Joseph II. und die deutsche Kultur


Zum 265. Geburtstag des Kaisers (1741–1790), der Freiheiten gab

 

Von Jochen Schaare

1764 wurde Joseph II., Maria Theresias ältester Sohn, in der Reichsstadt Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und 1765 – nach dem Tod seines Vaters Franz Stephan – wurde ihm die deutsche Kaiserwürde und die Mitregentschaft verliehen. Er war also kaum 25 Jahre alt und mochte sich die Frage nach dem Lebensglück kaum stellen. Doch er stellte sie wie die Philosophen des 18. Jahrhunderts, die er kannte, und zog die Vernunft als ausschließliche Auskunftsquelle heran.

Was ist Lebensglück? Für jeden Menschen hat das Leben Enttäuschungen, Schmerzen, Ärgernis und Sorgen bereit. Und die Frage liegt nahe, wie man mit den Prüfungen des Lebens fertig wird, ob als Einzelner oder als Mitglied einer Gruppe oder eines Volkes. Schon früh bekannte sich der Kaiser als Deutscher und Aufklärer und wollte seinem Volk ein Exempel geben. Wie er sein Leben verstand, wird deutlich in einem Schreiben an den Grafen Leopold Kolowrat, den Chef der Beamtenschaft: „Jeder Beamte muß sich seinen Geschäften gänzlich und vollkommen widmen und aus ihnen das Geschäft seines Lebens machen... Nicht denken, nichts hören, nichts sehen, als was zu diesem führt. Er muss sich meine Prinzipien ganz zu eigen machen... Unnützes vermeiden, das Nutzbare aber ohne Rast und Ruhe zu allen Tagen der Woche, zu allen Stunden des Tages bis zur Erfüllung betreiben.“

So regierte er aufgeklärt und absolutistisch, gestützt auf Beamtentum und Heer. Mit radikalen Reformen suchte er sein Ziel eines zentralistisch regierten Reiches zu erreichen. Ja, er verzehrte sich in einem kurzen Leben für diese Aufgabe. Mit Friedrich dem Großen, der ihn als einen bedeutenden Fürsten bezeichnete, suchte er eine Verständigung, setzte gegen den Willen seiner Mutter Maria-Theresia neben Preußen und Russland die Teilnahme Österreichs an der ersten polnischen Teilung 1772 durch, gründete deutsche Ansiedlungen in Galizien, der Bukowina und in Siebenbürgen und Ungarn, schaffte 1781 die Leibeigenschaft der Bauern ab, betrieb merkantilistische Wirtschaftspolitik, indem er hohe Schutzzölle für Handel und Industrie erhob, scheiterte aber mit seinen bayrischen Plänen nach dem Tode des Kurfürsten wegen der Gegnerschaft des unter Friedrich des Großen geschaffenen Fürstenbundes. Joseph II. schaffte die Folter ab und die Zensur. Jedoch erregte er durch die Einführung einer allgemeinen Grundsteuer auch für den Adel und seine besonders einschneidenden kirchenpolitischen Reformen den Widerstand von Adel und Klerus. Bauernaufstände in Böhmen und Widerstand in den österreichischen Niederlanden zwangen ihn am Ende seines Lebens, die meisten seiner Reformen zu widerrufen.

Nicht widerrufen hat er solche Einsichten, die in seinen Briefen zum Ausdruck kommen. So tadelte er die „Vorurteile, die uns glauben machen wollen, wir ständen höher als andere, weil wir einen Grafen zum Ahnen und ein von Karl V. unterzeichnetes Pergament im Schranke haben. Unsere Eltern können uns nur das körperliche Leben verleihen, und daher gibt es keinen Unterschied zwischen einem König, einem Grafen, einem Bürger oder einem Bauern. Seele und Geist gab uns der Schöpfer, Vorzüge und Laster sind das Ergebnis guter oder schlechter Erziehung und der Beispiele, die wir vor Augen hatten.“

