Kapitalismus – Liberalismus – Sozialismus


Ein nicht gehaltener Vortrag

 

Von H. W. Valerian

Schaun’ Sie sich unseren Wohlstand an, meine sehr geehrten Damen und Herren, schau’n Sie sich um – was wir haben, was wir geschaffen haben, ist das nicht toll? Unsere Wohnungen samt ihrer Einrichtung; die Autos; die Häuser in unseren Städten; die Kliniken, die Praxen der Ärzte; die Schulen. Und das verdanken wir alles der freien Marktwirtschaft, dem Kapitalismus!

Gegenprobe: Von wo sind die Menschen wohin geflohen? Sind sie etwa aus Westeuropa nach Osten geflohen? Fliehen Sie heute von den USA nach Cuba, oder umgekehrt? Ergo: Was immer man gegen die freie Marktwirtschaft sagen mag, wie tief die Krise sein mag, in der sie gegenwärtig steckt – man darf doch nie vergessen, was sie zu leisten vermag, was sie bisher geleistet hat.

Erster Merksatz: Unser Wohlstand, unsere humane, soziale Gesellschaft, nicht zuletzt unsere Freiheit beruhen alle auf der freien Marktwirtschaft, auf dem Kapitalismus.

So wurde uns das vom triumphierenden Neo-Liberalismus der achtziger und neunziger Jahre eingebläut, forsche Manager ließen es niedersausen auf unsere Hirne wie einen Baseballschläger, und so wird nun, nach dem manifesten Versagen der Marktwirtschaft im Jahre 2008, der Kapitalismus doch noch irgendwie verteidigt.

Für jemanden wie mich stellt die Parole indes eine Ohrfeige dar – eine Ohrfeige, die wir nicht bloß einmal ausfangen, sondern jedes Mal, wenn uns wieder einmal einer im Brustton der Überzeugung belehrt: Verdankst du alles dem Kapitalismus …

Na ja, werden Sie sagen, na klar: ein Linker. Doch rührt unsere Empörung nicht daher, dass wir die Parole für hundertprozentig falsch hielten. Das sind wirksame Parolen ja nie! Ganz im Gegenteil: Die Parole ist schon wahr, keine Frage. Aber sie stellt bloß die Hälfte der Wahrheit dar, das ist das Empörende. Noch schlimmer: Sie stellt bloß die erste Hälfte der Wahrheit dar, die erste Hälfte der Erfolgsgeschichte. Die zweite heißt Sozialismus. Das wird immer unterschlagen, und darin besteht diese unsägliche Beleidigung.

Aber ich sehe schon, meine Damen und Herren, wie Sie jetzt schockiert den Atem anhalten. Sozialismus! Dass der versagt hat, das wissen wir doch alle, Planwirtschaft in der Sowjetunion und so. Wie kann man heute noch den Sozialismus propagieren?

Nun, ich werde es zumindest versuchen. Bloß müssen Sie mir gestatten, etwas zu tun, was man sonst vermeiden sollte, weil’s nämlich so langweilig ist: eine Begriffsbestimmung. Es geht darum, endlich ein paar Begriffe auseinander zu halten, mit denen immer so leichtfertig hantiert wird, und zwar die Begriffe Kapitalismus, Liberalismus und Sozialismus. Daraus wird sich, wie ich hoffe, mein „Sozialismus“ ganz von selbst darstellen und erklären.

Aber lassen Sie mich, wie der deutsche Philosoph Odo Marquard immer zu sagen pflegte, ganz konventionell am Anfang beginnen, nämlich mit dem Kapitalismus.

Kapitalismus

Man könnte auch sagen: Freie Marktwirtschaft. Ich verwende die beiden Ausdrücke praktisch gleichbedeutend. Sollte das aus Sicht von Wirtschaftswissenschaftlern nicht ganz zulässig sein, so bitte ich, mir dies nachzusehen.

Es geht hier auch keineswegs darum zu sagen, was dieser Kapitalismus eigentlich sei. Es geht bloß darum, die Kategorie zu erfassen, in welcher wir uns bewegen.

