Autarkie und Selbstgenügsamkeit


Arthur Schopenhauers Kunst des Lebens zwischen Lebensweisheit und Bildungsstreben

 

Von Jochen Schaare

War Arthur Schopenhauer ein Philosoph des Griesgrams? Oder schuf er nicht vielmehr eine philosophische Welt der souveränen Gelassenheit, des Darüberstehens in den Dingen des Alltags? Schopenhauer spricht oft von den „Umwandlungen“, welche „die Zeit an uns selbst hervorbringt“. So nimmt es nicht wunder, wenn Schopenhauers Lehre und Weltanschauung ganz auf dem Mutterboden und Fundament persönlich durchlebter und durchlittener Erfahrungen erwachsen ist und ruht, gestaltet von seiner ebenso genialen wie eigenwilligen Persönlichkeit. So ist die Überzeugung Schopenhauers von der Nichtigkeit des Daseins und dem tiefen Leidenscharakter der Welt nicht etwa Ort eines bloßen ästhetischen Wohlgefallens am Tragischen oder unverbindliches Gedankenspiel, sondern ein durch seine ganze Wesensart bedingtes Grunderleben für ihn.

Schon früh zeigte sich sein entsprechender Charakter in der Auseinandersetzung mit der Mutter. Johanna Schopenhauer, die selbst eine berühmte Schriftstellerin wurde, schreibt im November 1807 ihrem 19jährigen Sohn einen Scheidebrief, in dem es heißt: „… Daß ich Dich recht lieb habe, daran zweifelst Du nicht, ich habe es Dir bewiesen und werde es Dir beweisen, so lange ich lebe. Es ist zu meinem Glück notwendig zu wissen, dass Du glücklich bist, aber nicht ein Zeuge davon zu sein. Ich habe Dir immer gesagt, es wäre sehr schwer, mit Dir zu leben… Dein Missmut ist mir drückend und verstimmt meinen heiteren Humor, ohne dass es Dir was hilft. Sieh, lieber Arthur, Du bist nur auf Tage bei mir zu Besuch gewesen, und jedes Mal gab es heftige Szenen, um nichts und wieder nichts… Deine finsteren Gesichter, Deine Klagen über unvermeidliche Dinge, Deine bizarren Urteile, die wie Orakelsprüche von Dir ausgesprochen werden, ohne dass man etwas dagegen einwenden durfte…“

Nach einigen Monaten kommt es noch härter: „Du bist kein böser Mensch; Du bist nicht ohne Geist und Bildung. Du hast alles, was Dich zu einer Zierde der menschlichen Gesellschaft machen könnte, aber dennoch bist Du überlästig und unerträglich und ich halte es höchst beschwerlich, mit Dir zu leben; alle Deine guten Eigenschaften werden durch Deine Superklugheit verdunkelt und für die Welt unbrauchbar werden, bloß weil Du die Wut, alles besser wissen zu wollen, überall Fehler findest außer in Dir selbst…, nicht beherrschen kannst. Damit erbitterst Du die Menschen um Dich her, niemand will sich auf so gewaltsame Weise erleuchten lassen… Wärest Du weniger, als Du bist, so wärst Du nur lächerlich, so aber bist Du höchst ärgerlich…“ Schopenhauer scheint hier noch in Pubertätskrisen verstrickt gewesen zu sein, gleichwohl kommt hier auch eine gewisse Charakterausprägung zum Vorschein.

Dieser Mann wurde ein großer Daseinsverneiner und „Künder der Eitelkeit alles Irdischen“ (H. v. Braunbehrens). Schon bald schärft sich seine Lehre, dass alles Glück wesentlich negativer Natur sei und Schmerz allein das Positive im menschlichen Leben. Schopenhauer will weniger positive Glücksquellen aufweisen als lehren, wie man in dieser Welt, die er als eine Art Hölle versteht („Die Welt ist eben die Hölle, und die Menschen sind einerseits die gequälten Seelen und andererseits die Teufel darin“), wie man in dieser an sich schlechten Welt leidlich angenehm leben kann, also mit möglichst wenig Schmerzen und Enttäuschungen davonkommen möge. Damit sei schon viel erreicht. Tausendmal seien die Menschen mehr darauf erpicht, sich Reichtum und andere äußere Güter in dieser Welt der „Gleisnerei“ anzueignen, als Geistesbildung zu erwerben. Nicht Reichtum, sondern Weisheit sei der richtige Weg. Die Beschäftigung mit den Großen aller Zeiten, die für die liebevoll aufnehmenden Geister gelebt haben, und eine vernünftige Betrachtung und Ordnung des Lebens sei ein Weg, dem Übel eines endlosen Wollens zu entgehen.

