Die USA – Weltmacht im Abstieg


Von Bertram Schurian

Laut der jüngsten Schätzung der CIA für das Jahr 2008 wird die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten auf (für Kaufkraftparitäten bereinigte)US-$ 14,26 Billionen berechnet, die der Europäischen Union jedoch auf US-$ 14,91 Billionen. Damit rangieren die Vereinigten Staaten auf Platz 2 in der Weltrangordnung. Auf dieselbe Weise berechnet ergeben sich für die Volksrepublik China US-$ 7,97 Billionen und für Japan US-$ 4,32 Billionen, die damit Platz 3 und 4 in der Weltrangordnung einnehmen. Indien kommt auf Platz 5 mit US‑$ 3,29 Billionen, Deutschland auf Platz 6 mit US-$ 2,92 und Russland auf Platz 7 mit US-$ 2,26 Billionen. Auch auf Platz 2 sind die Vereinigten Staaten von Amerika immer noch ein politisch und militärisch mächtiges Land und werden dies vorläufig auch bleiben. Dessen sollte man sich in der jetzigen Diskussion immer bewusst bleiben.

Noch vor einigen Jahren allerdings waren die Vereinigten Staaten unangefochten die Nummer 1 in der Weltrangordnung. Die finanzielle Krise, die in den Vereinigten Staaten ihren Ursprung hat und ihren Anfang nahm und sich zu einer Wirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes ausgeweitet hat, hat dieses Land jedoch nachhaltig erschüttert und geschwächt; wie stark, zeigen einige Daten.

Das Budget-Defizit der amerikanischen Bundesregierung wird von geschätzten US-$ 454 Milliarden auf geschätzte US-$ 1.720 Milliarden in 2009 oder ca. 12 % der geschätzten Wirtschaftsleistung steigen. Die Arbeitslosigkeit stieg von 5,8 % in 2008 auf 10 % in 2009. Die Sparquote der amerikanischen Privathaushalte hat sich in den vergangen Jahren auf Null hin bewegt, was als Indiz gewertet kann, dass die US-Amerikaner ihren Lebensstandard schon länger auf Pump finanzierten. Der Konsum nahm über viele Jahre schneller zu, als die verfügbaren Einkommen stiegen. Die laufende Rechnung der Zahlungsbilanz hat jetzt ein noch nie da gewesenes Defizit von ca. 6 % der Wirtschaftsleistung erreicht. Obwohl der relative Wertverfall des US-Dollars schon mehr als dreißig Jahre andauert, wurden jetzt Werte erreicht, die selbst unter den schwachen Werten von 1980, 1992 und 1995 liegen. Der Überkonsum der Bürger in den USA, der nicht durch eigene Ersparnisse, sondern durch gigantischen Kapitalimport finanziert worden ist, hat zu einem starken Ungleichgewicht im Welthandel geführt, welches nur durch drastische Maßnahmen, z. B. weitere Abwertung des Dollars gegenüber allen anderen Weltwährungen, eliminiert werden kann. Die wichtigsten Kapitalexporteure in die USA waren in der Reihenfolge: China, Deutschland und Japan.

Als jedoch die Regierenden in den USA, Europa und Asien das Ausmaß der Krise in Ansätzen erkannten, haben sie relativ rasch und effektiv gehandelt.

Rasche Reaktion auf die Finanzwirtschaftskrise

Die Regierung der USA handelte dabei rascher als andere Regierungen. Das US-amerikanische Hilfsprogramm zur Rettung der Banken (TARP und TALF) beträgt insgesamt US-$ 1.700 Milliarden. Ohne diese Hilfe wäre das amerikanische Bankensystem bankrott.

Außerdem haben die US-Amerikaner noch ein Konjunkturprogramm in Höhe von US-$ 787 Milliarden aufgelegt. Zusammen genommen ergibt das also US-$ 2.487 Milliarden!

Die Hilfsprogramme für die Banken der Briten und Deutschen betragen US-$ 734 und 725 Milliarden, zusammen also US-$ 1.459 Milliarden. Die zusätzlichen Konjunkturprogramme der Briten und Deutschen betragen jeweils US-$ 42 Milliarden (= Euro 33 Milliarden) und US-$ 116 Milliarden (= Euro 91 Milliarden; Umrechnungskurs Februar 2009 von 1,27). Alles wiederum zusammen gerechnet haben die Engländer also US-$767 Milliarden (= 34,4 % ihrer Wirtschaftsleistung) und die Deutschen US-$ 850 Milliarden (= 29 % ihrer Wirtschaftsleistung) zur Rettung der Banken und der Konjunktur in die Finanzschlacht geworfen. Durchaus vergleichbare Größenordnung auf beiden Seiten des „Ocean river“.

