Die Leistungskomponente


Im Besoldungsrecht der Lehrer und in unserer Gesellschaft überhaupt

 

Von H. W. Valerian

„Jeder einschlägig Informierte weiß, dass das heutige Dienst- und Besoldungsrecht antiquiert, unstimmig und ineffizient ist,“ meint Mag. Dieter Grillmayer in seinem Lesestück über den Lehrerstreit im Frühjahr 2009 („Claudia Schmied: Eine Elefantin im Porzellanladen“, Genius 7/2009), und zwar deshalb, „weil die Leistungskomponente gänzlich fehlt.“ Das wird landauf, landab auf Zustimmung stoßen, wie ich annehme. Leistung ist immer gut. Ehe ich fortfahre, möchte ich anmerken, dass ich den meisten Aussagen des ehemaligen Gymnasial-Direktors durchaus zustimme. Dass er „Linksdenkern“ eine Manie für die Gesamtschule zuordnet, stimmt auch – statistisch gesehen. Ich persönlich betrachte mich durchaus als „Linksdenker“ (wenn man schon diesen Ausdruck wählen will), bin aber gegen jegliche „progressive“ Pädagogik. Und zwar aus sozialen Gründen.

Das ist aber, wie’s so schön heißt, eine andere Geschichte. Wo ich Grillmayer nicht so ohne weiters folgen kann, das ist die Sache mit der Leistungskomponente. Dabei ist mir natürlich bewusst,

  • dass es sich um eine Heilige Kuh unserer Gesellschaft handelt,
  • dass sie gerade in Bezug auf Lehrer und deren Besoldung schon oft, seit langem und sicherlich nicht zum letzten Male gefordert wurde; sowie
  • dass jeder Einwand flugs ad hominem gekontert wird: Klar, bist ja auch Lehrer, willst nichts leisten.

Letzteres sollte zwar gar nicht erst berücksichtigt werden, doch hat sich der geduldige Genius-Leser vielleicht doch eine kleine biographische Anmerkung verdient.

Beamtenethos

Ja, ich bin Lehrer. Ja, ich bin pragmatisiert – ich gehör’ noch zu dieser alten Generation. Und, erstaunlicher noch: Ja, ich bin Beamter, und ich versteck’s nicht einmal schamhaft, ganz im Gegenteil, ich bin ich überzeugter Beamter!

Ich übe meinen Beruf zwar nicht ausschließlich, aber doch wesentlich auf der Basis des Beamten-Ethos aus. So wie ich es verstehe, fordert dieses Ethos unter anderem: Ordentlich zu arbeiten, eine solide Leistung, auch ohne jeglichen Leistungsanreiz. Zugleich beinhaltet die Pragmatisierung die Verpflichtung, nicht duckmäuserisch zu sein; Nein zu sagen, wenn’s nötig ist; sich einen geistigen Freiraum zu bewahren. Man bezahlt’s mit Karriereaussichten, klar, aber das ist in Kauf zu nehmen.

Was nun die Leistungskomponente im Besoldungsrecht der Lehrer angeht, so stellen sich meiner inzwischen mehr als dreißigjährigen Erfahrung nach zwei grundsätzliche Fragen:

  • Worin besteht die Leistung eines Lehrers?
  • Wie könnte sie gemessen werden?

Vorweg sei daran erinnert, dass es eine gewisse Art der Differenzierung schon immer gegeben hat. Fächer mit größerem Aufwand bei Vorbereitung und Korrektur zählen mehr als andere. Die Abgeltung erfolgt in Form von Abschlagsstunden oder – an Mittleren und Höheren Schulen – durch die Wertigkeit einer Schulstunde (sie wird also mit einem Faktor multipliziert).[1] Man könnte sich durchaus vorstellen, dass dieses – derzeit ziemlich grobe – System ausgebaut und verfeinert wird. Im Zeitalter der EDV wäre das wohl ohne allzu großen Aufwand möglich.

Bloß – ist das wirklich gemeint mit der „Leistungskomponente“, mit leistungsorientierter Belohnung? Geht es da nicht vielmehr um das, was gemeinhin als Leistungsanreiz bezeichnet wird? Und eben hier erhebt sich unsere erste Frage: Worin besteht eigentlich die Leistung eines Lehrers? Besteht sie darin, möglichst gute Noten zu geben? In der Freizeit an der „Schulentwicklung“ teilzunehmen? Möglichst viele Hausübungen zu korrigieren? Oder womöglich gute Evaluierungen zu bekommen, sich also bei den Schülern einzuschmeicheln?

Laien mögen sich bloß keine Illusionen machen. In der Praxis wird die „Leistung“ heutzutage ganz einfach definiert: Der Lehrer hat „engagiert“ zu sein. Und was heißt das? Er hat

  • gratis in der Freizeit in Projekten und ähnlichen Aktivitäten herumzuwursteln, zur höheren Ehre seines Direktors − und er hat
  • mit naivem Enthusiasmus die jeweils neueste Linie der pädagogischen Ideologie umzusetzen.

Leistungsorientierte Bezahlung entpuppt sich somit als Herrschaftsinstrument. Sie soll Lehrer willfährig machen.

