Vom Glück des guten Lebens


Die Mesotes-Lehre des Aristoteles (384–322 v. d. Z)

 

Von Jochen Schaare

Alle Menschen wollen wohl glücklich sein. Die Suche nach dem Glück im Sinne eines Glücklichseins, des gelungenen, erfüllten, schönen und sinnvollen, des guten Lebens veranlasste von der Antike bis heute zahlreiche Untersuchungen. In seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie stellt Hegel lakonisch fest: „Das allgemeine Prinzip der gesamten Philosophie vor Kant ist die Glückseligkeitslehre gewesen.“ Aber auch Kant bestreitet – entgegen gängiger Meinung – nicht das Faktum, dass alle Menschen nach dem Glück streben. In der Kritik der praktischen Vernunft heißt es: „Es kommt allerdings auf unser Wohl und Wehe in der Beurtheilung unserer praktischen Vernunft sehr viel, und, was unsere Natur als sinnliches Wesen betrifft, alles auf unsere Glückseligkeit an … aber alles überhaupt kommt darauf doch nicht an.“ Auch in der Gegenwart ist es so, dass Glücksvorstellungen über richtiges und erfülltes Leben eine wichtige Rolle spielen. Zeitgeistige Medien sind voll solcher Abhandlungen.

Bei Aristoteles nun finden wir den ersten groß angelegten Versuch einer systematisch-wissenschaftlichen Abhandlung über das Glück. Für ihn steht nämlich fest, dass es ein höchstes Gut gibt, dass das menschliche Handeln einen Endzweck hat; dieses höchste Gut ist das Glück. Es ist – nach über 2000 Jahren – oftmals noch Ausgangspunkt einer Untersuchung über das Beglückende des Zusammenlebens von Menschen. Offensichtlich hat die Philosophie der Neuzeit auf diese elementare Frage nach wie vor keine allgemein gültige Antwort.

Die Nikomachische Ethik des Aristoteles hingegen traut sich zu, Glück zu definieren und einen allgemeingültigen Weg zum Glücklichsein zu zeigen; sie befasst sich nämlich in hohem Maße – und darin unterscheidet sie sich von allen Schriften verwandten Inhalts – mit dem Glück in der Wirklichkeit und ihren Erscheinungen, fordert nicht den „vollkommenen Menschen“ und gibt auch keine Anleitung zum vollkommenen Leben. Sie gibt eine Analyse des ethischen Verhaltens, also zur Tauglichkeit, Bestheit (areté), Besonnenheit, Standhaftigkeit, Klugheit und zu Untertugenden wie Wohlberatenheit, Überlegenssorgfalt, Unterscheidungskompetenz, Ausdauer, Verständigkeit, Auffassungsgabe und Situationsgespür, indem sie Tugenden des Verstandes, der Betrachtung und des Nachdenkens untersucht und beantwortet.

Dabei kennzeichnet der Denker das vollendete Ziel als etwas Autarkes, Selbstgenügsames: „Das vollendet Gute muss sich selbst genügen… Als sich selbst genügend gilt uns … das, was für sich allein das Leben begehrenswert macht, so dass es keines Weiteren bedarf.“ So stellt sich also zentral die Frage nach den tragfähigen Tugenden, die das Leben lebenswert machen. Anerkanntermaßen sind das Tugenden, die zum Glück führen sollen, zur Glückseligkeit, die sich in den Lebensweisen zeigen.

Erfahrung gegen Utopie

Dabei zeigt sich die Stellung des Philosophen in der Welt. Bei Platon scheint die Welt so geartet, dass die „Machtergreifung der Einsicht und die Einsichtsgewinnung der Macht“ durch den Philosophenkönig (Wolfgang Kersting) ein anthropologisches Paradoxon ist. Platon spricht von den heillosen, sittlich verderbten Zeiten, in denen nur der Philosoph Rettung bringen könne. Aber wann hat es je andere Zeiten gegeben? Platon zeigt sich hier als Utopist. Aristoteles entwickelt ein völlig anderes, teilweise sogar „entgegensätzliches Philosophieverständnis“. Er philosophiert erfahrungsgeleitet und hält es für unmöglich, realitätsgerecht von einem ideell gesetzten archimedischen Punkt heraus zu philosophieren, um die Philosophie gewissermaßen vor ein geschichtsloses, ewiggültiges Forum der Vernunft zu bringen.