Glück als Abwesenheit von Schmerz

Hermann von Braunbehrens führt aus, dass es Schopenhauer in den „Aphorismen zur Lebensweisheit“ wesentlich um die „Befreiung des Menschen von überkommenen Vorurteilen“ gehe, um „Widerlegung falscher und flacher Glückserwartungen und Hinlenkung auf die Vertiefung des Daseins“. „Nicht den nach außen gerichteten Glückstrieb und Geltungsdrang fördert und bestärkt Schopenhauer in seinen Betrachtungen, sondern er lehrt uns entgegengesetzt, daß alle tiefer verstandene Befriedigung uns nur aus uns selbst, aus dem, was wir als Persönlichkeit sind, zuströmen kann. Ergänzt man aber den Gedanken der inneren Unabhängigkeit des Selbst…, so wird er auch heute… seine Gültigkeit behaupten können.“

Schopenhauer fordert uns auf, in diesem Jammertal, als welches er die Welt versteht, sich eines wertvollen Werkzeuges zu bedienen, nämlich der praktischen Klugheit und der Erfindungsgabe. Er sucht und findet Lebens- und Verhaltensregeln, die uns bei der Abwendung von Übeln und Schicksalsschlägen helfen, in der Hoffnung, auf diese Weise – da vollkommenes Glück unerreichbar und eine Chimäre ist – wenigstens jene relative Glückseligkeit zu erlangen, die in der Abwesenheit des Schmerzes besteht. Schopenhauer greift hierbei vielfach auf die antiken Weisheitslehren von Epikur, Aristoteles, Marc Aurel und Seneca zurück, also auf die griechischen und römischen Klassiker, ebenso aber auf die europäische und deutsche Weisheitsliteratur von Chamfort über Voltaire, Montaigne, La Bruyère, La Rochefoucauld, Vauvenargues bis hin zu Lichtenberg und Goethe, also die gründliche Lektüre der Klassiker aller Epochen, streng in der Originalsprache. Diese „echte Lektüre“ biete die beste Schule des Denkens, denn sie zwinge uns dazu, uns mit dem auseinanderzusetzen, woran wir selbst nicht gedacht hatten. Intelligente Bücher machten intelligenter, die Zeitungslektüre aber sei auf ein Mindestmaß herabzufahren.

Durch diese magistri vitae gelingt es ihm, die Philosophie nicht nur als theoretisches Wissen, sondern als geistige Übung und Lebensform zu etablieren, also Rettung des Menschen aus seiner Verfallenheit an die Welt und an den Willen. (F. Volpi) Die wahre Lebensweisheit bestehe darin, dass man überlege, wie viel man unumgänglich wollen müsse, wenn man sich nicht der höchsten Asketik, dem Hungertode überlassen wolle. So kommt Schopenhauer zum Schluss, je enger man die Grenzen stecke, desto wahrer und freier sei man, dass man ferner dies beschränkte Wollen befriedige, darüber hinaus aber keinen Wunsch sich erlaube und nun frei die größte Zeit seines Lebens als rein erkennendes Subjekt zubringe. Dazu wurde Schopenhauer auch durch den Gang seines Lebens genötigt.

Quälend schmerzliche Entwicklungsjahre  

Unter dem Druck und dem Schmerz seiner in der Jugend erlittenen Niederlagen und Demütigungen, seiner akademischen Karriere und der Berliner Jahre, der erbitterten Auseinandersetzung mit Hegel, Fichte, Schelling – die in Schopenhauer ihren leidenschaftlichsten Kritiker fanden – und in der vernichtenden Klage über die Universitätsphilosophie seiner Zeit, die sich in langanhaltendem Schweigen kundtat und ihm die ersehnte Anerkennung verweigerte, suchte und fand der Philosoph Hilfsmittel und Ratschläge, welche die Lebensweisheit empfiehlt. Immer mehr konnte er diese zur Milderung des eigenen Leidens und Unglücklichseins anwenden. So fing Schopenhauer schon 1822 regelmäßig an, sich Sprüche, Maximen, Lebensregeln und Apophegmen (Sinnsprüche, Sentenzen) von Schriftstellern und Denkern aufzuzeichnen, um sie für sich und die Niederschrift seiner Werke auszuwerten, um so auf der festen Grundlage eines „desillusionierten Pessimismus“ eine Individualethik und Lebensweisheit zu gründen. Mit dieser ganzheitlichen Sorge um sich selbst, die sich über ein ganzes Leben erstreckt, gelingt es Schopenhauer, das Leben als Kunstwerk zu gestalten, denn um sich richtig zu verhalten, müsse der Weise seinen Charakter, sich selbst und seine Fehler erkennen. Schopenhauers eigene Feststellung hierüber lautet: „So wenig als möglich zu wollen und so viel als möglich zu erkennen, ist die leitende Maxime meines Lebenslaufs gewesen.“

