Wird die Erwartung der Mega-Inflation zum „Anti-Depressivum“?


Von Gerulf Stix

Die Notenbanken der meisten westlichen Länder fluten derzeit die Finanzmärkte mit frisch gedrucktem Geld. Sie kaufen riesige Mengen von neuen Staatsanleihen, sowie auch anderen „definierten Wertpapieren“, und verwandeln auf diese Weise die rasant steigende Verschuldung der Staatshaushalte in Noten- und Buchgeld. Den Spitzenplatz nehmen dabei die USA ein. Man gewinnt den Eindruck, dass es dort der etablierten Hochfinanz gelungen ist, den Staatsapparat voll vor ihren Karren zu spannen (z. B. großzügiger Aufkauf „giftiger“ Wertpapiere). Obama hat mit seinem Finanzminister einen Mann der Wall-Street als „Bock zum Gärtner“ gemacht. Aber im Prinzip beschreiten mehr oder weniger alle Staaten diesen Weg, besonders deutlich auch Großbritannien. Sogar die Schweizer Notenbank betreibt neuerdings ganz betont diese Politik der Geldschöpfung. Eher zögerlich operiert nach wie vor die Europäische Zentralbank. Die Europäer, vor allem Deutschland und Frankreich, betrachten das Ausmaß der amerikanischen staatlichen Ausgaben für die offiziell angestrebte Rettung der Finanzmärkte wohl zu Recht skeptisch. Man ist sich dessen noch nicht sicher, ob diese Geldflutung ohne Rücksicht auf die gigantisch steigende Staatsverschuldung wirklich den erhofften Erfolg bringen wird, nämlich die allgemeine wirtschaftliche Talfahrt in Richtung Rezession zu stoppen.

Im Grunde genommen handelt es sich bei der hier nun praktizierten Methode um das damals neuartige, inzwischen als plausibel erkannte Rezept von John Maynard Keynes aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts: Staatsschulden in Kauf nehmen (Deficit-spending), um mit öffentlichen Aufträgen die Wirtschaft anzukurbeln. Dass dies in einer Krisensituation jedenfalls besser ist, als umgekehrt den Geldhahn zuzudrehen, wie das seinerzeit tatsächlich vielfach getan wurde, steht inzwischen fest und wird nicht bestritten. Umstritten bleibt hingegen, ob diese Methode öffentlicher Aufträge ohne Rücksicht auf die steigende Staatsverschuldung in jeder Art von Wirtschaftskrise hilft und welche Art von öffentlichen Ausgaben auch wirklich zweckmäßig ist. Außerdem werden das Ausmaß der in Kauf zu nehmenden Verschuldung der öffentlichen Haushalte und der Zeithorizont heftig diskutiert.

Ohne hier auf diese längst nicht entschiedene Diskussion näher eingehen zu wollen, sei nur ein wichtiger Punkt aufgezeigt: Wenn es sich um eine schwere Strukturkrise in der „Realwirtschaft“ handelt, kann diese mit bloßen Geldsubventionen an massiv gefährdete Sektoren sicherlich nicht bereinigt werden. Konkretes Anschauungsbeispiel für einen solchen Fall bietet gegenwärtig die Autoindustrie und da insbesondere die US-amerikanische. Massiv fehlgeleitete Produktionsprozesse lassen sich auch mit viel Geld nicht von einem Tag auf den anderen aus der Welt schaffen. Da braucht es andere Maßnahmen und viel Zeit. Die Umstellungsphase erspart nicht den Substanzverlust bei Fehlinvestitionen. Jedes Geld, das nicht in Umstrukturierung und Erneuerung fließt, ist verpulvertes Geld.

Die Preis-Erwartungen entscheiden

Hier soll die Aufmerksamkeit auf einen anderen Punkt konzentriert werden. Die gegenwärtig betriebene Geldüberflutung in Verbindung mit ausufernder Staatsverschuldung wird mit Sicherheit zu einer enormen Inflation führen. Nur der Zeitpunkt, an dem diese deutlich in Erscheinung treten wird, kann heute nicht genau bestimmt werden. Vermutlich wird diese künftige Auswirkung der gegenwärtigen Geldpolitik schleichend beginnen, nicht überall gleichzeitig einsetzen und nicht alle Wirtschaftssektoren im gleichen Ausmaß erfassen.

Der treffendste Ansatz, um diese Entwicklung zu verstehen, ist die Psychologie der Preis-Erwartungen. Jeder potenzielle Käufer, egal ob Einzelpersonen, Firmen oder andere Institutionen, richtet seine Kaufentscheidungen nach seinen Erwartungen bezüglich der Preisentwicklung aus. Erwartet er sinkende Preise, wird er seinen Kaufentschluss aufschieben. Erwartet er steigende Preise, so wird er versuchen, möglichst rasch zu kaufen – sofern es seine vorhandene Kaufkraft zulässt.

