Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und Zuwanderung


Irrtümer in gängigen wirtschaftspolitischen Vorstellungen

 

Von Gerulf Stix

Als Begleitmusik zur weltweiten Finanzkrise werden dem Normalverbraucher der Medienberichterstattung laufend die wechselnden Horrorzahlen über geschrumpftes Wirtschaftswachstum oder umgekehrt keimende Hoffnung auf neues Wirtschaftswachstum in Prozent-Steigerungen des BIP prognostiziert. Beide Zahlenspiele ändern sich fast schon im Wochentakt, je nachdem wer gerade wo analysiert oder prognostiziert. Aber immer geht es um das als Maßstab allgemein akzeptierte BIP. Diese drei Buchstaben stehen für das Brutto-Inlandsprodukt. Dieses entspricht zwar nicht genau dem häufig verwendeten Begriff Sozialprodukt, liegt aber in dessen Nähe. Das BIP ergibt sich aus der „Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“, für die seit 1995 ein europäisches System besteht, das ESVG. Seither wird in der Fachwelt auch statt vom Sozialprodukt vom Nationaleinkommen gesprochen. Damit sei der kurze Ausflug ins Fachchinesisch auch schon beendet.

In der politischen Öffentlichkeit gilt das BIP schlechthin als der Gradmesser für das goldene Kalb namens Wirtschaftswachstum. Alles Heil wird vom Wirtschaftswachstum erwartet. Jahrzehnte hindurch hieß es: Wir brauchen Wirtschaftswachstum, um die Vollbeschäftigung zu sichern. Jetzt hört man hauptsächlich: Wir brauchen Wirtschaftswachstum, um die Krise zu überwinden. Und als Strohhalm für die Hoffnung, die Krise vielleicht doch schon überwunden zu haben, dienen da und dort Zuwächse beim BIP im Bereich von Null-Komma-etwas oder ein bisschen höher. In Wirklichkeit handelt es sich bei alledem um ein höchst fragwürdiges Spiel mit Fiktionen und Unwägbarkeiten – trotz scheinbarer Zahlengenauigkeit. Beginnen wir mit dem BIP. Es ist, wie das die Wirtschaftswissenschaft sehr wohl weiß, ein ziemlich fragwürdiger und mit vielen Mängeln behafteter Behelf, um das komplexe Wirtschaftsgeschehen halbwegs brauchbar in einem Zahlenzusammenhang darstellen zu können, insbesondere für Vergleiche in Zeitreihen und Querschnitten.

Die Kritik an der Aussagekraft des BIP füllt ganze Bände aus der Feder anerkannter Autoren. Ein oft herangezogenes Beispiel: Wenn durch Naturkatastrophen zerstörte Häuser wieder aufgebaut werden, erhöht sich wegen des dadurch verursachten Aufwandes (Bauarbeiten usw.) das BIP positiv! Ich erspare mir weitere Beispiele an dieser Stelle, weil sich in eben dieser Genius-Ausgabe das Lesestück von Richard Kerschhofer speziell mit der Problematik des BIP befasst und insoweit die hier vorgetragenen Überlegungen ergänzt.

Wachstum ist ein Ergebnis, kein Instrument

Auch das fast schon wie eine Heilserwartung in der politischen Öffentlichkeit ständig beschworene Wirtschaftswachstum als solches ist keine wirklich voll verstandene und klar definierte Erscheinung, geschweige denn exakt messbar. Das mag fürs erste verblüffen, sieht oder verspürt doch jedermann selbst, wenn es irgendwo wirtschaftlich aufwärts geht, die Leute Arbeit haben und die Geschäfte von Kauflustigen gestürmt werden. Wenn „die Wirtschaft“ wächst, so ist das für die Leute augenscheinlich und auch eine gute Sache. Also brauchen wir Wirtschaftswachstum!

In eben dieser Schlussfolgerung liegt bereits der Keim für wirtschafts- und sozialpolitische Irrtümer. Man beginnt, Wirtschaftswachstum als Instrument zu verstehen. Man will mit dem Instrument Wirtschaftswachstum politische Ziele erreichen: Wohlstand, soziale Gerechtigkeit, Vollbeschäftigung und so fort. Tatsächlich ist Wirtschaftswachstum aber kein Mittel, kein Instrument, sondern das im Nachhinein festgestellte Ergebnis sehr vieler günstig zusammen wirkender Prozesse. Und um diese Prozesse, Faktoren und Kräfte, geht es eigentlich, wenn man sich dann im Endergebnis eine gewachsene Wirtschaftsleistung wünscht.

