Adolf Pichler – Ein freiheitlicher Tiroler Intellektueller


Gedanken im Jubiläumsjahr 2009

 

Von Sigurd Paul Scheichl

Blättert man in Adolf Pichlers oft ätzenden Briefen, versteht man, warum Tirol vor neun Jahren den 100. Todestag des Dichters und Gelehrten übergangen hat. Denn Pichler war wie wenige ein Gegner des zu seinen Lebzeiten, und heute wieder, offiziellen Tirol, eine Galionsfigur des liberalen und nationalen Tirol – und eben dieses Tirol, das liberale und nationale, hat ihn 1889 und 1899 zu seinen runden Geburtstagen geehrt, hat ihm (1909) ein Denkmal an einem zentralen Platz von Innsbruck gesetzt. Inzwischen hat ihn auch dieses Tirol oder das, was davon übrig ist, vergessen. Dass heute in diesem Rahmen an ihn erinnert wird, trägt ein wenig von der Dankesschuld an diesen Mann ab, die eine Schuld des ganzen Landes wäre.

Pichlers wissenschaftliche Verdienste um die Erforschung der Alpen sind so spezieller Art, dass ihre Würdigung sich für eine öffentliche Feier kaum eignet; zu allerletzt wäre ein Geisteswissenschafter wie ich berufen, von den Leistungen des Universalgelehrten Pichler als Geologe zu sprechen. Pichlers literarischen Rang zu rühmen stünde mir eher zu, doch gehört er leider zu den Autoren, die vergessen und nicht ganz zu Unrecht vergessen sind. Ein Platz in der Literaturgeschichte ist ihm sicher, heutigen Leserinnen und Lesern hat er nicht mehr viel zu sagen. Die Verdrängung des radikalen Pichler aus dem Kanon der gelesenen Literatur mag mit der Ablehnung seiner politischen Haltung zu tun haben; aber wenn man ihn heute zur Hand nimmt – in einer Ausgabe aus den späten 20er Jahren, der letzten, die erschienen ist –, wirken seine Dichtungen fahl und fern. Die eine oder andere Novelle, die eine oder andere Landschaftsbeschreibung ist noch lesbar, lesbar, aber nicht mehr; seine Epigramme sind mit der Zeit, gegen die sich ihr Spott richtet, untergegangen. Die vor dem Ersten Weltkrieg von Georg Müller in München verlegte Gesamtausgabe in 17 Bänden ist, ach!, kein monumentum aere perennius, wie es Horaz für einen Dichter gewünscht und Pichler selbst es erwartet hat.

Warum ist dieses Mannes dennoch zu gedenken? Gewiss wegen seines Anteils an der Wiener Revolution von 1848, aber an der waren andere auch beteiligt, vielleicht an exponierterer Stelle. Gewiss wegen seines Einsatzes als Hauptmann der Studentenkompanie im Kampf gegen die Italiener 1848/49. Doch in diesen Kämpfen haben sich andere auch bewährt.

Die Bedeutung Pichlers für Tirol liegt anderswo. Der Adolf Pichler, den ich Ihnen vorstellen will, war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die zentrale Gestalt des geistigen Lebens in Tirol, die Identifikationsfigur der (damals gerade noch identischen) Liberalen und Nationalen, der Schutzherr einer Tiroler intellektuellen Moderne, die gegen den alles dominierenden Klerikalismus und die Habsburgtreue sich einen Platz in der Öffentlichkeit erobern wollte.

Geboren wurde Pichler 1819 in Erl bei Kufstein, wo sein Vater Zöllner gewesen ist. Trotz den bescheidenen und unglücklichen Verhältnissen, in denen er aufgewachsen ist, konnte er das Gymnasium in Innsbruck besuchen. In Wien studierte er dann Medizin. Nach dem Sturmjahr 1848 kehrte er als Dr. med. nach Innsbruck zurück, praktizierte aber nicht als Arzt, sondern unterrichtete am Gymnasium Naturgeschichte und Deutsch. Die philosophische Fakultät der Universität hätte ihn gerne 1851 als ersten Professor für Literaturgeschichte berufen – so wenig ausgeprägt war damals die Trennung der Disziplinen! – , das Ministerium zog einen konservativeren Kandidaten vor. Offensichtlich sollte aus der Sicht der Kollegen die Ehre einer Professur Pichler nicht wegen seiner einzigen einschlägigen Veröffentlichung zuteil werden, sondern weil ein Intellektueller wie er gut an eine Hochschule gepasst hätte. Zumal an die in Innsbruck, die seit den Reformen der Jahrhundertmitte die wichtigste Institution einer kritischen Modernisierung des Landes gewesen ist.

