Beispiel Suchtgifte: Regiert Torheit die Welt?


Ein provokanter Diskussionsbeitrag in Sachen Drogen

 

Von Bertram und Herbert Schurian

In ihrem großartigen Buch „ Der Marsch der Torheit“ (The March of Folly, 1984) hat Barbara Tuchman auf unnachahmliche Weise geschildert, wie dumme Politik entsteht und wie lange diese andauern kann, bevor sie korrigiert und in richtige Bahnen geleitet wird. Als Beispiele dummer Politik führt sie in weitem Bogen die Entwicklungen an, die zum Untergang von Troja in grauer Vorzeit geführt haben, bis hin zur militärischen Intervention der Vereinigten Staaten von Amerika in Vietnam im zwanzigsten Jahrhundert, welche in einem Fiasko endete. Eine interessante allgemeine Beobachtung ist, dass „dumme“ Politik zunächst nicht als solche erkannt, oft lange Zeit fortgeführt wird und in jeder Regierungsform vorkommt: Keine Regierungsform hat die Weisheit in Erbpacht.

In der Folge behandeln wir ein Problem, das schon seit Jahren die Gemüter weltweit erhitzt und zu hohen gesellschaftlichen Kosten geführt hat. Nach der Beschreibung des Problems und dessen Fortwucherung in der Gesellschaft stellen wir eine Lösung vor, die wahrscheinlich kontroversiell diskutiert werden, jedoch unvermeidlich sein wird.

Eine der törichsten politischen Entscheidungen, wie man im Nachhinein feststellen kann, hat sich schon vor langer Zeit in den Vereinigten Staaten von Amerika ereignet, und zwar der sogenannte „war on drugs“. Die bis heute von den Vereinigten Staaten von Amerika geführte Kampagne bzw. der „Krieg“ gegen den Drogen-Gebrauch und Drogen-Missbrauch im eigenen Land und im Ausland hat bislang nur zu unbeschreiblichem Leid und Elend und riesiger Geldverschwendung geführt.

Das Wort „Krieg“ ist in diesem Zusammenhang eine besonders schlechte Wahl, weil Krieg impliziert, dass der Gegner zerstört bzw. vernichtet werden soll, während der Drogenmissbrauch auf Missstände in der Gesellschaft hindeutet und darum mit pädagogischen, therapeutischen und medizinischen Maßnahmen behandelt werden sollte.

Seit nunmehr drei Jahrzehnten führen die USA einen „war on drugs“, der das Problem des Drogenmissbrauches in keiner Weise beseitigt oder vermindert, eher im Gegenteil, noch zu riesigen Folgekosten nicht nur im eigenen Land, sondern weltweit geführt hat. Es wäre daher höchste Zeit, einen anderen Weg als den bisherigen im Kampf gegen den Drogenmissbrauch zu gehen. Worin nun hat der bisherige Weg bestanden und wohin hat er geführt?

Der bisherige, leider erfolglose Weg

Zu Beginn der „anti-drug“- Kampagnen herrschte in den USA die Auffassung, dass der Gebrauch von Drogen (Marihuana, Heroin, Kokain und viel später crack) juridisch verfolgt und streng bestraft werden müsse und dass therapeutische und/oder medizinische Behandlung von Drogengebrauchern eine Verschwendung von Staatsgeldern wäre. Man ging davon aus, dass Drogen für die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung zu schädlich wären, um sie allgemein zugänglich und frei erhältlich zu belassen. Die Kampagnen hätten eigentlich vom Ministerium für Volksgesundheit aus geleitet werden müssen. Die Justiz hätte sich nur mit den kriminellen Tatbeständen im Bereich von Drogen und Drogenmissbrauch befassen sollen. Es kam jedoch anders.

Der tatsächliche in Amerika eingeschlagene Weg hatte zur direkten Folge, dass viele Bürger (Frauen, Männer, Jugendliche) und Soldaten, die beim Drogenkonsum erwischt wurden, zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Das wiederum hatte zur Folge, dass ihre Zukunftsaussichten nachhaltig beeinträchtigt wurden. Wer z. B. ein Strafblatt hat, darf in den USA nicht wählen und auch die so wichtige persönliche Kreditwürdigkeit wird schwer beschädigt. Die amerikanische Polizei wurde mit der Drogenbekämpfung überfrachtet und die Gerichte wurden mit vielen kleinen Fällen überlastet. Dies zeitigte als weitere Folge, dass für die wirklich großen Kriminalfälle zu wenig Kapazitäten vorhanden waren. Der juridische Apparat der Vereinigten Staaten wurde mit Fällen sogenannter „Straftaten“ verstopft, die eher im Bereich des Ministeriums für Volksgesundheit behandelt gehört hätten. Doch der größte gesellschaftliche Skandal besteht darin, dass schwangeren Frauen, die Drogen konsumierten, die pränatale Behandlung verwehrt wurde, da sie als kriminell gelten. Der Schaden und die Folgekosten für Kinder lässt sich nur erahnen.

