Die Sache mit der Vermögenssteuer


Ein kleines Gedankenexperiment

 

Von H. W. Valerian

Die hitzige Debatte um die Arbeitszeit der Lehrer war noch gar nicht richtig abgeflaut, da kam plötzlich der Vorschlag, die Vermögenssteuer wieder einzuführen. Österreich, so hörte man, sei ein Paradies für Reiche.

Der Aufschrei war zwar nicht allgemein – so viele Reiche gibt’s ja nun wirklich nicht −, dafür aber umso lauter: Die Reichen vermögen sich eben Gehör zu verschaffen. Woraus sich eine ungute Optik ergab: Jeder müsse seinen Beitrag leisten, hatte man den Lehrern vorgehalten, als sie sich gegen eine Verlängerung ihrer Arbeitszeit wehrten. Nun kam postwendend der Zusatz: Alle − bloß nicht die Reichen!

Doch wollen wir uns hüten, allzu oberflächlich zu urteilen. Immerhin scheint es zu stimmen, dass in Österreich Vermögen zwar relativ gering besteuert wird, die Steuerlast insgesamt hingegen über dem europäischen Durchschnitt liegt; und es könnte ebenso zutreffen, dass eine Besteuerung wirklich großer Vermögen lediglich Beträge einbrächte, die so gering sind, dass sie den Aufwand für ihre Eintreibung nicht rechtfertigten.

Um da weiterzukommen, brauchen wir Fakten, Zahlen. Also: Internet-Recherche. Der Verfasser dieser Zeilen will keineswegs vorgeben, sonderlich gewieft zu sein, und schon gar nicht, über außergewöhnliche Sachkenntnis zu verfügen. Was seine Suche zutage fördert, ist zunächst bloß eine Pressemeldung mit folgender Aussage: „Das reichste Prozent der Haushalte [in Österreich] hält 27 Prozent des gesamten Geldvermögens. Das oberste Promille (0,1 Prozent) besitzt über acht Prozent des gesamten Geldvermögens, und damit gleich viel wie die gesamte untere Hälfte der Haushalte.“[1]

Schön – aber was bedeutet das konkret? Ein kleines Gedankenmodell mag helfen, die Verteilung zu veranschaulichen. Stellen wir uns eine Kleinstadt mit 3.000 Haushalten vor. Das würde einer Bevölkerung von ungefähr zehn- bis zwölftausend Einwohnern entsprechen. Wir wollen weiters annehmen, in dieser Kleinstadt gebe es ein Geldvermögen von 500 Mio. Euro. Das entspräche in etwa dem durchschnittlichen Geldvermögen der Österreicher, welches mit € 44.351 pro Kopf angegeben wird. Zum Geldvermögen zählen Bargeld, Sparbücher sowie Aktien.[2] Andere Vermögensformen wie Grundbesitz und Realien sind nicht berücksichtigt, sie tauchen in unserer Rechnung also gar nicht auf.

Legt man die oben angeführte österreichweite Verteilung zugrunde, so ergibt sich für unsere Kleinstadt folgendes Bild:

Und das erscheint, man mag’s drehen und wenden wie man will, denn doch bemerkenswert. Ein paar Aspekte seien herausgegriffen:

Die Verteilung scheint ziemlich deutlich auf eine Drei-Klassen-Gesellschaft in unserer Kleinstadt hinzuweisen: die 5-Stelligen, die 6-Stelligen, sowie die 7- bis 8-Stelligen.

Man kann sich durchaus vorstellen, wie die Mittelschicht (die mittleren 49 %) zu ihrem Geldvermögen kommt: Da handelt es sich um gut bis sehr gut verdienende Angestellte, Freiberufler, vielleicht auch führende Beamte. Jedenfalls könnten die Vermögen durchaus mittels Arbeit erworben und angespart worden sein.

Gilt das auch fürs oberste Prozent? Zweifel sind angebracht. Man kann eher davon ausgehen, dass der überwiegende Teil dieser Vermögen nicht durch den Lohn bzw. das Honorar für Arbeit entstanden ist. Dazu sind sie einfach zu groß. So viel verdient man nicht, wenn man bloß arbeitet. Das schaut eher nach Boni oder Rendite aus und – niemals zu vernachlässigen – nach Vererbung.[3]

Auf jeden Fall bewegen sich die Haushalte im reichsten Prozent in einer ganz anderen Welt als alle anderen. Da wird nicht gearbeitet im üblichen Sinne, da arbeitet das Geld. Und es vermehrt sich. Alle Statistiken weisen darauf hin, dass die großen Vermögen in den letzten 15 bis 20 Jahren überdurchschnittlich stark angewachsen sind.[4] Ob sie durch die gegenwärtige Krise nachhaltig erschüttert werden, mag dahingestellt bleiben. Historische Erfahrung zeigt, dass eher das Gegenteil eintritt: Es leiden die Kleinen, die vom Entgelt für ihre Arbeit abhängen; Reiche bleiben reich.

Noch etwas kommt dazu: Reichtum ist Macht. Aus demokratiepolitischer Sicht ist es sinnvoll, die Unterschiede nicht allzu groß werden zu lassen. Andernfalls kann es passieren, dass plötzlich andere Spielregeln gelten. Das wäre dann das Ende der Demokratie, wie wir sie derzeit verstehen. So gesehen, gäbe es durchaus gute Gründe, welche eine verstärkte Besteuerung der größten Vermögen rechtfertigen könnten.

Was würde das aber bringen? Nun, nehmen wir an, in unserer Kleinstadt würde das Geldvermögen der reichsten Haushalte (das reichste Prozent) mit 1,5 % pro Jahr versteuert. Das ergäbe rein rechnerisch immerhin € 2,025.000. Zwei Millionen Euro – wäre das für eine Kleinstadt von ca. 11.000 Einwohnern wirklich zu vernachlässigen? Würde das wirklich nicht den Aufwand bei der Eintreibung rechtfertigen?

Bleibt der Einwand, wonach die Superreichen in so einem Falle ihr Vermögen einfach der Besteuerung entziehen würden, indem sie es woanders hin transferieren. Das mag zutreffen. Ohne die Superreichen gleich mit Gangstern vergleichen zu wollen, muss jedoch die hypothetische Frage erlaubt sein: Selbst wenn wir zu einem gegebenen Zeitpunkt zugeben müssten, dass wir einen Mafia-Paten nicht erwischen können, – würde daraus wirklich folgen, dass wir alle unsere Bemühungen einzustellen hätten? Dass es gar nicht gerechtfertigt sei, ihn überhaupt erwischen zu wollen?

Anmerkungen

[1] APA (8. April 2009).

[2] Zit. nach „News“ (30. Oktober 2006).

[3] Selbst im Land der angeblichen Tellerwäscher-Millionäre, in den USA, haben zwei Drittel der Allerreichsten (das reichste Prozent) ihr Vermögen insgesamt oder zum größten Teil geerbt: Paul A. Samuelson/William D. Nordhaus, „Economics“ (International Edition, McGraw-Hill 1995), S. 368 f.

[4] Vgl. u. v. a. James Randerson, „World‘s richest 1 % own 40 % of all wealth, UN report discovers”, The Guardian (December 6, 2006) oder „Reiche werden immer reicher“, „Der Standard“ (24. Juni 2008).

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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