Am Beginn der europäischen Literatur


Der Dichter Hesiod – Gestalt des Überganges

 

Von Hans-Joachim Schönknecht

Wenn es darum ging, die Ursprünge des Lebens auf der Erde zu erkunden, waren die Griechen Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung allen damaligen und selbst vielen nachkommenden Völkern weit voraus. Im antiken Griechenland hat die moderne Wissenschaft ihre Wurzeln. Es ist bis heute nicht abschließend geklärt, wie dieser bedeutsame Wandel zu erklären ist.

Während in den gewaltigen Epen Homers die auf die Entfaltung der Wissenschaft vorausdeutenden Motive hinter der Fülle des erzählten Geschehens fast verschwinden, treten sie in den schmalen Werken Hesiods, der zweiten Gestalt der beginnenden griechischen Literatur, deutlicher in Erscheinung.

Angesichts der unklaren Identität Homers ist Hesiod der erste fassbare Autor der europäischen Literatur, mehr noch, die erste namentlich überlieferte Persönlichkeit der europäischen Geschichte überhaupt. Alles, was vor ihm war, verschwimmt hinter dem mythischen Schleier.

Leben und Werk

Hesiod lebte etwa 740–670 v. Chr., seine Heimat war das Dorf Askra in der nördlich von Athen gelegenen Landschaft Böotien und er stammte aus bäuerlicher Familie. Diese Herkunft schlägt sich in den Motiven seines Werks nieder und hat Alexander den Großen
(356– 323 v. Chr.) dazu verleitet, ihn abschätzig als Bauerndichter zu klassifizieren. Eine Bewertung, die unkritisch bis heute nachgesprochen wird. Dass Hesiods Dichtung eine gewisse Umständlichkeit anhaftet, ist freilich nicht zu übersehen.

Von Hesiod sind zwei Schriften geringen Umfangs überliefert, die „Theogonia“ („Vom Ursprung der Götter“) und die „Erga“, mit vollem Titel: Erga kai Hemerai, zu deutsch: „Werke und Tage“. Beide sind im Hexameter gedichtet und umfassen nur je tausend beziehungsweise achthundert Verse. Das ist ein Umfang, den in den homerischen Epen mitunter ein einzelner Gesang erreicht, und deren gibt es in Ilias und Odyssee jeweils vierundzwanzig. Doch bliebe diese quantitative Betrachtung ohne Belang, entspräche ihr nicht eine innere Notwendigkeit, auf die noch zurückzukommen ist.

Was man über Hesiods Person weiß, ist vor allem seinen Werken selbst entnommen. So nennt der Dichter im Prooemium (Einleitung) der als erstes verfassten Theogonia seinen Namen und der Hörer erfährt, dass Hesiod den Ruf der Musen, Loblieder auf die Götter zu dichten, vernommen hat, als er am Fuß des Gebirges die Schafe hütete. Eine Berufung, die für ihn Befreiung aus einem als stumpfsinnig empfundenen Dasein bedeutete.

Seinen Lebensunterhalt hat Hesiod wohl durch Tätigkeit als Bauer und Händler bestritten. Er trat jedoch mit seinen Dichtungen auch vor das Publikum und hat, wie er selbst berichtet, bei einem Dichterwettbewerb in Chalkis auf Euböa einen ersten Preis gewonnen.

Theogonia und Erga

Die beiden überlieferten Werke Hesiods sind thematisch ganz unterschiedlich, wenn auch von einer gemeinsamen weltanschaulichen Tendenz geprägt. Gegenstand der „Theogonia“ ist die Darstellung des Werdens der Götterwelt. Das heißt der genealogische Gesichtspunkt, denn die griechischen Götter wurden zwar als unsterblich, aber doch anthropomorph, aus Zeugung und Geburt entstanden, gedacht. Die „Erga“ hingegen, besonders in ethischer Hinsicht interessant, deren Abfassung wohl durch eine Erbstreitigkeit Hesiods mit seinem Bruder Perses veranlasst wurde, thematisiert die Grundfrage nach dem richtigen Leben. Der Dichter sieht es in rechtlicher Gesinnung und der Bereitschaft des Menschen, das eigene Leben durch ehrliche, regelmäßige und planvolle Arbeit zu sichern. Auf diese Weise zu Wohlstand zu gelangen, um von den Wechselfällen des Lebens und dem Angewiesensein auf die Hilfe anderer in Notzeiten, von der Hesiod nicht viel erwartet, unabhängig zu werden.

