Öffentliche Schulen versus Privatschulen


Von Dieter Grillmayer

In seiner Ausgabe vom 2. Dezember meldete der „Kurier“ in großer Aufmachung einen Boom bei den Anmeldungen für Privatschulen im Wiener Raum, unter anderen im Schottengymnasium, im Kollegium Kalksburg, bei den Ursulinen, bei den Schulbrüdern in Strebersdorf, im Sacre Coeur und im Theresianum.

Da die Nachfrage das Angebot an freien Plätzen gewaltig übersteigt, kann bzw. muss unter den Bewerbern eine strenge Auswahl getroffen werden. Bei den „Schotten“ wurden 160 Zehnjährige zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und 50 davon aufgenommen. Pater Johannes Jung, der Direktor des Schottengymnasiums, betont, dass es ihm nicht nur um die Schulleistungen ginge, sondern um ein Gesamtbild. Dafür nimmt er sich pro Kind etwa 20 Minuten Zeit. Bis zum Schuljahr 2010/11 werden überhaupt keine Voranmeldungen mehr entgegengenommen. Auch im Theresianum sollen bereits Zweitklässler vorangemeldet werden. Direktorin Waltraud Hauschka wird mit den Worten zitiert: „Wir haben um 40 Prozent mehr Anmeldungen als vor zehn Jahren. Wir sind am Limit. Es wird sehr, sehr schwierig, wir weisen jedes Jahr jede Menge Kinder ab.“ (Und das bei einem Schulgeld von 4.730 Euro im Jahr.)

Angesichts dieser Sachlage müssten eigentlich im Unterrichtsministerium alle Alarmglocken läuten, müsste nüchtern analysiert werden, warum das öffentliche Schulwesen gegenüber den Privatschulen laufend an Boden verliert, um dann die richtigen Schlüsse zu ziehen und die richtigen Maßnahmen zu setzen. Die Realität ist eine andere: Mangels einer nüchternen Analyse werden weder die richtigen Schlüsse gezogen noch die richtigen Maßnahmen gesetzt.

Die alle anderen Reformüberlegungen verdrängenden Pläne zur Einführung der Gesamtschule sind dafür das beste Beispiel. Der Zustrom zu den oben genannten Privatschulen signalisiert den Wunsch nach einer gymnasialen Bildung, die diesen Namen verdient, nicht den Wunsch nach einer Reform, welche im Wesentlichen auf die Abschaffung der achtjährigen Gymnasien und Realgymnasien hinausläuft. Die ins Auge gefasste Änderung der Schulorganisation ist im Hinblick auf das angesprochene Problem geradezu kontraproduktiv, weil die Privatschulen eine solche Reform leicht unterlaufen und das Publikumsinteresse weiter bedienen könnten, die öffentlichen Schulen aber nicht mehr. Die Organisation ist übrigens das Wenigste, worin sich öffentliche Schulen und Privatschulen derzeit voneinander unterscheiden, und nirgendwo auf der Welt hat eine Reform in diesem Bereich bisher zu mehr Qualität geführt.

Berechtigte Sorgen verantwortungsbewusster Eltern

Notorische Linksdenker, die gerade im Schulbereich – zum Schaden desselben – prominent vertreten sind, begründen den Zulauf zu den Privatschulen mit einem ach so verwerflichen Prestigedenken von Eltern, die sich den Luxus leisten können und zudem wertschätzen, dass dort kaum Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache sitzen, außer vielleicht „Diplomatenkinder“, was im Sinne von Elitenbildung ohnehin wünschenswert ist. Relikthaft mag das auch zutreffen, das Hauptmotiv sind „Prestigedenken“ und „Elitenbildung“ jedoch nicht. Soziologische Untersuchungen zeigen, dass die Kundschaft der Privatschulen zunehmend aus der gehobenen Mittelklasse kommt, die dem staatlichen Bildungssystem misstraut, die ihre Kinder (auch nachmittags) bestmöglich betreut sehen möchte und verhindern will, dass sie in „schlechte Kreise“ geraten.

Dieser Befund kann auch aus dem starken Stadt-Land-Gefälle abgelesen werden. Während den „Privaten“ in Wien und Umgebung, wo das Misstrauen – sicher nicht unberechtigt – am größten ist, die Türen eingerannt werden, beschränkt sich nach Westen zu das Interesse an einem Platz in einer dort vornehmlich als „Stiftsgymnasium“ auftretenden Privatschule auf die traditionelle Klientel. Aus einer fast zwanzigjährigen Erfahrung als Maturavorsitzender in Oberösterreich weiß ich, dass dort die gut geführten öffentlichen Gymnasien und Realgymnasien mit den Stiftsgymnasien locker mithalten können, und oft mehr als das. Eine nur mäßige Auslastung verleitet private AHS ebenso wie öffentliche, Schüler aufzunehmen, die für diesen Bildungsgang nur bedingt geeignet sind, und diese „Problemschüler“ dann bis zur Matura durchzuschleppen, was ohne ein Absenken der Leistungsanforderungen oft nicht möglich ist. Böswillige haben den Privatschulen ja immer schon nachgesagt, dass man sich eine Matura dort auch „erkaufen“ könne.