Ernannt wurde Pichler schließlich, 1867, zum Ordinarius für das scheinbar ideologiefreie Fach Geologie, das in Wahrheit als naturwissenschaftliche Disziplin sehr wohl ideologisches Gewicht hatte; denn das von der Kirche des ersten vatikanischen Konzils geprägte Klima in Tirol war um 1870 alles eher denn wissenschaftsfreundlich. Pichler lehrte bis 1890; gestorben ist er in Innsbruck im Herbst 1900.

Als Geologe wanderte Pichler durch alle Täler und auf alle Berge Tirols, mit dem Hammer, den auch sein Abbild auf dem Denkmal in der Hand trägt. Auf sein Äußeres scheint er zumal bei diesen Streifzügen so wenig Wert gelegt zu haben, dass der ordentliche öffentliche Universitätsprofessor Adolf Pichler Ritter von Rautenkar mitunter als Landstreicher angehalten wurde. Diese Vernachlässigung des Äußeren entspricht der Außenseiterposition, in die Pichler sich doch recht bewusst auch gesellschaftlich begeben hat. Auf den einschlägigen Seiten der Gratisblätter, die es damals noch nicht gab, würde man sein Konterfei seltener finden als das mancher heutigen Kollegen.

Pichler und die Literatur seiner Zeit

Trotz seinen Erfolgen in der Fachwissenschaft fühlte sich Pichler vor allem als Dichter. Seine Werke sind seit den 50er Jahren in angesehenen deutschen und österreichischen Zeitschriften und Verlagen erschienen: Gedichte, zumal Epigramme, Novellen, Dramen, sehr viel treffende Literaturkritik; Titel erspare ich Ihnen. Viele junge Autoren und Autorinnen aus Tirol verdanken ihm erste Förderung. Pichler war weltoffen, setzte sich mit der gesamten Literatur seiner Zeit, der deutschen, skandinavischen, französischen auseinander, las daneben die Großen der Antike im lateinischen und griechischen Original. Politisches und Literarisches hielt er auseinander: „Was ich Italien verdanke, lässt sich in Zahlen gar nicht ausdrücken.“ schreibt der Schützenhauptmann, der 1848 sein Land gegen Italien verteidigt hat, in einem Brief von 1896.

Dass der selbstbewusste Pichler sich nicht in erster Linie als Tiroler oder österreichischer, sondern als „deutscher Dichter“ gesehen hat, ist für den mit der Geschichte Vertrauten selbstverständlich. Heute muss es ausdrücklich gesagt werden, weil der neue österreichische Patriotismus auch die Literatur der Vergangenheit für eine besondere ‚österreichische Literatur’ vereinnahmen will, die es aus guten Gründen für frühere Generationen nicht gegeben hat.

Noch ein Wort zu Pichlers Patriotismus: Er war immer ein Tiroler Patriot; sehr kritisch stand er aber dem Haus Habsburg gegenüber, ohne dass man ihn trotz seinem Engagement im Jahr 1848 als Republikaner bezeichnen könnte. Anders lässt sich die sarkastische Briefstelle (vom Dezember 1879) nicht verstehen: „Wir haben die prot. Kirche eingeweiht, und ich tapfer ‚ein veste Burg’ mitgesungen. So schließt eine mehr als dreihundertjährige Geschichte ab; erst feuriger Glauben fast des ganzen Volkes, dann Henkerbeil, Folter und Scheiterhaufen unter den Habsburgern, vor vierzig Jahren die Vertreibung der Zillertaler; jetzt Glockenklang und Paukenschall und ein Hoch auf S. Majestät den Kaiser Franz Josef.“

An der Einigung des zweiten Reichs 1871 nahm Pichler mit großer Sympathie Anteil; Wien war für ihn fern, obwohl in den Briefen viele kritische Bemerkungen zur Innenpolitik stehen, in denen er sich im Wesentlichen als ein sehr unabhängiger Deutschnationaler zu erkennen gibt, mit Sympathien selbst für Schönerer.

Wenn ich Ihnen Pichler als einen habsburgkritischen, antiklerikalen (nicht antireligiösen) und weltoffenen Intellektuellen und Wissenschafter in Innsbruck vorstelle, so muss ich dieses Bild mit Informationen über das Umfeld abrunden, in dem dieser Mann gewirkt hat.

