Zukunftsvisionen einer neuen Wirtschaft


Von Karl Sumereder

Aktuell werden wir von Wirtschaftsexperten mit Einschätzungen und Prognosen über das Wirtschaftsgeschehen überhäuft. Fast die ganze Welt stecke in einer Rezession. Nicht nur im Finanzsystem, auch in der so genannten Realwirtschaft werden die Bruchstellen immer deutlicher. Man befinde sich am Beginn einer weltumspannenden Krise, ähnlich wie 1929, die Eurozone werde zerbrechen, die Krise habe uns bisher nur zu 30 % erreicht und Österreich steuere dem Staatsbankrott entgegen. Manager stehen vor diesem Hintergrund als Profiteure und Mittäter im Rampenlicht. Welche Rahmen, welche Regeln braucht es, um zukunftsfähig zu wirtschaften?

Hinzu gesellt sich die Meinung, dass angesichts schleichenden Verfalls gesellschaftlicher Werte eigentlich keine Theorie oder keiner der Experten Erhellendes zur Krisensituation beizutragen vermöge.

Das Nebeneinander sich widersprechender Wirtschaftsmodelle, ob Keynesianismus, Monetarismus, Marginalismus – eigentlich überholte Wirtschaftslehren, müsse aus dem Nebeneinander widersprüchlicher Weltanschauungen verstanden werden, meinten 1983 die beiden Professoren Thomas Dyllick, Hochschule St. Gallen, und Gilbert Probst , Universität Genf, die auch Anhänger der Selbstorganisation von Systemen sind. Hans Ulrich, ebenfalls von der Wirtschaftshochschule St. Gallen, meinte damals, dass man als eine Folge reduktionistischer Anwendungen von Erkenntnissen der Wissenschaften von der Funktionsweise lebender Systeme kaum mehr lösbare gesellschaftliche Probleme vor sich haben werde. Der eingetretene Wandel im Paradigma ist aber längst eine Auflage der Moral geworden und nicht nur eine der Ökonomie.

In diesem Zusammenhang sei auf eine in den „Genius-Lesestücken“, Heft 2/2005, erschienene Buchbesprechung über Gerhard Schulze: „Die beste aller Welten – Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert?“ hingewiesen, worin die Idee eines ständigen Wirtschaftswachstums als problematisch und absurd aufgezeigt wird.

Ein Kaleidoskop der Wirtschaftstheorien

Zur aufgekommenen Kritik, dass die Modelle der wirtschaftswissenschaftlichen Theorien sich am Katheder handlicher ausmachen als in der Praxis – Modelle, bei welchen keine Rede von zutiefst menschlichen Eigenschaften wie Egoismus, Größenwahn, Abzockmentalität, Machtstreben, Management-Unvermögen, rationalen und irrationalen Handlungen ist, – sei zum besseren Verständnis einem kurzen Abriss über Wirtschaftsmodelle in Stichworten Raum gegeben.

Die Nationalökonomie oder Volkswirtschaftslehre, differenziert in Finanzwissenschaft, Betriebswirtschafts- und Managmentlehre, ist ein Produkt der Aufklärung. Es war der Moralphilosoph Adam Smith (1723–1790), der im Rahmen der Industrialisierung Englands liberale Wirtschaftsideen des 18. Jahrhunderts systematisch zur klassischen Schule der Nationalökonomie verband.

An der Spitze der Wirtschaftstheorien der Romantik stand Fichte (1762–1814) mit seinem „Geschlossenen Handelsstaat“, gefolgt von List (1789–1846) und dem Kathedersozialisten Schmoller (1838–1917) und Vertreter der historischen Schule.

David Ricardo (1772–1823), der den Freihandel propagierte, wirkte noch so weit in das 19. Jahrhundert hinein, dass noch Karl Marx (1818–1883) mit seiner Kapitalismuskritik bei ihm anknüpfte.

Die Auseinandersetzung Wirtschaftsdynamik gegen Wirtschaftsstatik ergab sich in den 1920er – 1940er Jahren mit der Theorie vom Ungleichgewicht John Maynard Keynes (1883–1946) und der Entwicklungstheorie Josef Schumpeters (1883–1950), der auch den Begriff: „Schöpferische Zerstörung durch Wettbewerb“ prägte.

Als Gegenzug zum aufkommenden Monetarismus folgte die Beschäftigung mit dem Problem der Unsicherheit. Was bei Adam Smith noch als die Wirkung der „unsichtbaren Hand“ über den Wolken schweben durfte, wurde wie bei Friedrich August von Hayek (1899–1991) zum Gesetz durchaus irdischer Geschichte, welche mit uns einfach verfährt.