Nimmt man das sozialpolitische Glaubensbekenntnis „Vollbeschäftigung durch Wirtschaftswachstum“, gern auch von den Gewerkschaften verwendet, unter die Lupe, so wird man rasch ernüchtert. Viele empirische Untersuchungen belegen nämlich, dass es diesen fest geglaubten Zusammenhang so nicht gibt. In den einschlägigen Statistiken finden sich Länder mit hoher Arbeitslosigkeit bei zugleich hohem Wirtschaftswachstum und umgekehrt Länder mit geringer Arbeitslosigkeit bei auch geringem Wirtschaftswachstum[1]. Dazwischen gibt es alle Varianten, natürlich auch den Zusammenklang von Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum, jedoch nicht als bombensichere Regel. Wem das unglaubwürdig erscheint, weil er unter dem Eindruck der doch allgemeinen Anerkennung dieses positiven Zusammenhanges steht, kann sich in den vielen öffentlich zugänglichen Statistiken und Fachbeiträgen von der Richtigkeit der hier dargelegten These überzeugen.

Investitionen sind kein Allheilmittel

Eine weitere gängige Vorstellung, die unter Wirtschaftspolitikern verbreitet ist, besagt, dass man nur kräftig investieren müsse, um Wirtschaftswachstum zu erreichen. Leider ist auch das ein Aberglaube, wenn man darunter ein stets probates Rezept versteht. Zahlreiche Untersuchungen widerlegen den vermeintlich zwingenden Zusammenhang von Investitionen und Wirtschaftswachstum. Als Beleg für diese Behauptung sei das Fazit eines unbestrittenen Wirtschaftswissenschafters zitiert, welches er aus umfangreichen empirischen Untersuchungen zieht: „Trotz dieser Ungewissheit der Beziehung zwischen Investitionsquote und Wachstumsrate ist die Wachstumspolitik in vielen Ländern ausschließlich investitionsorientiert, ohne dass versucht wird, die Bedingungen dieser Beziehung ausfindig zu machen und zu beeinflussen. Der geringen Korrelation zwischen Investitionsquote und Wachstumsrate entsprechend, war diesen Versuchen einer ausschließlich investitionsorientierten Wachstumspolitik bisher wenig Erfolg beschieden.“[2] Nur unter bestimmten Bedingungen stellt sich eine eindeutige Beziehung zwischen Investitionsquote und Wirtschaftswachstum ein. Wiederum drehen sich die entscheidenden Fragen um das Was, Wo und Wie welcher konkreter Investitionen, nicht ums Investieren quasi aus Prinzip nach dem Motto: Wir müssen einfach investieren.

Vermutlich trägt zu dem allgemeinen Missverständnis bezüglich der sicheren Wachstumswirkung von Investitionen die Verwechslung betriebswirtschaftlicher Erfahrungen mit volkswirtschaftlichen Auswirkungen bei. Denn wenn Unternehmen investieren, dann doch deswegen, weil sie expandieren oder zumindest ihre Marktstellung festigen wollen. Solche praktisch meist richtigen Erkenntnisse können aber nicht so ohne Weiteres auf das gesamtwirtschaftliche Geschehen umgelegt werden. Um einen bildlichen Vergleich zu wagen: Die Alltagserfahrung legt den Schluss nahe, dass die Erde flach sei, was bekanntlich Jahrtausende hindurch auch geglaubt wurde; tatsächlich ist sie rund. Nicht so drastisch wie dieser Vergleich, doch irgendwie ähnlich ist der häufig anzutreffende Unterschied in den Sichtweisen von Betriebswirten und Volkswirten. Beide Sichtweisen sind an ihrem Platz wichtig. Für die Wirtschaftspolitik allerdings ist die gesamtwirtschaftliche Betrachtungsweise maßgeblicher.

Zuwanderung ohne Vollbeschäftigung?