Was ist also Glück? Lebensglück? Joseph hat das Glück des Weisen nicht gefunden. Er nannte es ein Missvergnügen, dass ihn das Schicksal zum Monarchen bestellt hatte. Denn „die Vorsehung hat mir den Kelch des Leidens schon in frühen Jahren gegeben.“ In seiner Jugend hat er eine Summe von Frustrationen erlebt, die ihn, den zweifelsohne Hochbegabten, stärker als andere Menschen betroffen machte.  Mit hoher Intelligenz ausgestattet, fühlte er besondere Fähigkeiten in sich, die er in seiner feudalen und nach dem dynastischen Prinzip beherrschten Umgebung nicht antraf. Nach dem Tod seiner geliebten Gattin Isabella von Parma und seiner Tochter stürzte er sich in die Arbeit am Staate.

Wie er diese Arbeit verstand, wird deutlich an der Denkschrift des Kaisers an die Kaiserin Maria-Theresia, seiner Mutter. Voller Bestürzung las die Kaiserin die Denkschrift Josephs, die fast einem Bekenntnis glich. Sie war außerstande, ihre Einwände klar zu begründen, aber sie fühlte, dass eine Welt sie von ihrem Sohne trennte. Schließlich übergab sie dem Staatskanzler Fürsten von Kaunitz-Rietberg als ihrem Vertrauten das ganze Bündel und bat ihn, Punkt für Punkt eine Analyse und Kritik darüber zu schreiben.

Kaunitz beantwortete ihren Wunsch mit einer ganzen Dissertation. Der Staatsmann konnte der Kühnheit und Weite der politischen Ansichten, die aus Josephs Arbeit sprachen, seine Achtung nicht versagen. Über die grundlegenden Ansichten war Kaunitz, der auch nach dem Tode Maria-Theresias 1781 unter Joseph Staatskanzler blieb, mit dem Kaiser einer Meinung. Er habe recht, wenn er weder zu den Neuerern um jeden Preis noch zu den hartnäckigen Anhängern alter Tradition gehören wolle. „Was diese beiden Extreme angeht, so tut man am klügsten, wenn man sich Zeit nimmt, kühl und ohne Vorurteil den realen Wert der alten Gewohnheiten und der sich bietenden Neuerungen zu studieren.“

Er würdigte auch den Patriotismus des Kaisers. So stellt er fest: „Die anderen europäischen Herrscher schränken ebenfalls die Vorrechte des Adels ein, denn die wahre Stärke des Staates beruht auf der Mehrheit seiner Diener, das heißt auf dem dritten Stand, daher verdient er die allergrößte Aufmerksamkeit.“ Kaunitz war natürlich ein Anhänger des aufgeklärten Absolutismus, ganz wie seine Kaiserin, die schon 1750 voller Zorn darüber geklagt hatte, dass es in Österreich keine Staatspolitik, sondern nur eine Politik der Länder gebe.

Der Josephinismus

Kaunitz war also mit den Grundprinzipien des jungen Kaisers einverstanden. Ihre Auffassungen gingen hauptsächlich darin auseinander, dass es Joseph in der Verfolgung seiner Ziele für unerlässlich hielt, die Standesvorrechte zu beseitigen und die Autonomie des Adels zu zerstören. In dieser Schrift ist der später so bezeichnete „Josephinismus“ schon vorgeprägt. Unter Josephinismus kann man die Gesamtheit der staatspolitischen Maßnahmen des Kaisers verstehen, die dieser im Verlaufe seiner Regierung – als Mitregent noch oft im scharfen Gegensatz zur Kaiserin – traf, um die Macht des Adels zu begrenzen, vor allem aber auch, um die wirtschaftliche und politische Macht der Kirche zu begrenzen. Er erklärte den geistlichen Orden den Krieg und beschlagnahmte sieben Jahre vor der französischen Revolution das Vermögen der kontemplativen Orden, deren Güter verkauft wurden. Der Erlös aus diesem Verkauf belief sich auf 60 Millionen Gulden, die der Kaiser einem Fonds zuteilte, der zum Bau neuer Schulen, Krankenhäuser und zur Schaffung neuer Pfarrstellen diente. Joseph träumte also von einem in Maßen aufgeklärten, starken, angesehenen, gut organisierten Staat, in dem jeder Bürger einen nützlichen, dem öffentlichern Wohl dienenden Beitrag leisten solle.