Beim Kapitalismus handelt es sich um eine Form des Wirtschaftens. Andere Formen des Wirtschaftens, die wir kennen, wären etwa die Feudalwirtschaft oder die Planwirtschaft. Erstere ist seit der Industriellen Revolution überholt, Letztere hat in der Sowjetunion, das heißt in ihrer marxistisch-leninistischen Spielart versagt.

Das bedeutet, dass es heute im Bereich der Wirtschaftsformen praktisch keine Alternative gibt zum Kapitalismus. Soviel ich weiß, gibt es nicht einmal Denkansätze zu einer solchen Alternative, zumindest keine seriösen. Das anarchistisch-syndikalistische Gedankenexperiment mit vielen, vielen kleinen, selbstbestimmten und selbstorganisierenden Einheiten, die irgendwie, auf freiwilliger Basis, miteinander kooperieren – nun, dieses Gedankenexperiment erscheint mir alles andere als glaubwürdig und realistisch, seine Vertreter unterlassen es meiner Erfahrung nach auch, Argumente zu seiner Verteidigung anzuführen, sie sagen bloß im Brustton felsenfester Überzeugung: Doch, doch, das funktioniert …

Wenn man kurz nachdenkt, dann sollte einen dieser Stand der Dinge eigentlich nicht überraschen. Der Kapitalismus ist ja nicht über Nacht entstanden, geschweige denn eingeführt worden, er ist vielmehr über Jahrhunderte gewachsen. Auch die modernere Form des Industriekapitalismus, wie wir ihn seit der Industriellen Revolution kennen und gewohnt sind, geht nicht auf eine geplante Aktion böser Fabrikanten zurück, sondern er hat sich durchgesetzt. Gewiss, er wurde vom damaligen Establishment kräftig gefördert (teilweise auch behindert – man denke bloß an die corn laws), aber das heißt nicht, dass er sich ohne diese Förderung nicht durchgesetzt hätte. Er erwies sich einfach als die effizientere Wirtschaftsform.

Hier liegt wohl ein wesentlicher Grund für das Versagen der marxistisch-leninistischen Planwirtschaft. Marx mochte die historische Dimension, das lange Wachsen des Kapitalismus durchaus noch bewusst gewesen sein. Je mehr Zeit verging, desto mehr erweckten kommunistische Ideologen jedoch den Eindruck, es habe sich um eine konzertierte Aktion der bösen Bourgeoisie gehandelt, eine Art Wirtschaftsputsch. Deshalb mochten sie auch glauben, man könne quasi am Reißbrett ein alternatives System konstruieren und dann per Ukas einführen. Dass es nicht möglich war, das wissen wir inzwischen. Wenn es je eine echte Alternative zum kapitalistischen Wirtschaften geben sollte, dann wird auch sie sich entwickeln müssen, über lange Zeiträume hinweg. Abkürzungen durch die Geschichte, womöglich noch mit Gewalt, bringen da überhaupt nichts, sie dürften sich eher als kontraproduktiv erweisen.

Doch Vorsicht! Wenn gesagt wird, der Kapitalismus habe sich in der Industriellen Revolution als die effizientere Wirtschaftsform erwiesen, so provoziert das sogleich die Frage: Effizient für wen? Für Angehörige aussterbender Berufe wie die Weber gewiss nicht – von denen sind viele verhungert, und zwar wortwörtlich. Und für das neu entstandene Proletariat in seinen feuchten, finsteren Kellerlöchern auch nicht. Zugegeben, der Industriekapitalismus hat den Wohlstand der Nationen, The Wealth of Nations, gewaltig gefördert. Doch was macht die Nation mit dem Wohlstand? Wer kommt in seinen Genuss? Cui bono – wer profitiert?

Und damit sind wir bereits bei unserem zweiten Begriff angelangt, nämlich beim Liberalismus.

Liberalismus

Die frühen Industriekapitalisten wollten nichts weiter als Profit machen. Jegliche Beschränkung, jegliche Einmischung lehnten sie strikt ab. Das war der so genannte Manchester-Kapitalismus.

