Claudia Schmied: Eine Elefantin im Porzellanladen


Von Dieter Grillmayer

Bis zum Fasching 2009 galt Bundesministerin Claudia Schmied trotz ihrer Manie, die Gesamtschule einführen zu wollen, bei kritischen Bürgern als eines der wenigen profilierten Mitglieder der Regierung Feymann/Pröll, und für Linksdenker war sie wegen dieser Manie ohnehin eine Lichtgestalt.

Und dann überraschte sie (nicht nur) die vorrangig Betroffenen mit der Ankündigung, die Lehrer hätten ab Herbst zwei Stunden länger in der Klasse zu stehen, weil ansonsten alle Reformvorhaben aus Geldmangel gestoppt werden müssten. Angesichts der im Vergleich mit dem (benachbarten) Ausland relativ niedrigen Unterrichtsverpflichtung der österreichischen Lehrer konnte der oben genannte kritische Bürger das Ansinnen der Ministerin durchaus nachvollziehen, nicht aber ihre Vorgangsweise, und schon gar nicht die Behauptung, es handle sich dabei keineswegs um eine Erhöhung der Arbeitszeit, sondern nur um eine Umverteilung. Kein Lehrer müsse länger arbeiten, er solle sich nur seine Arbeitszeit besser einteilen. Soweit Elternvertreter in dasselbe Horn bliesen, ist zu hinterfragen, ob sie das aus Blauäugigkeit taten oder aus Solidarität mit der Ministerin.

Bemerkenswert ist, dass sich die Schülervertreter nahezu geschlossen mit den protestierenden Lehrern solidarisierten. Ihr Unmut über den zwischen Schmied und der Lehrergewerkschaft schließlich ausverhandelten „Kompromiss“, nämlich die Abschaffung der „schulautonomen Tage“, ist verständlich, weil er ihre „Arbeitszeit“ ebenso wie die der Lehrer – wenn auch nur minimal – erhöht. Außerdem straft dieser „Kompromiss“ alle Leute Lügen, die vorher behauptet haben, es ginge keineswegs darum, die Lehrer mehr arbeiten zu lassen. Denn genau das ist der einzige Effekt des „Kompromisses“, abgesehen davon, dass eine vor 20 Jahren unüberlegt eingeführte Sache, die viele Probleme bereitet hat, endlich wieder vom Tisch ist. Es ist völlig klar, dass dieser „Kompromiss“ weder die Finanzierungssorgen der Ministerin mildert noch per se die Qualität der österreichischen Schule erhöht. Wortreiche Erklärungen von „Experten“ dazu waren daher überflüssig.

Die hier laufend verwendeten Anführungszeichen bei „Kompromiss“ stehen dafür, dass es sich nicht wirklich um einen solchen handelt, sondern um ein Feigenblatt, mit dem Claudia Schmied die Blöße bedeckt, an der Lehrergewerkschaft gescheitert zu sein. Aber immerhin: Elisabeth Gehrer und ihre Vorgänger haben sich auf so einen Streit erst gar nicht eingelassen. Und immerhin hat die Lehrergewerkschaft mit dem „Kompromiss“ erstmals erkennen lassen, das ihr das Ansehen des Lehrerstandes nicht ganz gleichgültig ist.

Der Kompromiss ist ein Feigenblatt

Mut ist zwar löblich, kann aber ein taktisch richtiges Vorgehen nicht ersetzen. Claudia Schmied ist hingegen als Elefantin im Porzellanladen aufgetreten. Wer etwas haben will, der muss auch etwas dafür geben. In einer Fernsehdiskussion hat eine ehemalge AHS-Direktorin ganz richtig bemerkt, es sei absurd, mit einer Gewerkschaft über eine Ausweitung der Arbeitszeit verhandeln zu wollen, ohne eine Gegenleistung anzubieten. Abgesehen von Geld, das nicht vorhanden ist, hätte die viel zu spät in die Diskussion eingebrachte gleitende Ruhestandsregelung so ein Angebot sein können. Damit ließe sich auch die in ein paar Jahren zu erwartende Krise auf dem Personalsektor abzumildern.

Weiters wäre eine Novellierung des Schulunterrichtsgesetzes und seiner Begleitverordnungen ein Thema gewesen, unter dem Aspekt, den Handlungsspielraum der Lehrer im Sinne einer effizienten Erziehungs- und Lehrtätigkeit zu erweitern. Nie vergessen werde ich die Bemerkung eines Schweizer Kollegen, nachdem ich ihm über diverse bei uns geltende Vorschriften berichtet hatte: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie man unter diesen Bedingungen erfolgreich arbeiten und Freude an seinem Beruf haben kann.“

Jeder einschlägig Informierte weiß, dass das heutige Dienst- und Besoldungsrecht antiquiert, unstimmig und ineffizient ist, weil die Leistungskomponente gänzlich fehlt. An einer großen Reform führt daher kein Weg vorbei. Die Wünsche der Lehrergewerkschaft können für den Dienstgeber, der allen Kindern, Eltern und Steuerzahlern verantwortlich ist, nicht das Maß aller Dinge sein. Als Beratungsforum, in dem alle Beteiligten zu Wort kommen, würde sich die „alte“ Schulreformkommission eignen, die in den 1990er-Jahren leider still entschlafen ist.

Zuletzt noch ein Wort zu den Schülern, die ein wenig holprig „Schmied ist unser Feriendieb“ gedichtet haben. Natürlich freuen sich Schüler, wenn die Schule ausfällt. Trotzdem: Schule ist dazu „erfunden“ worden, um gehalten zu werden, und nicht, um auszufallen. Was sich Schüler aber sehr wohl wünschen dürfen, das ist ein sinnvoller Unterricht, und zwar in jeder Stunde, die sie in der Schule verbringen (müssen).

 
HR Mag. Dieter Grillmayer war lange Jahre Gymnasialdirektor in Steyr/OÖ.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010

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