„Traumfabrik Harvard“


Ulrich Schreiterer, Traumfabrik Harvard. Warum amerikanische Hochschulen so anders sind. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2008, 266 Seiten, ISBN 978-3-593-38508-2

 

Von Dieter Grillmayer

Im Jahr 1636, 18 Jahre nach der Ankunft der „Pilgerväter“, wurde in Cambridge, Massachusetts, eine Bibelschule gegründet, deren vordringliche Aufgabe es war, die Nachfolge der aus England mitgekommenen Priester sicherzustellen. Das war der Beginn der „Traumfabrik Harvard“. Das unter diesem Titel letztes Jahr im Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main, erschienene Buch ist jedem bildungspolitisch Interessierten, dem die Fakten nicht bekannt sind, und darüber hinaus allen Europäern, die zum Thema „USA“ kompetent mitreden wollen, als Pflichtlektüre ans Herz zu legen.

Der ältesten Bildungseinrichtung der USA folgte, 65 Jahre später und ein paar Dutzend Meilen südlicher, Jale in Connecticut. Federführend war hier eine Gruppe religiöser Eiferer, die mit dieser Gründung den ihrer Meinung nach zu lockeren Bostoner Sitten entgegentreten wollte. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kam es dann zu einer Welle allesamt religiös motivierter Neugründungen: 1746 Princeton (College of New Jersey, Presbyterianer), 1754 Columbia (New York City, Anglikaner), 1764 Brown (College of Rhode Island, Baptisten). Heute bilden die fünf genannten Hochschulen zusammen mit Cornell (New York), Dartmouth (New Hampshire) und der University of Pennsylvania (Philadelphia) die ivy league, in deren Rahmen diese acht privaten Universitäten der Ostküste seit den 1880er-Jahren sportliche Wettkämpfe (u. A. Basket- und Volleyball) austragen. „Efeu-Liga“ steht aber auch für „Sonderklasse“. Bei den jährlich erstellten Ranglisten finden sich die Universitäten der ivy league regelmäßig auf den vorderen Plätzen.

Bei diesen rankings bzw. für den Status einer Elite-Universität sind weder Größe noch Finanzkraft (z. B. die Professorengehälter) oder Forschungsleistung die wirklich entscheidenden Kriterien, sondern der Prozentsatz an Bewerbern, die abgewiesen werden, sowie der Prozentsatz der aufgenommenen super students, das sind diejenigen, die bei den standardisierten Tests SAT oder ACT besonders gut abschneiden. Selective schools sind solche, die mehr als 50 Prozent der Interessenten abweisen, wogegen es kein Rechtsmittel gibt. Jede Hochschule versucht, durch Rufpflege und Werbung für einen möglichst großen Zulauf zu sorgen, weil nur dann eine entsprechend scharfe Auslese getroffen werden kann. Für diese Selektion gibt es – wiederum ganz im Gegensatz zu den europäischen Verhältnissen – trotz SAT und ACT weder bundeseinheitliche Richtlinien noch ein leicht durchschaubares „Hausrecht“. Legacies („Vermächtnisse“), das sind Söhne und Töchter aus Absolventenfamilien, genießen einen gewissen Vorteil, indem angenommen wird, dass sich diese der speziellen mission (dem „Leitbild“) der entsprechenden Bildungseinrichtung besonders verpflichtet fühlen. Auch civic engagements (geleistete Sozialdienste) fließen positiv in die Bewertung ein.

