Ludwig Feuerbachs „Theogonie“ und das Altertum


Von Jochen Schaare

„Aber der Atheismus ist ja bekanntlich ‚schon längst von der Philosophie widerlegt‘, als greuelvoller Irrthum, ja Unsinn nachgewiesen. Es giebt Götter und zwar schon aus dem einfachen, aber niederschlagenden Grunde, weil es Priester, weil es Tempel und Altäre giebt; denn wie kann es Diener ohne Herren geben? Giebt es aber Götter, so muss es auch Kraftäusserungen, Handlungen oder Wirkungen derselben geben, welche den unverschämten Atheisten und Afterphilosophen das Maul stopfen und den Kopf vernageln, welche sich aus den Kräften und Kunstgriffen der Physiologie und Anthropologie erklären lassen, Wirkungen also, welche das Dasein der Götter verbürgen, ja ausser allen Zweifel setzen, weil sie ihrer Beschaffenheit oder Natur nach göttliche, d. i. übernatürliche und übermenschliche sind. Glücklicher Weise muss es nicht nur solche Wirkungen geben, sondern giebt es wirklich solche.“
Ludwig Feuerbach: Theogonie

1857 erschien als 9. Band der sämtlichen Werke Feuerbachs „Theogonie nach den Quellen des klassischen , hebräischen und christlichen Altertums“; es war das letzte Wort Feuerbachs zur Religionsphilosophie, sie enthält seine endgültige Stellungnahme zum religiösen Problem. Zwar war sich der Autor bewusst, dass dieses Alterswerk „nichts wesentlich Neues“ bringen würde, „sondern nur Beweise, ausführliche, historisch und philosophisch erörterte Beweise des längst in Jugendfrische Gesagten.“ Dabei wird die anthropologische Religionserklärung durch ein äußerst umfangreiches Quellenmaterial aus griechischen, hebräischen und lateinischen Schriftstellern belegt. Feuerbach sieht seine Religionsauffassung bestätigt in den „Urstätten der Anthropologie, der Iliade und Odyssee“ und Homer gilt ihm als die „Bibel der Anthropologie“, und es ist sein besonderer Stolz, dass er sich jetzt nicht mehr als scheinbaren Hegelianer oder Fichteaner legitimiere, sondern „als direkten Homeriden“ beurkunde. Damit grenzt sich Feuerbach gegen das Christentum ab, denn er stellt hier seine Anthropologie in eine Tradition, die älter ist als die christliche Überlieferung, auch älter als alle spekulative Philosophie, denn er will zeigen, dass ihr eine allgemein-menschliche, überzeitliche Gültigkeit zukommt.

So schätzt Feuerbach sein letztes großes Werk sehr hoch ein, weil er stets die prinzipiellen Fragen an Hand der „Empirie“ behandle. So nennt er die „Theogonie“ seine „einfachste, vollendetste, reifeste Schrift“, in der er sein „ganzes geistige Leben von Anfang bis zu Ende reproduziert“ habe; sie verhalte sich zu seinem Erstlingswerk, das ihm den Durchbruch verschaffte, „Das Wesen des Christentums“, „wie der Mann zum Jüngling, der Meister zum Schüler … wie die faktische Gewissheit und Abgemachtheit der Poesie zur Beweisvermittelung der Philosophie“. (Wilhelm Bolin)

Aber das allgemeine Urteil entsprach in keiner Weise dieser Selbstbeurteilung des Verfassers, denn die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz vom Erscheinen seines Jahrhundertwerkes. Feuerbachs Philosophie wirkte in die Breite nur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und schien nun endgültig vorüber. Feuerbach muss schmerzlich erfahren, dass sein Spätwerk nur am Rande vermerkt wurde.

Wer die Theogonie aber unvoreingenommen studiert, wird dem Selbsturteil des alternden Philosophen durchaus zustimmen können, wird die außerordentliche Leistung, die Höhe und Reife des Werkes, an dem der Philosoph über sechs Jahre gearbeitet hat und nun der wissenschaftlichen Welt vorlegte, zu schätzen und zu genießen wissen.