Wir haben es in der Jetztzeit mit einem komplexen Schichtenbau der Wirtschaftssysteme, einem Spiegel der Wechselwirkungen aller Schichten des Wirtschaftsgeschehens zu tun, wie es Rupert Riedl („Die Spaltung des Weltbildes“, Paul Parey Verlag) ausdrückt. Mit Schichten wie Produktion, Förderung, Konkurrenz und Konsumation im Zusammenhang mit den Schichten aus anderer Perspektive: Individuen, Gruppen, Organisationen, Interorganisationen, Netzwerken, Branchen, Regionen, Nationen (Wirtschaftsgemeinschaften) und globalisierter Weltwirtschaft.

Hinsichtlich der Frage, wie diese Schichten aufeinander wirken, was Voraussagen und Erklärungen wirtschaftlichen Wandels betrifft, hat sich gemäß John Galbraith (1908–2006) ein fast schon selbständiger Experten-Berufszweig entwickelt, mit einer Mischung aus Vernunft, Weissagung, Beschwörung und gewissen Elementen von Zauberei.

Die Abneigung vieler Wirtschafts- und Sozialwissenschafter, Systemtheorie und Kybernetik für relevant zu halten, ist wiederum darauf zurückzuführen, dass in ihren Augen damit eine mechanistische Schau entstehe.

Wenn man an das Umweltproblem, an Arbeitslosigkeit, Überbevölkerung, Urbanisierung, Ressourcenverknappung, Rüstungswettlauf und so weiter denkt, ist man aus einer wieder anderen Perspektive bei den Problemen unserer Zeit angelangt; bei Entwicklungsabläufen, die letztlich außerhalb unserer engeren Bedürfnisse, außerhalb des Einflusses von Staatenlenkern liegen.

Ein philosophischer Ansatz

Wir besitzen nur eine geringe Begabung, mit vernetzten Systemen umzugehen. Wir suchen jeweils Schuldige nach isolierbaren Initial- oder Ur-Ursachen des Ganzen. In Wahrheit wird meistens zu wenig gewusst und sowieso weiß niemand alles.

Die angewandte Wissenschaft, so resümierte Hans Ulrich in einer Grundsatzstudie 1981, braucht nicht nur Erklärungsmodelle im Sinne des Rationalismus, sondern auch Erkenntnisse, die man als „Verstehensmodelle“ bezeichnen könnte.

Rupert Riedl verweist auf die Notwendigkeit, angesichts der Komplexität des Ganzen durch zwei Erklärungsrichtungen zum Verstehen zu gelangen. Jene „alte Isomorphie höherer Ordnung“, die Einsicht in die Zweiseitigkeit der Entstehens- wie der Verstehensgründe gibt, sollte sich letztlich durchsetzen. Dies trotz oder gerade auf Grund der Widersprüche, welche das lineare Ursachenkalkül unserer rationalisierenden Vernunft in unsere ganze Geistesgeschichte gebracht habe.

Hinsichtlich des Verlangens, dass Experten mehr Erhellendes zur Krisenlage beitragen sollten, sei auf die letzte große Arbeit des greisen Wirtschaftsnobelpreisträgers Hayek: „Die verhängnisvolle Anmaßung“ (dtsch. Tübingen 1996) verwiesen, in der er noch einmal alle geißelt, die glauben, menschliches Verhalten sei vorhersehbar und damit planbar. Er meint damit alle, die die Freiheit des menschlichen Geistes missachten, indem sie Verhaltensweisen in mathematischen Formeln erstarren lassen. Nur „Pattern prediction“, die Voraussage von Mustern, sei möglich.

Zum Abschluss sei noch auf das allerdings vergriffene Buch des Rezensenten, mit dem Titel: „Mehrwertmeditationen eines Managers“, erschienen 1982 im Wort und Welt Verlag, hingewiesen.

Ein Fazit: Die wirtschaftliche Zukunft ist weit schwieriger zu deuten, als sich das die Menschen angesichts der großen Krise von noch so bemühten Experten und Wissenschaftern erwarten. Die Zukunft der Wirtschaft ist offen.

 
Dr. Karl Sumereder lebt in Tirol, war Top-Manager und befasst sich seit Jahrzehnten mit gesellschaftstheoretischen und philosophischen Fragen, über die er publiziert.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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