Von besonderer Aktualität sind die immer öfter zu vernehmenden Aussagen in der Art: Wir brauchen Zuwanderung, um künftig unser Wirtschaftswachstum aufrecht erhalten zu können. Da gibt es z. B. veröffentlichte EU-Berechnungen, wie viele Hundertausende von Einwanderern benötigt werden, um die europäische Wirtschaft in Schwung zu halten. Auch die Interessensvertretungen der Wirtschaft mahnen immer wieder den für die Unternehmen angeblichen unentbehrlichen Import zusätzlicher Arbeitskräfte ein. Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht und bezogen auf bestimmte Branchen und Betriebe dürften sie sogar Recht haben. Aber wie sieht das gesamtwirtschaftlich und gesellschaftlich aus? Gut, der einzelne Betrieb nimmt gern die von ihm gerade einmal benötigten Arbeitskräfte auf, egal woher sie kommen. Er trägt ja nicht die Folgekosten, die der Gesellschaft entstehen! Mit diesen müssen sich der Staat, die Steuerzahler und die ansässige Bevölkerung herumschlagen.

Da ist natürlich die Politik gefordert. Und eine gesamtheitlich ausgerichtete Wirtschaftspolitik, die über den Horizont der etablierten Interessensvertretungen hinausblicken muss bzw. sollte, wird sich die Frage stellen, wie es nun wirklich um den Zusammenhang zwischen der Zuwanderung von Arbeitskräften und dem so heftig herbei gewünschten Wirtschaftswachstum steht?

Auch auf diese Frage hält die Wirtschaftswissenschaft eine ernüchternde Antwort bereit. Als ein Beispiel von vielen sei noch einmal Dürr zitiert: „Nach der makroökonomischen Produktionsfunktion wären sowohl die Erhöhung des Kapitalstocks als auch die Vermehrung der Zahl der Arbeitskräfte geeignete wachstumspolitische Ansätze. Ökonometrische Untersuchungen zeigen jedoch, dass ein erheblicher Teil der Wachstumsraten (bis zu 80 v. H.) nicht durch den Zuwachs des Kapitals und der Arbeitskräfte erklärt werden kann.“[3]

Also ein Mehr an Arbeitskräften garantiert nicht automatisch Wirtschaftswachstum. Es sind sogar Beispiele dafür dokumentiert, dass die Herbeiholung billiger Arbeitskräfte ertragsschwache Betriebe und Branchen noch länger davon abhält, gebotene Umstellungen zur Produktivitätssteigerung oder auf neue Marktausrichtung vorzunehmen. Hier bremst der Import billiger Arbeitskräfte sogar das durch unternehmerische Anpassung mögliche Wirtschaftswachstum!

Wer trotz dieser Befunde an der Meinung festhält, wir brauchen Zuwanderung für unser Wirtschaftswachstum, der möge doch folgende Frage beantworten: Wenn auf Grund der gemachten Erfahrungen nicht einmal Vollbeschäftigung durch Wirtschaftswachstum garantiert werden kann, wie soll dann Massenzuwanderung durch Wirtschaftswachstum sicher verkraftet werden können? Hier tut sich offenkundig ein innerer Widerspruch auf.

Die Wirtschaft bei schrumpfender Bevölkerung

Parallel zur Diskussion um das Wirtschaftswachstum läuft auch die Diskussion über die Folgen der niedrigen Geburtenziffern, also der künftig schrumpfenden Bevölkerungszahlen für die Wirtschaft. Diese Überlegungen werden vielfach schon auf europäischer Ebene angestellt. Vorweg sei ganz unmissverständlich gesagt, dass es zur Volkserhaltung dauerhaft eine Geburtenziffer von rund 2 Kindern pro Frau (statistisches Mittel!) braucht. Derzeit liegen viele europäische Völker, so auch unseres, leider deutlich darunter. Ein dauerndes Geburtendefizit kommt einer Selbstaufgabe gleich. Niemand kann das wollen, der sein eigenes Volk liebt. Damit ist ein Problem angesprochen, das weit über bloß ökonomische Fragen hinausgeht. Doch ist das nicht hier unser Thema.