„Der aristotelische Philosoph ist kein Philosophenkönig, sondern ein Bürgerphilosoph, der mit den Bürgern philosophiert, um sie zu besseren Bürgern zu machen. Sein Lebensraum ist die gesellschaftlich sittliche Normalität, nicht, wie bei Platon, die politisch-ethische Krise, die nach einem radikalen Neuanfang, nach einer revolutionären Umorientierung verlangt. Der bürgerphilosophisch angeleitete Prozess der ethischen Besserung muss sich auf die Lebenserfahrung der Bürger stützen, setzt als unerlässliche Gelingensbedingung ein gewisses Maß an charakterlicher Reife voraus“ (Wolfgang Kersting).

Aristoteles richtet sich also an die politisch erfahrenen Bürger, die aus eigenem Leben wissen, worum es geht, und die aus eigener Kraft ihre individuelle Lebensführung verbessern können. Lebensunerfahrene junge Leute mögen Logik und Mathematik studieren, aber für Ethik und Politik sind sie noch nicht reif, weil sie ihren Affekten und Leidenschaften ausgeliefert und sie innerlich noch ungefestigt sind. Er meint also, dass diese über ethische Tugenden wie wirksame affektkontrollierende und affektformierende Einstellung als gefestigte Haltungen und Handlungsgewohnheiten noch nicht verfügen können. Mit seinen ethischen Anschauungen vertritt der Philosoph also die vorherrschenden Ansichten des erfahrenen und gebildeten Menschen seiner Zeit. Sie sind also nicht wie bei Platon mit religiöser Mystik durchsetzt. Auch enthalten sie keine so ketzerischen Theorien über Eigentum und Familie, wie sie nur Utopisten zu eigen sein können. Das Buch wendet sich also an ehrbare Menschen mittleren Alters.

Aristoteles war der typische Gelehrte, der sich selbst erst dann genügte, wenn er gründlichen und sachlichen Boden unter den Füßen fühlte. Er ist stets als Realist vorgegangen. Dieser ganz empirische Geist betrachtete alles genau und objektiv. Thassilo von Scheffer kennzeichnet ihn folgendermaßen: „Er fixierte die Natur und las aus ihrer Beobachtung die Regeln, die er dann aufstellte, ebenso ab, wie er bei Kulturerscheinungen und auf geistigem Gebiet erst alles Material überblickte, um dann Schlüsse auf das Wesentliche zu ziehen. So ist Aristoteles Begründer der wissenschaftlichen Physiologie, der Anatomie, der Tierkunde; er hat ein für allemal die Grundregeln der Logik aufgestellt, die Elemente der Politik und Staatsverwaltung geordnet, die Gesetze der Dichtkunst festgelegt, die Ethik vor so viel utopischen Verallgemeinerungen auf einen gesunden Boden gerettet, das Wesen der Rhetorik untersucht und so noch vieles mehr.“ Die Ideenwelt, die Platon in den Himmel baute, konnte Aristoteles für seine Erde kaum brauchen. Er befreite die Ideen von ihrer unveränderlichen Übersinnlichkeit und legte sie in die Dinge selbst „als einen Formgedanken“, der mit der Sinnenwelt identisch ist und in ihrem ständigen Wechsel konstant wiederkehrt. Er reduzierte das Übersinnliche auf die Sphären des Empirischen. „In jedem Einzelding der Welt“, so der Philosoph, „befindet sich schon Stoff und Form in einer solchen Korrelation, dass kein ungeformter Stoff und keine stofflose Form besteht.“