„Arbeit bringt keine Schande, Nichtstun aber ist Schande“ („Werke und Tage“, Vers 310).

Auch das Motiv für Arbeit war klar: „Arbeit macht Männer reich an Herden und Habe“ (Vers 307).

Die Menschen – dies ist ein zentrales Lehrstück von „Werke und Tage“ – entsprechen in ihrem Tun und Lassen nicht dem von Zeus gestifteten Guten, seiner kosmischen und Rechtsordnung, sondern neigen dazu, zwecks Befriedigung ihrer Leidenschaften, insbesondere der Habgier, das Recht zu beugen. Welch ein Pendant auch zur Jetztzeit! Dies widerfährt Hesiod selbst durch seinen Bruder, der nach dem Verbrauch seines väterlichen Erbteils versucht, durch windiges Prozessieren und Bestechung der die Rechtssprechung wahrnehmenden adeligen Grundherren auch noch Hesiods Anteil an sich zu bringen.

Die in „Werke und Tage“ gegebene Darstellung der Not der kleinen Bauern und der Korruptibilität der Richter in Streitfällen um die Aufteilung des Bodens, ist eine erste Form von Sozialkritik, die das klassizistisch idealisierte Bild des Griechentums als eine heile, mit sich versöhnte Kultur, Lügen straft.

Die Arbeit der Bauern, die bei Hesiod noch Würde besitzt, wurde nach und nach immer mehr abgewertet. Platon (427–347), ein typischer Spross der nicht arbeitenden und nicht arbeiten wollenden Aristokratie, schließt die Bauern von allen politischen Funktionen im „Staat“ aus. Es wurde so die Hesiodsche Bauernregel verniedlicht, woraus letztlich eine Lebens- und Weltanschauung wurde.

Vielleicht hat gerade diese auf menschliche Anständigkeit und Pflichterfüllung zielende Haltung Hesiods, die klassenbewusste Kritik des welterobernden Alexander des Großen provoziert, dem gewiss Homer näher stand. Denn Hesiods sozusagen bürgerliche Anschauung steht in deutlichem Kontrast zum kriegerischen Ethos der homerischen Epen, dessen ökonomische Dimension die gewaltsame Aneignung fremden Gutes ist. Nicht vorstellbar wäre für Hesiod eine Gesinnung, wie sie bereits im Bericht des Achill im 1. Gesang der Ilias zum Ausdruck kommt. Dort lobt der mit seinem Heerführer um die Beute streitende Heros die vormalige Solidarität im griechischen Heer mit den Worten: „Theben eroberten wir, des Eétions heilige Feste, und verwüsteten sie und führten alles von dannen. Redlich dann teilten den Raub die tapferen Söhne Achaias.“

Nachfolgend wird primär auf die „Theogonia“ bezogen, die für den Entstehungskontext der Naturtheorie und des wissenschaftlichen Bewusstseins die deutlicheren Signale setzt.

Inhalt und Aufbau der Theogonia

Ihrem genealogischen Thema, dem Werden der Götterwelt, entspricht die Theogonia formal mit einem chronologischen Aufbau. Hesiod entwickelt die Stammbäume der Götter von den Anfängen bis zur Herrschaft der olympischen Götter unter Führung des Zeus. Er berichtet die Abfolge der Geschlechter und benennt die Verwandtschaftsbeziehungen, wobei er weitgehend auf eine Individualisierung der Figuren verzichtet und diese allenfalls durch formelhafte Wendungen kennzeichnet.