Die Frage, die hier interessiert, lautet: Wie kann eine Wirtschaft mit (künftig) schrumpfender Bevölkerung umgehen und kann sie dann auch noch wachsen? Abgesehen von der schon beleuchteten Wachstumsproblematik an sich, gibt es kein wirklich stichhaltiges Argument für die Annahme, dass bei schrumpfender Bevölkerung zwangsläufig die Wirtschaftsleistung absinkt. Sogar eine nur auf annähernd gleichem Niveau bleibende Wirtschaftsleistung würde sich bei schrumpfender Einwohnerzahl als Wachstum des Nationaleinkommens pro Kopf darstellen! Natürlich lautet die Schlüsselfrage, ob die Zahl der Erwerbstätigen ausreicht, um die gewohnte Wirtschaftsleistung zu erbringen. Zumindest für die Anfangsphase dieser Entwicklung ist die Frage klar zu bejahen. Früher mussten die Erwerbstätigen außer für sich selbst einerseits für viele (!) Kinder und andererseits für nicht so viele Alte arbeiten („Drei Brote musst Du backen …“). Jetzt müssen die Erwerbstätigen viel weniger Kinder, dafür aber weit mehr Alte mit versorgen. Das ist nur eine Verschiebung.

Schwieriger wird die Fragestellung, wenn in weiterer Folge wegen des geringeren Nachschubes an jungen Erwachsenen die Anzahl der Erwerbstätigen sinkt. Dennoch bietet sich eine ganze Reihe von Ausgleichsmöglichkeiten an. Weil ja nicht nur die durchschnittliche Lebenserwartung steigt, sondern mit ihr sich auch die Zeit der Arbeitsfähigkeit erstreckt, erlaubt dies ein höheres Alter für den Übertritt vom Erwerbsleben in den Altersruhestand. Weiters wird mit Sicherheit die Produktivität noch steigen. Stichworte: Roboterisierung, Elektronik. Die „Arbeit“ wird in vielen Bereichen noch „leichter“ werden, so dass den älteren Erwerbstätigen bei entsprechender Umstrukturierung der Arbeitswelt nur die ihrer Verfassung entsprechenden geringeren Leistungen abverlangt werden. Angesichts der überall zu beobachtenden Zunahme der Produktivität generell, kann man sogar ein Wirtschaftswachstum bei schrumpfender und in ihrer Zusammensetzung älterer Bevölkerung annehmen. Volkswirtschaftliche Gründe erzwingen jedenfalls keinen Ausgleich durch Massenzuwanderung.

Kein Baum wächst in den Himmel

Letztlich landen wir wieder bei der Frage nach dem „richtigen“ oder gewünschten Wirtschaftswachstum. Noch genauer lautet die Frage: Welches Wachstum überhaupt ist gewünscht, machbar oder möglich? Jeder kennt mittlerweile die ökologische Debatte um „die Grenzen des Wachstums“. Dass ein materielles Wachstum an seine Grenzen stößt, bestreitet angesichts der sich ankündigenden Energie- und Rohstoffknappheit kaum noch wer. Nicht zu vergessen der ebenfalls nicht unbegrenzte Landschafts- und Siedlungsraum. Tatsächlich sind wir ein übervölkerter Kontinent, dessen eigene Ressourcen nicht ausreichen, um den modernen Lebensstandard seiner Bevölkerung autonom aufrecht zu erhalten. Immaterielles Wachstum (Stichwort: Kultur) kennt diese engen Grenzen nicht. Ich vermute, dass sich ganz in diesem Sinne auch unser künftiges Wirtschaftsleben immaterialisieren wird. Eigentlich ist das im Kern bereits in der scheinbar so materiellen Wirtschaft enthalten, geht es doch letztlich um Größen wie Wert, Nutzen, Prestige, kurz um Qualitäten, vor allem um Lebensqualität. Immer häufiger wird auch über „moralische und psychologische Grenzen des Wachstums“ nachgedacht.[4] Das macht Sinn, weil die Zweifel an der bisher eingeschlagenen Wachstumsrichtung zunehmen. Wachstumsziele hängen auch von der ihnen zu Grunde liegenden Motivation ab, nicht allein vom materiellen Potenzial in Rechengrößen. Da tun sich neue Horizonte auf. Eines jedenfalls kann auch aus ökonomischer Sicht festgestellt werden: Es ist kein Unglück, wenn wir uns von der Heilserwartung eines ständigen Wirtschaftswachstums verabschieden.

Anmerkungen

[1] Ernst Dürr, Wachstumspolitik, Verlag Paul Haupt, Bern und Stuttgart 1977, S 285. Dieses Buch gilt als einschlägiges Standardwerk und breite Fundquelle.
[2] Dürr, S. 46
[3] Dürr, S. 83
[4] Josef Falkinger, Sättigung – Moralische und psychologische Grenzen des Wachstums, J. C. B. Mohr, Tübingen 1986

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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