Versailles und sein strategisches Ergebnis


Von Mathias Brucker

Den 90. Jahrestag des Versailler Friedens von 1919 zum Anlass nehmend – als interessierter Stratege und Militärhistoriker, der ich bin, – möchte ich dem, ach, so schändlichen und schädlichen Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg ein paar Zeilen widmen, die dem ein oder anderen neu vorkommen, ja vielleicht sogar ein wenig aufstoßen werden. Sinn dieses ungewöhnlichen Versuches ist es, für manches ansonsten Unerklärliche eine Erklärung zu finden.

Beginnen wir mit den Bestimmungen die deutschen Landstreitkräfte betreffend: Diese durften nur noch 100.000 Mann umfassen, ein Bruchteil der deutschen Armeen von 1913. Doch so dramatisch, wie das auf den ersten Blick anmutet, war das gar nicht, vor allem nicht kurz- und mittelfristig. Schließlich hatte man eine Reservearmee – nicht de jure, aber de facto – von etwa 10 Millionen Soldaten, die gerade das beste militärische Training überhaupt hinter sich hatten: den Weltkrieg. Zudem bedeutete die zahlenmäßige Beschränkung, dass die Reichswehr zu einer Elitetruppe wurde, zur besten Armee der Welt. Hitler konnte eineinhalb Jahrzehnte später die Wehrmacht vor allem deshalb so rasch aufbauen, weil die alten Kader der Reichswehr quasi das Hirn und das Rückgrat der Armee bildeten, die lediglich mit den Muskelfasern junger Rekruten aufgefüllt werden musste. Wenn Soldaten so gut ausgebildet sind, dass sie sofort die nächst höhere Funktion ausüben können – der einfache Soldat wird Gruppenkommandant, der Gruppenkommandant wird Zugskommandant, der Zugskommandant übernimmt eine Kompanie und so weiter – so ist glasklar, dass einer Vervielfachung der Armee binnen weniger Jahre nichts entgegensteht, sobald die Politik dieses Ziel vorgibt.

Werfen wir nun einen Blick auf die Flottenbestimmungen: Die deutsche Kriegsflotte musste ausgehändigt werden. Auch das war zwar für die Betroffenen eine Tragödie, jedoch keine strategische. Was hatte die Flotte außer der Feindschaft Englands denn gebracht? Sie hatte ein Vermögen gekostet, das anders eingesetzt – für das Heer – weit mehr Nutzen gebracht hätte, nämlich unter anderem einen wahrscheinlich an Sicherheit grenzenden Sieg der deutschen Landstreitkräfte. Per Saldo war die teure Kriegsflotte wohl das größte Verlustgeschäft des wilhelminischen Deutschlands gewesen – politisch, militärisch und auch finanziell.

Reparationen nach Friedensschlüssen waren zwar nicht so ungewöhnlich, aber die Höhe überstieg bei weitem alles bisher Vorgestellte. Doch im Vergleich zu den Kosten des Weltkrieges, der ebenfalls alle früheren Kriege an Intensität und Kapitaleinsatz übertraf, muteten diese schon nicht mehr ganz so arg an. Freilich war es äußerst schmerzhaft, hohe Reparationen leisten zu müssen, aber man bedenke: Damit Deutschland überhaupt zahlen konnte, musste es wirtschaftlich (wieder) groß und stark werden und bleiben; dabei war doch die eigentliche Idee, es für immer zu schwächen – dann allerdings hätte man keine nennenswerten Reparationen erhalten. Man sieht, hier biss sich die Katze der Siegerlogik schon allzu kräftig in den eigenen Schwanz.

Und die Kolonien? Die hatten sowieso weit mehr gekostet, als sie je einbrachten, wie sowieso jedes seit den 1870ern entstandene Kolonialreich. Da konnte der vernünftige Politiker wohl nur sagen: „Geht mit Gott, aber geht – ohne Schaden.“ Global operierende Wirtschaftsunternehmen mögen das vermutlich anders sehen, aber Politik und Wirtschaft stehen ja häufig in einem Spannungsverhältnis.

Der Bestand des Reiches wurde bestätigt

Was war mit der geostrategischen Position Deutschlands in Europa? Diese hatte sich trotz der Gebietsverluste durch den Wegfall der Zweifrontenproblematik erheblich verbessert; an die Stelle des unergründlich-bedrohlichen Nachbarn Russland trat das mittelgroße Polen, das zwar gerne Großmacht spielte, aber beileibe keine war, nicht einmal annähernd.

Kommen wir nun aber zum wichtigsten Brocken, den Territorialbestimmungen des Vertragswerks. Deutschland verlor ganz grob gerechnet ein Zehntel seines Territoriums sowie ebensoviel Bevölkerung. Das war zwar in der Sache hart, aber machtpolitisch nahezu unbedeutend. Denn seinen Großmachtstatus büßte Deutschland deswegen nicht ein, ja es behielt sein Potenzial in Form seiner Bevölkerung und seiner Industriemacht. Man könnte sogar soweit gehen und den Versailler Frieden als eine Art völkerrechtlicher Bestätigung Deutschlands ansehen. Denn schließlich bestätigte Versailles 1919 das Ergebnis von Versailles 1871, das Eckdatum der Reichsgründung. Das Reich blieb bestehen und wurde nicht wieder aufgelöst, etwa indem man im hypothetischen Vorgriff einen von Churchill erst 1945 formulierten Plan verwirklichte, nämlich Süddeutschland und Österreich unter habsburgischer Führung einem preußischen Norddeutschland gegenüberzustellen und so den die offensive Macht Deutschlands schon einmal lähmenden innerdeutschen Dualismus wieder zu beleben. Mehr noch folgte nolens volens aus Versailles: Die bismarcksche kleindeutsche Lösung überlebte auch den Zweiten Weltkrieg und hat – trotz vorübergehender Teilung – bis heute Bestand.