Kulturkampf in Tirol

In Tirol tobte in Pichlers Tagen ein leidenschaftlich geführter Kulturkampf, in dem die mächtige Katholische Kirche, mit dem wortgewaltigen Brixner Bischof Vinzenz Gasser an der Spitze, sich mit allen Mitteln gegen die Durchführung der liberalen Reformgesetze von 1867 auch in Tirol wehrte. Während Österreich allen Konfessionen gleiche Rechte gewährte, sollte in Tirol eine Sondergesetzgebung die ‚Glaubenseinheit’ wahren und den Zuzug von Protestanten verhindern; die Schulaufsicht sollte bei der Kirche bleiben; von der Freiheit der Wissenschaft wollte man nichts wissen. Die sich auf die Verfassung berufenden Liberalen, eine Minderheit, hauptsächlich in den Städten – und selbstverständlich an der einzigen Hochschule des Landes – , konnten nur mit Mühe erreichen, dass die Staatsgrundgesetze nach einem Jahrzehnt auch in Tirol galten! In dieser Epoche des von Pius IX. kämpferisch vertretenen Antimodernismus apostrophierte ein dichtender Tiroler Kapuziner den „Zeitgeist“ als „der Hölle schwarzen Sohn“ und bekannte lautstark, kein Wort sei ihm verhasster als „Toleranz“. Dass derselbe in seiner Agitationslyrik Pichler angriff, versteht sich von selbst.

Auf welcher Seite dieser stand, ist klar. Auf der anderen Seite stand Andreas Hofer, Andreas Hofer nicht als Person, sondern als Mythos, als neu geschaffener Mythos. Der reaktionäre Bischof Gasser vereinnahmte im Kampf gegen staatliche Schulen und konfessionelle Freiheit Hofer mit dem Satz: „Ich schätze den sittlichen Halt des Tiroler Volkes nach dem Maßstabe seiner Begeisterung und Verehrung für den Kampf und die Helden des Jahres 1809.“, wobei er mit dem „sittlichen Halt“ Kirchen- und Kaisertreue meinte und die Freiheit Tirols in dem Sinn verstand, dass das Land Widerstand gegen die aus Wien kommende Modernisierung leisten sollte.

Nachdem das Tirol des 19. Jahrhunderts die ‚Helden’ von 1809 lange überhaupt nicht gefeiert hatte und Julius Mosens Andreas Hofer-Lied hierzulande anscheinend verboten war, begann so gegen Ende des vorvorigen Jahrhunderts die Andreas Hofer-Verehrung, mit einem Akzent, dem wir vielleicht doch nicht allzu viel abgewinnen können: Hofer war (und ist im Grunde noch) der Held des katholischen Tirol, der Inbegriff der Kaisertreue, der Kämpfer gegen alles Neue und zuvörderst gegen Wissenschaft und religiöse Toleranz. Die Generation, die sich noch an das Jahr 1809 und dessen traurige Seiten erinnerte, war abgetreten – aber nicht ganz. Eben Pichler spricht von der Einstellung der Tiroler Bevölkerung zur 1848 notwendigen Verteidigung gegen die Italiener: Die Bauern wollten sich, ich zitiere aus Erinnerungen Pichlers, durch die „altherkömmlichen Redensarten von Ruhm und Treue“ nicht „foppen“ lassen; „man hat uns im Jahre 1809 zu stark angelogen, wir mögen nichts mehr wissen und bleiben hübsch daheim.“ Darin klingt die im frühen 19. Jahrhundert weit verbreitete Vorstellung an, der Wiener Hof habe die Tiroler, pathetisch gesprochen, ‚verraten’, in unserer Sprache: er habe sie im Stich gelassen. Diese in Büchern, die in anderen Ländern des Deutschen Bunds erschienen sind, auch ausgesprochene Geschichtsdeutung hat das Gedenken an 1809 in Tirol und in ganz Österreich bis etwa 1860 nicht leichter gemacht.

Nun, nach 1867, sollten die Tiroler wieder mobilisiert werden, nicht gegen einen militärisch zu bekämpfenden Feind, sondern für eine Ideologie des reaktionärsten Klerikalismus, dessen Vertreter schon darunter litten, dass das 1893 enthüllte Denkmal am Bergisel einen Hofer ohne Rosenkranz darstellt. Auch der neue Feind kam von außen: die vom Wiener Reichsrat beschlossenen Gesetze, die der Mehrheit im Tiroler Landtag missfielen.

