Verharmlosung von Jugendkriminalität


Der „Fall Krems“ im Spiegel des Zeitgeistes

 

Von Gerald Brettner-Messler

Kind wurde Verbrechensopfer infolge einer Paranoia! Was ist passiert? Hat ein verrückter Lustmörder zugeschlagen? Nein, ein 14-jähriger wurde bei einem Supermarkt-Einbruch in Krems durch eine Polizeikugel getötet. Im einleitenden Satz hier wurden lediglich Worte verwendet, mit denen das Geschehnis auf der Homepage der Grünen beschrieben wurde. Gemeint mit Paranoia ist die herrschende „Einbruchsparanoia“, das „Verbrechen“ der Ausgang der Amtshandlung. Polizisten als Verbrecher und Verrückte – soweit die Weltsicht der Grünen. Wäre das nicht alleine schon bedenklich genug, wird es noch problematischer, wenn verschiedene Medien in eine ähnliche Richtung gehen, nämlich Fehlverhalten und Verbrechen zu relativieren und zu verharmlosen. Die Solidarisierung mit Verbrechern besitzt in der politischen Linken eine gewisse Tradition. Man denke an die prominenten Beispiele der Vielfachmörder Udo Proksch und Jack Unterweger.

Dass viele Medienmacher ein Herz für die linksradikale Kleinpartei haben, findet allein durch eine Presseschau der letzten Wochen Bestätigung, gibt doch das berühmte Sommerloch reichlich Gelegenheit, die Anliegen dieser Partei zu ventilieren: Was sagt die grüne Stadträtin zum geplanten Haider-Museum, was tun zur Aufarbeitung des Justizskandals von 1934 (Todesurteile an sozialdemokratischen Aufständischen) usw. Die Ansichten der Grünen sind in Reaktionsstuben äußerst gefragt. Diese unheilige Allianz von Grünen und Medien – durch Umfragen von Journalisten indirekt zugegeben, indem sich rund ein Drittel als Wähler dieser Partei deklarierten –, behindert den öffentlichen Diskurs und resultiert in einem verzerrten Weltbild, da medial die Haltung der Bevölkerungsmehrheit, die glücklicherweise anders gelagert ist, nicht aufgegriffen wird, sondern lediglich einer Minderheit ein breites Forum zur Darstellung und damit zur Propagierung ihrer Ideen gegeben wird.

Politiker und Medien sollen selbstverständlich kritische Fragen stellen und kritische Fragen gibt es in dem Fall mit Recht zur Genüge zu stellen. Ein Toter infolge einer polizeilichen Amtshandlung ist keine Kleinigkeit. Das Leben ist das höchste Gut des Menschen, der Staat und seine Behörden haben das Äußerstmögliche zu seinem Schutz zu unternehmen. Verbrecher sollen nicht mit dem Schlimmsten rechnen müssen, wie Landeshauptmann Pröll gemeint hat, aber sehr wohl wissen, dass sie nicht das Erstgebrauchsrecht für Waffen haben bzw. einen Vertrauensvorschuss hinsichtlich ihrer Gewaltlosigkeit bei der Polizei genießen. Organe, die das Recht schützen, müssen auch sich selbst schützen dürfen. Der Autor muss in diesem Zusammenhang daran denken, dass man in den USA bei Verkehrskontrollen durch die Polizei ruhig mit den Händen am Lenkrad sitzen bleiben soll, da Herumhantieren als Bedrohung aufgefasst werden könnte.

Relativierung von Verbrechen

In österreichischen Medien ist man kreativ, wenn es um die Relativierung von Verbrechen geht. Gearbeitet wird mit allen möglichen Mitteln. Überlegungen, welche strafrechtliche Konsequenzen die Polizisten erwarten, sollten sie dieses oder jenes Delikt verübt haben, suggerieren Fehlverhalten der Beamten. Gern wird auch das junge Alter der Täter exkulpierend erwähnt. Hans Rauscher nannte sie im „Standard“ wiederholt „halbwüchsig“. Der eine Einbrecher war allerdings bereits 16, damit also sogar wahlberechtigt! Der Nationalrat wird somit (auch) von „Halbwüchsigen“ gewählt. Sollen Wahlergebnisse also nicht mehr für voll genommen werden? Das Unrecht eines Einbruches ist jeder Person dieses Alters klar. Der Gesetzgeber trägt dem Rechnung, indem er Menschen ab 14 Jahren nicht mehr als unmündig erkennt.

In „Presse“ und „Standard“ wurde Kritik an der U-Haft für den zweiten Beteiligten geäußert. Der Autor ist mit der Rechtspraxis in diesem Bereich nicht vertraut und will das Verhalten der Behörden daher nicht bewerten. U-Haft im Falle eines Vorbestraften erscheint ihm aber nicht überraschend. Rauscher hat im „Standard“ in einem anderen Fall die U-Haft von Jugendlichen nicht grundsätzlich verworfen, während er im gegenständlichen Fall kein Verständnis aufbringt. Der andere Fall waren die Attacken in der Gedenkstätte Ebensee. Die Justiz hingegen hat dort, wo der Journalist Differenzierung anmahnt, gleich gehandelt.