Die Folge des Ganzen war, dass die USA heute sowohl absolut wie relativ die größte Gefängnispopulation in der Welt aufweisen. Obwohl die Anzahl der Drogenkonsumenten etwas zurückgegangen ist – von 25 Millionen in 1979 auf 20 Millionen in 2007- ist der Pro-Kopf-Konsum an Drogen absolut gestiegen. Etwa 6.6 % der amerikanischen Bevölkerung – registriert werden Konsumenten ab dem 12. Lebensjahr – konsumiert gegenwärtig Drogen, wovon 7 Millionen Personen als „problem users“ von den Behörden geführt werden.

Im Jahr 2006 befanden sich in amerikanischen Staatsgefängnissen rund 250.000 Personen wegen Drogenvergehen. Diese Personen kosten den jeweiligen Staat ca. US-$ 6,2 Milliarden per Jahr. Insgesamt haben die USA in den vergangenen 30 Jahren jährlich rund US-$ 35 Milliarden ausgegeben ( in Summe rund US-$ 1 Billion ).

Wie hat sich der Kampf gegen Drogen weltweit ausgewirkt?

In Kolumbien, einem Zentrum des Koka-Anbaues, wurden mit Hilfe von Armee- und Polizeieinheiten große Anbauflächen der Koka-Pfanzen zerstört, ohne dass den Bauern alternative Anbaumöglichkeiten geboten wurden. Vielen Bauern wurden praktisch die Lebensgrundlagen entzogen. Die verarmten Bauern sind insofern eine politische Macht geworden, als sie in Bolivien, Paraguay und Ecuador ausgesprochen politisch linksgerichtete und Amerika unfreundlich gesinnte Regime an die Macht brachten. Auch der kolumbianische Bürgerkrieg mit allen seinen Schrecken wurde verlängert, ohne den Drogenfluss nach Nordamerika unterbinden zu können. Zudem wurde der Anbau von Koka-Pfanzen in andere Länder von Südamerika verlagert.

Vom amerikanischen Anti-Drogenprogramm konnten andererseits viele autoritäre Regime in Südamerika profitieren. Einer der größten Drogenringe wurde u. a. vom Geheimdienstchef der peruanischen Regierung unter Fujimori, Vladimiro Montesinos, organisiert. Montesinos war auch ein Mitarbeiter der CIA in Lima und es gibt Hinweise, dass US-amerikanische Beamte von seiner Verstrickung im Drogenhandel wussten. In vielen lateinamerikanischen Ländern, und nicht nur dort, entstanden Drogenkartelle, die dank ihrer unglaublich hohen Verdienste im Drogengeschäft die Polizei, die richterliche Macht und die Politik bestachen und unterwanderten. Mexico hat sich in den vergangenen Jahren als Transitland für Drogen in die Vereinigte Staaten entwickelt. Wie lukrativ dieser Handel sein muss, zeigt der mit äußerster Brutalität geführte Krieg konkurrierender mexikanischer Drogenkartelle, der in der Provinz Baja California in den Städten Tijuana und Mexicali bis jetzt hunderte, in Mexiko insgesamt tausende, Tote gefordert hat und wogegen die mexikanischen Behörden anscheinend wenig ausrichten können.

Ein großes Problem, mit dem auch die europäischen Regierungen zu kämpfen haben, ist das der Drogenkuriere. Da werden in großer Zahl naive junge Menschen – meist sind es junge Frauen mit beschränkten Möglichkeiten in normalen Jobs zu arbeiten – mit hohen Belohnungen angeworben, um bestimmte Transporte verbunden mit Reisen aus exotischen Ländern wie beispielsweise der Dominikanischen Republik zu übernehmen. In vielen Fällen geht dies schief und so werden unzählige junge Menschen für Jahre in Gefängnisse gestopft – mit allen negativen Folgen für die Familien, deren Umfeld und die Gesellschaft.