In den USA gibt es (neben zweijährigen Fachhochschulen) derzeit 2.560 vier- und mehrjährige Hochschulen mit insgesamt 10,7 Mio. Studenten. Das sind knapp 3,6 Prozent der Bevölkerung und durchschnittlich 4180 Hörer pro Standort. Der tertiäre Bildungssektor ist damit wesentlich breiter, aber auch differenzierter und kleinteiliger angelegt als in Europa. Die Breite basiert auf dem vierjährigen undergraduate college, das mit dem „Bachelor“ abschließt. Das College ist mehr eine Erziehungseinrichtung denn eine wissenschaftliche Hochschule im europäischen Sinn. Education (in der ganzen Bedeutungsbreite von Erziehung, Bildung, Selbstvervollkommnung und Kompetenzerwerb) ist im politischen Bewusstsein des US-Amerikaners so tief eingegraben wie bei uns in Europa der „Fürsorgestaat“. Für das College gibt es keinerlei gesetzliche Vorgaben, aber einheitliche Merkmale, als da sind: Obligatorische liberal arts und eine general education in den beiden ersten Studienjahren, in denen die Studierenden auch zusammen wohnen (residential college), Schwerpunktsetzung (Wahl eines majors) erst ab dem dritten Studienjahr, reichhaltiges Angebot an Sportmöglichkeiten und community services.

Von den über 25jährigen Amerikanern weisen derzeit 31 Prozent der weißen und 18,4 Prozent der schwarzen Bevölkerung, 12,3 Prozent der hispanics und knapp 50 Prozent der Asiaten einen Bachelor-Abschluss auf. Dieser ist in der Regel für jede Art gehobener Beschäftigung vom Feuerwehrmann aufwärts Voraussetzung. Die Studiengebühren für den College-Besuch amortisieren sich durch die höheren Gehälter gegenüber den Pflichtschulabgängern mit HSD-Abschluss im Durchschnitt binnen 14 Jahren, von allen anderen Vorteilen und Vergünstigungen ganz zu schweigen. Über ihre Berechtigung gibt es in den USA überhaupt keine Diskussion, auch wenn sie in den selective schools schwindelnde Höhen erreichen. Auch das wird durch die besseren Berufs- und Verdienstchancen der Absolventen von Harvard, Jale, Princeton und den anderen Eliteschulen mehr als ausgeglichen.

Im Jahr 2007 gab es in Havard ca. 20.000 Studenten, davon ca. 7.000 undergraduates am Havard College, und ca. 13.000 graduate und professional students, die mit dem „Master“ abschließen und allenfalls noch ein Doktoratsstudium anhängen. Das Jahresbudget von Harvard betrug in diesem Jahr 3,2 Mrd. Dollar, die zu knapp 40 Prozent aus dem Ertrag des Hochschul-Vermögens von rund 34 Mrd. Dollar sowie aus Studiengebühren, von denen Doktoranden befreit sind, staatlicher Forschungsförderung, wirtschaftlichen Aktivitäten und Spenden aufgebracht werden. Allein für die Akquisition von Forschungsgeldern, Aufträgen und Spenden, wozu auch die Betreuung der alumni (Absolventen) gehört, beschäftigt Harvard 620 Mitarbeiter.

Außer den privaten Hochschulen gibt es auch solche, die von der öffentlichen Hand, sprich: von den einzelnen Bundesstaaten, betrieben und teilfinanziert werden. Aus dem Bundesbudget wird das amerikanische Hochschulwesen hingegen nur indirekt durch Forschungsaufträge sowie durch die Vergabe von Stipendien und Darlehen für die Studierenden gefördert. Wenn der Staat bildungswilligen und strebsamen Bürgern zu einer higher education verhilft, steht das für eine ordnungspolitische Grundüberzeugung und eine bestimmte Denkschule sozialer Gerechtigkeit. Danach darf und kann der Staat zwar Hilfe zur Selbsthilfe leisten und den Aufbau individueller capacities mit Transferleistungen unterstützen. Er sollte aber tunlichst davon absehen, Einkommen umzuverteilen und Bürger mit „unverdienten“ Sozialleistungen auszuhalten. Der American dream verspricht jedem Bürger die Chance, etwas aus sich machen zu können – das und nicht mehr ist ihm die Gesellschaft schuldig.

 
HR Mag. Dieter Grillmayer ist ehem. Gymnasialdirektor und lebt in Oberösterreich.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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