Eine Generation, die sich nicht mehr unmittelbar an den Krieg von 1809 erinnerte, sollte durch eine Verklärung des ‚Freiheits’-Kampfes für die Position der Kirche gewonnen werden. Gasser und seine Verbündeten beriefen sich ja nicht zu Unrecht auf diesen Aufstand, der sich zwar gegen die Bayern richtete, aber nicht gegen die Bayern als Bayern, sondern gegen die Bayern als Träger aufklärerischer Reformen – gegen die das Land, ganz im Sinne Gassers, schon rebelliert hatte, als sie am Ende des 18. Jahrhunderts in der Ära Josephs II. aus Wien und nicht aus München (oder gar Paris) kamen.

Pichlers Teilnahme an der Weihe der evangelischen Kirche in Innsbruck war so kein religiöser, sondern ein politischer Akt, ein Protest gegen die kirchliche Manipulation der Geschichte im Dienst der Intoleranz.

Insofern tut es gut, gerade 2009 dieses Adolf Pichler zu gedenken. Denn ihm bedeutete Freiheit in unserem Sinn etwas, während man aus Hofer, dem doch der Begriff von ‚Freiheit’, hinter dem die ‚liberté’ der Französischen Revolution steht, völlig fremd gewesen ist, im Nachhinein einen ‚Freiheitskämpfer’ gemacht hat. Man stelle sich Hofers Entsetzen über das Jahr 1848 vor, in dem es tatsächlich um die bürgerlichen Freiheiten ging und nicht um den Widerstand gegen bayerische Schikanen. Nichts lächerlicher als die vor ein paar Wochen gegen alles historische Wissen aufgestellte Behauptung, Hofer habe für Religionsfreiheit gekämpft: Gekämpft hat er für die Volksfrömmigkeit und die Vorrechte der Katholischen Kirche; Nicht-Katholiken, hätte es sie in Tirol gegeben, wäre es unter seinem Regiment schlecht ergangen. Wie auch sonst Toleranz seine Sache nicht war. Von kirchlichen Dogmen abweichende Meinungen hat er mit Sicherheit nicht geschätzt, Meinungsfreiheit war für ihn keine Kategorie. Wissenschaft und eine Universität waren für ihn allenfalls unter Kapuzineraufsicht denkbar. Eine staatliche Schule konnte er sich nicht vorstellen; Analphabetismus hat ihn gewiss nicht gestört. Und Impfungen waren sowieso Teufelszeug. Damit stand er gegen alle Modernisierung, für ein patriarchalisches Regiment mit Mitspracherecht der Stände – aber keineswegs im Sinn einer Demokratie, wie wir sie kennen. Solche Prinzipien wollte der Tiroler Kulturkampf in Hofers Namen auf immer festschreiben.

Höchster Respekt für Andreas Hofer

Diese Rede auf Adolf Pichler soll keine Anti-Hofer-Rede werden, obwohl der diffuse 1809-Jubel dieses Jahrs beinahe geeignet wäre, mich dazu zu verleiten. Sehr wohl möchte ich Sie aber daran erinnern, dass hinter diesem Jubel ein politisches Programm gestanden hat und zum Teil, abgemildert, noch steht, das kein freiheitliches ist. Das „Ehre – Freiheit – Vaterland“ unserer Tradition ist etwas Anderes als der so genannte Freiheitskampf der Tiroler.

Meine Kritik am offiziellen Hofer-Mythos, das muss und will ich betonen, hat mit dem linken Zerrbild des Oberkommandierenden von 1809 als eines Finsterlings, eines versoffenen, feigen und mäßig intelligenten Bankrotteurs und Antisemiten nichts gemein. Hofers mannhaftem Einstehen für seine Überzeugung, seiner Redlichkeit, seiner tiefen Gläubigkeit und moralischen Integrität gebührt höchster Respekt; ebenso wie seiner Bescheidenheit, denn auch als höchster Verwalter des Landes ist er nicht zum Bonzen geworden. Doch die Ideale, für die er sich eingesetzt hat, sind nicht die unseren. Dass er den Innsbrucker Damen die Decolletés verboten hat, mag leicht komisch wirken, ja man hat angesichts der Sexualisierung des Alltags durch die Werbung vielleicht sogar Verständnis für die Vorschrift; aber in einem Land, in dem die hinter diesem Mandat stehenden Moralverstellungen das Privatleben kontrollieren, würden wir wohl doch nicht gerne leben. Wissenschafter, Investoren und Touristen hätten unter Hofer das Land nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung des Ortspfarrers betreten dürfen; Aufklärung war seine Sache nicht. Wir aber kommen mehr von der Aufklärung her als von der Herz Jesu-Verehrung.