Mäßigung und Ausgleich

Das Ziel des Lebens zeigt sich nun in der Nikomachischen Ethik im bios: Im bios apolaistikos frönt man dem Genuss, im bios politikos dem öffentlich-politischen Leben mit dem Streben nach Ehre und Tugend, im bios chrematistikos richtet man sein Leben auf Gelderwerb und Reichtum und im bios theoretikos (vita contemplativa) auf die philosophische Betrachtung und die Erlangung von Weisheit. Zu jeder Lebensform gehört ein Endziel, sie streitet um die „wünschbarste Lebensform“. Die Glückseligkeit ist dabei das Allerbegehrenswerte, ohne dass sie in unserer Macht stünde. Gemeint ist damit ein „gewisses Leben“ unter Hinblick auf das Leben im Ganzen. Der Imperativ tugendgemäßen Handelns lautet demgemäß: „… immer dasjenige Tun, was unter den jeweiligen Umständen das Beste ist … gemäß vollendeter Tugend tätig (zu sein) und dabei mit den äußeren Gütern wohl ausgestattet ist, und das nicht bloß eine kurze Zeit, sondern ein ganzes, volles Leben lang.“

Die grundlegenden sittlichen Tugenden (aretai ethike) bürgerlichen Lebens, also treffliche Haltungen wie Mut, Mäßigkeit und die dazugehörige Klugheit erwerben wir durch Belehrung und Gewöhnung. Er warnt aber vor extremen Formen: „Wer jede Lust genießt und sich keiner enthält, (wird) zügellos, wer aber jede Lust flieht, wie die sauertöpfischen Leute, verfällt in eine Art Stumpfsinn.“ Rechte Erziehung bestehe darin, Lust und Unlust auszugleichen, denn es ist „Sache der Tugend, sich richtig zu freuen, zu lieben und zu hassen. Also muss man nichts so sehr lernen und sich angewöhnen wie das richtige Urteilen und die Freude an anständigen Charakteren und an schönen Handlungen.“

Das „Strebevermögen“, welches wir besitzen, und zwar von Natur aus, nimmt also erst durch Gewöhnung in der Erziehung bestimmte Ausrichtungen und Haltungen an. Diese erworbenen Charakterdispositionen nennt Aristoteles hexis (Haltung, Einstellung), gemäß deren wir uns gut oder schlecht zu den Affekten verhalten. Mesotes nun bedeutet, wonach man vom jeweiligen Affekt nicht zuviel und nicht zuwenig haben sollte; sie ist also eine Tugend des Maßes und der Wohlgeratenheit. Wer sich daran gewöhnt, überall nur Hindernisse und Gefahren zu sehen, der wird zu Feigheit neigen; andererseits: Wer ohne Furcht ist und vor nichts zurückweicht, der verhält sich tollkühn. Wir sollen also eine Mitte anstreben, die gewiss keine arithmetische Mitte zwischen einem Zuviel und Zuwenig ist, sondern meint eine Mitte des Richtigen. Dies wäre die Tapferkeit im weiteren Sinne, Tapferkeit im bürgerlichen Leben, denn damit sind keineswegs nur kriegerische Tugenden gemeint, wiewohl Aristoteles auch die Helden der Ilias und der Odyssee noch als wirkmächtig im Auge hat, also Tapferkeit als tapferes Verhalten bei Lebensgefahr im Kriege. Demgemäß wäre Feigheit ein Übermaß an Furcht mit der Tendenz zur Flucht. Mit diesem Affekt der Furcht regiert die Person auf die Meinung, dass ihr ein Übel geschehen wird. Aber im Sinne der mesotes muss ein Ausgleich, eine Annäherung an das tapfere Verhalten erfolgen, womit eine Untertugend, die des Beharrens und Standhaltens in der Gefahr auf den Plan tritt. Es kommt also stets darauf an, die Mitte zwischen einem Mangel und einem Übermaß zu finden. Das gilt in diesem Zusammenhang auch für die Beherrschtheit und Unbeherrschtheit.

Der Mut als Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit

Der Vernünftige, der Gute soll danach streben, dass er sich in den unterschiedlichsten Anforderungen des Lebens eine Übereinstimmung mit sich selbst verschafft. Innere Konflikte soll er durch den Widerspruch zwischen verschiedenen Wünschen, zwischen faktischen Antrieben und überlegtem Wollen ausgleichen und zum Ziel führen. Hingegen im Bild des Schlechten zeigt sich, dass seine Seele gespalten und in Aufruhr sich befindet. Denn er ist zwischen unmittelbaren Antrieben und überlegtem Wollen hin- und hergerissen. Er kann sein Leben nicht als Ganzes bejahen, weil er später, wenn sich schädliche Folgen einstellen, sein Tun bereuen wird.

