Europas militärische Schwäche


Von Gert Bachmann

Zu Beginn des Staatszerfallskrieges in Jugoslawien erörterte die politische Führung der Vereinigten Staaten, unter dem Eindruck des leichten Sieges gegen den Irak im 2. Golfkrieg, eine militärische Aktion gegen Serbien, um den Krieg kurz nach seinem Ausbruch rasch zu beenden. Sowohl die europäischen Staaten, als auch der Chef der Vereinigten Stäbe der US-Streitkräfte, Colin Powell, sprachen sich gegen eine militärische Lösung aus. Die Europäer plädierten für Verhandlungen und sahen nach dem militärischen Sieg der Vereinigten Staaten im Nahen Osten nun ihre große Stunde kommen in Form einer diplomatischen Befriedung des Balkans.

Der US-amerikanische Außenminister Eagleburger plädierte ebenfalls für eine Verhandlungslösung, jedoch schätzte er die Erfolgsaussichten der Europäer weitaus pessimistischer bzw. realistischer ein und kam zu dem Schluss, dass man es die EG versuchen lassen solle, denn sie werde es vermasseln und ihre Lehren daraus ziehen. Der weitere Verlauf des Balkankrieges gab dem Amerikaner Recht, wobei sich für den Beobachter die Frage stellt, wie weit die Europäer ihre Lehren aus dem Balkandebakel gezogen haben.

Während der begrenzten Interventionen die zwischen 1995 und 1999 in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo stattgefunden haben, wurde den Europäern deutlich vor Augen geführt, dass sie nicht über das militärische Potential verfügen, um ohne die Vereinigten Staaten erfolgreich am Balkan eine dauerhafte Friedensordnung zu errichten. Vor allem die Luftangriffe auf Serbien und die serbischen Truppen im Kosovo wurden zu 90 Prozent von der amerikanischen Luftwaffe geflogen, als sich der europäische Beitrag weitgehend auf politische Einflussnahme auf die Kriegsführung beschränkte und der NATO-Oberbefehlshaber Clark missmutig feststellen musste, dass er mit gebundenen Händen und mit einem gebundenen Fuß Krieg führen
müsse. Nach dem so genannten Kosovokrieg forcierte die EU ihre Bemühungen, ihrem Anspruch als globaler Akteur auch in der Realität gerecht zu werden, wobei sie in den Neunziger Jahren als regionaler Akteur gescheitert ist. Mit der Errichtung einer schnellen Eingreiftruppe von 60 000 Mann wollte man den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen.

Revolution in Military Affairs – Transformation der Streitkräfte

Mit den Schlagwörtern „Revolution in Military Affairs“ bzw. Transformationsprozess und Paradigmenwechsel beschrieben Politik und Militärs die umwälzenden Änderungen, die seit dem Ende des Kalten Krieges in der Kriegsführung und in den bewaffneten Kräften stattgefunden haben, vor allem in den Streitkräften der Vereinigten Staaten von Amerika.
Der 2. Golfkrieg führte mittels CNN der erstaunten Weltöffentlichkeit die militärische Übermacht der Vereinigten Staaten vor Augen, wo innerhalb kurzer die Armee eines der stärksten „Schurkenstaaten“ besiegt wurde. Entgegen dem weit verbreiteten Bild waren lediglich zehn Prozent der verwendeten Munition so genannte „intelligente“ Bomben, also lasergesteuerte Bomben oder Marschflugkörper.