Die Theogonie enthält nach den Worten Feuerbachs nichts anderes als „Beweise, dass der Götter Ursprung, Wesen und Schicksal der Menschen Wünsche und Bedürfnisse sind“. Somit erscheint der „theogonische Wunsch“ als das wichtigste Erklärungsprinzip der Religion. Götter sind Wunschwesen und das wird in fast jedem Kapitel der Theogonie in immer neuen Fassungen und Variationen ausgesprochen. Im Wesen der Religion heißt es lapidar: „Der Wunsch ist der Ursprung, ist das Wesen der Religion – das Wesen der Götter nichts anderes als das Wesen des Wunsches.“ Somit ist Gott die Projektion menschlicher Wünsche in den leeren Raum der Möglichkeiten, die Erfüllung dessen, was der Mensch in Wirklichkeit schmerzlich entbehrt, das unendliche Korrelat menschlicher Endlichkeit und Beschränktheit.

Feuerbach aber sagt auch, dass er sich wesentlich von den früheren Atheisten und Agnostikern unterscheide, indem er nicht nur negative Erklärungsgründe der Religion, etwa Unwissenheit und Furcht, angebe, sondern auch positive wie Freude, Liebe, dankbare Verehrung als eines grundlegenden Abhängigkeitsgefühles von der Natur. „Die Furcht ist Todes-, die Freude Lebensgefühl. Die Furcht ist das Gefühl der Abhängigkeit von einem Gegenstande, ohne oder durch den ich nichts bin… Die Freude, die Liebe, die Dankbarkeit ist das Gefühl der Abhängigkeit von einem Gegenstande, durch den ich etwas bin, der mir das Gefühl, das Bewusstsein gibt, dass ich durch ihn lebe und bestehe, darum liebe ich ihn; weil ich durch die Natur leide und vergehe, darum fürchte und scheue ich sie.“

Der Wunsch als „Urphänomen der Religion“

Dann kommt der Philosoph auf den „Glückseligkeitstrieb“ zu sprechen, den wir ohne Bedenken mit dem Egoismus gleichsetzen können. Hier ist in keiner Weise eine verwerfliche Selbstsucht gemeint, sondern ein Trieb, ohne den der Mensch gar nicht existieren könne. Egoismus ist das „sich selbst Geltendmachen, sich selbst behaupten, ist also der wesenhafte Lebenswille des Einzelnen“. Diesen führt Feuerbach auch als tiefsten inneren Grund der Religion an, denn sie sei „nicht nur Sache des Gefühls, sondern auch eine Sache des Begehrungsvermögens, eine Sache des sog. Glückseligkeitstriebes.“ Denn „das Wollen ist das Wesen des Menschen“, das sich in der Einbildungskraft, im Glauben des Menschen äußern kann. „Aber das Gefühl des Menschen von seiner Abhängigkeit und Impotenz“, so Feuerbach, „ist nur der leere Raum, der Ort, wo … nicht der Stoff, der Same, woraus die Götter entspringen. Dieser Zeugungsstoff ist nur der feurige, unendliche und unbändige Glückseligkeitstrieb. Ich kann nichts, sagt die Impotenz des religiösen Gefühls, aber ich kann, was ich will, erwidert darauf die Allmacht des Glückseligkeitstriebes, denn was ich auch nicht für mich selbst vermag, das vermag ich mit Gotteshilfe. Wo kein Verlangen ist, glücklich zu sein, da ist auch kein Gebet und kein Opfer, kein Psalm und kein Hymnus, kein Himmel und keine Hölle, kein Gott und kein Teufel. Gott ist Licht; aber was das Licht ist, was für ein wohlthätiges, göttliches Wesen, das weiss nur, wer das Uebel der menschenfeindlichen Nacht oder Finsterniss empfunden. Gäbe es kein Unglück, keine Noth, kurz keine Uebel, so gäbe es auch keine Götter.“

