Die Illusion stetiger Höherentwicklung


Franz M. Wuketits, „Evolution ohne Fortschritt“, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2009, ISBN 978-3-86569-1. Diese Auflage ist die Überarbeitung früherer Auflagen (Erstauflage 1998)

 

Von Mathias Holweg

Das Buch gibt eine Zusammenfassung des Kenntnisstandes über Evolution von Leben insgesamt, Evolutionsprinzipien, Evolution des Artenbaums, einzelner Arten und deren Familien und speziell über die Entwicklung des Menschen, wie er sich am Beginn des 21. Jahrhunderts darstellt. Wuketits lehrt seit 1979 an der Universität Wien im Bereich Wissenschaftstheorie, Schwerpunkt Biowissenschaften. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“ sowie Mitvorstand am Konrad Lorenz Institut in Altenberg.

In lockerem, aber präzisem Stil beschreibt Wuketits die Schlussfolgerungen einzelner Schwergewichte im jeweiligen Fachbereich und belegt diese Findungen mit klaren Quellenverweisen, die Einzelheiten zum jeweiligen Beweis enthalten.

Aus diesen Einzelerkenntnissen baut Wuketits seine eigenen Thesen auf unter dem Motto:
Eine Illusion (Höherentwicklung, intelligenter Designer …) und ihre Zerstörung.

Hoffnungen und Illusionen sind für ihn Eckpfeiler in der Menschheitsgeschichte und der jeweiligen Welterklärungen bis heute. Stichworte dazu: Unsterblichkeitstraum, Existenz eines ‚Jenseits’ und Existenz darin, kosmische Harmonie, Sehnsucht nach und Erfüllung von Geborgenheit. All diese Illusionen, Wünsche und Hoffnungen seien das Kapital von Religionslehrern oder Ideologen für ihre selig machenden Aktivitäten. Die Aufklärung habe einiges, aber bei weiten nicht alles zur Enttarnung beigetragen. Illusionen usw. bestimmen weiter auch die Vorstellungswelt hochqualifizierter Forscher in allen Bereichen der Naturwissenschaft; selbst Physiker und Biologen sind vor solchen Vorstellungen nicht gefeit. Alles habe dann eine Ordnung, Bestimmung, Sinn. Die Existenz, auch nur die gedachte, eines genialen Planes für die Welt würde uns helfen, bestehende Hilflosigkeit und Unvermögen zu übertünchen und so auch ‚letzte Ereignisse’ zu verstehen und Unerklärbarkeiten zu beseitigen.

Wesentlicher Teil der Wunschvorstellungen des naturwissenschaftlichen Denkens ist die Annahme, dass Evolution mit Fortschritt fix gekoppelt sei und jede Entwicklung zum Besseren führe. Doch nach und nach kommen immer mehr Evolutionsbiologen zur Erkenntnis, dass es so gar nicht ist. Dieser Fortschrittszwangsvorstellung setzt Wuketits seine Antithese entgegen und begründet sie mit beachtenswerten empirischen Ergebnissen. Er zieht daraus auch seine Schlüsse allgemein und speziell für die Spezies des Homo erectus und des Homo sapiens. Entwicklung und Wandel der Arten sei ungerichtet. Ein Ziel wäre zwar menschliches Wunschdenken, aber kein beweisbarer Fakt. Fortschritt im Sinne unserer Vorstellung ist eine unter mehreren Möglichkeiten evolutionären Geschehens. Dass auch andere Wege möglich sind und geschehen, zeigen Arten, die sich bis zum Aussterben entwickelt haben. Überentwicklung und Spezialisierung sind sichere Wege in eine Sackgasse, aus der es kein Zurück gibt – Beispiel Saurier; Individuen werden größer, tüchtiger, zahlreicher – bis sie weg sind.

Evolutionsforscher selbst, aber auch Politiker der jeweiligen Zeit und danach, haben Erkenntnisse der Naturwissenschaften auch auf den Menschen und seine Gemeinschaften angewendet. Vergleichende, angewandte Verhaltensforschung beschäftigt sich ganz konkret mit Extrapolationen auf die uns am komplexesten erscheinende Art, den Menschen. Soziales Verhalten und Gruppenverhalten gibt es bei einer Reihe ‚höherer Tiere’, die in Gemeinschaften von Familie aufwärts leben. Eine wichtige Erkenntnis der neueren Evolutionsforschung ist, dass nicht nur Individuen einer Art in Konkurrenz um das jeweilige Biotop stehen, sondern auch Gruppen der jeweiligen Art. Evolution, Auslese usw. findet auch bei diesen zusammengesetzten Organismen, Systemen statt. Wuketits verweist auch hier auf Beispiele, die nicht allein auf eine gerichtete Entwicklung hinweisen: Ausgestorbene Entwicklungsäste am Artenbaum, Devolution, Involution, blinder Konstrukteur, verfehlte Ziele, Planlosigkeit, Hypertrophien und Katastrophen sind Teil evolutionären Geschehens. Systeme, zu denen auch Zivilisationen gehören, unterliegen genauso diesen Naturgesetzen. Hinweise auf negative Entwicklungen geografisch begrenzter menschlicher Zivilisation(en) bis hin zur ganzen Menschheit wären heute Zerstörung kultureller Vielfalt in allen ihren Facetten, kultureller Wärmetod[1], wie er sich in der bekannten Zivilisationsgeschichte schon zugetragen hat, bis hin zu einer noch ausstehenden „Naturkatastrophe Mensch“.

Die Grundthese von Wuketits ist, dass Evolution nicht allein progressiv im Sinne von fortschrittlich verläuft oder linear zu ‚Höherem’, sondern einem nicht vorhersehbaren Zickzack-Kurs folgt, der auch Rückschritt und ‚Aus’ im Repertoire hat. Fortschrittszwang war/ist eine naturwissenschaftliche Illusion. Diese Ernüchterung vertritt er nicht allein, er befindet sich in einer immer zahlreicher werdenden Gesellschaft mit anderen Evolutionsbiologen. Die Lektüre dieses Buches stimmt sehr nachdenklich.

Anmerkung

[1] Wärmetod – Ein Begriff aus der Grenzphysik, beschreibt da den Zustand des Ausgleichs aller Unterschiede von Energie, so auch von Temperatur. Energiegefälle ist Vorraussetzung für Lebensprozesse, wie wir sie kennen. Mit dem Verschwinden von Energieunterschieden würde auch die Grundlage für Leben weg sein.. Der kulturelle Wärmetod nach Wuketits sieht die Beseitigung der Vielfalt, der Unterschiede zwischen Gruppen und Individuen von Gruppen. Ohne Unterschied gibt es keine Evolution, so Wuketits. Hier zeigt sich wieder der Tabubruch seitens der Dogmenwelt verschiedener Ideologien und Religionen zu Natur und deren Gesetzen. Erstere versprechen Gleichheit, letztere erzwingt den Unterschied. Frage: Was ist stärker – Dogmen von Menschen oder Naturgesetze?

 
Mag. Mathias Holweg ist Chemiker und unterrichtet an einer höheren Lehranstalt.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft