Es war einmal eine Krise …


Eine bitter-ironische Betrachtung

 

Von H. W. Valerian

… da verschwanden plötzlich Billionen von Dollars und Pfund. Ja, ganz richtig: Billionen. Das sind Zahlen mit 12 Nullen hinten dran. Wie konnte so was passieren? Na ja, ganz klar: Da waren zunächst einmal die Lehrer. Die Briefträger. Die Justizbeamten. Die können ja bekanntermaßen nicht mit dem Geld umgehen, keine Ahnung von Wirtschaft. Geschützter Bereich. Und dann die kleinen Angestellten. Sie alle waren plötzlich wahnsinnig geworden. Glaubten an die wunderbare Geldvermehrung: dass aus Wenig Viel werden würde, und immer mehr, ohne Ende. Begriffen nicht, dass man einen Kredit irgendwann zurückzahlen muss. Total verrückt.

Sicher, warnende Stimmen gab es genug. All die Bankmanager zum Beispiel. Die Finanzberater. Makler an der Börse. Seriöse Leute im dunklen Anzug, kurzgeschorener Schädel, Sonnenbrillen, Allradantrieb. Die hatten ja auch Betriebswirtschaft studiert. Die warnten diese dummen, kleinen Leute die ganze Zeit: So was kann nicht gehen. Man kann nicht alles deregulieren. Haifisch-Gesellschaft. Gesetze des Dschungels. Gier kann auf die Dauer nicht gut sein. Was ist mit Gerechtigkeit, mit Fairness? Irgendwann kommt der Zahltag …

Und natürlich die Journalisten. Wirtschaftsjournalisten vor allem. Die recherchierten ganz genau, wo die dummen kleinen Leute aus dem geschützten Bereich das Geld anlegten. Und die kamen sofort drauf, dass die Fonds viel zu hohe Renditen zahlten, dass so was nie gehen konnte, dass die Ausschüttungen einfach mit den jüngsten Einzahlungen getätigt wurden.

Und die Kolumnisten, die werden ja dafür bezahlt, nachzudenken. Die sahen ganz klar, dass das wilde Spekulationsfieber in den Abgrund führen musste. Dass es unsozial war. Dass der freie Markt so nicht funktioniert. Aber man hörte nicht auf sie. Alle Bedenken, alle Zweifel wurden lachend abgetan. Zweifel waren überhaupt out. Selbstsicherheit, Dynamik, das waren die Tugenden! Globale Wirtschaft, hieß es da, Vernetzung, alles ganz neu, nie dagewesen, alles anders … Wohlstand geht nicht auf Kosten, er wird geschaffen, immer neu geschaffen. Wenn ich reich werde, werden alle andern auch reicher. Alles schön. Alles in Ordnung. Der Eintritt ins Paradies.

Na ja, und dann krachte es. Ganz schnell, ganz überraschend. Kredite konnten nicht mehr eingebracht werden. Ein Schneeballsystem. Aber glücklicherweise – glücklicherweise! – gab‘s noch die Privatwirtschaft. Richtige Banken, richtige Versicherungsgesellschaften, richtige Autokonzerne, geführt von richtigen Managern, die ihr Geschäft verstanden. Die wussten, was zu tun war. Die sprangen sofort ein – USA: 5,9 Billionen Dollar. Großbritannien: 626 Milliarden Pfund. Sensationell. Noch nie dagewesen. Lernfähig – der Mensch ist also doch lernfähig, kein 1929 mehr, zumindest die Wirtschaftsexperten sind lernfähig, die Banker und Makler. Gott sei Dank.

So konnte das Schlimmste verhindert werden – zunächst einmal. Ob’s wirklich nützt, weiß man noch nicht, dazu ist der Mist, den die Lehrer, die Postler, die Beamten und die kleinen Angestellten da gebaut haben, einfach zu gigantisch. Und deshalb stecken wir jetzt in der Krise. Die trifft jeden. Wir müssen den Gürtel enger schnallen.

Und das tun die Banker und die Manager und die Makler auch. Sir Fred Goodwyn zum Beispiel. Der Direktor von RBS. Die Bank sprang dem britischen Staat mit 20 Milliarden Pfund bei. Und obwohl es Sir Fred zu verdanken war, seiner ungeheuren Tüchtigkeit, dass die Bank derartige Gewinne gemacht hatte, mit denen sie nun aushelfen konnte – obwohl das ihm zu verdanken war, verzichtete er ganz freiwillig darauf, in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Verzichtete freiwillig auf seine Pension – 700.000 Pfund. Im Jahr. Und auf zehn Prozent seines Einkommens aus dem Jahr 2007. Das belief sich auf 4,2 Millionen Pfund. Alle müssen einen Beitrag leisten!

Unzählige Manager, Banker und Finanzmakler taten’s dem Sir Fred gleich. Selbstverständlich. Gehört doch zu ihrem Ethos. Und alles bloß, weil Lehrer, Beamte, Postler und kleine Angestellte nicht wirtschaften können. Aber die brauchen für ihren Leichtsinn, für ihre Überheblichkeit natürlich nicht zu bezahlen. Keiner von denen verliert seinen Job, keiner verdient auch nur einen Cent weniger, keiner von denen muss mehr arbeiten. Die haben alle ihre Schäfchen im Trockenen. Oder etwa nicht?

 
H. W. Valerian ist graduierter Mittelschulprofessor in Österreich.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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