Somit ist der Wunsch „das Urphänomen der Religion“. „Der Wunsch ist die Urerscheinung der Götter. Wo Wünsche entstehen, erscheinen, ja entstehen Götter.“ Die Gottheit ist wesentlich ein Gegenstand des Verlangens, des Wunsches; sie ist ein Vorgestelltes, Gedachtes, Geglaubtes, nur weil sie ein Verlangtes, Ersehntes, Erwünschtes ist.“ Hier wird also ein stets über die Wirklichkeit hinausschweifendes Begehrungsvermögen genannt, und ein solcher Glaube steht ganz im Dienste des Glücksverlangens, der Wünsche. Nun führt Feuerbach aus, dass der theogonische Wunsch wesentlich Ausdruck eines Mangels sei, eines Nichts im Sinne eines Nicht-könnens oder Nicht-habens. Er entspringt der menschlichen Ohnmacht und Bedürftigkeit und hebt in der Vorstellungswelt des Wunsches das in der wirklichen Welt schmerzlich Entbehrte auf.

„Gott ist daher ursprünglich nichts anderes als der von seinem Gegensatz befreite Nichtmensch im Menschen, kein anderes Wesen, nur die Hälfte, die dem Menschen fehlt, nur die Ergänzung seines mangelhaften Wesens, seines im Widerspruch mit seinen Wünschen so beschränkten Tatvermögens.“ „Der Wunsch ist der Ursprung der Götter, das Grundwesen, das Prinzip der Religion.“ So besteht das Wesen des Gottes darin, dass er den Menschen beglücke, Unglück und Not von ihm fernhalte: „Was also (in der Einbildung) hilft, Not aufhebt, das ist Gott.“ Diese realistische anthropologische Sicht des Menschen fasst also den Glückseligkeitstrieb als den eigentlichen Wesenskern des Menschen auf und leitet daraus alle Erscheinungen der Religion ab.

Mit G. Nüdling stellen wir fest, dass in der Religion wahr ist, was den Menschen beglückt, was seinen wesentlichen Trieben und Bedürfnissen entgegenkommt; Gott ist das eingebildete Komplement der menschlichen Bedürftigkeit, die Erfüllung der wesentlichen Wünsche.

Die radikalste Form der Religionsanalyse

Diese Wunschtheorie, wie sie in der Theogonie ausdrücklich vorgetragen wird, ist die radikalste Form der Religionsanalyse, die Feuerbach je gegeben hat: Die Gottesvorstellung wird hier sozusagen in ein reines Nichts aufgelöst, sie wird nicht eigentlich bezogen auf eine ihr zugrunde liegende Wirklichkeit, sondern wesentlich begriffen als die Projektion der subjektiven Wünsche des Menschen. Man kann demnach aus der religiösen Gottesidee nichts Gegenständliches kennenlernen als allein die wesentlichen Wünsche und Bedürfnisse der Menschen. Die Religion erscheint so als eine Illusion, ein Wunschtraum des primitiven Menschen, der mit einer wissenschaftlich begründeten realistischen Natur- und Menschanschauung unverträglich ist. (G. Nüdling)

Damit wird die Illusion das eigentliche Ziel der Religionskritik. Feuerbach nennt sie eine Krankheit, da sie den Menschen „um eine Kraft des wirklichen Lebens“ und „um den Wahrheits- und Tugendsinn bringt.“ Aber dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit im gewöhnlichen Sinn, sondern, wie H. Hüsser ausführt, um eine Bewusstseins- und Gemütskrankheit. Weil das Gemüt sich etwas einbilde, denken Vernunft und Verstand nicht richtig. Die Wunsch- und Wahnvorstellungen unterliefen die Wahrnehmung der Sinne und lösten in der allumfassenden Innerlichkeit die Realitätskriterien auf. Aber die fehlende Differenz zwischen innen und außen ist für die Konstitution der Subjektivität entscheidend.