Psychologisch gesehen ist dieses Regierungsprogramm auch als eine Reaktion gegen die „tatenarme Unfähigkeit“ des Vaters zu verstehen, der als Herzog von Lothringen Maria-Theresia, diese „Königin von Ungarn und Böhmen“, wie sie Friedrich von Preußen 1740 ein wenig abschätzig titulierte, heiratete. Es war übrigens eine im Verhältnis zu den Ehen anderer Herrscher der damaligen Zeit glückliche Ehe, eine Liebesehe. Die Rebellion des Sohnes gegen den Vater, der übrigens ein tüchtiger und erfolgreicher Wirtschaftsfachmann war, ist ja etwas durchaus Bekanntes, zumal die Mutter eine besonders ausgeprägte Persönlichkeit war. Damit kann sich die Distanz zum Vater noch mehr vergrößern. Jedenfalls hat Joseph die Abneigung gegen eine ganze Lebensund Gesellschaftsform durch seine Regierungszeit hindurch kundgetan. Sein Puritanismus ist sein „Anti“, welches er dem blutvollen barocken Vater, der mit Maria-Theresia sechzehn Kinder zeugte, entgegenrief. So wird Joseph, der seine Deutschen zu Begeisterungsstürmen hinriss, trotz seines Puritanismus zum Bürgerkaiser, der eigentlich die Ergebnisse der französischen Revolution vorwegnahm, weswegen man im deutschen Reich auch keine Bastille zu erstürmen brauchte.

Joseph – Idol deutscher Geistigkeit

Wien rückte in das Bewusstsein der Literaten, Philosophen und Journalisten, selbst in jenes der preußischen im Norden. Herder erklärte Joseph II. als nationales Idol der Deutschen:

O Kaiser du von neunundneunzig Fürsten
Und Stämmen wie des Meeres Sand
Das Oberhaupt, gib uns, wonach wir dürsten:
Ein deutsches Vaterland.

Goethe schrieb, als er von der Aufhebung der Zensur hörte, begeistert über „unsere deutsche Hauptstadt Wien“. Aufklärung und Humanismus würden durch Joseph und die anderen Fürsten den Sieg über Aberglaube, feudales Unrechtssystem davontragen. Lessing mit seinen Schriften und Schauspielen (Emilia Galotti, Minna von Barnhelm), von denen Joseph begeistert war. Dass er Lessing zum Direktor des Nationaltheaters in Wien machen wollte, hoffte auf „tugendhafte Zeiten“.

Wieland meinte, dass sich nun alle guten Menschen auf die Seite Josephs stellen müssten, den die Vorsehung zum Schöpfer einer besseren Welt ausersehen habe. Joseph wollte sich als „Deutscher“ und Kaiser des Reiches von der französischen Welt des Rokoko deutlich abheben. Er fördert alle Bestrebungen, dem Deutschen auch literarisch einen entsprechenden Stellenwert zu verschaffen. Und tatsächlich – innerhalb weniger Jahre lassen sich Spuren eines ungeheuren Wandels in den schriftlichen Dokumenten der Zeit feststellen. In den achtziger Jahren gewinnt die Sprache ungewohnte Präzision durch Vernunfthaftigkeit und grammatische Klarheit. Man denke nur an das „Grammatisch-kritsche Wörterbuch der hochdeutschen Mundart“ von Johann Christoph Adelung (1732–1806), der kurfürstlich sächsischer Hofrat und Bibliothekar war. Ähnliche Aufbrüche geschahen auf vielen anderen Gebieten. Joseph verhalf ihnen zum Durchbruch. Das Deutsche hatte, Jahrhunderte nach den anderen großen Sprachen Europas, endlich zur Einheitlichkeit gefunden. Die deutschen Klassiker, Philosophen, Forscher und Musiker – alle Zeitgenossen des Kaisers – schufen die Basis einer literarischen und philosophischen Revolution.