Hesiod gliedert seine Götterfolge in drei an Sprösslingen reiche Generationen. Der erste göttliche Herrscher ist Uranos, Personifizierung des Himmels. Auf ihn folgt sein Sohn Kronos, der die alles verschlingende Zeit personifiziert, und darauf dessen Sohn Zeus, der aktuelle Herrscher und, wie schon bei Homer, Vater der Götter und Menschen.

Zwar ist der Gesamtprozess theogonisch-genealogisch geprägt, doch den Ursprung bilden drei Urmächte: Chaos, Gaia und Eros, die jeweils für sich stehen und durch die das Zeugungsgeschehen ermöglicht wird.

Chaos hat bei Hesiod noch nicht den uns geläufigen Sinn vollständiger Ordnungslosigkeit, sondern bedeutet die gähnende Leere des Raumes, der allem Werden, allen Dingen voraus geht und von dem der Text nicht sagt, dass auch er entstanden ist, sondern nur, dass er als erstes war. Dieser Begriff stellt eine bedeutende geistige Leistung, ein zukunftsträchtiges Konzept dar, das über den Mythos hinaus weist. Der absolute Ursprung der Welt, wie ihn die Religionen dichten, falls diese Vorstellung wissenschaftlich überhaupt Sinn ergibt, ist bis heute ungeklärt. Dies auch trotz des tiefen Eindringens von Astronomie, Physik und Chemie in Struktur und Geschichte des Kosmos. Eine endgültige Klärung dürfte wohl aus prinzipiellen Gründen unmöglich sein.

In die Leerheit des Raumes hinein tritt Gaia, die „breitbrüstige“ Erde, als die große Realität, die alles Leben ermöglicht und an die es gebunden ist. Selbst das dem biologischen Leben vorangehende Sein der Götter, denen sie mit dem Berg Olympos die Heimstätte bereitstellt.

Eros, dritter der Urmächte, hat als Gott des Liebesverlangens die Funktion, das göttliche Zeugungsgeschehen in Gang zu setzen und in Bewegung zu halten.

Mit dem Eintritt des Eros in den Kreis der Urmächte ist der Weg frei für den genealogischen Prozess der Zeugung von Göttern, Titanen, Kyklopen und all der zahllosen Wesen, die Hesiods Theogonie bevölkern. Deren Verlauf kann hier durch die Generationenfolge mit den Hauptgestalten Uranos, Kronos und Zeus nur grob angedeutet werden.

Unter dem Regiment des Zeus halten Recht und Ordnung Einzug, die Welt wird prinzipiell befriedet, sie wird zum Kosmos, zum schönen, weil harmonischen und gut geordneten Ganzen. Es ist diese positive Bewertung des Weltganzen, die von den großen Philosophen der Antike aufgegriffen, von den Gründergestalten des christlichen Glaubens nachdrücklich bestätigt und gegen die gnostische Abwertung des Schöpfungswerks verteidigt wird. Als Grundlage des abendländischen Weltverständnisses wird sie zur Voraussetzung und zum Antrieb der Erforschung der Natur.

Die von Hesiod auch geleistete Zurückweisung der Dämonenfurcht ist als Beitrag zur Freisetzung des die Wissenschaft leitenden Impulses rationaler, angstfreier Weltbetrachtung zu lesen. Hesiod genügt damit antizipatorisch der Forderung Platons an die Mythologen, das Grelle und Beunruhigende aus den mythischen Erzählungen zu verbannen.

Der Anreger einer theoretischen Weltbetrachtung

Die Beantwortung der Frage nach dem Ursprung der Götter ist zugleich die Erkenntnis dessen, was ist. Erkenntnis des Ursprungs ist für Hesiod gleichermaßen Erkenntnis des Ganzen und Geltenden.

Hesiods Frage nach Ursprung und Entstehung ist im Grunde die Frage nach der Natur des Seienden, nach dem Wesen der Wirklichkeit – auch wenn diese philosophischen Termini den frühen Denkern noch fern liegen und sich erst im Laufe der geschichtlichen Begriffsbildungen formten. Die auffälligsten Unterschiede zwischen mythologischer und wissenschaftlicher Welterklärung bestehen zum einen darin, dass im Mythos die wirkenden Kräfte durchwegs zu göttlichen Wesen personifiziert sind, während die Wissenschaft an deren Stelle Sachzusammenhänge setzt.