Gerade deshalb insistiert Feuerbach darauf, dass jetzt alles darauf ankomme, die „bisherigen weltgeschichtlichen Anschauungsweisen von Zeit, Tod, Diesseits, Jenseits, Ich, Individuum (und seine Wunschwelt), Person und der außer der Endlichkeit im Absoluten und als absolut angeschauten Person, nämlich Gott usw. … wahrhaft zu vernichten, in den Grund der Wahrheit zu bohren.“

So wie der Mensch die religiöse Ursprünglichkeit durch Wollen und Wünschen in den theogonischen Tagen – wann gibt es diese nicht, man denke nur an den Irrationalismus der Anthroposophen, der in unseren Tagen wie in alten Zeiten „blüht“ – herbeigeführt hat, so müsse er nun die Arbeit auf sich nehmen – wie materiell und schwerfällig und gebrechlich der menschliche Wunsch auch sei –, den göttlichen Willen wieder in seinen menschlichen Ursprung von Wollen und Können zurückzuführen. Denn die „Ur- und Grundbestimmtheit der Gottheit (bestehe) darin, dass sie kann was sie will …“

H.-J. Braun sagt über diese Grundbestimmtheit des Göttlichen, dass sie nicht außerhalb des Menschlichen zu finden sei: „Findet sie der Mensch, so ist ihr Verständnis, ihr Innewerden, das Gewahren ihrer eine Sache und Möglichkeit des Menschen, also ist sie nichts Außermenschliches, nichts von außen, von oben Eingegebenes, nichts aus einer jenseitigen Transzendenz Herabgekommenes, sondern entscheidend aus dem Bezirk des Menschlichen, aus den Tiefen des menschlichen Daseins stammend.“

So ist der Grund der menschlichen Kultur religiös. Und nur mit großer Mühsal ist es dem Menschen gelungen, ein einigermaßen gesichertes Dasein in dieser Welt aufzubauen. Den Chaosmächten abgetrotzt hat der Mensch in der Klage gegen ein haltloses Dasein die Sehnsucht nach einer besseren, gesicherteren und geordneteren Welt gesetzt und hat so den Grund menschlicher Kultur geschaffen. Es sind die Götter, die den Menschen den Weg zur Kultur gebahnt, ihm Heimstätten des Seins gesichert haben. Aber – wie Feuerbach sich ausdrückt – es sind nicht die Götter des Aberglaubens, sondern es liegt in den Mythen, welche die Erschaffung der Völker, des Landes und der Ordnungen berichten, etwas am Grunde, das dem Menschen eigen ist, nämlich der menschliche Wunsch, die menschliche Sehnsucht, voranzuschreiten und Widerstände zu überwinden. Denn in den Göttern, die die menschliche Kultur ermöglichen, zeigen sich die „ungeduldigen, revolutionären Wünsche der Menschen, ihren Willen mit derselben Leichtigkeit … zu verwirklichen wie die Götter.“

H.-J. Braun kommentiert das wie folgt: „Der Glaube des Menschen an die Götter steht auf einer Grundvoraussetzung, nämlich dem Wunsch, der das Dasein durchstimmt, selbst so mächtig wie der Gott zu sein, dem er sich verpflichtet und dankbar fühlt. Des Menschen Leben, menschliches Sein ist nun freilich diesem göttlichen Sein nicht entsprechend, ja widersprechend in seiner Schwäche und Gebrechlichkeit. Der Mensch stellt sich vor, er idealisiert, er glaubt ein Wesen, das das alles hat, vermag, verwirklicht, was ihm fehlt: die Gottheit. Wäre der Mensch sich vollendendes Selbstsein, wäre er imstande, zu vollbringen, was er entwirft und wonach er sich sehnt, so wäre sein Sein dem Göttlichen gleich, kein Glaube an Göttliches wäre mehr nötig, es wäre die Selbstgenügsamkeit, die alle Gegenstände des Glaubens überflüssig machen würde.“ So ist die Gottheit gleichsam die andere Hälfte des Menschen, die der Mensch gerne hätte, aber durch seine Unfertigkeit entbehrt, ja, er droht durch die Gefahren, denen er sich aussetzt, abzustürzen.