Schon 1776 hatte Joseph das k.k. Nationaltheater („die erste Bühne Teutschlands“) begründet. Für Lessing war klar, dass Wien und nicht Berlin oder Mannheim die größeren Verdienste um die deutsche Sprache beanspruchen konnte, denn „der deutschen Literatur verspreche ich in Wien doch immer mehr Glück als einem französischen Berlin.“

Für den deutschen Kulturraum hat Joseph sich also größere Verdienste erworben als die meisten seiner Vorfahren und Nachfolger, welche sich mehr die Verherrlichung Gottes im Sinne kirchlicher Vorstellungen  zum Ziele gesetzt haben, doch auch durch die Förderung der Künste das harte und grausame Leben lebenswerter machen wollten. Auch ist es sicherlich kein Zufall, dass im Lande der kunstsinnigen Habsburger drei der größten Komponisten der Musikgeschichte, nämlich Josef Haydn, Ludwig van Beethoven und Wolfgang Amadeus Mozart in Wien arbeiteten. Ja, Mozart ist schlechthin zum musikalischen Herold der aufgeklärten Regentschaft Josephs geworden.

Viele Maßnahmen seiner Politik waren in ihrer Radikalität sicher zu früh, vielleicht um 100 Jahre zu früh Er nahm vorweg, was sich erst später entwickelte, das Bürgerkaisertum. Erst im Wiener Biedermeier spiegelt sich dann voll die „Bürgerlichkeit“ des Josephinismus. Das Biedermeier ist sicherlich kultur- und gesellschaftsgeschichtliche Fortsetzung des Josephinismus. Die jungen Leute schnitten sich ihre Zöpfe ab und kleideten sich in schlichtem Bürgerhabit wie Joseph II.

Wegbereiter für die Gedankenfreiheit

Österreichs Eintritt in die Moderne ist von Joseph vorgenommen worden. Ohne ihn, so H. Magenschab, wäre eine „Balkanisierung Österreichs“ wahrscheinlich geworden – das Abgleiten in die Rolle des „kranken Mannes“ in Mitteleuropa. Mit großer politischer Klarsicht erkannte der Kaiser, dass der wichtigste Hebel zur Reform des Reiches wohl auf kulturellem Gebiet einzusetzen habe. Am 11. Juni 1781 erließ er das erneuerte Zensurgesetz, mit dem die Voraussetzungen eines Dialogs zwischen Monarch und Gesellschaft ermöglicht werden sollten. Dabei war Österreich immer scharf gegen das kritische gedruckte Wort vorgegangen. Im Jahre 1548 z. B. bedrohte das Edikt des glaubensstarken Karl V. die Käufer verbotener Schriften oder Bücher mit der „peinlichen Frage“, also mit der Folter. Jesuiten wurden zu Zensoren bestellt und ein Gutteil des Hasses der Gebildeten gegen sie erklärt sich aus deren inquisitorischen Schnüffelei.

Noch die Beamten Karls VI. und Maria-Theresias durchwühlten das Gepäck der Reisenden und schnüffelten in Postsendungen. Wer den Besitzer einer lutherischen Schrift denunzierte, erhielt 10 Gulden Belohnung. Die Zensur der frommen Kaiserin erstreckte sich aber auch auf philosophische und politische Schriften und jene Bücher der französischen und deutschen Aufklärer, die der Thronfolger längst gelesen hatte. Baron Sonnenfels berichtet, dass es „noch im Jahr 1750 Stand und Glück kosten konnte, wenn man sich´s anmerken ließ, daß man (im Hauptwerk Montesquieus) im „L’Esprit des lois“ geblättert habe.“ Noch 1767 erhielt ein Denunziant 100 Gulden Erkenntlichkeit, wenn gegen das Patent vom gleichen Jahre, nämlich das „Verbrechen der Freigeisterei“ verstoßen werde. So stand es also um die Geistesfreiheit, als Joseph die Möglichkeit zur Reform erhielt. Er öffnete die Türen für geistigee Freiheit. Die Religionen stellte er weiterhin unter den besonderen Schutz des Staates, so wie es ja auch heute noch vielfach der Fall ist bei den Maximen für „pressepolizeiliche Maßnahmen“.