Die US-amerikanischen Regierungen haben die europäischen und asiatischen Regierungen zu härterem Vorgehen gegen Drogenhändler und Drogenmissbrauch ermuntert. Die Asiaten brauchten im Kampf gegen die Drogen nicht ermuntert zu werden; den Chinesen sind die „Opiumkriege“ um ca. 1840, die vom britischen Imperium ausgingen und China zwangen, den Opiumhandel, der fest in britischer Hand war, zu dulden und der furchtbare Folgen für die chinesische Bevölkerung hatte, in bester und wacher Erinnerung. Wer in Singapur die Passkontrolle im Flughafen passiert, wird nicht etwa neutral willkommen geheißen, sondern sieht zuerst die deutliche Warnung „Drug is Death“ als Begrüßung. Vor einigen Jahren wurde eine junge deutsche Drogenbenützerin, weil sie nur 18 und nicht 20 Gramm (die Grenze die vom Gesetzgeber zugestanden wird) Marihuana bei sich hatte, glücklicherweise nicht zum Tode verurteilt.

In Europa gab es in verschiedenen Ländern Ansätze, das Problem mit therapeutischen und medizinischen Mitteln zu bekämpfen, dies wurde jedoch von Amerika systematisch torpediert. Trotzdem werden auch hier riesige Summen aufgewendet, um das Drogenproblem in den Griff zu bekommen. Die Europäische Drogensucht Aufsichtsbehörde (EMCDA) schätzt, dass im Jahr 2007 zwischen Euro 28 und 40 Milliarden für den Kampf gegen Drogen Europaweit aufgewendet worden sind.

Afghanistan und kein Ende

Ein absurdes Kapitel im Kampf gegen die Drogen ist die Lage in Afghanistan. Die Taliban hatten, solange sie an der Macht waren, dafür gesorgt, dass die Produktion von Opium gegen Null reduziert wurde. Heute, nach militärischer Intervention der US-Amerikaner und Militäreinheiten der Nato, hat die Produktion von Opium ein nie gekanntes hohes Niveau erreicht. Afghanistans einziges ernstzunehmendes Exportgut ist wieder Heroin. Genau wie in Südamerika, ist es auch in Afghanistan nicht gelungen, den Bauern alternative lukrative Anbaumöglichkeiten zu bieten. Viel zu wenig Mittel wurden in den wirtschaftlichen Wiederaufbau in Afghanistan gesteckt. Die Folgen dieser verkehrten Politik büßen wir alle.

Der größte Anreiz für den Drogenhandel ist die Tatsache, dass risikofreudige Geschäftsleute Gewinnspannen bis zu 20.000 Prozent erreichen können. Gegen solche Gewinnaussichten können keine wie immer gearteten staatlichen Maßnahmen wirken. Denn eine der staatlichen Maßnahmen ist auch darauf gerichtet, Drogen zu beschlagnahmen und zu zerstören. Damit helfen die staatlichen Organe auf unbeabsichtigte Weise, das Angebot an Drogen direkt zu verringern und so indirekt den Preis für Drogen stabil bis hoch zu halten. Außerdem erleichtern sie es den Händlern, die Qualität der Drogen durch Beimischungen zu verschlechtern, was wiederum die Gesundheitsrisiken bei den Konsumenten erhöht. Das US‑Ministerium für Justiz schätzte für das Jahr 2007, dass die Einnahmen aus dem illegalen Verkauf von Drogen allein in den Vereinigten Staaten zwischen US-$ 14 und US-$ 50 Milliarden liegen.

Bei allem Verständnis für die gut gemeinten Motive: Eine Politik, die solche Resultate erzielt, ist absurd und gehört abgestellt.

Die Legalisierung könnte der bessere Weg sein

Der einzige Ausweg – unserer Meinung nach – aus dieser Misere ist es, die Produktion, den Besitz und Handel von Drogen zu legalisieren, so wie man seinerzeit in den USA die Prohibition (Alkohol) beendet hat. Viele Probleme, die heute hohe gesellschaftliche Kosten verursachen, wären dann kontrollier- und besser beherrschbar. Trotz des seinerzeitigen Alhoholverbotes in den USA war das Angebot an Alkohol immer ausreichend. Auch damals wurden die Händler (meist mafiose Kartelle) steinreich und außerdem wurde viel Schindluder mit der Qualität des Alkohols getrieben.

