„Symbol für eine großartige deutsche Tradition“


„Junge Freiheit“-Chefredakteur Dieter Stein im großen „Genius“-Interview

 

Ende Januar ist der vieldiskutierte Film „Walküre“ mit Tom Cruise als Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg in den deutschsprachigen Kinos angelaufen. Genius interviewte Dieter Stein, Chefredakteur der Wochenzeitung „Junge Freiheit“, zur Bedeutung des Films.

Herr Stein, Sie gelten als Experte zum Thema „Der Widerstand des 20. Juli in den Medien“, haben das Standardwerk zum 20. Juli „Geist der Freiheit“ von Eberhard Zeller in einer Neuauflage verlegt und den Sammelband „Helden der Nation“ mit Beiträgen und Interviews zum Widerstand im Dritten Reich herausgegeben. Wie bewerten Sie den jetzt in deutschen und österreichischen Kinos angelaufenen Film „Walküre“?

Stein: Mich hat der Film sehr bewegt. Ich bin natürlich durch Kenntnis des Stoffes und mehrerer anderer Verflmungen vorgeprägt und für mich ist der Ablauf des Geschehens keine Überraschung. Aber es ist den Machern des Films gelungen, die Erhebung der Männer um Stauffenberg packend wie nie zu inszenieren. Man muss die Reaktion eines Publikums in Rechnung stellen, das womöglich noch nie vom 20. Juli gehört oder nur sehr oberflächliche Kenntnisse vom Hergang hat. Für sie muss es eine Überraschung sein, welche weitverzweigte Verschwörung stattgefunden hat, welcher Heldenmut zu dieser Tat gehörte. Es gibt allerdings – streng historisch betrachtet – eine Reihe von kleinen Mängeln: Kenner der Militärgeschichte werden den Kopf schütteln, wenn Wehrmachtssoldaten vor dem 20. Juli den Hitlergruß zeigen – der wurde zur Gängelung der Wehrmacht erst als Reaktion auf das Attentat auf Befehl Hitlers eingeführt. Vorher war man stolz, sich mit dem traditionellen militärischen Gruß von der SS abzuheben. Und Tom Cruise hat natürlich nicht die Körpergröße Stauffenbergs. Der Film verschweigt – wie auch die deutschen Produktionen – die Weigerung der Alliierten, mit dem deutschen Widerstand zusammenzuarbeiten und dass die Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation ein Handeln fast unmöglich machte. Der erzählerische und dramaturgische Kern ist jedoch richtig und es gelingt dem Film stärker als den ängstlich unterkühlten deutschen Produktionen das patriotische Element herauszustellen. Es wird in erschütternder Weise dargestellt, welche Überwindung es Stauffenberg auch gekostet haben muss, seine Frau und die Kinder zurückzulassen, die er so liebte. Man sagt sich: Was für ein Wille! Was für eine Tat!

Kritiker meinen, der 20. Juli sei ein viel zu ernstes Thema, das dürfe nicht durch diesen wegen seiner Scientology-Mitgliedschaft umstrittenen Tom Cruise und Hollywood vermarktet werden.

Stein: Die Diskussion um seine Scientology-Mitgliedschaft halte ich für lächerlich! Das deutsche Feuilleton und hiesige Meinungsmacher sind schlicht irritiert, dass ausgerechnet Hollywood ein Thema realisiert, das an sich ein deutsches Thema ist und wie auf einem Silbertablett vor uns liegt. Eine deutsche Tragödie, bei der es um deutsche Selbstüberwindung geht, um Unbeugsamkeit und Freiheitswillen und in der Konsequenz um den moralischen Freispruch für ein Volk. Die Amerikaner haben hier einfach den Wert der Geschichte erkannt und den Film gemacht – ohne dabei Rücksicht auf unsere Berufsbedenkenträger zu nehmen. Das kränkt natürlich.

Besteht denn nicht auch die Gefahr, dass die Jugendlichen von heute diesen Film im Kino sehen und Stauffenberg ahistorisch als reinen Action-Helden wahrnehmen?

Stein: Nein, die Gefahr sehe ich nicht. Stauffenberg, die Operation Walküre, der 20. Juli werden in der gängigen Erinnerungskultur stiefmütterlich behandelt. Die politische Klasse, die sich lieber mit einer faktisch anerkannten Kollektivschuldthese abfndet, tut sich schwer mit diesen Männern, die der Beweis dafür sind, dass es keine kollektive Amnesie gab, sondern dass ein Kern der Besten das Äußerste gewagt hat. Hier bereichert der neue Kinofilm sogar die öffentliche Darstellung Stauffenbergs, denn im Film darf er endlich mit allem dazugehörigen Pathos der Held sein, der er war. Ohne die politisch korrekten Kommentare, Umdeutungsversuche und Diffamierungen von Lehrern oder Journalisten. In diesem Sinn proftieren die Jugendlichen also sogar von der Kinofilmdarstellung Stauffenbergs.

Was können diese Jugendlichen, und wir, aus freiheitlicher Perspektive von Stauffenberg lernen?

Stein: Es muss uns beschämen angesichts dieser Männer, die ihr Leben gaben, um das Reich zu retten und einer verbrecherischen Führung zu entwinden, wie kleinmütig wir heute in Zeiten der Demokratie sind, wie feige viele von uns sind, gegen Missstände unserer Zeit aufzubegehren. Denken sie nur an den hunderttausendfachen Tod von ungeborenen Kindern durch die liberalisierte Abtreibung.

Nicht wenige Österreicher waren im Widerstand des 20. Juli gegen Hitler engagiert. Das wird selten thematisiert. Findet sich dazu etwas Film?

Stein: An einer Stelle wird die teilweise erfolgreiche Durchsetzung des Walküre-Befehls in Paris und Wien erwähnt.

Stauffenbergs letzte Worte lauteten: „Es lebe das heilige Deutschland!“ Kann das auch noch eine Losung für heute sein?

Stein: Die Frage, die sich unserem Volk stellt, ist: Wo finden wir unsere Vorbilder? Wo sind unsere Helden? Stauffenberg ist die alles überragende Figur im Drama des Dritten Reiches. Er verbindet die edelsten deutschen Tugenden als tapferer Offizier unserer Armee, geistig-musischer Mensch und auf dem Fundament des Christentums stehender Familienvater. Man muss endlich den vermeintlichen Gegensatz zwischen den Widerstandskämpfern um Stauffenberg und den bis zuletzt dem Eid getreu kämpfenden Frontsoldaten aufheben. Sie hatten unterschiedliche Kenntnisse und Handlungsoptionen. Stauffenberg steht mit seiner Haltung für die ganze Wehrmacht, er repräsentiert das Ethos einer Armee, das durch diese Tat die Schande des Dritten Reiches überlebt. Es gibt kein vergleichbares Beispiel aus einer anderen totalitären Diktatur, in der eine derart weiträumige Erhebung geplant und durchgeführt wurde. Stauffenberg ist Symbol für eine großartige deutsche Tradition der Selbstbehauptung, des Willens zur Freiheit, auf die auch folgende Generationen stolz sein können. Stauffenberg ermöglicht uns den aufrechten Gang. Sein Ausruf „Es lebe das heilige Deutschland” reicht als Appell bis in unsere Zeit.

Herr Stein, vielen Dank für das Gespräch!

 
Dieter Stein ist Chefredakteur der Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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