Woraus sich bereits die Antwort auf die zweite Frage ergibt. Wer in den Genuss leistungsorientierter Bezahlung kommt, entscheidet der Direktor. Oder der Inspektor. Oder ein Erziehungswissenschaftler. Das ist an sich schon bedrohlich genug. Doch sind wir in Österreich. Ich bin Österreicher, viele Leser werden es sein. Wir wissen schon, was folgt: Wie man in Wirklichkeit dann als „engagiert“ eingestuft wird. Es geht doch nichts über die Freundschaft, oder?

Worin besteht die Leistung eines Lehrers?

Aber – so wird man einwenden – was willst du dann? Überhaupt keine Leistungskomponente? Das kann doch nicht sein! Denk an den privaten Sektor, wirtschaftliche Prinzipien, Effizienz und so! Nun, schamhaft errötend gestehe ich’s ein – ich will in der Tat keine Leistungskomponente bei der Bezahlung von Lehrern. Ich will überhaupt viel weniger „Leistung“, viel weniger „Effizienz“. Und ich will auch sagen, warum. Worin besteht denn nun wirklich die Leistung eines Lehrers? Doch wohl im Unterrichten. Und was ist das nun wieder? Wie funktioniert das? Wie macht man’s besser?

Es gibt keine eindeutigen Antworten, ebenso wenig wie auf die Frage: „Wen liebt man?“ So viele Menschen, so viele Antworten. Na ja, nicht ganz; aber Eindeutigkeit, Einstimmigkeit wird man bestenfalls in Ausnahmefällen erzielen. Wenn wir zurückdenken – wer waren denn die Lehrer, die uns nachhaltig beeinflusst haben? Die uns etwas mitgegeben haben, das blieb? Waren das wirklich immer jene, die der jeweiligen offiziellen Pädagogik-Linie entsprachen – aalglatt, zeitgeistig, effizient? Oder waren’s vielleicht andere: bunte Vögel, schrullige Originale?

Wenn man die Schule unter das Diktat der „Leistung“ stellt, der Effizienz – droht dann nicht die Gefahr, dass eben solche Menschen in den Hintergrund gedrängt werden, ja dass sie überhaupt keinen Platz mehr finden an unseren Schulen? Wenn neuerdings Aufnahmsprüfungen stattfinden an den so genannten Pädagogischen „Hochschulen“, dann weist das genau in diese Richtung. Direktoren und Inspektoren werden es begrüßen.

Aber wen bekomme ich denn mittels Selektion, wen fördere ich mittels „leistungsorientiertem“ Anreiz? Will ich wirklich ein Schulwesen voll von stromlinienförmig angepassten Technokraten?

Dieselbe Gefahr droht notabene anderswo auch. Denken Sie bloß an das unerbittliche Ausleseverfahren fürs Medizinstudium. Gewiss, da werden nur die Besten genommen. Schön. Fragt sich nur − die Besten in was? In der Medizin? Nein, das Studium kommt ja erst. Also: Es handelt sich bloß um die Besten im Aufnahmetest. Was glauben Sie, wie viele da ausgesiebt werden, die ausgezeichnete Ärzte oder Ärztinnen abgegeben hätten – und besonders praktische Ärzte oder Ärztinnen?

Leistung, in der Tat. Heilige Leistung! Demokratie besteht unserem Verständnis nach unter anderem auch darin, dass Freiräume gewährt werden. Das ist eine wesentliche Funktion des Rechtsstaates, der so genannten intermediären Institutionen. Wenn diese Institutionen abgeschafft werden – und sei’s im Namen der Effizienz −, wenn’s keine Freiräume mehr gibt, nicht einmal mehr im Kopf, dann handelt es sich um eine Diktatur, um eine totalitäre Diktatur.

Zurück zu den Lehrern. Ein paar Vorschläge:

  • Das Besoldungssystem soll so verfeinert werden, dass unterschiedlicher Arbeitsaufwand möglichst zielsicher abgegolten wird.
  • Jegliche „leistungsorientierte“ Komponente wird aus der Lehrerbesoldung verbannt, ein für allemal.
  • Die Pragmatisierung wird wieder eingeführt, zwecks geistiger Freiheit (Freiheit der Lehre), und zwar für alle Lehrer, welche gewisse, rein formale Mindestanforderungen erfüllen.

Wenn schon Aufnahmebedingungen, wie wär’s mit folgenden:

Notendurchschnitt in der Oberstufe nicht besser als Zwei-Komma-Fünf; Verhaltensnote nie besser als „Zufriedenstellend“; und mindestens ein Disziplinarverfahren im Laufe der Schulzeit. Dieser letzte meiner Vorschläge ist zwar nicht ganz ernst gemeint, könnte uns aber doch zum Nachdenken anregen: Wer soll nun wirklich unsere Kinder unterrichten, welche Art von Persönlichkeit?

Anmerkung

[1] Abschlagsstunden: Inzwischen hat sich die Besoldung von Pflichtschullehrern etwas kompliziert, mit A-, B- und C-Topf. Letztlich läuft’s aber immer noch aufs gleiche Prinzip hinaus.

 

Der Verfasser ist Akademiker und unterrichtet an einer höheren Lehranstalt in Westösterreich.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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