Es geht um die Aufnahmebestimmungen in die AHS

Der Zulauf, der ja eine „Abstimmung mit den Füßen“ ist, und die daran gekoppelte Schülerauswahl zieht Verlässlichkeit bei den Leistungsstandards nach sich und motiviert unter richtiger Führung zu weiteren Anstrengungen, sodass also gute Schulen in der Regel immer besser werden. Hinsichtlich Schülerauswahl kann sich die Privatschule Freiheiten herausnehmen, die den „Öffentlichen“ nicht zustehen, dürfen doch diese von Gesetz wegen nicht einmal eine Auswahl nach Qualitätskriterien treffen. Wo eine solche – verständlicherweise – trotzdem erfolgt, da geschieht das am Rande der Legalität. Seit Jahrzehnten ist in Fachkreisen unbestritten, dass die AHS-Aufnahmebestimmungen in Österreich nichts taugen, aber geschehen ist bisher auch nichts. Das am Schottengymnasium stattfindende Aufnahmegespräch wäre zumindest ein guter Ansatz.

Was können die Privatschulen zu ihrem Vorteil sonst noch nutzen und was können sie ihrer Kundschaft bieten, was die öffentliche Schule (derzeit) nicht kann, zu geringeren Kosten aber durchaus auch leisten könnte? Andreas Salcher neigt in seinem Buch „Der talentierte Schüler und seine Feinde“ zu plakativen Verkürzungen, Übertreibungen und Verallgemeinerungen. Uneingeschränkt ist ihm jedoch in der Diagnose beizupflichten, dass es hinsichtlich der Qualität einer Schule, und dazu gehört natürlich auch die individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers, zu 99 Prozent auf die Qualität der Lehrer und die Führungskompetenz des Schulleiters ankommt. Lehrerauswahl und Lehrerausbildung sollten daher in der Bildungspolitik oberste Priorität haben – auch das wird von der heimischen Bildungspolitik beharrlich ignoriert. Allerdings haben die Privatschulen bei der Auswahl unter den Bewerbern für eine Lehrerstelle (ebenso wie bei einer allfälligen Entlassung) ein weit größeres Mitspracherecht als der Direktor einer öffentlichen Schule. Dieser hat nämlich offiziell überhaupt keines, eine inoffizielle Einflussnahme auf die Personalauswahl ist eine Gnade, die von den vorgeordneten Landesschulbehörden gewährt werden kann oder auch nicht.

Kommen wir nun zur Rolle des Schulleiters. Bernhard Bueb, jahrzehntelang Direktor der renommierten Internatsschule Salem, hat diesem Thema ein eigenes Buch („Von der Pflicht, zu führen“) gewidmet. Seine Klage über die Rechtslage, die eine effiziente Ausübung der Leitungsfunktion unnötig erschwert, zeigt eine große Übereinstimmung zwischen den Verhältnissen in der BRD und in Österreich. Auch beim „Führen“ sind die Privatschulen im Vorteil, deren Direktoren, so sie ihre Möglichkeiten nützen, auf das Schulgeschehen de facto viel mehr Einfluss nehmen können als die Direktoren öffentlicher Anstalten. Selbstverständlich wird damit auch die Frage der Leiterauswahl angesprochen, die in Österreich nach wie vor ein Politikum ist.

Ganztagsbetreuung gefragt

Es darf angenommen werden, dass für viele Eltern die sichere Betreuung über den ganzen Tag das wichtigste Motiv dafür ist, ordentlich in die Tasche zu greifen und ihre Kinder in eine Privatschule zu schicken. Wer diese Sicherheit ebenso für öffentliche Schulen fordert, der hört immer noch das Argument, die Schule sei keine Kinderbewahranstalt und die Lehrer seien für den Unterricht zuständig, nicht für die „Freistunden“. Angesichts der Entwicklung der Gesellschaft, vornehmlich der Berufstätigkeit der Mütter, ist es hoch an der Zeit, radikal umzudenken. Dabei geht es zunächst noch nicht einmal um die Ganztagsbetreuung. Es muss endgültig Schluss gemacht werden mit dem Brauch, die Kinder beim Entfall von Regelunterricht einfach „heimzuschicken“, weder mit noch ohne Vorankündigung, ebenso wie es „schulfreie Tage“ an regulären Arbeitstagen (Montag bis Freitag) außerhalb der Ferienwochen einfach nicht geben dürfte. Und sicherlich ließe sich auch eine Ganztagsbetreuung zu moderaten Preisen, allenfalls sozial gestaffelt, flächendeckend einführen, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist.

 
HR Mag. Dieter Grillmayer, Oberösterreich, ist Gymnasialdirektor i. R.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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