Magnago – der „Vater Südtirols“


Hans Karl Peterlini, Silvius Magnago – Das Vermächtnis, Bekenntnisse einer politischen Legende, Raetia-Verlag, Bozen 2008, 2. Auflage, 246 Seiten, bebildert, € 26,–, ISBN 978-88-7283-300-1

 

Von Gerhard Zeihsel

Stets hatte sich Silvius Magnago das Schreiben seiner Memoiren verboten, weil die Politik der Diskretion bedürfe. Der Südtiroler „Autonomievater“ hat sich – mittlerweile im 96. Lebensjahr – aus dem politischen Alltag zurückgezogen. In vielen gleich aufregenden wie lustvoll ausgemalten Erinnerungen und Interviews hinterlässt Silvius Magnago in diesem Buch nun trotzdem ein politisches und persönliches Vermächtnis. Herausgeber Hans Karl Peterlini, der als Journalist oft intensive Gespräche mit dem langjährigen Landeshauptmann und SVP-Obmann führte, zeichnet durch die Wiedergabe von Interviews und Portraits Magnagos schillernden und von harten politischen Kämpfen geprägten Lebensweg nach – eine spannende Nachlese, die als Vermächtnis des „großen Alten“ auch von gegenwärtiger Bedeutung ist.

Im in 8 Kapitel gegliederten Buch konnte Peterlini neben vielen persönlichen Gesprächen, die oft spannungsreich waren und Funken zwischen unterschiedlichen Generationen schlugen, auch auf Interviews und Beiträge mehrerer Kolleginnen und Kollegen zurückgreifen. Mit einigen Quellen, so der schönen Erzählkassette des Journalisten Eberhard Daum, konnten einige Lebenserinnerungen Magnagos ergänzt und anschaulicher dargestellt werden; der verstorbenen Kollegin Elisabeth Baumgartner verdankt er zahlreiche anekdotische Perlen, die sie als Hauptautorin der immer noch aktuellen, wertvollen Magnago–Biographie des Raetia–Verlages recherchiert hat.

Im Kapitel „Weil ich durchdrungen bin …“ wird im Gespräch der Anfang und Aufstieg des politischen Talents Magnago behandelt. Dazu meinte er: „Meine politische Karriere verdanke ich drei Umständen: einmal meinem guten Mundwerk, zum Zweiten meiner Überzeugung, weil ich durchdrungen bin von dem, was ich sage. Und zum Dritten: Weil die Leute sagen, der Mensch hat ein Bein im Krieg verloren, und trotz allem gibt er sich weiterhin für die Heimat her. Durch meinen fehlenden Haxen hat man gesehen: Das ist kein Imboscato, der hat das gleiche mitgemacht wie wir.“

Spannend wie ein Krimi auch die Diskussion um Optanten und Dableiber – letztendlich beide Opfer zweier Diktatoren: Mussolini und Hitler. Für Magnago war die Entscheidung, für das Deutsche Reich zu optieren, aus ethnischen Gründen das kleinere Übel.

Es war dann später auch seine politische Kunst, beide Gruppen wieder zusammenzuführen, so eine Spaltung der deutschen Volksgruppe der Südtiroler zu verhindern und mit der Kraft der Südtiroler Sammelpartei SVP bei den Italienern etwas zu erreichen. Im April 1957 wird er Obmann der SVP, als Hoffnungsträger für einen neuen, härteren politischen Kurs. So manche waren enttäuscht, weil er das Selbstbestimmungsrecht zwar für unverzichtbar hielt, aber eine Forderung damals für nicht realistisch. Er war mit der Forderung „Los von Trient“ im November 1957 in Sigmundskron angetreten, denn von Rom und Trient war eine weitere Zuwanderung von Italienern durch die Errichtung eines neuen Stadtviertels in Bozen mit 5000 Wohnungen geplant. Schon bisher hatte Bozen von ganz Italien den zweithöchsten Bevölkerungszuwachs aufzuweisen. Aber es gab für das Autonomiestatut keine Durchführungsverordnungen, damit die Südtiroler eingreifen konnten. Im Buch wird auch der Pariser Vertrag und der zähe Kampf Magnagos – „dieses teutonischen Sturkopfes“, der sich so gut auf die italienische Politik verstand, – bis zur Erreichung des Pakets, behandelt.

Das Schicksal der Südtiroler weist viele Parallelen zu dem der Sudetendeutschen auf: Vor 90 Jahren Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts in St. Germain, Unterdrückungspolitik durch Unterwanderung durch Italiener bzw. Tschechen, Einsetzung fremdvölkischer Beamter samt Familien.

Während das internationale „Münchener Abkommen“ 1938 die Sudetendeutschen von dem tschechischen Joch befreite, überließ Hitler Mussolini die Südtiroler und förderte deren Auswanderung. Dann kam der große Bruch: Während nach Kriegsende die Sudetendeutschen vertrieben wurden, blieb den Südtirolern dieses Schicksal erspart, viele kehrten wieder heim. Es folgte der hartnäckig – mit österreichischer Unterstützung (Dr. Kreisky) – geführte Kampf um die Autonomie. Silvius Magnagos Einsatz für das „Paket“ bleibt in bester Erinnerung – ebenso wie seine Freundschaft zu den Sudetendeutschen!

 
Labg. a. D Gerhard Zeihsel, Wien, Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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