Zu einem solchen Lebenskonzept gehört auch das schon genannte Bildungsstreben als konsequentes Ergebnis von Ernüchterung und Sinn für die Tragik der Existenz. Franco Volpi zählt als Grundregeln seiner Lebensphilosophie auf: Autarkie, Selbstachtung, Eigenliebe, Einsamkeit, Aristokratie der Intelligenz, gesunde Misanthropie, Zurückhaltung im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Als patenter Mann von Welt reagiert Schopenhauer auf die existenziellen Herausforderungen, „in dem er alle Kunstgriffe, Notbehelfe und Strategien anwendet, die ihm seine Intelligenz und seine Geschicklichkeit, sich in der Welt zurecht zu finden, zur Verfügung stellt.“

Selbstdisziplinierung

Dabei ist seine Erfahrung, dass die Welt alles andere als schön sei, sie oszilliere ständig zwischen Schmerz und Langeweile und der „finalen Niederlage“, dem Tod. Daher komme der Philosophie eine konsiliatorische, beratende Funktion zu, welche befähige, seiner eigenen Existenz eine gelungene Form zu verleihen. Echtes Philosophieren leiste eine Ästhetik der Existenz. So ist er es, der am Ende „der geworden ist, der er ist“ und sich mit sich selbst aussöhne, weil er völlig Herr seiner selbst sei und sich an seiner eigenen Autarkie erfreue. Seine einzige Aufgabe sei es, er selbst zu bleiben. Gemeint ist eine Persönlichkeitsbildung, die ein beständiges, verlässliches Gut ist, wirksam in allen Lebenslagen. Sie kann uns das Schicksal nicht entreißen. Er ist der Ansicht, dass jeder Mensch vielen und großen Zwängen ausgesetzt sei, das aber ein kleiner an der rechten Stelle angewandter Selbstzwang vielem nachherigen Zwange von außen vorbeuge. Sehr viele Übel aber seien unvermeidbar. Sich zu mühen, ist aber notwendig und auch – sich abarbeitend an Widerständen – ein „wesentliches Bedürfnis“ der menschlichen Natur.

Wunschziel aber bleibt eine nach Möglichkeit schmerzfreie Existenz in des „Lebens labyrinthisch irrem Lauf“ (Goethe), auch eingedenk der Umwandlungen, „welche die Zeit an uns selbst hervorbringt“, wie es bei Schopenhauer heißt: „Der geistreiche Mensch wird vor Allem nach Schmerzlosigkeit, Ungehudeltseyn, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben suchen und demgemäß, nach einiger Bekanntschaft mit den sogenannten Menschen die Zurückgezogenheit und, bei großem Geiste, sogar die Einsamkeit wählen. Denn je mehr Einer an sich selber hat, desto weniger bedarf er von außen und desto weniger auch können die Uebrigen ihm seyn. Darum führt die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit. Ja, wenn die Qualität der Gesellschaft sich durch Quantität ersetzen ließe; da wäre es der Mühe wert, sogar in der großen Welt zu leben: aber leider geben hundert Narren, auf einen Haufen, noch keinen gescheuten Mann.“

Die Persönlichkeit auszubilden ist dabei das Hauptanliegen, sie schützt vor Langweile und innerer Leerheit. Die „Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe“, die Sucht nach Gesellschaft, Zerstreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art prallen an der Persönlichkeit, an der eigenen Einheit des Bewusstseins ab. Sich von äußeren Dingen unabhängig zu machen, ist dabei die Intention: „Der normale Mensch … ist, hinsichtlich des Genusses seines Lebens, auf Dinge AUSSER IHM gewiesen, auf den Besitz, den Rang, auf Weib und Kinder, Freunde, Gesellschaft u. s. w., auf diese stützt sich sein Lebensglück: darum fällt es dahin, wenn er sie verliert, oder wenn er sich in ihnen getäuscht sah … Eben deshalb hat er auch stets wechselnde Wünsche und Grillen: er wird … bald Landhäuser, bald Pferde kaufen, bald Feste geben, bald Reisen machen, überhaupt aber großen Luxus treiben: weil er eben in Dingen aller Art ein Genüge VON AUSSEN sucht.“