Das Schicksal steht über den Göttern

Vom Göttlichen kann man also nur sprechen, wenn menschliches Wesen in seiner Eigenart benannt wird. Götter sind Götter nur in Bezug auf und für den Menschen. Diese ursprüngliche Bindung des Göttlichen ins Menschliche nachzuweisen, hat sich Feuerbach in seiner Theogonie zur Aufgabe gesetzt. Ziel seiner religionskritischen Anthropologie ist also der Aufweis der im Menschen anzutreffenden Grundvoraussetzungen für die Konstitution des Göttlichen. Deshalb gibt es auch etwas über den vergänglichen Göttern Stehendes, die Feuerbach aus den Quellen des Altertums zu Gegenständen seiner Analysen gemacht hat: das Schicksal. „Die Götter schwinden vor der Anangke.“

Das menschliche Sehnen, Hoffen und Wünschen ist ja die Sehnsucht des Menschen nach bleibender Gesundheit, Jugendlichkeit, körperlicher Liebe, aber dieser ganze Infantilismus, der in den religiösen Vorstellungen priesterliche Sanktionen erfuhr und erfährt, ist die Zielscheibe der Kritik Feuerbachs. Angesichts des Todes helfen auch die Götter nicht, weil sie ja Phantasmagorien menschlicher Wünsche sind. An der Notwendigkeit müssen alle Wünsche scheitern. Feuerbach sagt: „Die Notwendigkeit ist die Grenze, das Ende der Götter, aber auch das Ende der Wünsche…“ Da die Götter die Wunscherfüller in der menschlichen Phantasie sind, kann die Notwendigkeit des Sterbenmüssens nicht als Befreiung erfahren werden, sondern ein so Gläubiger wird in seiner Feigheit noch tiefer sinken.

„Der kritische, über den Charakter entscheidende Wunsch des Menschen ist auch der über Leben und Tod entscheidende.“ Denn das „Geheimnis der Theologie (ist) in ihrem, im anthropologischen Sinne aufgelöst.“

„So weit die Götter herrschen und wirken“, sagt Feuerbach, „ so weit erstreckt sich die Freiheit, so weit die Macht des Gebetes, des Wunsches. Zeus kann mir wohl den Wunsch gewähren, nicht jetzt schon zu sterben, keineswegs aber den Wunsch, gar nicht zu sterben. Der Tod selbst ist eine absolute Nothwendigkeit, und über die Nothwendigkeit in diesem Sinne vermögen auch die Götter nichts. Aber nur so weit ein Gott Uebles, Verhasstes, Verwünschtes verhindern, nur soweit er überhaupt Etwas gewähren, leisten, thun, schaffen kann, nur soweit ist er Gott. Die Nothwendigkeit ist die Grenze, das Ende der Götter, aber auch das Ende der Wünsche; denn der Wunsch erstreckt sich, wenn auch nicht als Kind, doch als erfahrener Mann, nur auf das, was geschehen kann; in der Eiskälte der Unmöglichkeit und Unabänderlichkeit erstarrt er. ‚Da lastete Hektors Schicksal‘, heisst es bei Homer, ‚schwer zum Aides (Tode) hin, es verliess ihn Phöbos Apollon‘. (Ilias 22, 212.) Sonst schirmten mich, sagt Hektor einige Verse später (302), Zeus und sein ferntreffender Sohn; nun aber erreicht mich das Schicksal, der Tod. So verschwinden die Götter, wo die Nothwendigkeit erscheint. Der Satz: die Götter vermögen nichts über die Nothwendigkeit, ist daher eins mit dem Satze: die Wünsche vermögen nichts über die Nothwendigkeit. Oder: die Götter reichen nicht weiter, als die Wünsche der Menschen, eben weil sie nichts anderes sind, als die erfüllten Wünsche des Menschen, und zwar so erfüllten, wie sie allein erfüllt werden können, nicht in der Wirklichkeit, sondern nur im Glauben, in der Phantasie oder Vorstellung.“

