Drogenmissbrauch und seine Bekämpfung


Von S. Giacomuzzi

Mit einigem Interesse habe ich nun den Artikel Beispiel Suchtgifte: Regiert Torheit die Welt? Ein „provokanter“ Diskussionsbeitrag in Sachen Drogen von Bertram und Herbert Schurian durchgelesen.

Die beiden Autoren zeichnen in ihrem Artikel die vorherrschende Problematik bzgl. des Drogensektors auf. Um nun sich den Problemen auf dem Drogensektor stellen zu können, schlagen die beiden Autoren vor, die Drogen zu legalisieren bzw. genauer die Produktion, den Besitz und Handel von Drogen zu legalisieren, so wie man seinerzeit in den USA die Prohibition (Alkohol) beendet hat.

Viele Probleme, so die beiden Autoren, wären dann kontrollier- und besser beherrschbar. Richtig gehen die Autoren auch davon aus, dass der Konsum von Tabak, übermäßiger Genuss von Alkohol und Drogenmissbrauch große gesellschaftliche Probleme wären, welche mit Aufklärung, therapeutischen und medizinischen Mitteln behandelt werden müssten, aber nicht mit rigoroser staatlicher Gewalt und Gewaltandrohung. Legalisieren bedeutet für die beiden Autoren in ihrem Artikel auch keineswegs, dass jedermann jede Droge frei bekommt, sondern dass es nicht mehr strafbar sein sollte, Drogen zu erzeugen, zu handeln und zu besitzen, wenn dabei strikte Regeln eingehalten würden.

Alles spräche lt. den Autoren dafür, diesen „kollektiven Wahnsinn“ zu beenden und Drogen (Marihuana, Kokain und Heroin) über das Netzwerk der Ärzte und Apotheken zu vertreiben. Ärzte könnten Drogen auf Rezept verschreiben. Die Apotheken wären im Stande, die Qualität der Drogen zu kontrollieren, die richtigen Mengen zu messen und gegen einen normalen Preis abzugeben. Die Gesundheitsbehörden hätten Überblick und Kontrolle über die Konsumenten. Nicht zu vergessen ein ausgefeilter Jugendschutz! Der Staat könnte durch strenge Auflagen für Qualitätskontrolle sorgen, damit sichergestellt wird, dass nur gute Qualität verkauft wird, und, um einen Teil der Kosten hereinzubekommen, die Drogen auch besteuern. Der Handel mit Drogen könnte den normalen, seriösen Handelswegen überlassen werden. Den mafiosen Vereinigungen würde auf diese Weise der starke finanzielle Anreiz genommen und ihre Tätigkeit lahm gelegt werden. Handel und Verkauf wären dann eine geordnete, kontrollierbare Sache und dem zwielichtigen, kriminellen Milieu entzogen. Soweit die Ausführungen der Autoren.

Bedauernswerterweise stellen in der Praxis sich hier nun mehrere Probleme, welche genau die Punkte der Autoren betreffen. Starten wir bei der „Freigabe“ der Drogen bzw. Drogen auf Rezept zu verschreiben.

Die Heroinprogramme der Schweiz tun z. T genau das. Sie bieten Klienten staatlich kontrolliertes Heroin, welches diese sich 3–4mal täglich – unter Kontrolle – verabreichen können (Halbwertszeit des Heroins ist ca. 6–8 h). Die jahrelangen Erfahrungen der Schweiz zeigen dabei verschiedene Problempunkte auf:

  • Trotz des „Gratis“Heroins erreichen die Schweizer Behörden „nur“ rund 70 % der Klienten (in Österreich werden dagegen lt. EU traditionell etwa 24–26 % erreicht) ; 30 % versorgen sich weiterhin auf dem Schwarzmarkt, weil sie beispielsweise jegliche Reglementierung oder „staatliche Bevormundung und Kontrolle“ ablehnen.
  • Der Kokainkonsum etwa bleibt weiterhin aufrecht und kann kaum kontrolliert werden. Es besteht also keine Kontrolle über anderen Beikonsum dieser Klienten außerhalb der Versorgungszeiten durch den Staat.
  • Die Patienten sind meist nur bedingt arbeitsfähig (selten finden sich Tätigkeitsbereiche bei Arbeitgebern, welche ein 3–4maliges Fehlen am Tag akzeptieren können).
  • Neueinsteiger werden z. T. immer älter (> 40 Jahre).

Deutschland führte in den letzten Jahren in verschiedenen Modellstädten ein ähnliches Versorgungsprogramm für drogenkranke Menschen durch. Aufgrund verschiedener, teilweise ähnlicher Problematiken werden diese Programme jedoch nunmehr zusehends gestoppt und eingestellt.

In Österreich gibt es, im Gegensatz zu anderen Ländern, verschiedene Substitutionsmöglichkeiten. Auch hier kann/konnte jedoch kein lückenloses Kontrollnetz hinsichtlich einer vollkommen sicheren Abgabe etabliert werden (es sei angemerkt, dass auch andere Länder ähnliche Probleme aufweisen). Es gelangen also immer wieder Substitutionen auf den Schwarzmarkt und werden dort verkauft. In den letzten Jahren sind die Schwarzmarktpreise in Österreich enorm gesunken. Auch die Novelle des SMG, welche gerade diese Problematik eindämmen wollte, griff vorerst nicht in allen Bereichen so, wie ursprünglich gehofft.

Durch die Erhältlichkeit der Substitutionen auf dem Schwarzmarkt, welche von Suchtkranken natürlich mitsamt den darin enthaltenen Zusatzstoffen oft i. v. appliziert werden (alle Zusatzstoffe können nicht durch Zigarettenfilter herausgebracht werden) stellt sich damit zudem für die Betroffenen eine Reihe von weiteren gesundheitlichen Problemen. Zudem wird der Drogenschwarzmarkt von sog. Benzodiazepinen (Schlaftabletten) beherrscht , welche ein weiters Problem darstellen.

Bei einer totalen Freigabe bleibt also das Problem der regelrechten Kontrollierbarkeit. Wer verantwortet beispielsweise eine Drogenweitergabe an Minderjährige und die daraus entstehenden Konsequenzen, wenn es bisher schon gelingt, Drogen an Kontrollen vorbei zu bringen? Diese Verantwortung will und kann natürlich niemand übernehmen.

Ganz wird man dem Alkohol- und Drogenproblem realistischerweise nie Herr werden können. Geeignete Ansatzpunkte wären und sind nach wie vor Infrastrukturen, welche ein Auffangen und Behandeln der Betroffenen ermöglicht.

Zudem wird man auch weiterhin eine effiziente Prävention (auch sekundär und tertiär) sowie geeignete andere Strukturen benötigen. Wichtig ist es auch, Mittel zur Behandlung zur Verfügung stellen zu können, welche weitestgehend einen potenziellen Missbrauch verhindern. Die Planung solcher Strukturen benötigt dabei großes praktisches und fachliches Wissen um die Gesetze des (Drogen)Marktes.

 
Der Verfasser ist mehrfach graduierter Wissenschafter und in Österreich auf dem Gebiet der Drogenbehandlung tätig.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft