Wir brauchen eine dritte Aufklärung


Inwieweit ist die jetzige Weltwirtschaftskrise auch eine Krise der Moderne?

 

Von Werner Kunze

Was ist die Moderne?

Mit der Sammelbezeichnung Moderne werden heute die großen geistesgeschichtlichen, ökonomischen und politischen Umbrüche in der europäischen Geschichte seit dem 17. und 18. Jahrhundert beschrieben. In aller Kürze handelt es sich also im Wesentlichen um Aufklärung, Französische Revolution und Industrialisierung.

Die sozusagen am Reißbrett ausgedachte Moderne ist ein besonders markantes Beispiel für das Wechselspiel von Ideen und Realität. Aber auch für die Behauptung, nichts ist praktischer als eine richtige Idee, die aufnahmebereiten Menschen zum richtigen Zeitpunkt durch leidenschaftliche Propagandisten verkündet wird.

Wer die Entstehungsgeschichte der Moderne kennt, wird vermutlich verblüfft durch die Tatsache, dass wir uns unverändert an den politischen und gesellschaftspolitischen Leitideen aus dem 17. und 18. Jahrhundert orientieren, obwohl die Welt von heute nur noch sehr wenig mit den Lebensverhältnissen von damals zu tun hat.

Einerseits gehören ständige Veränderungen ganz offensichtlich zum Wesen der Moderne, andererseits verhält sie sich paradoxerweise erzkonservativ, wenn es sich um die Überzeugungen ihrer Vordenker handelt, die zur Zeit Friedrichs des Großen und Maria Theresias oder noch früher gelebt haben Dies ist praktisch die einzige Tradition, die hochgehalten wird.

Ich vertrete daher – in Übereinstimmung mit vielen anderen – die Ansicht, dass eine Renovierung der Moderne, ihrer Fundamente und ihrer Umsetzung auf einigen Gebieten nicht nur dringend erforderlich, sondern auch möglich ist. Dafür gibt es gute Begründungen, von denen hier nur einige erwähnt werden können.

Was bedeutet modern sein? Kurz und bündig könnte man dies vielleicht so beschreiben: Immer neuer, immer schneller, immer anders, immer lauter und immer weiter – kein Ziel, kein Fixpunkt. Victor Hugo hat einmal erklärt, die Wissenschaft brauche das Perpetuum mobile nicht zu suchen – sie sei es selbst.

Wir sind trainiert, „mit der Zeit zu gehen“, doch kaum jemand fragt danach, wohin uns die Zeit denn führt. Wir wissen nur, dass führen und verführen nahe beieinander liegen. Heute zeigt sich nämlich, dass das Experiment der Moderne einst zwar mit großem Elan und bewundernswertem Idealismus erdacht, aber auch mit einigen Utopien und Fehleinschätzungen in die Tat umgesetzt wurde.

Deshalb wird die Moderne zunehmend konfrontiert mit inneren Widersprüchen, äußeren Grenzen, Missbräuchen und ärgerlichen Banalitäten, die eben bei jeder Umsetzung von Ideen in die Realität anzutreffen sind. Vor allem große Ideen und Ideale verlieren auf dem langen Weg bis hin zum real existierenden Menschen einen Großteil ihrer Aura.

Aktuelle Weltwirtschaftskrise

Heute spricht und diskutiert alle Welt, vom Stammtisch und den Medien bis hin zu Politkern und zum Bundespräsidenten, über eine Neujustierung von Wirtschaft und Moral, vom Überdenken bisheriger unverantwortlicher Verhaltensweisen. Fest steht jedenfalls, dass diese Krise, je länger sie dauert, auch noch nicht abzusehende gefährliche soziale und politische Auswirkungen haben kann.

Überall macht sich der Wunsch nach einem Neuanfang breit, der vor wenigen Jahren noch auf taube Ohren gestoßen wäre. So werden fast täglich wieder frühere Regeln bemüht wie Anstand, Haftung, Eigenverantwortung und Erziehung. Wenn alle diese Appelle tatsächlich zu einer nachhaltigen Bewusstseinsänderung führen sollten, hätte, diese Krise am Ende doch noch eine positive Auswirkung.

Es ist gut, dass heute nicht nur oberflächliche Fragen gestellt werden. Die entscheidende ist für mich die, ob die tiefen Vertrauensverluste und Irritationen, die diese Krise ausgelöst hat, wie üblich nur auf unvermeidbares menschliches Fehlverhalten zurückgeführt werden, das mit einigen Vorkehrungen in Zukunft vermieden werden könnte, oder ob, darüber hinausgehend, erkannt wird, dass diese Krise auch systemimmanente Ursachen hat. Ob also, mit anderen Worten, diese Krise letztlich auch im System der Moderne selbst begründet ist. Wenn dies der Fall ist, sind Therapiemöglichkeiten naturgemäß eingeschränkt. Dass es früher oder später zu einer solchen Debatte kommen musste, war mir und vielen anderen seit langem klar. Überraschend ist nur der jetzige frühe Zeitpunkt.

Wir haben es fraglos auch mit einer Krise der Moderne zu tun. Denn die Ursachen für die jetzige Krise sind gewiss nicht nur im leichtsinnigen Verhalten von Managern oder Versäumnissen von Regierungen zu suchen, sondern letztlich auch in der Eigendynamik moderner Prinzipien. Jedenfalls in ihrer eigenwilligen, vor allem US-amerikanischen Interpretation. Dabei schlugen Habgier und Verantwortungslosigkeit stärker zur Buche als Vernunft. Eigentlich ein Eigentor der Moderne! Schlimm ist jedenfalls, dass das Vertrauen in den Liberalismus, die Marktwirtschaft und die Regierungskunst der Parteien in Zeiten der Globalisierung ebenfalls gelitten hat.

Ob es bereits d i e Krise der Moderne ist, lässt sich noch nicht beurteilen. Viel wird davon abhängen, ob es den Staaten gelingt, die Krise in überschaubarer Zeit zu überwinden und Vorkehrungen zu treffen, um Krisen dieser Art in Zukunft möglichst zu verhindern. Ich bin da im Zweifel, denn Staat und Wirtschaft spielen sozusagen nicht in der gleichen Liga. So hat Deutschland bekanntlich das komplizierteste Steuersystem der Welt, das zudem besonders engmaschig geknüpft ist. Dennoch finden Spezialisten immer wieder neue legale steuerliche Schlupflöcher. Wenn Menschen sich nicht selbst ethische Schranken setzen, können Gesetze und Gerichte allein auch nicht viel ausrichten.

Beispielhafte Problembereiche der Moderne

So wäre es m. E. angebracht, die Frage zu stellen, warum die Vordenker der Moderne aus damals verständlichen Gründen vor allem kluge Barrieren gegen politischen Machtmissbrauch ausgedacht hatten, Stichwort Gewaltenteilung, die meisten aber dem Missbrauch von Freiheit wenig Aufmerksamkeit schenkten. So führt kein Geringerer als der Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio in seinem vorzüglichen Buch „Die Kultur der Freiheit“, 2005, aus:

„Die herrschende Kultur des Westens ist ganz ersichtlich an immanente Grenzen gestoßen, sie ist erschöpft, wie nach einer durchtanzten Nacht, ihr Make-up ist rissig“

Und so lautet denn auch seine Schlussfolgerung:

„Es mehren sich die Symptome eines größeren Wandels oder sogar einer tiefen Krise.“

Zu den Kennzeichen der Moderne gehört ferner unser hoch spezialisiertes Ausschnittwissen und Beurteilungsvermögen. Wir sind, wie noch nie in der Geschichte, von der Zuverlässigkeit anderer, also vom Wissen aus zweiter und dritter Hand abhängig. Ein Bauer hatte etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch 70 bis 80 % dessen selbst verstanden, um was es in seiner Arbeit und in seinem Umfeld geht. Er fühlte sich dadurch auch geborgen.