Der Tod als Notwendigkeit

An einer herausragenden Stelle sagt Feuerbach etwas zu Ruhm und Unsterblichkeit der Griechen, die gar nicht nach ewigem Leben verlangten, am wenigsten im Jenseits: „Sie wollten den Tod nur aufgeschoben, nicht aufgehoben wissen; sie wollten nur gerade jetzt nicht, vor allem nicht in der Blüthe der Jahre sterben — der Satz: den die Götter lieben, der stirbt jung, hat keine allgemeine Giltigkeit, denn unter den Gütern, die sich die Griechen wünschen, befindet sich auch der Wunsch eines langen Lebens, ‚zuletzt‘, verheisst Teiresias dem Odysseus (Od. 11, 134), ‚wird dir kommen der sanfte Tod, der dich von behaglichem Alter aufgelöst in Frieden hinwegnimmt‘, und Anchises fleht in der so genannten homerischen Hymne an die Venus zur Göttin: ‚Lass mich lange wohl leben und schauen das Licht der Sonne, beglückt unter den Völkern und an die Schwelle des Alters gelangen‘ (Vers 104-6) — sie wollten endlich nur nicht an einem langsamen, schmerzlichen, schrecklichen Tod sterben.

Die Götter können daher auch nur den Tod verschieben, aber nicht aufheben; nur verfügen über die Art und Weise des Todes, aber nicht über den Tod selbst, weil die Wünsche der Griechen nicht über den Tod hinaus sich erstrecken, sondern nur auf die Todesart gehen. Ein schneller, leichter Tod, wie ihn die Pfeile der Artemis oder Apollo’s gaben, war sein höchster Wunsch in dieser Beziehung. Der Tod war für ihn eine natürliche Nothwendigkeit, so gut verständlich wie irgend eine andere Natur-Nothwendigkeit; also keine blinde Nothwendigkeit, denn er sah ihren Grund ein — ‚Alles wird man ja satt‘, heisst es selbst bei Homer schon (Ilias 13, 636), ‚des Schlummers selbst und der Liebe, auch des süssen Gesangs, und bewunderten Reigentanzes, welche doch mehr anreizen die sehnsuchtsvolle Begierde, als der Krieg‘, folglich auch des Lebens, denn was ist ein Leben ohne diese Reize für den Griechen? —; er identificirte diese Nothwendigkeit mit seinem Wesen, wusste, dass er wesentlich ein Sterblicher, und dem Sterblichen nur Sterbliches ziemt“ (Pindar, Isthm. 5, 20).

Ursprünglich – so meint Feuerbach – hatte der Mensch wohl keine „supranaturalistischen“ Wünsche, es sind wohl eher handfeste, irdisch-konkrete Wünsche, die aus dem menschlichen Dasein erwachsen. Götter sind ursprünglich Naturwesen, Naturelemente, vor denen der Mensch in tiefer Scheu versank. Er personifizierte diese Elemente als Götter, projizierte sie in den Himmel. So waren die Götter Homers tatsächlich die Götter der aristokratischen Gesellschaft jener nach Kleinasien ausgewanderten Hellenen. So sind Gott und Mensch eine Einheit, es sind zwei Worte für den innersten Bezug einer Zusammengehörigkeit.

So wird verständlich, dass Feuerbach für eine anthropologische Destruktion die Träume herbeizieht, da in ihnen Bedürfnisse gestillt werden und die Götter helfend oder drohend erscheinen. Götter vermögen in der Bildsprache der Träume die Wünsche der Menschen zu erfüllen, sie künden, was der Mensch erfahren oder erleiden soll, im Traum gewinnt der Mensch Höhe und Weite, er kann fliegen und die Fernen schauen, in den „Himmel zu den Göttern aufsteigen“. „…im Traume offenbart sich das Wesen der Götter, das Wesen der Zukunft.“ Wenn also Götter die Welt regieren, so sind es nach Feuerbach die Träume, die die Welt regieren, also die unbewusste Seite des Menschen. Die Träume „sind die via regia zum Unbewussten“, was auch Sigmund Freud bekräftigte.