Die wirtschaftliche Lage hat sich inzwischen etwas entspannt, aber die Krise ist keineswegs vorbei. Ihre Spuren werden uns noch lange zu schaffen machen. Es zeigt sich jetzt, wie sehr ein auf solider Basis finanziertes soziales Netz von großem wirtschaftlichem Nutzen ist. Es sind nämlich die Bürger der Vereinigten Staaten, die am meisten unter der Krise zu leiden haben. So verminderte sich das verwaltete Vermögen in den Vereinigten Staaten von US-$ 37,4 Billionen in 2007 um US-$ 8,1 Billionen oder 21,8 % auf US-$ 29,3 Billionen Ende 2008.

Das Vermögen der Europäer verminderte sich in derselben Periode von US-$ 34,7 Billionen um US-$ 2,0 Billionen oder 5,8 % auf US-$ 32,7 Billionen. Der Hauptgrund liegt in der Tatsache, dass die US-Amerikaner immer schon mehr in Aktien angelegt hatten als die Europäer. Die 400 reichsten US-Amerikaner verfügten an Ende 2008 über rund US-$ 1,3 Billionen oder rund 19 % weniger als noch im Vorjahr.

Diese von den Vereinigten Staaten verursachte Finanz- und Wirtschaftskrise – auf dem G‑20-Treffen in London im Juni 2009 hat sich Präsident Obama hierfür bei allen anderen Anwesenden entschuldigt – traf die Vereinigten Staaten relativ am härtesten und dies wird ziemlich schnell zu einem Überdenken ihrer Politik führen.

Die Zeit des Unilateralismus ist vorbei

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern tritt Präsident Obama relativ bescheiden in der Welt auf. Nicht zuletzt der eingetretene Verlust an Prestige und Einfluss wird zu einem Wandel beitragen. Ziemlich spät aber doch hat man in Amerika erkannt, dass ohne die wohlwollende Mitarbeit von Europäern, Russen, Arabern, Chinesen und Japanern nichts zu bewegen ist. Die Zeit des Unilateralismus ist endgültig vorbei. Eine wirklich absolute politische wie wirtschaftliche Weltmacht waren die Vereinigten Staaten nach dem Ende des Weltkrieges II und nach dem Untergang der Sowjetunion. Damals konnten sie auf vielen Gebieten ihre Vorstellungen durchsetzen und ausführen. Seither ist ein stetiger relativer Bedeutungsverlust der Vereinigten Staaten aufgetreten. Andere Mächte, die am Ende des Krieges vollständig darnieder lagen, haben an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung gewonnen. Europa ist hier ein Beispiel, aber vor allem gilt das für Asien und neuerdings auch Südamerika. In seinem Buch „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ hat der US-amerikanische Historiker Paul Kennedy im Jahre 1988 eine Analyse vom Aufstieg und Niedergang großer Mächte von der Antike bis zur Gegenwart vorgelegt. In diesem Buch hat er auch vor einer gefährlichen Überdehnung der Macht der Vereinigten Staaten gewarnt. Es sieht gegenwärtig tatsächlich so aus, als ob die Vereinigten Staaten ihre wirtschaftliche, politische und militärische Stärke maßlos überschätzt hätten. Meist wird diese Überdehnung der Kräfte von der regierenden Elite nicht erkannt und die Geschichte lehrt, dass es lange dauern kann, bis ein Imperium am Ende seines Lateins ist, wie es in jüngster Vergangenheit die Sowjetunion vorführte. Da die Vereinigten Staaten von Amerika jedoch ein politisches Modell besitzen, das nach oben durchlässig ist (siehe das Beispiel Barack Obama selbst und Condolezza Rice), ist anzunehmen, aber nicht davon auszugehen, dass negative Entwicklungen nach einer gewissen Zeit erkannt und abgestellt werden.

Man kann dessen ungeachtet davon ausgehen, dass die herrschenden Kreise in Amerika dabei sind, die neu entstandene Lage zu analysieren und Szenarien zu entwickeln, wie die Zukunft der Vereinigten Staaten aussehen könnte und welche politischen Entscheidungen hier und heute getroffen werden müssten, um den Status einer dominierenden Weltmacht zu halten bzw. wieder zu erreichen.

Top-Meinungen, die aufhorchen lassen

Meines Erachtens geben zwei Artikel, die in der September/Oktober bzw. November/Dezember 2009 Ausgabe der US-amerikanischen Zeitschrift „Foreign Affairs“ veröffentlicht wurden, ziemlich genau die Einschätzung der gegenwärtigen Lage der Vereinigten Staaten wieder und dazu die möglicherweise zu erwartende zukünftige bzw. wünschenswerte Lage.

Beide Artikel sind meiner Meinung nach die Mühe der Kenntnisnahme und Weiterverbreitung wert. Jetzt, da die Ideen der Neokonservativen abgewirtschaftet und sich als hohle Phrasen herausgestellt haben, gewinnen die Realisten in der amerikanischen Politik wieder mehr an Einfluss. C. Fred Bergsten und Josef Joffe gehören zu dieser Gruppe, die politische Denker und Größen umfasst wie Georg Shultz, Henry Kissinger und Zbigniew Brzezinski. Vom Letztgenannten stammt übrigens das ungemein offen geschriebene Buch über „Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ (Die einzige Weltmacht, Fischer Verlag Frankfurt/Main 1999).