Man sieht aus dieser nüchternen strategischen Analyse: Versailles schwächte das Reich nur unwesentlich, und vermochte es schon gar nicht zu erschüttern. Der Vollständigkeit halber sei natürlich die psychologische Belastung Versailles’ für die deutsche Bevölkerung erwähnt, welche – Siegesnachricht über Siegesnachricht vernehmend – im Herbst 1918 aus allen Wolken fiel, als plötzlich feststand, dass Deutschland wider Erwarten unterlag. Der versaillessche Kriegsschuldparagraf tat sein Übriges, die Emotionen zu schüren; er war freilich politischer wie historischer Unfug. Der Krieg war in guter alter Manier kabinettsmäßig von Österreich-Ungarn gegen Serbien als quasikoloniale Strafexpedition ausgelöst und von Russland via Bündnisautomatik zum Weltkrieg ausgeweitet worden. Aber das wäre ein Thema für einen eigenen Artikel.

Das Ende der Donaumonarchie

Noch ein paar Anmerkungen zu St. Germain, dem Friedensvertrag mit Österreich-Ungarn, dem zweiten Diktat der Siegermächte. Die meisten Gebietsabtretungen auf Kosten Österreich-Ungarns waren schmerzhafte Amputationen, doch den Todesstoß für das Habsburgerreich bewirkte die Unabhängigkeitserklärung der Tschechoslowakei (CˇSR), mit Böhmen und Mähren einem Kerngebiet der Monarchie, am 28. Oktober 1918. Auch Ungarn wurde unabhängig und zugleich gebietsmäßig amputiert. Die deutschbewohnten Alpen- und Donauländer wurden zu dem, was Clemenceau „La reste, c’est l’Autriche“, benannte – bis heute als Republik Österreich bekannt. Das vier Jahrhunderte lang geeinte Mitteleuropa zerfiel.

Aus der heutigen Perspektive so manch eines Europaenthusiasten war das höchst bedauerlich. Was folgen würde, war machtpolitisch nahe liegend: Die kleinen Staaten Mittelosteuropas bildeten ein Machtvakuum, in welches mangels anderer Großmächte vor Ort entweder Deutschland oder Russland vorstoßen würde. Letztendlich passierte beides: erst deutsche, dann sowjetrussische Dominanz. Es entstand Jugoslawien, das heute auch nur mehr Geschichte ist. Nach wie vor ist der Balkan ein Unruheherd. Tja, im Nachhinein erscheint die Donaumonarchie doch nicht ganz so übel gewesen zu sein …

Um das hier abschließend ebenso kurz wie salopp zu formulieren: Der Erste Weltkrieg war das Match um den zweiten Platz im Weltmachtranking. Nummer Eins waren die USA, das war klar, schon 1913. Doch wer würde die Nummer Zwei werden? Erster Anwärter war Deutschland, das an der kriegswichtigsten und die Industriemacht eines Landes am besten darstellende Ressource Stahl gemessen (Menschen, Geld und alles andere kamen in ihrer Bedeutung erst danach) soviel produzierte wie der Rest Europas zusammengenommen. Die USA produzierten übrigens soviel Stahl wie der Rest der Welt zusammengenommen! Und obwohl Frankreich gerne der Hauptfeind Deutschlands gewesen wäre, so war es doch zu schwach, um in dessen Liga mitspielen zu können. Auch Großbritannien schied aus dem Wettbewerb in Europa aus; als Seemacht konnte es die Kontinentalmächte nicht entscheidend treffen, und das Match war schließlich eines, das zu Lande ausgetragen wurde. So gab es nur einen zweiten Bewerber um den zweiten Platz: Russland. Dieses produzierte zwar nicht annähernd soviel Stahl wie Deutschland, doch ob seiner gewaltigen Ausdehnung und seiner schieren Menschenmassen war es der zweite Bewerber in dem Match – eigentlich ein Duell – um den zweiten Platz im Weltmachtranking. Doch der Erste Weltkrieg endete in diesem Duell paradoxerweise unentschieden (höchstens mit einem leichten Punktevorsprung für Deutschland), da sowohl Russland als auch Deutschland besiegt wurden – ersteres durch letzteres, letzteres durch die USA. Die große strategische Frage blieb ungelöst und somit war nahe liegend, dass es nach einer längeren Spielpause (in der Form eines zwanzigjährigen Waffenstillstands) weitergehen würde. Der zweite Dreißigjährige Krieg, begonnen 1914, ging 1939 in seine zweite Runde.

 
Mathias Brucker, 1985, ist Werkstudent (Geschichte und Volkswirtschaft) in Wien und Reservezugskommandant im Bataillon Hoch- und Deutschmeister.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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