Von besonderer Bedeutung für die Theorieentwicklung ist auch die durch die Urmächte Chaos, Gaia und Eros gebildete Ursprungskonstellation der Theogonie, in der das Theologische einen kosmologischen Akzent erhält, der in den späteren wissenschaftlichen Kosmologien fortwirkt.

Von den Urmächten und Ur-Sachen zu den Ursachen

Es sei vorausgeschickt, dass der seltsame Titel dieses Abschnitts mehr bedeutet als ein bloßes Wortspiel. Er hat vielmehr einen Grund in der Sache, von der jetzt zu sprechen ist.

Alle Wissenschaft fragt nach dem „Was“ oder „Warum“ der von ihr beobachteten Phänomene. Was bedeutet es, dass die Sonne von Ost nach West über den Himmel wandert? Warum erscheint ein ins Wasser gehaltener Stab „gebrochen“? Gegenstand solchen Fragens sind die Ursachen der Erscheinungen. Das Phänomen mit Bezug auf seine Ursache betrachtet, nennen wir Wirkung. Die Relation zwischen Ursachen und Wirkungen wird als Kausalität bezeichnet und stellt ein zentrales Thema der (Natur)Wissenschaft dar.

Auch die Mythologie fragt nach den Ursachen der Phänomene und gibt Antworten. Die Frage nach Art und Ursache des „Sonnenlaufs“ etwa beantwortet der griechische Mythos mit dem Verweis auf den Sonnengott Helios, dessen Pferde den Sonnenwagen über den Himmel ziehen. Wenn das inhaltlich auch reine Dichtung ist, so ist es doch formal die Erklärung eines Phänomens und Angabe einer Ursache. In diesem Sinne hat der berühmte Ethnologe Lèvi-Strauss Recht, wenn er die Mythologie als eine „schüchterne und stammelnde Form der Wissenschaft bezeichnet. Als solche ist der Mythos Vorbereitung wirklicher Wissenschaft.

An Hesiods Schriften lässt sich die Eigenart mythologischen Fragens nach der Ursache ebenso demonstrieren, wie der Übergang zur wissenschaftlichen Betrachtung.

Der Beginn der Wissenschaft

Zum in aller Kürze erstellten Befund eines Zusammenhanges zwischen Hesiod, dem Begründer einer selbständigen griechischen Theologie – denn bei Homer ist das Theologische noch eingeschmolzen ins Epische und Menschliche – und Aristoteles, dem Vollender der klassischen Philosophie, passt die Tatsache, dass dieser im problemgeschichtlichen Abriss der Metaphysik die Ursachenforschung tatsächlich bei Hesiod anfangen lässt.

Bei Hesiod zeigte sich bereits der Ansatz der These, dass die Ordnung im Kosmos aus sich heraus sich entwickelte. Bei ihm gab es die Urgegebenheit, das Chaos, die Leere des Raumes, das allem Werden vorausgeht, und die Urmacht Gaia, die Erde, die in dieses eintritt und sich ohne göttlichen Eingriff entwickelte. Auch sämtliche Elemente, die zur Lebensentstehung auf der Erde notwendig waren, sind Hesiod zufolge aus eigenem Vermögen entstanden.

Welch eine Querverbindung zur modernen physikalischen Chaostheorie, beziehungsweise zur Selbstorganisation der Materie, gemäß der Hyperzyklustheorie des Nobelpreisträgers Manfred Eigen!

Hesiod, dieser abschätzig mit dem Prädikat „schwerfälliger Gelehrsamkeit“ versehene bäuerliche Dichter, lag so schon im Einklang mit unserem modernen Weltbild, demzufolge die Erde aus einer Wolke aus rotierendem Gas und Staub entstanden ist.

 
Dr. Hans-Joachim Schönknecht, Kölner Gymnasialprofessor i. R., lebt heute in Pacengo/Italien.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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