Erst in den Jahren darauf vollzog sich eine technologische Entwicklung, die die Vereinigten Staaten zur unumschränkt führenden Militärmacht der Welt aufsteigen ließ, was vor allem auch auf ein militärisches Untergewicht der übrigen Mächte, vor allem Europas und Russlands, zurückzuführen ist und weniger auf ein amerikanisches Übergewicht, da die Vereinigten Staaten einen geringeren Anteil ihres BSP für ihr Militär aufwenden, als während des Kalten Krieges. Erst der 3. Golfkrieg brachte den Europäern den endgültigen Beweis, dass sie, bis zu einem gewissen Grad von den Briten abgesehen, gegenüber den Vereinigten Staaten in qualitativer Hinsicht ins Hintertreffen geraten waren. Erstmals griff man in einem militärischen Konflikt im großen Ausmaß auf intelligente Munition zurück, wo nunmehr auch satellitengesteuerte Bomben verwendet wurden. Modernste Kommunikationsund Aufklärungsmittel gestatteten es den US-Truppen einen Bewegungskrieg zu führen, der auf einen direkten und raschen Vorstoß auf das irakische Machtzentrum Bagdad abzielte, um so die Entscheidung in der ersten Phase des Krieges herbeizuführen. Widerstandszentren wie Kerbala und Nadschaf wurden durch die vorrückende 3. US-Infanteriedivision ignoriert, wobei es die Aufgabe der nachrückenden 101. US-Luftlandedivision war, die Nachschublinien zu sichern und die Widerstandsnester zu säubern. In der zweiten Phase des Krieges zeigt es sich nun, dass paradoxerweise genügend Truppen vorhanden waren, um die irakische Armee zu besiegen, allerdings zu wenige Truppen, um den Irak zu besetzen und zu befrieden.

Die europäischen Armeen erwiesen sich angesichts des 3. Golfkrieges als ungenügende Werkzeuge. In den Jahren nach dem Zerfall des Sowjetimperiums strichen die Europäer die so genannte Friedensdividende ein, während die Vereinigten Staaten auf eine umfassende Modernisierung ihrer Streitkräfte setzten. Die zahlenmäßige Überlegenheit der zusammengefassten europäischen Armeen, die großteils noch auf umfangreichen Wehrpflichtigenkontingenten beruhten oder erst vor kurzem auf Freiwilligenheere umgestiegen sind, reicht nicht aus, um den Anforderungen des modernen Gefechtsfeldes gerecht zu werden.

Stehende Streitkräfte: USA 2003, 1,450.000 EU 1,800.000
Kampfpanzer: USA 7.600 EU  9.600
Artillerie: USA 5.800 EU 12.100
Gep. Kampffzg.: USA 15.200 EU 21.200
Kampfflugzeuge: USA 2.100 EU 3.950
Gr. Transportflugzeuge: USA 600 EU 300
Gr. Flugzeugträger: USA 12 EU –
Kl. Flugzeugträger: USA -EU 6
Strateg. U-Boote: USA 18 EU 8
(Quelle: Reiter, Erich. Perspektiven globaler strategischer Entwicklung. Das Ende der Ordnung von Jalta, Mittler, Hamburg, 2003)

Dass aufgrund der Revolution in militärischen Angelegenheiten ein Kräftevergleich nicht nur anhand von Zahlen zu erfolgen hat, sondern die Qualität des militärischen Materials berücksichtigen muss, zeigt oben stehende Gegenüberstellung.

Die Zahl der zur Verfügung stehenden Soldaten sagt nichts darüber aus, welchen Kampfwert diese besitzen und ob diese für Operationen im Ausland zur Verfügung stehen.

Europa besitzt auf dem Papier zwar mehr Soldaten als die USA, muss sich allerdings noch großteils auf Wehrpflichtige abstützen, da die Umsetzung der Umstellung von Wehrpflichtigenarmeen auf Berufsarmeen bei vielen Mitgliedsstaaten der EU gerade erst im Gange ist.

Mit den beinahe 1 800 000 Soldaten, die in Europa unter Waffe stehen, fällt es ihnen dennoch schwer, die Verpflichtungen im Kosovo zu übernehmen, wo 30 000 Mann für Frieden und Stabilität sorgen sollen, also ein Einsatz langer Dauer und geringer Intensität.

Die europäische zahlenmäßige Überlegenheit bei Artilleriegeschützen und gepanzerten Kampffahrzeugen wird, durch die bereits erwähnten amerikanischen Möglichkeiten mit Präzisionswaffen, überlegener Aufklärung und Kommunikationsmitteln gepanzerte Verbände effizienter zum Einsatz zu bringen, relativiert.

Ähnlich verhält es bei den Luftwaffen, wo die USA über 2 100 Kampfflugzeuge verfügen, die großteils mit intelligenter Munition und Nachtkampfkampffähigkeiten ausgestattet sind. Hingegen verfügen die Europäer lediglich im beschränkten Ausmaße über diese Fähigkeiten und stützen sich noch auf die veralterten lasergelenkten Waffen ab.