Das Fernsehen zeigt Demonstranten gegen die Polizei. Wer sind die Leute? Angehörige, Freunde oder vielleicht doch Angehörige von linksradikalen Kleingruppierungen, die aus der Sache Kapital schlagen wollten. Selbst die einst bürgerliche „Presse“ hat Verschiedenes anzumerken: Das Hirn des Getöteten war dem Alter gemäß im Umbau begriffen (und daher vermutlich ausgeschaltet?) und die Eltern hätten das Ereignis „(…) wohl mit rigorosen Kontrollen und einem Vorhangschloss verhindern können. Hätten sie das sollen?“ So gefragt kann man nur antworten: Ja, da hätten sie tun sollen! Für den Burschen wäre es angesichts des Geschehenen wohl besser gewesen.

Anstatt Polizei-Schelte wäre über Erziehung zu diskutieren

Medial zeigten sich die Eltern nur gegenüber der Informationspolitik der Sicherheitsbehörden kritisch. Ob sie ähnliche Maßstäbe bei sich selbst anlegen, konnte zumindest der ORF nicht klären. Vermutlich war ihm gar nicht darum zu tun, ging es ihm doch vor allem um das Fehlverhalten der Polizei. Den Eltern und ihren Anliegen wurde ein Bärendienst erwiesen, denn im besten Fall wurde der Eindruck vermittelt, dass sie die Verantwortung für das fatale Ende eines auf die schiefe Bahn geratenen Sohnes alleine auf die Behörden abschoben, ohne die Frage nach eigenem Versagen in Erziehung und Beaufsichtigung zu stellen. Natürlich können Kinder Erziehungsberechtigten entgleiten. Aber wenn schon über einen konkreten Fall gesprochen wird, so ist das Interessante, über das Gegenständliche hinaus grundsätzliche Überlegungen anzustellen und Erkenntnisse zu gewinnen. Als Außenstehender weiß man sowieso nicht, was und wie sich der vorliegende Fall im Detail zugetragen hat. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, macht wenig Sinn. Aber dass die Erziehung des Knaben nicht funktioniert hat, steht außer Diskussion, und dass entsprechende Obsorge und Aufsicht (gerade wenn das Hirn vielleicht wirklich im wahrsten Sinn des Wortes aussetzt) Fehlentwicklungen verhindern können, ist wohl keine Fehlannahme. Dass ein Halbwüchsiger die Nächte mit einem vorbestraften Freund verbringt, ist eindeutig ein Beispiel von Scheitern von Erziehung. Der seltsame Fatalismus Marke „Da kann man nichts machen“ ist der falsche Weg. Es wäre erfreulich, wenn darüber Einigkeit herrschen würde. Denn Jugendlichen können und sollen sehr wohl Schranken gesetzt werden und auch eine richtige Lebensführung kann ihnen vermittelt werden. Wenn ehrliche Bemühungen solcher Art trotzdem scheitern, so fällt das in den Bereich menschlicher Tragik.

Aber sehr oft hat man das Gefühl, dass heutzutage Orientierungslosigkeit und Relativismus herrschen.

Fehlentwicklungen müssen beim Namen genannt werden

Bisweilen wurde ein Faktum dieses Falles nicht klar zur Sprache gebracht: Die Jugendlichen haben eine Straftat verübt, ihr Verhalten war kriminell, auch wenn ihr persönliches Umfeld das ein wenig anders sehen dürfte. Wie ist es sonst möglich, dass in Zeitungen Fotos zu sehen sind, die eine Gedenkstätte für den toten Jugendlichen zeigen, die gleichzeitig als Fläche für Angriffe auf die Polizei dient. So konnte man die Zeilen lesen: „Fuck all Police Fuck Fuck Fuck Fuck Ihr Huren Söhne Fick auf alle ihr Scheiß Kindermörder Bullen“. Andere Stellungnahmen bewegten sich bei einer gemäßigteren Wortwahl auf der gleichen Ebene. In beiden Fällen ist die geäußerte Kritik weit davon entfernt, Diskussionsgrundlage für Anliegen der Jugendlichen zu sein, weil vollkommen unreflektiert, aggressiv und von einer tendenziell asozialen Lebenseinstellung zeugend. Sie aufzugreifen hieße, sie als berechtigt anzuerkennen.

Was treibt Jugendliche zu solchen Stellungnahmen? Frustration, Perspektivlosigkeit, mangelnde Zuwendung und Erziehung, Charakterschwächen, verzerrtes Rechtsempfinden. Nicht die Worte der Jugendlichen sollten ernst genommen werden – die demonstrierte Geisteshaltung ist indiskutabel –, sondern die tieferliegenden Ursachen. Die Fehlentwicklungen gehören beim Namen genannt und nach Möglichkeit korrigiert. Das wäre ein Thema, das im Zusammenhang mit dem Fall in Krems medial nicht erörtert wurde, aber im Interesse der Gesellschaft wert wäre, behandelt zu werden. Denn das Unglück begann nicht mit dem Einbruch in den Supermarkt, sondern lange davor. Wir blicken mit Schrecken nach Frankreich, wo es in Vorstädten immer wieder zu Chaos und Gewalt kommt. Auch in Österreich haben wir Problemviertel, wie das Kremser Umfeld des Erschossenen zeigt. Wir sollten es nicht so weit wie in Frankreich kommen lassen.

 
Dr. Gerald Brettner-Messler, 1969, ist wissenschaftlicher Beamter in Wien.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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