Aber ganz so einfach ging’s dann doch nicht, obwohl die Regierung des Vereinigten Königreichs sehr klar die ungeheuren Vorteile der Industrialisierung erkannte – Reichtum plus Technologievorsprung – und die brutale Freiheit der Manchesterkapitalisten ebenso brutal schützte. Es musste früher oder später doch erklärt werden, warum hier derartige Privilegien gewährt wurden. Es musste, anders ausgedrückt, erklärt werden, welchen Beitrag der Kapitalismus zum allgemeinen Wohl leistete. Dies war die Geburtsstunde des Märchens von der unsichtbaren Hand.

Der Ausdruck geht auf Adam Smith zurück. Wie er ihn genau verstanden hat, darüber mag man sich streiten – die konkreten Stellen sind alles andere als eindeutig –, fest steht bloß, wie er heute gebraucht wird: Wenn man den Kapitalismus möglichst frei gewähren lässt, so wird er sich am besten entfalten, und davon werden langfristig alle profitieren, auch das Proletariat, auch die Armen. Wie? Nun, so irgendwie, mittels der „unsichtbaren Hand“. Der heute oft bemühte „trickle down“-Effekt ist eine Spielart dieses Märchens.

„Frei gewähren“ – damit ist ganz offensichtlich nicht bloß das Wirtschaften an sich gemeint, sondern Gesetze, Auflagen, Einschränkungen. Die kommen jedoch vom Staat. Wir bewegen uns somit in der politischen Sphäre. Das politische Programm, welches das freie Gewähren-lassen des Kapitalismus verfolgte, war und ist der Liberalismus. Man sollte sich diese Unterscheidung ständig vor Augen halten: Der Liberalismus ist ein politisches Programm, der Kapitalismus eine Wirtschaftsform. Der Liberalismus glaubt, es sei dem allgemeinen Wohl am besten gedient, wenn man die Kapitalisten frei gewähren lässt. Und warum? Nun, eben wegen der „unsichtbaren Hand“. Eine andere Begründung ist bis heute nicht gefunden worden.

Es gibt wahrscheinlich auch keine. Empirisch betrachtet, hat der wirtschaftspolitische Liberalismus versagt. Während des gesamten 19. Jahrhunderts hat er dominiert, die Geschicke der Industrienationen bestimmt, nicht zuletzt in Großbritannien. Was ist dabei herausgekommen? Im Burenkrieg von 1899–1902 musste die britische Armee feststellen, dass es ihr nicht mehr gelang, genügend geeignete Rekruten zu finden, so sehr war der Gesundheitszustand des Proletariats heruntergekommen. Da schrillten selbst bei Leuten wie Winston Churchill die Alarmglocken. In der Folge verschrieben sich sogar die Liberalen selbst der sozialen Reform, und das hieß: der staatlichen Intervention. Jenes Planen, welches Friedrich Hayek später als „Weg in die Knechtschaft“ verdammen sollte, begann eben damals, schon damals.

Die Vorstellung, der Kapitalismus werde irgendwie, automatisch, mittels einer „unsichtbaren Hand“ früher oder später allgemeinen Wohlstand schaffen, hat sich als falsch erwiesen. Der Kapitalismus schafft Wohlstand, keine Frage, aber der ist nicht allgemein. Ganz im Gegenteil: Sich selbst überlassen, schafft der Kapitalismus eine zunehmende Ungleichheit bei der Verteilung von Wohlstand. Um den Wohlstand zu verteilen, braucht es politischer Intervention, politischen Handelns.

An dieser Stelle möchte ich, sofern ich Ihre Geduld noch ärger strapazieren darf, zwei weitere Begriffe klären, und zwar Produktion und Verteilung.

Produktion und Verteilung

Sie erinnern sich, dass Marx von der „Entfesselung der Produktivkräfte“ geträumt hat. Er glaubte, dass der Kapitalismus nicht dazu imstande sei, die von ihm in die Welt gerufenen Produktivkräfte so richtig nutzbar zu machen, das würde erst im Sozialismus möglich sein, im viel bemühten „Reich der Freiheit“ – in dem freilich so ziemlich alles möglich sein würde, glaubt man den Marxisten.