Eine doppelte amerikanische Überlegenheit ergibt sich beim luftbeweglichen Transportraum, wo 600 großen Transportflugzeugen der USA ungefähr 300 der Europäer gegenüberstehen. Dies macht die Europäer unflexibler bei der Verlegung in den Einsatzraum bzw. bei der Versorgung der Interventionstruppen und schränkt somit den Interventionsradius ein, oder man ist gezwungen auf amerikanischen Transportraum zurückzugreifen.

An strategischem Lufttransportraum, also Großraumtransportflugzeugen, stehen den Amerika-nern sogar 250 Stück zur Verfügung, während es in Europa lediglich elf sind. Die Möglichkeit mittels in der Luft betankbarer Flugzeuge, den Einsatzraum zu erweitern, steht den USA ebenfalls offen, da sie über 550 solcher Flugzeuge verfügen, die Europäer nur über 70. Die Fähigkeitslükke beim Transportraum soll nun durch die Anschaffung des Airbus A 400 geschlossen werden, wo sich aber Probleme bei der Beschaffung und Finanzierung ergeben.

Das weitere strategische Potential der USA ist an der Anzahl großer Flugzeugträger abzulesen, welche auf allen Weltmeeren amerikanische Macht projizieren. Europa kann dem keinen einzigen großen Flugzeugträger gegenüberstellen, lediglich zwei mittlere französische Träger, zwei britische und je einen spanischen und italienischen. Des weiterem befinden sich 18 strategische U-Boote im Dienst der amerikanischen Marine, während Großbritannien und Frankreich jeweils vier im Einsatz haben.

Das nukleare, strategische Arsenal der USA stellt das europäische, das ja aus dem britischen und französischen besteht, weit in den Schatten. Die USA verfügen über das weltweit größte Atomwaffenarsenal mit 10 240 Sprengköpfen, welche von zahlreichen Waffenträgern aus zum Einsatz gebracht werden können. Das französische Arsenal beläuft sich auf 348 bis 350 und das britische auf 185 bis 200.

Die Verlagerung vom breiten Schild, zur Abwehr der sowjetischen Panzerarmeen, zum Schwert, Truppen, die in der Lage sind, fern Europas Interventionen durchzuführen, erfordert umfangreiche budgetäre Anstrengungen, die momentan lediglich in Großbritannien und Frankreich sichtbar sind.

Deutschland, welches über das größte wirtschaftliche Potenzial verfügen würde und über die größte Bevölkerung, hinkt den europäischen Verbündeten weit nach.

Betrachtet man die Größe der Volkswirtschaften und die Bevölkerungszahlen, kommt man zu dem Schluss, dass eine Steigerung des europäischen militärischen Potenzials von der politischen Bereitschaft der so genannten drei Großen: Deutschland, Großbritannien und Frankreich abhängt, bzw. den vier Großen, wenn man Italien hinzuzählt; Spanien und Polen rangieren bereits weit dahinter.

Folgende Statistiken zeigen das Potenzial der vier großen europäischen Staaten und den Rückfall Deutschlands seit dem Ende des Kalten Krieges, wobei Frankreich, Großbritannien und Italien Ende der Neunzigerjahre eine Umkehr eingeleitet haben und begannen, ihre Budgets wieder zu erhöhen.

Deutschland hingegen verfügte 1990 noch über ein etwa gleich hohes Verteidigungsbudget wie Frankreich, jedoch liegen seine Anstrengungen nun weiter hinter Frankreich, als die italienischen Verteidigungsaufwendungen hinter denen der Deutschen.

Großbritannien: Einw. 60 441 457; BSP 1 867 Mrd. $; pro Kopf 30 900 $
Frankreich: Einw. 60 656 178; BSP 1 816 Mrd.$; pro Kopf 29 900 $
Deutschland: Einw. 82 431 390; BSP 2 446 Mrd. $; pro Kopf 29 700 $
Italien: Einw. 58 103 033; BSP 1 645; pro Kopf 28 300 $
(Quelle: CIA worldfactbook)

USA: 1990, 306 170; 2000, 301 697; 2005, 472 236 Mio. $
Großbritannien: 1990, 39 590; 2000, 35 608; 2005, 52 772 Mio. $
Frankreich: 1990, 42 589; 2000, 33 815; 2005, 54 841 Mio. $
Deutschland: 1990, 42 319; 2000, 28 150; 2005 39 271 Mio. $
Italien: 1990, 23 376; 2000, 22 411; 2005, 32 397 Mio. $
(Quelle: NATO Homepage)

Die prozentuelle Aufteilung der Armeebudgets 2005 in Personal, Ausrüstung, Infrastruktur und Übriges, wobei Forschungsausgaben unter Übriges fallen, zeigt den Vorsprung der Angelsachsen gegenüber den Kontinentaleuropäern, da prozentuell geringere Personalkosten für eine effizientere Kostennutzung sprechen.  