Der Konsum von Tabak, übermäßiger Genuss von Alkohol und Drogenmissbrauch sind große gesellschaftliche Probleme, die mit Aufklärung, therapeutischen und medizinischen Mitteln behandelt werden müssen, aber nicht mit rigoroser staatlicher Gewalt und Gewaltandrohung. Gemäß der britischen medizinischen Zeitschrift „The Lancet“ gelten Kokain und Nikotin als die am stärksten süchtig machenden Substanzen. Diese Gegebenheit nützen Produzenten und Händler für ihre Zwecke aus. Konsumenten von Tabak, Alkohol und Drogen sind in mehr oder weniger starkem Ausmaß Suchtkranke und keine Missetäter. Bei Tabak und Alkohol sind weltweit schon Erfolge erzielt worden, insoweit als das Problem transparent und beherrschbar gemacht worden ist. Legalisieren bedeutet keineswegs, dass jedermann jede Droge frei bekommt, sondern dass es nicht mehr strafbar ist, Drogen zu erzeugen, zu handeln und zu besitzen, wenn dabei strikte Regeln eingehalten werden.

Die Erfahrung, die Amerika mit der Aufhebung des allgemeinen Alkoholverbotes durch Präsident Roosevelt bis dato gemacht hat, lehrt, dass der Alkoholismus in Amerika zwar nicht verschwunden ist, aber dass sich das Problem in Grenzen hält, kontrollierbar und beherrschbar geworden ist.

Ein Wort zu Österreich

In Österreich gibt es rund 330.000 alkoholsuchtkranke Personen oder ca. 4% der Bevölkerung. Die Kosten für die Suchtkranken betragen Euro 1,7 Milliarden. Die Einnahmen des Staates aus Alkoholsteuern betragen Euro 1,5 Milliarden.

Ähnlich sieht es beim Konsum von Tabak aus. In Österreich sterben pro Jahr 14.000 Personen durch den Konsum von Tabak. Trotzdem darf bei uns für Tabak geworben werden. Der Staat nimmt pro Jahr ca. Euro 1,4 Milliarden an Tabaksteuern ein. Rauchen stellt eindeutig ein vermeidbares individuelles Risiko für die Gesundheit dar. Die individuellen und volkwirtschaftlichen Folgekosten sowie Kosten, die der Wirtschaft in Folge von Produktivitätsverlust, vermehrten Krankenständen etc. entstehen, sind immens. So schätzt das Europäische Institut für Suchtprävention die Kosten der durch das Rauchen hervorgerufenen Erkrankung in den 25 EU-Mitgliedsstaaten jedes Jahr auf zwischen Euro 100 und Euro 130 Milliarden.

Diese kurze Aufzeichnung gibt schon Aufschluss darüber, dass die Kosten des legalen Drogenkonsums wie Alkohol und Tabak für die Gemeinschaft riesig und anscheinend unvermeidbar sind. Trotz aller Anstrengungen ist es nämlich nicht gelungen, den Genuss von Alkohol und Tabak zu unterbinden. Wie hoch müssen dann die sichtbaren und die unsichtbaren Kosten, Schäden und Folgewirkungen für die Allgemeinheit im Kampf gegen illegalen Drogenkonsum sein?!

Alles spricht dafür, diesen kollektiven Wahnsinn zu beenden. Eine auf der Hand liegende Lösung wäre, Drogen (Marihuana, Kokain und Heroin) über das Netzwerk der Ärzte und Apotheken zu vertreiben. Praktisch jedes Land auf dieser Erde hat ein gut funktionierendes Netzwerk an Apotheken bzw. Pharmazien. Ärzte könnten Drogen auf Rezept verschreiben. Die Apotheken wären im Stande, die Qualität der Drogen zu kontrollieren, die richtigen Mengen zu messen und gegen einen normalen Preis abzugeben. Die Gesundheitsbehörden hätten Überblick und Kontrolle über die Konsumenten. Nicht zu vergessen ein ausgefeilter Jugendschutz! Der Staat könnte durch strenge Auflagen für Qualitätskontrolle sorgen, damit sichergestellt wird, dass nur gute Qualität verkauft wird, und, um einen Teil der Kosten hereinzubekommen, die Drogen auch besteuern. Der Handel von Drogen könnte den normalen, seriösen Handelswegen überlassen werden. Den mafiosen Vereinigungen würde auf diese Weise der starke finanzielle Anreiz genommen und ihre Tätigkeit lahmgelegt werden. Handel und Verkauf wären dann eine geordnete, kontrollierbare Sache und dem zwielichtigen, kriminellen Milieu entzogen.

Dafür braucht es allerdings großen Mut, um sich von eingefahrenen Denkmustern, die von der Empirie widerlegt werden, zu lösen und neue Konzepte vorurteilslos anzudenken.

 
Die Verfasser sind Vater und Sohn: Dkfm. Bertram Schurian, Kärnten, war international tätiger Top-Manager; M. Sc. Herbert Schurian arbeitet als Ökonom in Holland.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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