Der heutige Fortschritt mit seiner immensen Arbeitsteilung hat uns eine komplizierte Welt beschert. Die Bemühungen der Medien, diese komplexen Zusammenhänge mundgerecht zu servieren, sind problematisch. So erklärte der kolumbianische Aphoristiker Nicolas Gomez Davila (–1994) ganz pointiert:

„Was nicht kompliziert ist, ist falsch.“

Ist dies der mediale Ausweg, weil die Welt inzwischen so kompliziert und unverständlich geworden ist? Oder, noch schlimmer, wollen die Medien mit diesen Banalitäten ablenken von den großen ungelösten Problemen der Zukunft: wie demographische Schieflage, der unvermeidbaren Krise des Sozialstaates, nicht integrationswillige Migranten, oder allgemein die Grenzen der Regierbarkeit in einer globalisierten Welt?

Was für ein Verfall der aufklärerischen Ideen Kants, der noch das „autonome Individuum“ beschwor und aufforderte, Mut zu haben, „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Er verband mit der Aufklärung die Hoffnung und Erwartung, wie er 1784 in unnachahmlicher Weise schrieb, vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündig ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“.

Was ich an Kant besonders schätze ist sein Realismus, den andere Aufklärer vermissen ließen. Er war nämlich realistisch genug um zu erkennen, dass diese aufklärerischen Aufforderungen von einem, wie er sagte, „so großen Teil der Menschen aus Faulheit oder Feigheit“ nicht erfüllt werden, „weil sie gern zeitlebens unmündig bleiben und es Anderen so leicht (machen), sich als Vormünder aufzuwerfen.“

200 Jahre nach Kant belegen zahlreiche Erfahrungen die Richtigkeit seiner Befürchtung. So vertrat auch der frühere Bundespräsident Martin Herzog in seinem 1998 veröffentlichten Buch über die „Herrschaftsformen der Staaten der Frühzeit“, eine ähnliche Auffassung: Er schrieb darin:

„Die Neigung des Menschen, sich zum Herrscher über andere aufzuschwingen und übrigens auch unsere Neigung, sich auf die Herrschaft anderer einzulassen, ist offensichtlich tiefer verwurzelt, als man in unserer auf Freiheit getrimmten Welt mitunter annehmen möchte – ganz abgesehen davon, daß ja auch bei uns oft sehr schnell der Ruf nach dem Staat ertönt.“

Damit offenbart sich uns bereits ein grundsätzliches Problem der Aufklärung, der Freiheit und der Demokratie. Diese Ideale benötigen bekanntlich den mündigen Bürger, wie wir heute sagen. Bürger also, die gut informiert sind, selbst urteilen können und die ihre Freiheit zu eigenverantwortlichem Handeln nutzen. Was aber, wenn die Anzahl derer, die zu all dem fähig sind, in einer Massendemokratie nicht gerade überwältigend groß ist? Wie heißt es in diesen Fällen: Wenn die Theorie nicht mit der Praxis übereinstimmt – um so schlimmer für die Praxis! Diese Problematik war sicherlich auch Anlass für die Bemerkung des Bundesverfassungsrichters Böckenförde, wonach die Demokratie von Voraussetzungen lebe, die sie selbst nicht schaffen könne.

Der Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen geht noch einen Schritt weiter, indem er lakonisch feststellt:„Die Prämissen der Aufklärung sind tot, nur ihre Konsequenzen laufen weiter.“ Kant wäre darüber vielleicht nicht unbedingt überrascht, aber dennoch bestürzt.

Anlass und Beweggründe für die Moderne

Unsere Zeit ist intensiv durchdrungen und geprägt von dem, was wir unter den Begriffen Neuzeit, Moderne und Zeitgeist verstehen. Alle drei hängen zusammen.