Vor allem wurden die Indizes für verbotene Bücher aufgehoben bzw. überarbeitet, Hausdurchsuchungen aus inquisitorischen Gründen wurden untersagt, er setzte also auch das Bürgerrecht in Kraft. Buchdruckereien und Buchhandel wurden zu freien Gewerben erklärt. Auch schaffte er die Vorzensur  ganz ab. Welch eine bahnbrechende Tat! Moderner geht es kaum! Es war es bei Joseph so, dass jeder, der seinen Protest gegen Staat und Zeit, gegen das feudale System der Vorrechte äußern wollte, in seiner Kritik und Polemik, nicht gehindert wurde. Österreich hatte seinen Citoyen Habsburg. Er blieb leuchtendes Vorbild, auch wenn die autoritären und totalitären Systeme nach Joseph, so vor allem das Vormärzregime unter Metternich in Österreich, seine Reformen rückgängig machten.

1783 entstand eine neue Gerichtsordnung. Die Todesstrafe ward abgeschafft, dafür traten andere sehr empfindliche und z. T. auch rohe Strafen wie Stockschläge und Pranger, Gefängnis und öffentliche Arbeit. Die Folter hatte ausgedient, aber es gab schlimmere Strafen als den Tod, z. B. wenn man als Hofdame, Stabsoffizier, als Geistlicher, Präsident oder Adliger in grobe Kleider gesteckt, an eine Kette gebunden und mit Besen und Schaufel durch die Straßen Wiens getrieben wurde – zur Abschreckung für andere. Da gab es den Fall des Obersten von Szekely, eines gutmütigen und abergläubischen Menschen, der von einem Scharlatan den „Stein des Weisen“ erwerben wollte. Er entnahm der Regimentskasse 10 000 Gulden und wurde wegen Veruntreuung zu acht Jahren Festungshaft, begnadigt auf vier Jahre, verurteilt. Vor Antritt der Strafe musste der Oberst zwei Stunden Prangerstehen. Kurze Zeit darauf starb von Szekely, er konnte die Schande, den Verlust seiner Ehre, nicht überwinden.

Ein anderes Mal ließ Joseph einen Gerichtspräsidenten vom Amt suspendieren und gegen ihn eine Untersuchung einleiten. Der Präsident, der von einem Unterbeamten denunziert wurde, erwies sich als völlig unschuldig und verlangte, dass der Denunziant bestraft werden müsse, denn kein ehrlicher Mann sei vor Verleumdungen mehr sicher, wenn derlei Dinge üblich würden. Davon wollte der Kaiser nichts wissen und sagte: „ Sie sind doch nicht daran gestorben, und keiner wird daran sterben. Wer sich nichts vorzuwerfen hat, kann dazu lachen und zufrieden sein, daß sich seine Unschuld am Ende zeigen wird.“

Joseph in seiner Perfektionssucht wollte alle ihm bekannt werdenden „Übelstände“ abstellen, allerding mit zum Teil anstößigen Methoden, die seine Nachfolger, insbesondere Metternich, in ein autoritäres Polizei- und Spitzelunwesen verwandeln konnten. Es kann keinen humanen Rechtsstaat geben, in dem die Polizei in Wohnstuben und Schlafzimmern blickt. Übrigens das Problem im 20. und 21. Jahrhundert überhaupt, Methoden, die fatal an die Methoden, die fatal an die des Großen Bruders in Orwells Buch 1984 erinnern.

