung einer Wirtschaftkatastrophe getroffen werden.Wie wir heute wissen, mündete diese seinerzeitige Wirtschaftskrise in politischen Verwerfungen, die zu einem Weltkrieg führten und in einer veritablen Wirtschaftskatastrophe für Europa und Asien endeten. Allerdings ist die heutige Lage mit der damaligen insoweit kaum zu vergleichen, als inzwischen aus den Fehlern der Vergangenheit fürs erste die richtigen Schlüsse gezogen wurden. Trotzdem ist die Lage prekär und mit vielen Unsicherheiten behaftet.

Im Jahre 2007 hat die Welt ein Bruttosozialprodukt (in nominalen US-$) von US-$ 58 Billionen ( korrigiert für die Kaufkraftparitäten: US-$ 66 Billionen) erwirtschaftet. Das Pro-Kopf-Einkommen in nominalen US-$ beläuft sich hierbei auf ca. US-$ 10.000 (korrigiert für Kaufkraftparität: US-$ 8.100). Dieses Wirtschaftsergebnis ist ein großartiger Erfolg, denn die Abkehr von sozialistischen Wirtschaftssystemen hin zu marktwirtschaftlich orientierten hat Millionen Menschen aus der Armutsfalle geholfen und Wohlstand gebracht, sei es in vielen Fällen auch nur ein bescheidener.

In den vergangen Jahren sind jedoch in der angelsächsischen Welt, in der Hauptsache in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, Wirtschaftexzesse aufgetreten, die zu der gegenwärtigen Wirtschafts-und Finanzkrise führten. Als Folge hiervon ist der Wert der an den Börsen weltweit notierten Aktien und festverzinslichen Wertpapiere mit ca. US-$ 30 Billionen oder um 50% gesunken. Somit ist ein beachtlicher Teil jener Ersparnisse, die in ihrer realen Substanz auch eine Frucht des langjährigen Wirtschaftswachstums darstellen, in der Geldwirtschaftskrise verloren gegangen.

In den Vereinigten Staaten von Amerika hat sich der Wert der Investmentfonds, die in der Hauptsache als Basis für die Pensionen der amerikanischen Arbeitnehmer dienen, um US-$ 2,4 Billionen oder um ca. 20 % vermindert. Bei einem BSP der USA von US-$ 13,8 Billionen in 2007 umfasst diese Wertverminderung ca. 17 % der Gesamtwirtschaftsleistung der USA!

In Großbritannien, das sich in ähnlicher Lage befindet wie die USA, wird die Wertverminderung auf 130 Milliarden Pfund Sterling bzw. US-$ 195 Milliarden geschätzt oder verhältnismäßig um 27 %. Bei einer Gesamtwertschöpfung der britischen Wirtschaft von US‑$ 2,8 Billionen ergibt dies 7 %. Inwieweit der Wert der Wohnhäuser, der als Basis für Hypothekarfinanzierung herangezogen wird, gesunken ist, lässt sich schwer schätzen, muss aber beträchtlich sein, denn sonst wären nicht so viele Finanzinstitute in den USA und Großbritannien in eine finanzielle Schieflage geraten, die die verschiedenen Regierungen veranlassten, Rettungspakete zu entwickeln, die einen Kollaps des weltweiten Finanzsystems bis jetzt verhinderten.

In Österreich wie auch in Deutschland sind die Pensionsfonds infolge der Finanzkrise nicht mehr in der Lage, ihre ursprünglich gegebenen Zusagen hinsichtlich der Kostengestaltung aufrecht zu erhalten. Es fehlen ihnen die kalkulierten hohen Erträge aus ihren Veranlagungen, so dass sie nun mit Nachforderungen, insbesondere bei übernommenen Firmenpensionen aufwarten. Auch sie haben sich also verspekuliert.

Die Banken zu ihrer Pflicht rufen!

Dem Beobachter drängt sich sehr wohl die Frage auf, was haben österreichische und deutsche Institutionen (Banken usw.) eigentlich mit hier erwirtschafteten Geldern in derart hohem Ausmaß auf spekulativen ausländischen Finanzanlagemärkten zu suchen, z. B. in Island? Und während einerseits gern und oft auf „dunkle Drahtzieher“ in der globalen Finanzwirtschaft geschimpft wird, wird andererseits offenbar die hochaktuelle Frage verdrängt, wieso sich ausgerechnet staatliche Banken (z. B. Landesbanken!) und solche, die sich offiziell dem Genossenschaftsgedanken oder der Kommunalversorgung verpflichtet fühlen oder direkt wie indirekt im Eigentum von Arbeitnehmern oder selbstständigen Wirtschaftstreibenden stehen, massiv in globalen Spekulationsgeschäften engagieren? Niemand hat sie dazu gezwungen! Augenscheinlich haben viele einheimische Finanzinstitutionen weit über ihr Kerngeschäft hinaus gegriffen, was keineswegs ihrer Aufgabe entspricht. Angesichts dieses blamablen Versagens nicht weniger Bankmanager hier, im eigenen Nahbereich, mutet es geradezu als Frechheit an, wenn diese von ihrem eigenen Versagen gebeutelten Banker nun, da ihnen Staat und Notenbank mit Milliarden-Beträgen an Stützungen den totalen Absturz erspart haben, ausgerechnet in ihrem Kerngeschäft, nämlich der Kreditversorgung der Wirtschaft in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet, zögerlich, ja bremsend vorgehen. Hier sind Staat und Notenbank dringend aufgefordert, energisch auf die normale Kreditversorgung zu drängen. Keine Glacé- Handschuhe gegenüber sich verweigernden, gar noch die Beleidigten spielenden Banken!

Den Wirtschaftsabschwung einbremsen

Das Wirtschaftswachstum hat sich im vergangenen Halbjahr weltweit in einem rasanten Tempo abgekühlt. Die Preise für Industrierohstoffe und für Mineralöl sind verglichen mit der Vorjahresperiode um mehr als 40 % gesunken. Auch die Preise für Nahrungsmittelgrundstoffe sind um ca. 20 % gefallen.

Für 2009 wird für die wichtigen Industrieländer ein Rückgang der Gesamtwirtschaftsleistung von bis zu 2 % des BSP vorhergesagt. Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass Europa, die USA und China zusammen Konjunkturbelebungsprogramme in der Höhe von Euro 1,2 Billionen, d. h. im relativen Umfang von 2,2 % der weltweiten Gesamtwirtschaftleistung aufgelegt haben. Ob dies genug sein wird, um wieder zu einer Zunahme des Vertrauens und einem Anziehen der Wirtschaftleistung zu kommen, wird sich noch zeigen. Aufgrund des gewaltigen Schwundes der Ersparnisse und dem gleichzeitig hohen Verschuldungsgrad der Haushalte in den angelsäschsischen Ländern ist eine längere Stagnationsphase der Wirtschaft mit sinkenen Preisen nicht auszuschließen. Ob dies zu einer längeren Stagnationsphase der Weltwirtschaft führen kann, hängt in großem Maße von den Wirtschaftmaßnahmen in der übrigen Welt ab. Hoffen wir, dass das Jahr 2009 ein „annus miraculae“ wird.

 
Dipl. Kfm. Bertram Schurian, Kärnten, war lange Jahrzehnte leitend in Weltfirmen tätig.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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