Die Moderne ist ein Ergebnis dieser Neuzeit. Mit beiden Impulsen sollte die Welt und das Leben der Menschen in ihr auf ganz neue Grundlagen gestellt werden. Das überaus ehrgeizige Ziel war die Beseitigung der ewigen Not durch Erkenntnis und Beherrschung der Naturvorgänge sowie der ewigen Unterdrückung durch die Gewährung gleicher Freiheitsrechte für alle im Rahmen demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen. Was war der Anlass für diese Hoffnung, die seit ewigen Zeiten höchstens erträumt werden konnte?

Der neuzeitliche Rationalismus hat gezeigt, welche Kräfte im Menschen schlummern, wenn er sich von überkommenen Bindungen befreit. Die Physik hat ganz neue Wege beschritten und damit bewunderte Erfolge bei der Entschlüsselung von Naturgesetzen und den darauf basierenden Vorhersagen erzielt. Ich nenne nur die Namen Galilei, Kopernikus, Kepler Newton, Leibniz. Ähnliches leistete die Chemie.

Fast gleichzeitig wurde die Erde Stück für Stück nicht nur geographisch entdeckt und kartiert, sondern auch von Europäern erobert. All dies hat eine Stimmungslage erzeugt, die das Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen der Europäer gewaltig anwachsen ließ. Nachdem wir die Welt immer besser verstehen und in der Lage sind, sie und die Natur zu beherrschen, war es – so dachten viele Geister dieser Zeit – nur noch ein kleiner logischer Schritt, auch die Geschicke des Menschen und sein Zusammenleben selbst in die Hand zu nehmen. Ein unerhörter, weltgeschichtlich einmaliger Vorgang!

Die Erfolge der Naturwissenschaften im 16., 17. und 18. Jahrhundert und weiter haben jedenfalls eine enorme Euphorie erzeugt, die überspitzt gesagt, zur Überzeugung führte, nicht Gott oder Götter könnten fortan uns Menschen helfen, vielmehr müssten wir selbst unser irdisches Schicksal in die eigene Hand nehmen. Physik statt Metaphysik war gewissermaßen die ausgegebene Parole.

Auf der materiellen Ebene schien also alles in eine gute Zukunft zu führen. Was lag näher, als das Zauberwort Vernunft auch beim Menschen anzuwenden. Hier waren die Defizite offenkundig und unerträglich. Unaufhörliche Religionskriege, Unterdrückung durch Feudalherrschaft, Rückständigkeit, Not etc.

Die Hoffnung und Erwartung, den Fortschritt auch auf den Menschen und sein gesellschaftliches Zusammenleben zu übertragen, war der folgenschwere Auslöser der Moderne. Die aufklärerischen Ideen führten bekanntlich in der Französischen Revolution zur Entladung. Doch bereits hier zeigte sich in aller Brutalität, wie idealistisch ausgedachte Ideen bei ihrer Umsetzung missbraucht und verfälscht werden können.

Die Moderne ist also nur vor der Grundfolie neuzeitlicher Ideen zu verstehen. Ideengeber war, wie es nicht anders sein kann, die Philosophie, vor allem eines ihrer Steckenpferde: der Rationalismus. Zu Recht hat daher auch Max Weber die Neuzeit als das Zeitalter des okzidentalen Rationalisierungsprozesses bezeichnet.

Von Beginn der Neuzeit an bis heute sind von zentraler Bedeutung die nüchtern abwägende Vernunft und der rationale Verstand. Andere Orientierungsgrößen wie Gefühle, Emotionen, Intuition, Meditation oder gar Mythen und religiöse Vorgaben, hat die Aufklärung mit dem negativen Verdikt des Obskurantismus belegt.

Wie könnte man den modernen Dreiklang in die Sprache der Musik umsetzen? Etwa so: Die Neuzeit gibt die Tonart und den Takt an, die Moderne spielt die Melodie und der Zeitgeist, der kleinere Bruder der Moderne, variiert sie.