USA:  33,2 %; 25,7 %; 1,3 %; 39,8 % 
Großbritannien:  39,1 %; 24,5 %; 2,6 %; 33,9 % 
Frankreich:  58,1 %; 21,3%; 4,7 %; 15,9 % 
Deutschland:  59,3 %; 15,1%; 4 %; 21,6 % 
Italien:  78,7 %; 10,7 %; 0,8 %; 9,8 % 
(Quelle: NATO Homepage) 

„Battle groups“ und „Kampf der Kulturen“?

Seit dem Jahre 2002 müsste die EU über eine schnelle Eingreiftruppe verfügen, welche in der Lage sein sollte, innerhalb von 30 Tagen mit 60 000 Mann eine Intervention außerhalb Europas durchzuführen, um eine Krise oder einen militärischen Konflikt zu beenden, durch den die vitalen Interessen Europas gefährdet wären.

Realistisch betrachtet steht diese Eingreiftruppe, deren Aufbau im „Helsinki Headline Goal“ umrissen wurde, nicht zur Verfügung, aufgrund der zahlreichen Einschränkungen und Bedingungen, die die Mitgliedstaaten bei der Einmeldung ihrer Truppenkontingente gemacht haben, obwohl offiziell genügend Truppen vorhanden sein müssten.

Bedenkt man das übliche Rotationsprinzip bei Auslandseinsätzen, so müssten 180 000 Mann zur Verfügung gestellt werden, da sich ein Turnus in Vorbereitung befindet, einer im Einsatz und einer, der aus dem Einsatzgebiet zurückkehrt und sich in Nachbereitung befindet. Trotz der großen Anzahl an Truppen der europäischen Armeen, ungefähr 1 800 000 Mann, war man nicht in der Lage genügend Soldaten tatsächlich verpflichtend einzumelden.

Der belgische Außenminister und nunmehrige EU Kommissar Michel war der Ansicht, man solle einfach die offizielle Einsatzbereitschaft verkünden, um den angestrebten Termin einhalten zu können, ein Lösungsansatz, der in der EU immer beliebter wird, wenn man die Uhren nicht zurückdrehen kann.

Ende 2004 griff die EU eine britisch-französische Initiative zur Belebung der Eingreiftruppe auf, die Aufstellung von 13 so genannten „battle groups“, die jeweils 1 500 Mann stark vor allem in Afrika zur Krisenbewältigung zum Einsatz kommen sollen. Im Gegensatz zur Eingreiftruppe handelt es sich um kleine flexible Kampftruppen, die bereits innerhalb von 10 Tagen im Einsatzgebiet intervenieren können sollen.

Neben vier nationalen „battle groups“, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien, werden neun multinationale „battle groups“ aufgestellt, darunter auch Norwegen gemeinsam mit Schweden und Finnland. Dänemark beteiligt sich nicht an diesem Konzept, da es darin eine Schwächung der NATO sieht.

Österreich wird gemeinsam mit Tschechien 300 Mann, und Deutschland 1 000  Mann, 200 Mann Pioniere und infanteristische Bedeckung einmelden, was eine neuerliche Diskussion über die Neutralität im Falle eines tatsächlichen Einsatzes verursachen wird. Interessant wird das Verhalten einer möglichen rot-grünen Regierung ab Herbst 2006 zu beobachten sein.

Kritische Stimmen bemerkten, dass Frankreich und Großbritannien über die „battle groups“ versuchen die Kosten ihrer postkolonialen Politik in Afrika auf die EU umzuverteilen. Aufgrund dieser Befürchtungen beteiligten sich Österreich und Tschechien an der deutschgeführten „battle group“, in der Annahme, Deutschland würde sich nicht an afrikanischen Abenteuern beteiligen.