Odysseus gibt sich seinem Sohn Telemach zu erkennen und steht nicht als zerzauster Bettler vor ihm, sondern in blühender Heldengestalt. „Wahrlich du bist ein Gott, nicht bist du mein Vater Odysseus, sondern ein Dämon täuscht mich.“ Odysseus gibt seinem Sohn einen Verweis, denn „ein Werk ist dieses der Pallas Athene, welche so, wie sie wollte, mich umschuf – denn sie vermag es – dass ich jetzt wie ein Bettler einherging, jetzt in des Jünglings frischer Gestalt, mit schönem Gewand um die Glieder bekleidet. Leicht wirds ja den Göttern, die hoch den Himmel bewohnen, einen sterblichen Mann zu verherrlichen und zu verdunklen.“ Also zu verjüngen oder ins Alter zu stürzen. Die Götter können demzufolge alles, was sie wollen, freilich nur in der Phantasie und in Träumen. Sie sind „Wunderthäter“, „geistliche Wunder“, wie Lucian betont. „Der Traum“, sagt Feuerbach, „verzaubert Stäbe in Schlangen, Menschen in Vögel, Wüsten in Paradiese, Speise und Trank in Nektar und Ambrosia: der Traum erweckt selbst die Todten aus dem Grabe und stellt sie uns lebhaft vor, als stünden sie leibhaftig vor uns; der Traum beleuchtet alle Gegenstände mit jenem entzückenden, übernatürlichen Lichte, womit Athene dem Odysseus und seinem Sohne vorleuchtet.“

Menschen wollen sich also vervollkommnen, haben das Verlangen nach innerem Wachstum, nach Reife und kleiden ihre Sorgen in die Gestalt von Göttern und Wünschen. Der Mensch will vollkommen wie die Götter sein, das ist nach Feuerbach die einzige „echte Theodizee“. „Ein Gott ist also nichts anderes als der – erschreckliche oder erfreuliche, betrübende oder erheiternde, traurige oder beglückende – Eindruck einer Naturwirkung, die unter dem Bilde einer diesen Eindruck entsprechenden Ursache vergegenständlicht und verselbständigt wird.“

So ist die Verehrung der Götter Pflicht wie die Verehrung der irdischen Herren. Götter sind Väter, erscheinen als Herren und Könige. Wer diesen Paternalismus nicht beachtet oder in Frage stellt, der gilt den Frommen als übler Leugner und wird als Atheist gebrandmarkt und hat die Urbeziehung der Götter zu den Menschen und umgekehrt bereits vernichtet. „Dies eigentümliche, pathologische Verhalten weiter Kreise“, so H.-J. Braun, „die die Religion zu ihrer Sache machen und auf ihre persönlichen Fahnen geschrieben haben, hat Feuerbach … entlarvt und auf seine wahren Grundlagen zurückgeführt.“ Der Unterschied zwischen Christen und Heiden bestehe darin, dass die Heiden in der klassischen Zeit auf die irdische Glückseligkeit bedacht waren, ihre Heimat auf dieser Erde fanden, während die Christen aus der irdischen Heimat auszuwandern begannen in eine himmlische, was einer weitgehenden Realitätsflucht entspricht und die Grausamkeiten, den Masochismus und den Supranaturalismus als Herrschaftsmittel erklärlich macht. Revolution im Sinne Feuerbachs ist also die Zurückwendung zu einer Haltung für den Menschen und für die Erde. Und dies verbindet Feuerbach mit Nietzsche!

Redaktionelle Anmerkung: Dieser Aufsatz ist die gekürzte Fassung eines Kapitels aus dem Buchmanuskript „Kultur und Untergang des antiken Griechenland – Essays“ des Verfassers, worüber Univ.-Prof. Dr. Dauenhauer, Münchweiler, in einem Geleitwort schreibt: „Jochen Schaare beharrt akribisch darauf, dass der Geist frei bleibe. Um sich dieser Freiheit intensiver bewusst zu werden, lässt er den Leser in die Vexierspiegel Altgriechenlands blicken. Der dramatische Verfall einer der am höchsten entwickelten Kulturen der Menschheitsgeschichte lässt erschaudern, nicht zuletzt deshalb, weil man unwillkürlich an die Gegenwartsepoche denkt. Auch wenn sich die Geschichte nicht wiederholt: Der Verlust des Augenmaßes hat noch jede Kultur ruiniert.“

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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