Die drei Leitgedanken der Moderne

Zu den Leitgedanken der Moderne gehören vor allem folgende drei:

  • Der Rationalismus, also der dominierende Impuls der Aufklärung und der Neuzeit. Die Überzeugung, dass nicht transzendente Mächte unser diesseitiges Leben verbessern, sondern der nüchterne, sich frei entfaltende menschliche Geist. Konkret bedeutet dies, dass nicht mehr geistliche Würdenträger, Könige und Adel den Ton angeben, sondern Forscher, Entdecker, Erfinder und fortschrittliche Politiker. Der Mensch als Macher stößt in den Mittelpunkt des Interesses, viel weniger der Denker, Dichter, Künstler oder Gottsucher. Später erobern Entertainer, Popstars und Fußballer die Gunst der Massen.
  • Ein spezifisches optimistisches Menschenbild.
    Am Anfang einer jeden Ideologie (im ursprünglichen neutralen Sinne ist auch die Moderne eine große Ideologie) steht jedenfalls ein bestimmtes Menschenbild. Die meisten Fehler werden aber gerade auch am Anfang gemacht.
    So macht es eben einen großen Unterschied aus, wenn Kant erklärt: Aus so krummem Holze, aus dem der Mensch geschnitzt ist, kann nichts Gerades gezimmert werden, und der Brite Thomas Hobbes verkündet: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Oder ob der Franzose de Maistre sogar erklärt, der Mensch sei zu schlecht, um frei zu sein. Oder aber ob Rousseau sehr viel wohlwollender, ja schmeichelhafter meint, der Mensch sei von Natur aus gut, nur Eigentum, Gesellschaft und Institutionen hätten ihn verdorben.
    Den Vordenkern der Moderne ist natürlich kein Vorwurf zu machen, dass sie Darwin und Freud noch nicht gekannt und von moderner Hirnforschung noch nichts gehört haben. Dass aber Schwärmer, bis hinein in die Politik und in die Medien, die Erkenntnisse moderner Verhaltensforschungen nicht zur Kenntnis nehmen wollen, ist der eigentliche Skandal.
    Das Menschenbild der Moderne war somit in wichtigen Teilen überzeichnet, utopisch oder es basierte auf falschen Annahmen. Deshalb konnte die Moderne auch auf diesem Gebiet nicht die in sie gesetzten Hoffnungen und Erwartungen erfüllen.
  • Die konsequente Verdammung und Ablehnung von Traditionen. Seither gilt bis heute: Neu ist automatisch gut, alt ebenso automatisch schlecht. Bisweilen nimmt der Novitätenwahn und der Veränderungsdrang groteske Züge an. Vormodern und unaufgeklärt zählten noch zu den geringsten Vorwürfen gegenüber den vorangegangenen Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte.
    Noch nie in der Weltgeschichte haben jedenfalls neue Ideen in dieser Breite und Penetranz so radikal mit allem Bestehenden und Überlieferten gebrochen.

Was hat die Moderne gebracht? 

Wenn über die Errungenschaften der Moderne, über Erfolge und Fehlentwicklungen gesprochen wird, werden die drei Hauptpfeiler: wissenschaftlich-technischer Fortschritt, aufklärerische Ideen und ihre konkrete Umsetzung durch die Französische Revolution regelmäßig nicht genügend differenziert betrachtet. Diese drei wichtigsten Komponenten der Moderne haben nämlich in unterschiedlicher Weise zum Erfolg der Moderne beigetragen.