Heute sehen wir den Sachverhalt wahrscheinlich anders. Heute leiden wir eher daran, dass uns die „Produktivkräfte“ bereits über den Kopf gewachsen sind. Heute gibt’s maschinelle Produktionsverfahren, die zehn- oder hundertmal so schnell sind wie herkömmliche, selbst wenn letztere mit CNC arbeiten. Schön und gut – aber zehn- oder hundertmal mehr Produkte? Wer soll das kaufen? Woher sollen die Rohstoffe kommen? Die Energie? Und wohin damit?

Grundsätzlich können wir sagen: Das Problem der Produktion scheint gelöst zu sein. Experten beteuern, wir könnten die gesamte Weltbevölkerung mit allem Notwendigen versorgen – Lebensmittel, Kleidung, Wohnraum, Werkzeug, ja selbst Luxusgüter wie Radios oder Fernseher. Wir könnten sogar eine viel größere Weltbevölkerung versorgen! Das Problem, das wir heute mit der Produktion haben, liegt eher darin, dass wir zu viel produzieren. Die Herausforderung der Zukunft wird darin bestehen, eben nicht alles zu tun, was wir tun könnten. Wir müssen lernen, die Produktivkräfte zu fesseln. Vorbei die Kultur des Tabu-Bruchs. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Tabus sein – oder aber ein Jahrhundert noch nie da gewesener Katastrophen.

Wenn wir aber jetzt schon genug produzieren – woher kommt dann die Armut in der Welt, all das Elend? Die Antwort dürfte nicht schwer fallen: Es hapert an der Verteilung.

In unserem Zusammenhang bedeutet dies: Was der Kapitalismus kann, sehr gut kann – vielleicht sogar zu gut –, das ist das Produzieren, die „Entfesselung der Produktivkräfte“. Aber offenbar versagt er dabei, den solcherart produzierten Wohlstand zu verteilen.

Man mag einwenden, der Handel sei doch auch eine ur-kapitalistische Betätigung und sorge sehr wohl für die Verteilung von Gütern. Doch setzt erfolgreicher kapitalistischer Handel zweierlei voraus: Überfluss und Käufer. Ist Überfluss nicht gegeben oder nicht mehr leistbar, wie das in Zukunft zweifellos der Fall sein wird, aufgrund ökologischer Zwänge , ist Überfluss also nicht mehr gegeben, dann braucht es unweigerlich planerischer Instrumente. Während der beiden Weltkriege wurde dies in Großbritannien (und auch in Deutschland) im großen Stile praktiziert, und zwar durchaus erfolgreich. Käufer würde es wahrscheinlich immer geben, sogar in ausreichendem Maße – bloß müssen sie genügend Mittel haben, um zu kaufen. Die Verteilung dieser Mittel, also des eigentlichen Wohlstands, kann der Handel jedoch nicht bewerkstelligen. Er befasst sich nicht einmal damit! Da muss also jemand anderer einspringen. Und damit sind wir, ob’s Ihnen nun genehm ist oder nicht, beim Sozialismus angekommen.

Sozialismus

Halten wir noch einmal fest: Wir unterscheiden hier

  • zwischen einer Wirtschaftsform wie dem Kapitalismus einerseits und politischen Programmen andererseits; sowie
  • zwischen Produktion und Verteilung.

Ersteres ist besonders für Sozialisten lehrreich. Sie glauben ja immer – selbst heute noch –, dass sie, da sie nun einmal den Kapitalismus kritisieren, eine alternative, bessere Wirtschaftsform zur Hand haben müssten. Das ist nicht bloß unmöglich, es ist auch unnötig. Sozialisten brauchen bloß ein politisches Programm.

Andererseits glauben Kapitalisten, sie müssten irgendwie nachweisen, das Problem der Verteilung könne mittels ungehemmter Produktion – und nur so – gelöst werden. Aber das ist ebenso unmöglich und ebenso unnötig. Schuster, bleib bei deinem Leisten!