Wir sind vom Willen Getriebene…

Oft folgt der Mensch nur seinem blinden Urtrieb, dem Willen, der ausschließlich in der Welt wirksam ist. Wir sind vom Willen Getriebene, erleiden die daraus entstehenden Schmerzen und haben nur zwei Möglichkeiten, dem Willen zu entkommen und frei zu werden: durch die Künste, zuvörderst durch die Musik, oder durch eine ethische Existenzmöglichkeit, in der Verneinung des Willens, um dadurch die „gänzliche Meeresstille des Gemüts“ zu erlangen. Jeder sei zuletzt immer auf sich selbst angewiesen (Goethe).

Der Kluge aber strebt nach „Schmerzlosigkeit, nicht nach Lust“; dies ist nach Aristoteles die „oberste Regel aller Lebensweisheit“. Schopenhauer schreibt: „… ganz unbekümmert um die Genüsse und Annehmlichkeiten des Lebens, einzig darauf bedacht, allen zahllosen Übeln desselben zu entgehen, soweit es möglich ist. Sonst müsste Voltaires Satz le bonheur n’est qu’un rêve, et le douleur est réelle so falsch sein, wie er tatsächlich ist. Sehr vieles Unglück stammt eben aus der Unwissenheit hierin, welche durch den Optimismus begünstigt ist.“

An anderer Stelle sagt er: „Es ist wirklich die größte Verkehrtheit, diesen Schauplatz des Jammers in einen Lustort verwandeln zu wollen und, statt der möglichsten Schmerzlosigkeit, Genüsse und Freuden sich zum Ziele zu stecken; wie doch so Viele tun. Viel weniger irrt, wer mit finsterm Blicke diese Welt als eine Art Hölle ansieht und demnach nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen. Der Thor läuft den Genüssen des Lebens nach und sieht sich betrogen: der Weise vermeidet die Übel.“

Schopenhauer schreibt voller Sarkasmus über den Weltgeist, der die Individuen nach kurzem Bestehen vernichten würde, und dieser antwortete, wenn man ihm dies zum Vorwurf machen würde: „Siehe sie nur an, diese Individuen, siehe ihre Fehler, Lächerlichkeiten, Schlechtigkeiten und Abscheulichkeiten! Die sollte ich auf immer bestehen laßen?!“ Schopenhauer macht all diesen Individuen zum Vorwurf, dass sie ihren Kopf nur als Diener des Bauches betrachteten und gebrauchten, sie seien Leibeigene, glebae adscripti (an der Scholle festgebunden). So ist ein glückliches Leben kaum möglich, was der Mensch erlangen könne, sei ein heroischer Lebenslauf. „Einen solchen führt Der, welcher, in irgend einer Art und Angelegenheit, für das Allen irgendwie zu Gute Kommende, mit übergroßen Schwierigkeiten kämpft und am Ende siegt, dabei aber schlecht oder gar nicht belohnt wird. „On meurt les armes à la main !“ (Man stirbt mit den Waffen in der Hand).

Autarkie ist der angestrebte Zustand, der am wenigsten Leiden mit sich bringe: „Sich selber genügen, sich selber Alles in Allem seyn, und sagen können omnia mea mecum porto (allen meinen Besitz trage ich bei mir), ist gewiß für unser Glück die förderlichste Eigenschaft. Denn theils darf man, mit einiger Sicherheit, auf niemanden zählen, als auf sich selbst, und theils sind die Beschwerden und Nachtheile, die Gefahr und Verdruß, welche die Gesellschaft mit sich führt, unzählig und unausweichbar.“ Es kommt darauf an, die Menschen zu sehen, wie sie wirklich sind, und nicht, wie man sie sich wünscht. Diese Autarkie führt deshalb zu entsprechender Menschenkenntnis, die auch eine Selbsterkenntnis ist. Entsprechende Muße hält der Philosoph für das „höchste Erdengut“. Zwar gelte der Satz: „Similis simili gaudet!“ (Gleiches erfreut sich an Gleichem!) Aber ganz entsprechend seiner Lebensmaxime will der Philosoph der Masse nicht ähnlich sein: „… das aber hole der Teufel! Was sie zusammenbringt und zusammenhält, ist ihre Gemeinheit, Kleinheit, Plattheit, Geistesschwäche und Erbärmlichkeit. Daher ist mein Gruß an alle bipedes: pax vobiscum, nihil amplius! (Friede sei mit euch, damit genug!)