Die Schlechten, so Aristoteles, wählen nämlich anstelle dessen, was ihnen gut erscheint, das Angenehme, welches schädlich ist, die anderen wiederum unterlassen aus Feigheit und Trägheit, das zu tun, was ihnen das für sie Beste zu sein scheint. Eine einseitige Befolgung gegenwärtiger Lust kann angesichts der Existenzbedingungen der Menschen keine sinnvolle Lebenskonzeption sein. Man muss auch ein Maß an Unlust in Kauf nehmen und in das Ganze des Lebens einordnen, damit nicht negative Affekte der Reue mit Selbstvorwürfen das Leben als Ganzes beeinträchtigen. Ursula Wolf weist auf diesen Tatbestand hin und sagt, dass ein Wesen, das überlegt leben kann und Maß hält in der richtig genutzten Affektivität, „den Rückstoß seiner bisherigen Lebensweise erfährt, eine Bedingung der Selbstbejahung oder Zufriedenheit mit seinem Leben insgesamt …, dass es sich von seinen verschiedenen faktischen Wollensinhalten nicht blind bestimmen lässt, sondern sich zu ihnen verhält oder zu einem reflektierten Umgang mit ihnen fähig ist, so dass sie sich in Überlegungen über das gute Leben im Ganzen einpassen lassen.“ Dies entspräche der mesotes; so kann man sagen: Mut ist die Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit, Freigiebigkeit zwischen Verschwendungssucht und Knauserigkeit, Selbstbewusstsein zwischen Eitelkeit und Selbsterniedrigung, schlagfertiger Witz zwischen Possenreißerei und Flegelhaftigkeit, Bescheidenheit zwischen Schüchternheit und Unverschämtheit. Alles immer aber im Sinne einer treffenden Richtigkeit.

Von allen Extremen sich fernhalten

Aristoteles ist der Meinung, dass eine große Anzahl der Menschen nicht dahin gelange, selbständig zu überlegen, was zu tun gut und richtig, trefflich sei. Sie lebe vielmehr nach momentanen Antrieben und müsse daher ständig weiter erzogen werden. Der Philosoph gibt die Faustregel: Man solle, da das exakte Treffen des Guten und Richtigen so schwer sei, versuchen, sich von den Extremen fernzuhalten. Reines Luststreben führe häufig zu unrichtigen Handlungen. Das richtige Verhalten erfordere eben eine geeignete Charakterdisposition, die phronesis (Klugheit), nämlich die Fähigkeit, die Situation richtig zu beurteilen und im Hinblick auf das menschliche ergon (Werk, Leistung) in die richtige Handlung umzusetzen.

Aber auch die Guten, Menschen also, die Ziel- und Wertsetzungen verfolgen wollen, werden sehr bald in der Wirklichkeit auf Widerstände stoßen, welche den Lebensvollzug hemmende negative Affekte hervorrufen. Derjenige, der sich bei negativen Erfahrungen in die Untätigkeit zurückzieht, wird aber an den Rückwirkungen dieser Lebensweise leiden, und das Ganze des Lebens, welches den Glücksentwurf bereithält, wird verfehlt, jedenfalls wird es eingeschränkt. Aber auch auf der passiven Seite der Existenz wird das Leben verfehlt, wenn die negativen Affekte wie Furcht und Mutlosigkeit überhand nehmen. Es muss also noch etwas anderes hinzukommen, welches Aristoteles mit Standhaftigkeit bezeichnet. Sie ermöglicht trotz aller Widerständigkeit der Realität die Möglichkeit der aktiven Verfolgung eigener Zielsetzungen.