Ich habe den größeren Teil meines erwachsenen, berufstätigen Lebens in einem sozialistischen Staat verbracht. Und zwar? In Österreich! Ja, so wurde das damals gesehen. Die SPÖ bezeichnete sich als Sozialistische Partei, ihre Mitglieder als „Sozialisten“. Und was hat das bedeutet? Armut? Schäbigkeit? Geheimpolizei, Straflager? Österreich war damals und ist heute noch eines der reichsten Länder der Welt. Sind Sie und ich „frei“? Sind die Menschen aus Österreich geflohen oder haben sie vielmehr versucht, mit allen Mitteln – selbst unter Lebensgefahr – hierher zu gelangen? Sie dürfen sich die Antworten selbst geben.

Worin hat aber dieser Sozialismus bestanden? Nun, wer so wie ich die Zeit zwischen 1970 und, sagen wir, 1999 miterlebt hat, der weiß das nur zu gut: Es ging keineswegs um eine alternative Wirtschaftsform, sondern um die berühmte Umverteilung plus natürlich soziale Sicherheit plus – das wird immer vergessen – die Infrastruktur.

In der Industriegesellschaft existiert die überwältigende Mehrheit der Menschen ausschließlich auf der Grundlage des Lohns für ihre Arbeitsleistung. Sie hängen in ihrer Lebensführung davon ab, (a) diese Arbeitsleistung erbringen zu können, und (b) einigermaßen angemessen dafür entlohnt zu werden. Letzteres wird gern unterschlagen. Arbeitsplätze gäbe es stets, keine Frage, sogar in Hülle und Fülle, sofern sie nur nichts kosten würden. Um 10 Cent die Stunde könnte sogar ich noch jemanden anstellen, um Routinearbeiten zu erledigen. Bloß könnte dieser oder diese Jemand dann nicht davon leben.

Beide Voraussetzungen aber – und das ist das Entscheidende! –, beide Voraussetzungen liegen nicht unbedingt in der Macht des Einzelnen. Niemand kann sich letztlich dagegen wehren, alt oder krank zu werden. Man kann sich’s auch nicht immer aussuchen, ob man arbeitslos werden will. Ebenso wenig hat es der Einzelne stets in der Hand, ob seine Arbeitskraft gerade gefragt ist. Nur dann könnte er sich nämlich individuell bessere Bedingungen aushandeln. Wenn nicht – nun dann mag er, sofern er individuell bleiben will, genau so gut verrecken. Eigeninitiative, individuelle Tüchtigkeit helfen in der Massengesellschaft – mit ihrer Massenproduktion und ihrer Massenarbeitslosigkeit – immer nur wenigen Einzelnen. Hier geht’s aber um die Mehrheit, um die Masse.

In der Industriegesellschaft braucht es folglich und unweigerlich Handeln auf einer über-individuellen Ebene, wie auch immer man die benennen mag. Ich verwende den im Englischen gebräuchlichen Ausdruck social, was in diesem Falle so viel bedeutet wie „gesellschaftlich“. Das heißt noch lange nicht, dass ich das Kollektiv über den Einzelnen stelle. Sehr wohl glaube ich aber, dass in der modernen Industriegesellschaft der Einzelne seine Individualität, seine individuelle Freiheit, seine Privatsphäre nur bewahren kann mittels sozialen Handelns – mittels gesetzlichen Schutzes etwa, sowie mittels öffentlicher Institutionen.

Wie wir inzwischen wissen, gilt Ähnliches sogar für den zeitgenössischen Kapitalismus selbst, für den freien Markt. Schon seit mehr als hundert Jahren kann dieser Markt nur noch überleben, insoweit ihn das Gemeinwesen schützt. Man muss den Gesichtsausdruck der City-Broker im englischen Fernsehen gesehen haben, als sie im Jahre 2008 geradewegs in die Kamera hinein feststellten: „The market doesn’t work any more“ – dann weiß man, wie zutreffend und wie konkret das alles ist; von Milliarden-Dollar-Zuschüssen für US-amerikanische Autokonzerne gar nicht zu reden. In Großbritannien werden Banken verstaatlicht – nicht unter Protest, sondern auf Verlangen der Banker! Natürlich können es diese, können es smarte Manager und Finanzexperten in ihrer nie verlegenen Großmäuligkeit selbst jetzt nicht unterlassen, den Staat zu kritisieren. Und weswegen? Weil er zu spät gehandelt habe, weil er nicht früher schon besser aufgepasst habe! Dem modernen Sozialismus kommt die zusätzliche Aufgabe zu, sogar noch den Kapitalismus zu schützen, und zwar vor sich selbst.