  • Überragende Bedeutung hatte und hat der ökonomische, der wissenschaftliche und technische Fortschritt. Heute lebt ein Hartz IV-Empfänger in vielerlei Hinsicht besser als ein König im Mittelalter. Die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfahrungen auf medizinischem Gebiet haben der Menschheit gar nicht hoch genug anzusetzende Vorteile gebracht.
    Der alles überragende Erfolg liegt also im modernen rationalen Wirtschaften. Milliarden Menschen mit dem Nötigsten und sogar Luxuriösen zu versehen, ist eine zivilisatorische Leistung ersten Ranges, die nicht mit Hinweis auf materialistische Denkweisen abgetan werden kann. Hunger und Not haben die Menschheit von Anfang an begleitet. Dank der Moderne sind diese Zeiten für viele Menschen nur noch Geschichte. Niemand kann und darf dies klein reden!
  • Ebenfalls hoch zu schätzen sind selbstverständlich auch die Freiheits- und Menschenrechte, die Befreiung von feudaler Unfreiheit und die demokratischen Verfassungen. Wir alle wissen dies zur Genüge.
  • Die Umsetzung der großen aufklärerischen Ideen lag und liegt dagegen weit unterhalb der Erwartungen. Der Grund ist m. E. der, dass diese Ideen im Grunde genommen weitgehend von Intellektuellen und für Intellektuelle ersonnen wurden.

Das entscheidende Ziel, autonome d. h. nicht fremdgesteuerte Individuen zu erschaffen, die rational und tolerant handeln und bei allem Egoismus auch noch das Gemeinwohl im Auge haben, blieb daher vielfach ein intellektueller Wunschtraum. Die Aufklärer selbst waren sich ihrer hohen Ansprüche bewusst. So ist es kein Zufall, dass ursprünglich nicht alle Menschen zum Adressatenkreis dieser Botschaften gehörten. Moderne Massengesellschaften und moderne Meinungsmacher lagen erst recht jenseits der Vorstellungen der Aufklärer. Gleichheit bzw. Gleichmacherei wiederum entsprangen viel weniger aufklärerischem Denken, sie waren vielmehr Ergebnis der Französischen Revolution.

Die Prinzipien der Moderne waren schließlich auch Ursache dafür, dass der moderne Staat glaubt, riesige Beträge umverteilen zu müssen, um denjenigen psychisch und materiell zu helfen, die nicht fähig oder in der Lage sind, ihr Leben eigenverantwortlich zu führen. Die Moderne benötigt offenbar einen gewaltigen Reparaturbetrieb, um jene Schäden zu lindern, die in vielen Fällen ohne die Moderne so gar nicht entstanden wären. Der Sozialstaat war eine Erfindung, aber auch eine Notwendigkeit der Moderne. In vormodernen, agrarwirtschaftlichen Zeiten sorgten bekanntlich in der Regel die Familien für alte, kranke oder behinderte Angehörige und Hofsassen. Wir wissen, wie wenig von diesem familiären Sozialverhalten heute noch übrig ist.

Die ethisch-moralischen Transformationen und die Folgen von Tempo und Beschleunigung sind ebenfalls Ursache für manche aktuelle Misshelligkeiten. Dazu Eckard Fuhr in der „WELT“ am 18. Februar 2006: Die Moderne habe mit der in ihr angelegten Beschleunigung in der Spätmoderne einen kritischen Punkt erreicht. Wörtlich: „Salopp formuliert, bedeutet das, in der Spätmoderne frißt sich die Moderne selbst auf. Das ‚Projekt der Moderne’ erledigt sich“.

Wie geht es weiter?

Die Erfolge der westlichen Moderne sind derart eindrucksvoll, dass die geschichtsempirische Frage gestellt werden muss, ob gerade darin, also in der Machtüberdehnung der Zenit auch der Moderne erreicht ist.