Das bedeutet, dass es zwei Grundtugenden gibt, die in jeder Weise für das gute Leben erforderlich sind: Besonnenheit im Umgang mit den eigenen Wünschen, und Standhaftigkeit mit Bezug auf das Erleiden in der Verfolgung der gewollten Lebensweise angesichts von Hindernissen und Störungen. Dies sind Grundbedingungen, Voraussetzungen, damit es überhaupt im Sinne der Bestheit zu einer Übereinstimmung mit sich selbst führen kann. Affekte und Strebungen sind psychische Vorgegebenheiten oder Materialien, mit denen wir ausgestattet sind. Zwischen Mangel und Übermaß liegt die richtige Mitte psychischer Verfassung. Sie besteht also darin, dass wir uns zu unserem Wollen und Erleiden einheitlich im Sinne der mesotes verhalten und in ein gutes Leben integrieren, d.h. unser Strebevermögen im Sinne einer „einheitlich reflektierten Haltung“ zugrunde legen. Das meint ja die Rede vom Leben als Ganzes, als Quelle dauerhafter Zufriedenheit.

Kritisch gegenüber der Askese

Damit ist aber nicht die apatheia, die Empfindungslosigkeit, gemeint; Aristoteles ist realistisch genug, eine solche Affektlosigkeit gar nicht erst anzustreben, da sie uns auch besten Vermögens berauben würde. Ein solcher Asketismus liegt Aristoteles ferne, denn in einer Welt, in der negative Erfahrungen unvermeidlich sind, ist völlige Unabhängigkeit von ihnen nur möglich, wenn man sich alles Wollen und Leiden abgewöhnt. Deshalb rückt der Philosoph vom Ideal der apatheia entschieden ab. Ursula Wolf betont: „ Der Standhafte ist derjenige, der Furcht, wo sie angemessen ist, in der Tat empfindet, der aber motiviert dadurch, dass Standhaftigkeit Bestandteil des kalon (des Guten, des Edlen) ist, sich tapfer verhält. Die Mesoteslehre lässt sich daher als Versuch verstehen, eine befriedigende Lebensweise zu bestimmen, die zwischen den beiden Extremen der Selbstaufgabe auf der einen Seite und der apatheia auf der anderen Seite steht.“ Der Vorteil dieser mittleren Lebensweise liegt darin, dass sie der inneren Natur des Menschen und den äußeren Bedingungen seiner Existenz Rechnung trägt. In ihr behalten die Affekte ihr volles Recht. Das ist deswegen ratsam, weil nur derjenige, der überhaupt Strebungen und Affekte hat, sich involvieren und positive Erfahrungen machen kann, wo immer sich Gelegenheit bietet.

Affekte sind ja nicht nur Gefühlsphänomene, sondern haben auch einen kognitiven Gehalt, insofern sie sich auf eine Meinung über einen Sachverhalt, eine Situationsdeutung beziehen, die wahr oder falsch sein können, oder in weiteren Urteilsbezügen stehen. Es kommt also auf eine „Mitte im Sinn der Sachangemessenheit des Affekts“ an, damit man das „moralisch Richtige“ treffen kann. Der phronimos (der Kluge) ist also jemand, der gut zu überlegen vermag mit Bezug auf das Glück im Ganzen und der die Affekte zu produktivem Verhalten umsteuert, da er immer einen Spielraum erkennt, den er zu nutzen vermag. Es geht also nicht um eine Unterdrückung der Affektivität, sondern um ihre richtige Kanalisation. Der Kluge ist also für positive Erfahrungen, die sich bieten, offen und entwickelt das Gefühl, mit den inneren und äußeren Situationen angemessen umzugehen und das Gleichgewicht zu wahren.

Daraus ergibt sich für Aristoteles, dass sich Standhaftigkeit und Besonnenheit aus der existenziellen Verfassung des Individuums heraus als notwendige Bedingungen des guten Lebens erweisen. Hinzu tritt noch die Untertugend der Ausdauer bei der Verfolgung eines Zieles. Sie alle ergeben sich aus der Struktur der individuellen Existenz als Grundbestandteile des guten Lebens. Der Treffliche, der Kluge lebt also in Übereinstimmung mit sich selbst, indem er der Tugend folgt, die als „Strebevermögen“ in ihm selbst liegt.

 
Jochen Schaare ist Pädagoge und lebt in Salzgitter.
Sein Buch „Erziehung zur Autonomie“ wurde von D. Grillmayer in Heft 1/2006 der Genius-Lesestücke besprochen.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010

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