Schopenhauer zitiert Horaz, den römischen Weisen:

Zwischen dem Werk, das du treibst, lies stets und befrage die Weisen,
Wie du leichten (nicht oberflächlichen) Sinnes
hinbringen mögest das Leben,
dass Begierde dich nicht, die immer bedürftige quäle,
Noch auch Furcht und Hoffnung auf wenig nützliche Dinge.
                                                                                                 Epistolae

Spät erst wurde Schopenhauer berühmt und anerkannt; er nannte dies die „Komödie meines Ruhms“, der aber bis heute anhält. Vor allem in Kreisen des gebildeten Bürgertums fand er Anklang. Dieses fand bei Schopenhauer einen Weg der Lebensführung, vor allem jene Vertreter des Bürgertums, die den Kirchen und dem Offenbarungsglauben bereits entfremdet waren. Viele Gebildete waren nach der gescheiterten Revolution von 1848 auf der Suche nach einem Ersatz für das ihnen verwehrte politische Engagement und Schopenhauer entsprach ganz der resignativen Haltung dieser Kreise.

Schopenhauer lehnte die Revolution ab, missbilligte die sozialistischen Tendenzen und betrachtete das Privateigentum als unantastbar. Dem Fortschrittsglauben gegenüber verhielt er sich skeptisch. Die Gleichberechtigung der Menschen hielt er für illusorisch. Die Geschichte sei nicht Selbstoffenbarung eines Absoluten, sondern Ergebnis menschlichen Wollens und Handelns. Weil das äußere Geschehen der Oberfläche der Wirklichkeit angehöre und mit deren wahrem Wesen nichts zu tun habe, komme der Geschichte keine tiefere Bedeutung zu. Das geht scharf gegen Hegel.

Schopenhauer verstand es, in einer klaren und eindringlichen Sprache zu schreiben, ganz anders als die von ihm bekämpften Kathederphilosophen; auch dies sicherte ihm Einfluss auf das Denken der gebildeten Schichten. Wie ein Eklektiker bediente er sich bei Kant und Platon, gehörte also selbst zum Teil dem von ihm bekämpften Idealismus an. Der Komponist Richard Wagner entlieh bei ihm die Kunsttheorie, der Zeichner und Schriftsteller Wilhelm Busch die pessimistischen Gedanken und Sigmund Freud knüpft an Schopenhauers Lehre vom Intellekt als Sklave des Willens an. Was Schopenhauer als Philosoph erreichen wollte, das versuchte Freud als Arzt zu bewältigen. Nietzsche und Bergson sorgten dafür, dass auch in ihrer Disziplin die Ansätze Schopenhauers bekannt wurden.

 
Jochen Schaare lebt in Salzgitter und ist Pädagoge.

Literatur

Grün, K.-J. (2000): Arthur Schopenhauer. München 2000

Dietrich, H.-J. (2007): Von Weisheiten und Verkehrtheiten eines Griesgrams. Zu Besuch bei Arthur Schopenhauer. O.O. 2007

Herodot (2004): 9 Bücher zur Geschichte. Wiesbaden 2004

Hirschberger, J. (o. J.): Geschichte der Philosophie Bd. 2: Neuzeit und Gegenwart. Frechen o.O.

Lütkehaus, L. (1999): Nichts. Abschied vom Sein. Ende der Angst. Zürich 1999

Poller, H. (2005): Die Philosophen und ihre Kerngedanken. Ein geschichtlicher Überblick. München 2005

Röd, W. (1996): Der Weg der Philosophie. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Zweiter Band: 17. bis 20. Jahrhundert. München 1996

Schopenhauer, A. (1976): Aphorismen zur Lebensweisheit. Mit einem Nachwort von H. v. Braunbehrens. Frankfurt/Main 1976

Schopenhauer, A. (1999): Parerga und Paralipomena. Band 1 und 2. Hrsg. von L. Lütkehaus. Zürich 1999

Schopenhauer, A. (2005): Die Kunst, glücklich zu sein. Dargestellt und mit fünfzig Lebensregeln herausgegeben von F. Volpi. München 2005, 3. Aufl.

Schopenhauer, A. (2006): Die Kunst, sich selbst zu erkennen. Hrsg. von F. Volpi. München 2006

Schopenhauer, A. (2009): Die Kunst, alt zu werden. Hrsg. von F. Volpi. München 2009

Spierling, V. (1998): Arthur Schopenhauer. Eine Einführung in Leben und Werk. Frankfurt/Main 1998

Vogt, M. (o. J.): Philosophie. Von der Antike bis zur Gegenwart. Sonderausgabe o. O.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010

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