Das BIP – eine fragwürdige Größe


Schwierige Suche nach Alternativen

 

Von Richard G. Kerschhofer

Aus Ungarn kam kürzlich die Meldung, dass man bei der Berechnung des Brutto-Inlands-Produkts (BIP) nunmehr auch Prostitution und Drogenhandel berücksichtige, die laut Schätzung etwa ein Prozent zur „Wirtschaftsleistung“ des Landes beitragen. Das mag anrüchig klingen, doch wenn bereits die Römer ein BIP ermittelt hätten, wären sie wohl ähnlich vorgegangen: Hatte nicht Kaiser Vespasian nach dem Motto „Geld stinkt nicht“ eine Latrinensteuer eingeführt? Und Ungarn, das die Umsätze heimischer Prostituierter mit Ausländern als Export-Erlöse rechnet, folgt eigentlich nur dem Beispiel einiger anderer EU-Staaten.

Die Motivation für eine solche Handlungsweise liegt auf der Hand: Die „Maastricht-Kriterien“ für Budget-Defizite und Staatsverschuldung knüpfen an das BIP an, und je höher dieses ist, desto mehr Schulden darf man machen. Außerdem tragen auch zahlreiche andere „Leistungen“ – wenigstens auf kurze Sicht – zur Erhöhung des BIP bei: Etwa der Konsum von Alkohol und Tabak oder die Umsätze von Abtreibungskliniken. Ähnlich auch echte Verkehrsunfälle wegen der Reparaturen, Anwaltshonorare sowie Begräbnis- oder Heilungskosten. Und im „Idealfall“ durch die Pflege bei dauernder Invalidität – doch nur wenn diese entgeltlich ist, so wie auch Erziehungs- und Pflegearbeit nur zählt, wenn sie außerhalb der Familie erfolgt. Aber selbstverständlich wird das BIP auch durch unrentable – und oft nur wegen der Subventionen getätigte – Investitionen aufgebläht.

Dem Autor dieser Zeilen blieb aus dem ersten Semester Betriebswirtschaft vor mehr als fünfzig Jahren ein Professor in nachhaltiger Erinnerung, der mit großväterlichem Pathos dozierte: „Der Kaufmann soll sich nicht reicher rechnen – er soll reicher werden.“ Genau hier liegt auch der Kern des Problems, denn während in der Privatwirtschaft Selbstbetrug tödlich sein kann, ist die öffentliche Hand ein simpler Einnahmen-Ausgabenrechner, der keine Vermögensbilanz legt. Statt der Frage, ob das Land ärmer oder reicher geworden ist, sucht man das Wahlvolk mit teils fragwürdigen Rechengrößen einzulullen. Das gilt für Inflationsraten, für die Verschleierung von Belastungen durch „Ausgliederungen“ und eben auch für das BIP.

Als man in den USA im Zuge der großen Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit das BIP erfand, ging man davon aus, dass erhöhte Produktion automatisch eine Steigerung des Wohlstands bedeute. Den Ökonomen ist natürlich schon lange bekannt, dass das BIP kein Maßstab für den Wohlstand oder gar das Glück eines Volkes ist. Denn bekanntlich ist in den Industrieländern trotz des BIP-Wachstums die Arbeitslosigkeit gestiegen. Und man muss kein Öko-Fanatiker sein um zu erkennen, dass das gefeierte Wirtschaftswachstum Chinas und anderer Länder auf Raubbau beruht – letztlich sogar an der Volkssubstanz.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass man bei Berücksichtigung von Faktoren, die sich nicht direkt in Geldeswert ausdrücken lassen, diese bewerten muss. Und damit wird erst recht wieder politischer Manipulation Tür und Tor geöffnet.

 
Richard G. Kerschhofer, Wien, ist Wirtschaftsfachmann und freier Publizist.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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