Über Adolf Pichler sprechen – und es ist mir eine Freude, über ihn zu sprechen, in diesem Kreis über ihn zu sprechen – heißt daran erinnern, dass es auch ein anderes Tirol gibt als das Herz Jesu-Tirol, das Andreas Hofer vereinnahmt hat. Das Giftigste, was Pichler gegen den Kult mit dem Jahr 1809 tun konnte, war die Verbreitung der ihm auf glaubhafte Weise zu Ohren gekommenen letzten Worte des in Mantua verurteilten Hofer: „Dös han i a’n Kaiser Franz z’danken“. Aufgrund des Strafrechts, das die Habsburger zurück bis zum letzten Urahn schützte, konnte dieser Satz in Österreich erst nach 1918 im Druck erscheinen – aber man kannte ihn trotzdem.

An Respekt vor den rebellischen Bauern von 1809 und an Bewunderung für den Mut, mit dem sie gegen die Besatzungsmacht gekämpft haben, mangelt es mir nicht. Auch waren die Siege am Bergisel unübersehbare Signale dafür, dass es möglich war Napoleon zu besiegen, und ein Anstoß für die deutschen Befreiungskriege, in denen es dann um mehr als um nationale Unabhängigkeit gegangen ist, war die Hinrichtung Hofers ein Fanal. Dass die Tiroler sich 1809 in die Geschichte eingeschrieben haben, bestreitet niemand.

Bestreiten will ich aber, dass die Tiroler Aufständischen für Freiheit in unserem Sinn gekämpft haben. Zum Mythos sind sie und ihr Anführer Andreas Hofer in Tirol nicht geworden, weil es ihnen um staatsbürgerliche Freiheit gegangen wäre; zum Mythos hat sie das offizielle Tirol gemacht, weil sie, kaisertreu und fromm, sich dazu geeignet haben, im Kulturkampf gegen die Moderne instrumentalisiert zu werden. Täuschen wir uns nicht: Diese Instrumentalisierung gegen einen modernen, auf die Freiheit seiner Bürger bedachten Staat ist heute verblasst, nicht verschwunden.

Andreas Hofer wollen wir stets achten; aber neben ihm und manchmal auch vor ihm die wirklichen Tiroler Kämpfer für Freiheit, jene, die eine Generation nach 1809 für die bürgerlichen Freiheiten eintraten: den großen Schriftsteller Jakob Philipp Fallmerayer als Abgeordneten der Paulskirche; den aus dem kollektiven Gedächtnis völlig verbannten Juristen Sylvester Jordan, der wie Fallmerayer 1815 in Bayern blieb und als Vormärz-Liberaler ein Jahrzehnt in hessischen Kerkern saß; einen Erzherzog Johann, dem Hofintrigen das Wirken in seinem geliebten Tirol verwehrten und der seine Reformprogramme in der Steiermark verwirklichte; einen Adolf Pichler, der 1848 auf den Barrikaden für die Freiheit des Bürgers kämpfte und ein weltoffenes und freiheitliches Tirol vertritt.

Tirol besteht nicht nur aus Bergisel, Bauern, Schützen, Kaisertreue und Herz Jesu-Lied; es gibt auch ein anderes Tirol, eine Tiroler Tradition der Offenheit und der Bürgerrechte, eine Tradition des Blicks nach Deutschland und nicht nur nach Schönbrunn. Wenn niemand sonst dieser bürgerlich-freiheitlichen Tradition gedenkt, wir wollen sie hochhalten. Wie der Name kaum eines Anderen steht der Adolf Pichlers für sie.

Quellen

Adolf Pichler: Ausgewählte Werke. Mit einer biographischen Einleitung von Franz Kranewitter. 2 Bände in einem. Leipzig: Reclam 1928.

Ausbruch aus der Provinz. Adolf Pichler – Alois Brandl. Briefwechsel (1876-1900). Hg. von Johann Holzner und Gerhard Oberkofler. Innsbruck: Institut für Germanistik 1983. = Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe 15.

 
Sigurd Paul Scheichl (geb. 1942) ist Professor für Österreichische Literaturgeschichte an der Universität Innsbruck. Er lebt in Nals in Südtirol. Die Ausführungen über Adolf Pichler waren die Festrede auf dem Festkommers des Vertretertages akademischer Korporationen am 1. Mai 2009 in Innsbruck.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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