Die erste Nagelprobe erfolgte im Februar und März 2006 als sich Frankreich und Großbritannien weigerten, die Führung einer EU Mission im Kongo zu übernehmen, die mögliche Ausschreitungen während der Wahlen verhindern soll. Der Ball wurde an Deutschland weitergereicht, welches nun nach einer Kompromisslösung mit Frankreich die Führung teilen wird und Truppen für einen räumlich und zeitlich begrenzten Einsatz in den Kongo entsendet bzw. in Europa in Bereitschaft hält. Eine Lösung, die dem 2004 angekündigten Konzept widerspricht, aber die deutschen Bedenken, wenn es zum Ernstfall kommt, widerspiegelt.

Europa bzw. die EU sehen sich im Frühjahr 2006 auch im Nahen Osten auf die Probe gestellt, wenn nicht sogar herausgefordert.

Der Streit um das iranische Atomprogramm, welches unter dem Verdacht steht, militärischen Zwecken zu dienen, wurde von der Internationalen Atomenergiebehörde an den Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen weitergeleitet. Da eine Zustimmung Russlands und Chinas zu Sanktionen gegen den Iran sehr unwahrscheinlich ist, werden die Vereinigten Staaten versuchen, mit der EU und Japan ein Bündnis zu schmieden, um die Entwicklung einer iranischen Atombombe zu verhindern. Da im Fall Iran Israel und Europa direkt bedroht sind, werden die Regierungen Frankreichs und Deutschlands sich einer harten Gangart gegenüber der iranischen Regierung nicht entziehen können. Die Aussagen des iranischen Präsidenten Amadinejad zum Holocaust waren Wasser auf die Mühlen der Sanktionsbefürworter und brachten linke Amerikakritiker und Pazifisten in Verlegenheit. Es bleibt dennoch abzuwarten, ob Deutschland und andere Staaten die politische Bereitschaft aufbringen werden, alle Stufen der Eskalation mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien mitzugehen, da es momentan so scheint, als seien zwei Züge auf Kollisionskurs und es stelle sich nur mehr die Frage nach dem Zeitpunkt des Zusammenstosses.

Der Konflikt mit dem Iran hat in Europa die Diskussion um nukleare Abschreckung und möglicher Abwehr feindlicher Angriffe von „Schurkenstaaten“ durch entsprechende Raketensysteme wieder in Gang gesetzt. Im Jänner 2006 erklärte sich der französische Präsident Chirac bereit, das französische Nuklearwaffenarsenal nicht nur zum Schutze Frankreichs sondern auch zur Verteidigung der europäischen Verbündeten einzusetzen gegen Staaten, die Massenvernichtungswaffen gegen Europa einsetzen bzw. einzusetzen gedenken.

Mit diesem Paukenschlag setze sich Chirac wieder in das europäische Rampenlicht und auf Kurs mit den vereinigten Staaten, zudem erinnerte er auch die Verbündeten daran, dass Frankreich neben Großbritannien die einzige Atommacht in Europa ist.

Für innenpolitische Kontroversen sorgten zwei ähnliche Fälle in Deutschland und Österreich. Der ehemalige konservative deutsche Verteidigungsminister Scholz forderte angesichts der neuen nuklearen Bedrohungen die deutsche Atombombe, was auch das endgültige Ende der Ordnung von Jalta bedeuten würde. Jedoch verfiel die deutsche Bundesregierung in die übliche Argumentation der deutschen Sonderrolle und Vorsichtigkeit, während die Linke Scholz vorwarf zu versuchen, nationalistisches Großmachtdenken wieder salonfähig zu machen.

Ähnlich verhielt es sich in Österreich, wo der Direktor des Büros für Sicherheitspolitik und Sektionschef im Verteidigungsministerium Erich Reiter vom seinen Posten abberufen wurde, da er eine Europäisierung des französischen und britischen Nuklearwaffenarsenals angedacht hatte, um gegenüber den Vereinigten Staaten an Unabhängigkeit zu gewinnen, da die Amerikaner ein mächtiger und somit schwieriger Verbündeter sind. Des weiteren stelle sich die Frage nach einer möglichen Überdehnung des amerikanischen Imperiums und einer erneuten Rückkehr zum Isolationismus. Dann wäre Europa auf der Weltbühne alleine gelassen und ohne Schutz. Der Verteidigungsminister begründete die Absetzung mit der Ansage, dass es nicht das politische Ziel sei, über den möglichen Einsatz von Kernwaffen nachzudenken, sondern das Streben nach der Abschaffung von Kernwaffen weltweit. Dies scheint symptomatisch für die Weigerung europäischer Politiker, sich mit strategischen Fragen und unangenehmen Problemen ernsthaft zu befassen.