Wir erleben jedenfalls eine spannende Phase der Moderne, in der sie mit früher unbekannten Grenzen und Barrieren zu kämpfen hat. Grenzen der Expansion, weil inzwischen fast die ganze Welt eine einzig globalisierte geworden ist, die Landkarten keine weißen Flecken mehr aufweisen, weil Ressourcenverknappung und Umweltbelastung ein Weiter-so einengen bzw. verhindern. Und weil schließlich der Mensch selbst zum Engpass geworden ist, da die evolutionäre Entwicklung seines Gehirns, trotz großer Leistungsfähigkeit, nicht darauf gerichtet war, äußerst komplexe menschliche, politische und technische Probleme im Weltmaßstab zu lösen. Dies zu erkennen, ist für den Geist der Moderne neu und außerordentlich beunruhigend. Menschliche Lösungskompetenz scheint jedenfalls auf vielen Gebieten den Sachproblemen hinterher zu hinken.

Wer es trotz der Unvorhersehbarkeit der Zukunft genauer wissen will, möge sich die selbstkritische Frage stellen, wer beispielsweise im Jahr 1909 ahnen hätte können, wie die heutige Welt aussieht und was dazwischen alles passieren würde?

Wie könnte dessen ungeachtet die Zukunft der Moderne aussehen? Entweder schreitet die Moderne im Westen unverändert weiter, dann wird sie von ihren eigenen Problemen und Grenzen ausgebremst. Oder sie erhält sozusagen eine Runderneuerung und eine zeitgemäße Anpassung. Oder es ereignet sich im 21. Jahrhundert eine Machtverschiebung, die dann auch neue Grundsätze für das individuelle und kollektive Leben nach sich ziehen würde, über die wir heute nur spekulieren können. Die Wissenschaft spricht bei diesen Vorgängen heute gern von Kontingenz. Das heißt schlicht, es kann so oder auch anders kommen.

Wenn auch die pure Bevölkerungszahl allein nicht ausschlaggebend ist, so ist es dennoch schwer vorstellbar, dass die westliche Moderne davon unberührt bleiben wird, wenn nach Schätzungen der UNO im Jahr 2050 fast 80 % der Weltbevölkerung in Afrika und Asien leben werden und nur 5% bzw. 7 % in Nordamerika bzw. Europa:

„Wir tappen, was die Zukunft unserer westlichen Gesellschaften angeht, völlig im Dunkeln“, stellt daher auch Udo di Fabio fest.

Was also tun?

Alles Menschenwerk ist grundsätzlich veränderbar, verbesserungsfähig. Die Moderne darf sich von diesen, einer ihren wichtigsten Überzeugungen, nicht ausschließen. Noch stemmt sie sich energisch gegen jede Form von folgenreichen Operationen. Wir erleben bislang nur Symptombehandlung. Noch wird versucht, einen Knochenbruch mit Auftragen von Heilsalbe zu behandeln.

Es gibt viele Stimmen, die eine sachliche, aber uneingeschränkte Diagnose zum Ausgangspunkt für therapeutische Überlegungen fordern.

Wir sind aber noch nicht soweit. Die Moderne in toto ist im Westen noch zu fest in den Köpfen der Menschen verankert und sie wird von den Mächtigen auch als unantastbar in allen Teilen verteidigt. Es wird den Menschen also suggeriert, man könne die Moderne nur als Ganzes erhalten, also die unbestrittenen Errungenschaften zusammen mit der einen oder anderen Fehlentwicklung. Damit werden alle Verbesserungsvorschläge im Keim erstickt. Da die Moderne aber, wie erwähnt, aus unterschiedlichen Komponenten zusammengesetzt bzw. konstruiert ist, ist diese Behauptung Unsinn oder ein durchsichtiges Manöver derjenigen, die aus Uneinsichtigkeit oder Eigeninteresse alles beim Alten belassen wollen.

Tatsächlich steht die Moderne insgesamt überhaupt nicht zur Disposition. Es erscheint zum Beispiel völlig ausgeschlossen, dass etwa der wissenschaftlich-technische Fortschritt zum Erliegen gebracht werden kann oder soll, die individuellen Freiheitsrechte eingeschränkt oder die Demokratie abgelöst werden könnte.