So waren die Folgen dieses Missverstehens des Kaisers zunehmende Demoralisation, Angst und Unsicherheit. Josefs suchte, alles selbst zu entscheiden und selbst zu machen, verunsicherte die Bürger, da er in die kleinsten Angelegenheiten hineinregierte und lähmte die Eigeninitiative. Es gibt Beispiele für die groteske Übersteigerung eines an sich wohlmeinenden Absolutismus, ja Despotismus, der keine Privatheit mehr anerkannte. 1786 verbot er die Erzeugung von Pfefferkuchen, weil man sich damit seinen Magen verderben könne.

Aber die Ideen der Aufklärung, mit denen er durch Unterricht und Lektüre vertraut gemacht worden war, waren für ihn ein „verzehrendes Feuer“, eine Leidenschaft, die sein kurzes Leben beherrschten. Sie beeinflussten ihn und auch seine Mitarbeiter, die später halfen, seine Ideen durchzusetzen. Aus dem Spannungsverhältnis zu seiner großen Mutter erwuchs die fruchtbarste und beste Periode seiner Regierungszeit. Denn alles, was die alternde Kaiserin nicht mehr zu tun wagte, hat der tatenlustige Sohn vorangetrieben und vielfach auch durchgesetzt.

Während seiner Regentschaft ging keine Provinz verloren, ja es gelang ihm ein Gebietszuwachs. Der Erwerb Bayerns im Tausch gegen die Niederlande blieb ihm freilich verwehrt. Der Ausbau einer zentral gelenkten Staatsgewalt und die Verbesserung des Rechtssystems, ferner die Entwicklung einer kulturellen Basis für das Volk sowie die unumgängliche Reduzierung der Macht der Kirche trieb er voran. So war Joseph Reformer und Revolutionär zugleich, der die Verhältnisse menschlicher und in die Zukunft weisend gestalten wollte – und dies auch getan hat. Für die kleinen Leute und die Bürger war das alles sehr viel.

Eine ganze Generation romantischer Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts, so H. Magenschab, viele Delegierte der Paulskirche, auch die schwarz-rot-goldenen Schärpenträger auf den Barrikaden der Revolution von 1848 in Berlin und Wien fühlten sich dem Programm des alten Reiches verpflichtet, wenn sich Klein- und Großdeutsche gegenüberstanden. In Wien marschierten die Revolutionäre zum Denkmal Josephs und drückten ihm eine schwarz-rot-goldene Fahne in die Hand. Diesem Mann, dem Zärtlichkeit und Lebensfreude versagt blieb, wurde Symbol für aufklärerische Philosophie und Staatsidee.

Kaiser Joseph II. und seine Politik gewinnen ihren vollen Sinn, indem man bedenkt, dass er sich bemüht hatte, mit den autoritären Mitteln seiner Zeit eine Gesellschaft und einen Staat zu entwickeln, die beide für den von ihm ersehnten Fortschritt noch nicht wirklich reif warens.

Literatur

Adelung, J. C. (1793): Grammatisch-kritsches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. Digitale Bibliothek 40. Berlin 2004

Fejtö, F. (1956): Joseph II. Kaiser und Revolutionär. Ein Lebensbild. Stuttgart 1956

Gutkas, K. (1989): Kaiser Joseph II. Eine Biographie. Wien, Darmstadt 1989

Koschatzky, W.(Hg.) (1979): Maria Theresia und ihre Zeit. Eine Darstellung der Epoche von 1748–1780 aus Anlass der 200. Wiederkehr des Todestages der Kaiserin. Salzburg, Wien 1979

Magenschab, H. (1962): Der Josephinismus. Die Geschichte des österreichischen Reformkatholizismus 1740–1848. Berlin 1962

Magenschab, H. (1982): Joseph II. Revolutionär von Gottes Gnaden. 1989, 4. Aufl.

Pangels, C. (1980): Die Kinder Maria Theresias. Leben und Schicksal in kaiserlichem Glanz. München 1980

Schreyvogel, F. (1964): Ein Jahrhundert zu früh. Das Schicksal Joseph II. Wien, Berlin, Stuttgart 1964

 
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