Robert Kagans Bemerkung, dass die Amerikaner dazu neigen, Probleme als Nägel zu betrachten, weil sie einen Hammer haben, und die Europäer die Nägel ignorieren, weil sie eben über keinen Hammer verfügen, spiegelt sich auch in der Haltung gegenüber Palästina und dem so genannten Karikaturenstreit wider.

Nach dem Erdrutschsieg der Hamas bei den Parlamentswahlen Ende Jänner 2006 wurde die EU dazu gezwungen, gegenüber den Islamisten Flagge zu zeigen, was die Einstellung der Zahlungen an die Autonomiebehörde bedeuten müsste, die bisher ohnehin großteils auf den Bankkonten korrupter Fatahfunktionäre gelandet sind. Bisher scheint aber die EU nicht bereit zu sein, diesen Kurs zu verfolgen, da die Zahlungen weiterhin in Aussicht gestellt und lediglich an Bedingungen geknüpft wurden, deren Umsetzung ohne Ultimatum wenig glaubhaft eingefordert wird.

Beispielgebend war der Empfang des palästinensischen Präsidenten Abbas beim Ratsvorsitzenden Schüssel, der ersterem diplomatisch den Rücken stärkte, während die israelische Armee ein Gefängnis in Jericho stürmen musste, um – so die israelische Begründung – die Freilassung eines mutmaßlichen Ministermörders durch Hamas und Abbas zu verhindern.

Die Reaktion der Palästinenser erinnerte insofern an die Tage des Karikaturenstreits, als  Einrichtungen der unbeteiligten EU, der USA und des Roten Kreuzes, die gerade der humanitären Unterstützung der verarmten Bevölkerung dienen, gestürmt und verwüstet wurden.

Der Karikaturenstreit, der von den autoritären Regierungen des Nahen Ostens zugelassen bzw. initiiert wurde, spiegelt die Schwäche Europas wider, seine Werte Meinungsfreiheit und Demokratie, die es angeblich verbreiten möchte, zu verteidigen. Während europäische Botschaften, Konsulate und andere Einrichtungen in Syrien, Iran, Palästina, Libyen, Pakistan und Indonesien verwüstet und niedergebrannt wurden, beteuerten europäische Diplomaten und Politiker die Bereitschaft zum friedlichen Dialog der Kulturen, setzten die Hilfszahlungen fort, stellten die Leitartikler die Frage nach den Grenzen der Pressefreiheit und veranstalteten Jugendliche Friedensmärsche im Namen der Multikulturalität und der Offenen Gesellschaft.

Um den Anfangs skizzierten Ansprüchen, die Europa an sich selbst stellt, gerecht werden zu können, bedarf es nicht nur der politischen Bereitschaft, militärische Kapazitäten zu steigern, sondern auch der Bereitschaft im Umgang mit Akteuren, die die europäischen, westlichen Werte nicht respektieren, ja sogar herausfordern und bekämpfen, angemessen zu reagieren. Die viel beschworene „soft power“, sprich Diplomatie, Entwicklungshilfe und Demokratieexport, werden von Islamisten ebenso als Bedrohung wahrgenommen, wie die „hard power“, militärische Interventionen und Sanktionen, der Vereinigten Staaten. Daher scheint sich Huntingtons Versuch, durch den „Kampf der Kulturen“ die Weltpolitik nach dem Kalten Krieg zu erfassen, zumindest im Bezug auf den Westen und den Islam in Teilen zu bewahrheiten.

Momentan mangelt es den Europäern an beidem, an der Mentalität und an den Mitteln, obwohl in den letzten Jahren leichte Fortschritte erzielt wurden, berücksichtigt man die ersten Versuche eine Eingreiftruppe aufzustellen und die Tatsache, dass Denkverbote über Themen, wie Nukleardoktrinen, Geopolitik und Präventivschläge langsam zu bröckeln beginnen.

 
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