Wir brauchen eine dritte Aufklärung

Ich plädiere seit längerem für eine dritte Aufklärung, die die eine oder andere Leitidee der zweiten Aufklärung von vor über 200 Jahren auf den Prüfstand stellt. Und zwar unter Berücksichtigung der heutigen Lebensverhältnisse, der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der geschichtlichen Erfahrungen über den Menschen. Als die erste Aufklärung erachte ich übrigens die Klassik der griechischen Antike.

Die Liste der guten Absichten und mangelhaften Realisierungen ist lang. Freiheit wird immer mehr missbraucht und falsch verstanden, Gleichheit fehlinterpretiert, Solidarität zu sehr als Machtinstrument des Staates verstanden, Toleranz nicht selten überdehnt bzw. erzwungen, Bürgerwille oft missachtet, ethisch-moralische Bindekräfte vernachlässigt usw.

Kurz: Was hat sich als Fiktion oder Wunschtraum erwiesen, was hat Bestand und was sollte angepasst werden? Eigentlich eine genuine Aufgabe für den modernen rationalen Verstand und eine sich an Zeiterfordernissen orientierende Übertragung einer der grundlegenden modernen Ideen:

Das Riesenexperiment der Moderne hat eben im ganz Großen bestätigt, was auch im Kleinen gilt: Noch so gut gemeinte Pläne zeigen ihre Unzulänglichkeiten erst bei der praktischen Durchführung. Der Realismus, die Ernüchterung und Nüchternheit unserer Zeit rühren auch daher, dass wir zuviel von dieser Tragik der Idealisten kennen gelernt haben. Wir verwechseln nicht mehr so schnell gut mit gut gemeint.

Die revolutionären Ideen der Moderne sollten Grundlage für eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte sein. Heute wissen wir, dass alle Revolutionen leicht ausgedacht, aber niemals ohne große Enttäuschungen umgesetzt werden können. Die Moderne bildet da keine Ausnahme. Die Gründe dafür sind: prinzipielle Unwägbarkeiten, die Unverfügbarkeit der Folgen, Einseitigkeiten, Überdehnung, Verschleißerscheinungen, Missbrauch, falsche Annahmen.

Die spannendste Frage unserer Zeit lautet daher: Besitzt die westliche Moderne noch so viel Kreativität und Energie, soviel Überzeugungskraft und Zustimmung, und schließlich auch noch Geschick und ideologische Flexibilität, um ihre bisherige Rolle auch in der Welt des 21. Jahrhunderts angepasst fortsetzen zu können? Überraschend ist allerdings, dass solche Schicksalsfragen im Westen nicht mehr im Gefühl robuster Selbstsicherheit gestellt und diskutiert werden.

Unsere Zeit mit ihrem Erkenntnisstand hat es in der Hand, die Tragik der Moderne zu vermeiden, die möglicherweise eines Tages darin bestehen könnte, dass der Mensch, der großartige Macher und Superman, der sich erdreistet hat, alles selber in die Hand zu nehmen, am Ende womöglich als der kleine Wicht dasteht, der einerseits den Kampf mit der Natur und ihrem langen Atem und andererseits das friedliche Zusammenleben der Menschen im vernünftigen Einklang von Freiheit und Gemeinsinn mit seinen Mitteln doch nicht gewinnen konnte. So oder so, wird dennoch jeder, der Sinn für Größe hat, dem grandiosen menschlichen Ehrgeiz seine Achtung nicht verweigern.

 
Dkfm. Werner Kunze
, 1927, Friedrichshafen, ist als Autor vieler Veröffentlichungen bekannt geworden, darunter u.  a. folgender Bücher:

  • Zurück zur Natur? – Biologie im Spannungsfeld von Politik und Kultur (Aschau 2000)
  • Wahrheit und Gewißheit? – Wie steht es heute darum (Aschau 2002)
  • Die blockierte Gesellschaft – Die deutsche Jahrhundertkrise (Tübingen 2005)
Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010

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