Bevölkerungswachstum und Geburtenfreudigkeit in den USA


Von Stefan Fuchs

Die amerikanische Bevölkerung ist seit der Gründung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 von 2,5 Mio. auf aktuell über 300 Millionen Einwohner gewachsen.[1] Das Bevölkerungswachstum hat sich dabei im Zeitverlauf beschleunigt: Die ersten 100 Millionen wurden erst nach über 100 Jahren im Jahr 1915 erreicht. Schon nach weiteren 52 Jahren konnten im Jahr 1967 200 Millionen Menschen gezählt werden. Nur knapp 40 Jahre hat es gedauert, bis im Jahr 2006 die 300-Millionen-Marke überschritten wurde. Dieses rasche Bevölkerungswachstum wird sich fortsetzen: Nach Berechnungen des Statistischen Büros der USA werden um das Jahr 2040 mehr als 400-Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten leben. Eine Ursache dieser Bevölkerungszunahme ist die internationale Migration: Etwa 40 Prozent des Wachstums ist auf Einwanderung in die USA zurückzuführen. Der größere Teil des Bevölkerungswachstums aber entsteht durch den Überschuss der Geburten gegenüber den Sterbefällen.[2]

Dieses sog. ‚natürliche Bevölkerungswachstum‘ ist die Folge einer vergleichsweise hohen Geburtenneigung. Schon seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die Geburtenrate der US-Amerikaner deutlich höher als die der Europäer oder auch der Japaner. Im Jahr 2006 hat die Geburtenrate sogar – erstmals seit 35 Jahren – wieder die für den ‚Generationenersatz‘ erforderliche zusammengefasste Geburtenziffer von 2,1 Kindern pro Frau erreicht. Die ausgeprägte Geburtenneigung in den USA wird zu Recht auch auf die Zuwanderung aus Lateinamerika zurückgeführt. Das allein kann aber die für ein Industrieland außergewöhnlich hohe Geburtenrate nicht erklären. Denn auch die ‚weißen Amerikanerinnen‘ bekommen mehr Kinder als die Frauen anderer Industrienationen.[3]

Die höhere Geburtenrate der US-Amerikaner ist vor allem darauf zurückzuführen, dass in den USA Familien mit drei und mehr Kindern häufiger sind als in Europa: Fast 30 Prozent der amerikanischen Frauen der Geburtsjahrgänge 1960–1964 haben mindestens drei Kinder. In Deutschland haben dagegen nur etwa 15 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe drei oder mehr Kinder.[4] Im Blick auf den größeren Kinderreichtum in den USA postuliert der Sozialhistoriker Allan C. Carlson einen ‚amerikanischen demographischen Exzeptionalismus‘. Die ‚beste Erklärung‘ für diesen sei ‚eine stärker verbreitete religiöse Identifikation und Lebensführung von Amerikanern im Vergleich zu Europäern‘.[5]

Regionaldemographische Analysen des belgischen Bevölkerungsforschers Ron Lesthaeghe zeigen ein differenzierteres Bild der demographischen Lage der Vereinigten Staaten: Demnach unterscheiden sich die demographischen Verhaltensweisen im Nordosten der USA kaum von denen in Europa: Nicht-eheliche Formen des Zusammenlebens sind weit verbreitet und Ehen werden häufig erst in einem höheren Lebensalter (28–30 Jahre und älter) geschlossen. Dementsprechend werden auch die (ersten) Kinder relativ spät im Lebensverlauf geboren. Von diesen ‚europäischen‘ Lebensformen im Nordosten der USA unterscheiden sich die Verhaltensweisen in den Bundestaaten im Süden, im ‚Mittleren Westen‘, im Gebiet der „Rocky Mountains“ (v. a. Utah und Idaho) sowie in Alaska: Nicht-eheliche Lebensformen sind i. d. R. weniger verbreitet, es wird in jüngeren Jahren (im Alter von 22–26 Jahren) geheiratet und damit verbunden früher Familie gegründet. Konfessionell und damit auch kulturell sind diese Gebiete stark vom (konservativen) Protestantismus und vom Mormonentum geprägt.[6] Diese Gebiete sind kinderreich: In einigen dieser Bundesstaaten liegt die Geburtenrate deutlich über dem Generationenersatz – am höchsten ist sie im ‚Mormonenstaat‘ Utah.

Die niedrigsten Geburtenraten in den USA sind dagegen im Hauptstadtdistrikt Washington D. C. und den Neuengland-Staaten zu finden.[7] Die Geburtenraten liegen hier auf einem ähnlichen Niveau wie in den Benelux-Ländern oder anderen Regionen Mittel- und Westeuropas. Der von Carlson behauptete ‚amerikanische demographische Exzeptionalismus‘ erweist sich also als ein regional begrenztes Phänomen: Zu finden ist er hauptsächlich in den Gebieten, die gemeinhin als der ‚bible belt“ der USA bezeichnet werden.

Abbildungen mit Zustimmung übernommen aus: iDAF-Nachrichten 3/2009

Anmerkungen

[1] http://www.census.gov/Press-release/www/releases/archives/facts_for_features_special_editions/006825.html

[2] Vgl.: Bernhard Gückel: Seit Oktober 2006 leben 300 Millionen Menschen in den USA, in: BIB- Mitteilungen, 04–2006, S. 13–14.

[3] Vgl.: Katja Gelinsky: Die Kinderlein kommen – in den Vereinigten Staaten, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 22. Dezember 2007, S. 9.

[4] Vgl.: Abbildung unten: „Kinderzahlen in Deutschland und den USA“.

[5] Zitiert nach: Ron J. Lesthaeghe/Lisa Neidert: Der „zweite Demographische Übergang“ in den USA: Ausnahme von der Regel oder Lehrbuchbeispiel?, S. 381–428, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 3–4/2007, Festschrift für Prof. Dr. Josef Schmid, Wiesbaden 2008, S. 383.

[6] Vgl. ebd., S. 401–415.

[7] Vgl. Abbildung unten: „Geburtenraten in den USA nach Bundesstaaten“.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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