Derzeit sind in vielen Bereichen die Preise „im Keller“. Ein Beispiel bieten die Immobilien-Preise in vielen Ländern (z. B. USA, England, Spanien). Ein anderes Beispiel zeigt sich vor aller Augen bei den Autos. Diese sind so billig wie schon lange nicht. Ähnliches gilt aber auch für Aktien mit an sich gutem Substanzwert, deren überhöhter Börsenkurs jedoch im Zuge der allgemeinen Entwicklung abgestürzt ist, oder auch für ganze Industriebetriebe, die momentan in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken, jedoch über eine gesund ausgerichtete Struktur verfügen, die sofort wieder gute Leistungen erbringen kann, wenn die spezielle Nachfrage wieder anspringt.

Angesichts dieser Preislage nimmt es nicht wunder, dass im Kleinen wie im Großen die Schnäppchenjäger bereits unterwegs sind. Dafür braucht es natürlich vorhandene Kaufkraft, sprich: Liquidität. Solche ist in genügend Fällen durchaus vorhanden. Das kann beim „kleinen Mann“ so sein, der sein vorhandenes Sparbuch plündert, um sich jetzt einen günstigen Neuwagen zu kaufen – womöglich noch belohnt durch die staatliche „Schrottprämie“. Das trifft in ganz großem Maßstab auf die Staatsfonds etwa der Chinesen oder der Saudis zu. Auch tüchtige Bankmanager befinden sich schon auf der Pirsch nach deutlich unterbewerteten, in der Substanz guten Aktien. All das ist bereits im Gange, ohne dass viel darüber gesprochen wird.

Nachfrage entsteht aus Motiven + Liquidität

Der springende Punkt ist nun der: Ab wann wird die aufkeimende und von der Sachlage her berechtigte Erwartung einer kommenden großen Inflation so allgemein, dass viele Marktteilnehmer (selbstverständlich auch die privaten) sich dadurch bewogen fühlen, möglichst rasch zu kaufen – bevor die Preise wieder steigen oder gar in die Höhe schießen? Dieser Frage gesellt sich als zweite die Frage nach der dafür verfügbaren Kaufkraft. Massenerwerbslosigkeit wäre eine schlechte Voraussetzung. Gelingt es aber, die Erwerbslosigkeit in Grenzen zu halten, wäre das eine wichtige Überbrückung bis zum Zeitpunkt des psychologischen Umschwunges durch die eintretende Erwartungshaltung.

Zur Mobilisierung vorhandener Liquiditäten muss dann auch die Mobilisierung „geborgter Liquidität“ hinzu kommen. Wenn zum richtigen Zeitpunkt wieder genügend Kredite zu leistbaren Konditionen greifbar sind, wird auch das die Realisierung potenzieller Kaufwünsche erlauben. Ein kleines, aber gutes Beispiel dafür bieten derzeit die Bausparkassen, die eine Kreditfinanzierung für absolut sinnvolle Investitionen etwa in die thermische Sanierung von Häusern günstig anbieten. Und derartige Investitionen sind bei generell niedrigen Preisen natürlich noch rentabler als bei künftig inflationsbedingt höheren Preisen für Handwerker, Material und technische Anlagen.

Was hier nur beispielsweise angeführt ist, zielt volkswirtschaftlich auf die Praxis der Kreditvergabe im gesamten Bankenwesen ab. Um diese ist es derzeit freilich schlecht bestellt. Viele Banker müssen sich den alten Spruch anhören: „Zu wenig oder zuviel, ist des Narren Ziel.“ Wurden in den vergangenen Jahren leichtfertig zu viele Kredite zu risikoreich vergeben – oft im Ausland und gegen dubiose Sicherheiten –, so wird jetzt eine sachlich unangebrachte Zurückhaltung bei der Vergabe neuer Kredite geübt – zum Nachteil jener Kreditsuchenden, die mit dem geborgten Geld sinnvoll und verantwortungsbewusst umgehen würden. In dieser Hinsicht sollten die Banken generell rasch umdenken.

Zusammenfassend sei die begründete Vermutung in den Raum gestellt, dass sich angesichts der als Folge der international wie national betriebenen Geldpolitik mit Staatsverschuldung unvermeidlich auf uns zukommenden Inflation die allgemeine Erwartungshaltung auf künftig wieder stark steigende Preise ausrichten wird. Dieser psychologische Effekt könnte das Nachfrageverhalten derart stimulieren, dass die Talfahrt der Wirtschaft verlangsamt und schneller als gedacht gestoppt wird. So verrückt das auch klingen mag: Hohe Inflationserwartung kann sich unter den gegebenen Umständen gewissermaßen als ein Anti-Depressivum herausstellen. Der letzten Endes zu bezahlende Preis für diese bittere Arznei steht auf einem anderen Blatt. Das ist gesondert zu betrachten.

Wenn aber der Fall eintreten sollte, dass die Inflationswelle sich schneller aufbaut als eine wirksame Belebung der realen Nachfrage, dann droht Stagflation: stagnierende Wirtschaft bei anschwellender Inflation. Das wäre schlimm und sicherlich eine große Herausforderung nicht allein für die Wirtschaftspolitik, sondern für die Politik insgesamt.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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