Erinnern wir uns an jene Erfolgsgeschichte, mit welcher ich meine Ausführungen begonnen habe: Unser Wohlstand, all unsere Errungenschaften – ja, natürlich, sie beruhen auf der Wirtschaftsform des Kapitalismus, ohne Zweifel. Keine andere Wirtschaftsform könnte unter den Bedingungen des industriellen Zeitalters auch nur annähernd gleich viel Wohlstand produzieren. Aber jetzt kennen wir auch den zweiten Teil, den zweiten Merksatz: Wenn dieser Wohlstand so weiten Kreisen zugute gekommen ist, wenn er also wirklich zu Errungenschaften geführt hat, dann bedurfte dies unbedingt sozialen Handelns, bei uns konkret des Sozialismus. Andernfalls würden heute noch Zustände herrschen wie in England um 1903.

An diesem Punkt meiner Argumentation angelangt, wird mir häufig erwidert: Aber genau das glauben wir doch auch! Der Einwand kommt von Konservativen ebenso wie von Liberalen. Die einen berufen sich auf ihr Konzept einer sozialen Marktwirtschaft – später auch: öko-soziale Marktwirtschaft –, die anderen auf den Ordo-Liberalismus. Kein Grund also, gleich den Sozialismus im Mund zu führen!

In der Tat, nein. Zumindest heute nicht mehr. Es ist richtig, dass die drei angesprochenen Programme – Sozialismus westlicher Prägung, soziale Marktwirtschaft, Ordo-Liberalismus – in einem Boot sitzen, wahrscheinlich schon seit längerer Zeit. Deshalb können Diskussionen zwischen Vertretern dieser Positionen auch so schnell im Konsens enden. Doch heißt das nicht, es gebe keine politischen oder gar ideologischen Auseinandersetzungen mehr. Ganz im Gegenteil! Solche Auseinandersetzungen gibt es stets, gemäß der Formel Lenins: Wer wen? Nur der Verlauf der Fronten, die Organisation der Armeen, die mögen zeitweise nicht gleich ins Auge springen.

Wo könnten solche Fronten also heute verlaufen? Nun, ich glaube, sie können unter anderem beschrieben werden anhand der Opposition zum Fundamentalismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen. Dazu zählt eben auch der marktwirtschaftliche Fundamentalismus. Will man die Sache einmal so sehen, dann erkennt man rasch, worum es in der Politik zur Zeit geht, und man wird keineswegs überrascht sein, wenn sich die Kämpfe verschärfen. In so einem Falle wäre es freilich auch von Vorteil, wenn man selbst, wenn jeder einzelne wüsste,

  • wo er steht,
  • aus welchen Gründen, auf welchem theoretischem Fundament, und
  • wer seine Freunde, seine Verbündeten sind.

In diesem Sinne, und in der Hoffnung, hier und heute möglichst viele Verbündete gefunden zu haben, darf ich somit zum Ende kommen, freilich nicht ohne mich für Ihre Geduld und – für mich noch erstaunlicher – für Ihre Aufmerksamkeit recht herzlich bedankt zu haben!

 
Der Verfasser ist Mittelschulprofessor in Österreich und lebte lange Jahre in England.
 

Nachwort der Redaktion

Die Darlegungen H. W. Valerians und seine originelle Art, gängige Begriffe eigenwillig zu deuten, lassen an jene Gedankengänge erinnern, die Karl Claus in seinem Buch „Die Parteien in der Sackgasse – Das Finale der klassischen Ideologien“ (siehe GENIUS-EDITION) vorgestellt hat. Claus meint, dass die realen Lebensverhältnisse „absolute“ Lösungen im Sinne der herkömmlichen Ideologien nicht zulassen. Das gewohnte Denken in der Schablone Entweder-oder müsse ersetzt werden durch ein Sowohl-als-auch, wobei die Dimension der Zeit zu beachten sei.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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