Josef Joffe, der im heutigen Litauen 1944 geboren wurde, wuchs in West-Berlin in einem jüdischen Elternhaus auf. Mit 17 ging er nach Amerika und rundete dort seine Schulbildung ab. Nach dem Abschluss seiner Hochschulbildung mit Doktorat/Ph.D an der Harvard Universität 1975 begann er seine Karriere bei der „Die Zeit“, Hamburg, als politischer Berichterstatter. Mittlerweile ist er, mit Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, dort Mitherausgeber geworden. Im Jahre 2005 hat er zusammen mit Zbigniew Brzezinski, Eliot Cohen und Fancis Fukuyama das Magazin „The American Interest“ gegründet, in dem hauptsächlich über die Vereinigten Staaten und ihre Rolle in der Welt geschrieben und argumentiert wird. Joffe ist auch bekannt für seine skeptische Einstellung in Bezug auf das Thema „Global warming“.

C. Fred Bergsten, Geburtsjahrgang 1941, schloss seine schulische und akademische Ausbilding mit einem Doktorat/Ph.D an der Central Methodist University, Feyette (Missouri) ab. 1969 wurde er Assistent von Henry Kissinger im National Security Council. Von 1977 bis 1981 diente er als Assistant Secretary im US-Schatzamt während der Präsidentschaft von Jimmy Carter. Seit 1981 ist er auch Direktor des vom ihm gegründeten „Institute for International Economics“, jetzt umbenannt in „Peterson Institute for International Economics“ und eng liiert mit David Rockefeller, der auch im Aufsichtsrat des genannten Institutes sitzt.

Beide Herren sind international einflussreiche Persönlichkeiten und dementsprechend gut vernetzt.

Ursachen und Auswirkungen der Wirtschaftskrise

Im ersten Teil seines Artikels weist Joffe darauf hin, dass viele namhafte Persönlichkeiten in den vergangenen 40 Jahren einen raschen wirtschaftlichen Abstieg und geringer werdenden politischen Einfluss der Vereinigten Staaten vorhergesagt haben. So warnte der bekannte Historiker Paul Kennedy von der Yale Universität 1987 vor einer strategischen Überdehnung der Möglichkeiten der Vereinigten Staaten. 2009 hat er im Angesicht der finanziellen Krise der USA, der chronischen Budgetdefizite und der militärischen Anspannung seine damaligen Thesen wiederholt und er warnt vor einer globalen tektonischen Verschiebung der Macht in Richtung Asien. Roger Altman, ein früherer Vizeminister des Schatzamtes, meinte, dass die Finanzkrise den USA tief greifenden Schaden zugefügt und ihr Standing in der Welt nachhaltig beschädigt hätte. Auch der ehemalige deutsche Finanzminister Steinbrück hieb in dieselbe Kerbe. Der frühere Botschafter bei der UNO von Singapore, Mahbubani, meinte etwas onkelhaft, dass „der Westen noch immer denkt, die Welt dominieren zu können“, während die Welt sich inzwischen weiterbewegt hätte und zu einer stetigen Aushöhlung westlicher Macht beigetragen hat. Der russische Schreiber Dimitry Orlow meinte gar, nachdem er den Zusammenbruch des Sowjetimperiums miterlebt hatte, dass das Wirtschaftssystem der Vereinigten Staaten früher oder später abstürzen werde. Er nannte sowohl die Sowjetunion als auch die Vereinigten Staaten „evil empires“. Trotz all dieser Untergangsgesänge sind die USA Wirtschaftsmacht Nr. 2 in der Welt. Zudem sollte man bedenken, dass das wirtschaftlich mächtige Kerneuropa aus 16 Staaten (die Euro-Zone) mit einer Gesamtwirtschaftsleistung von US-$ 13,5 Billionen besteht und noch lange nicht mit einer Stimme sprechen und handeln kann, – im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten.

Außerdem ist festzuhalten, dass die USA in 2008 rund US $ 600 Milliarden = 4,2 % des Bruttsozialproduktes für militärische Zwecke ausgegeben haben. Das ist rund das Doppelte der Militärausgaben von Russland, China, Indien und Japan zusammen!

Die US Marine besitzt eine Tonnagekapazität, die größer ist als die nächsten 17 Flotten zusammen. Abgesehen von der militärischen und wirtschaftlichen Stärke der Vereinigten Staaten besitzen diese auch ein politisches System, welches dem arbeitswilligen intelligenten Individuum die Früchte seiner Arbeit belässt und vielen, ungeachtet ihrer Herkunft, die Möglichkeit zu personellem Aufstieg und Wohlfahrt gibt. Zum Schluss stellt er noch die Gewissensfrage, wer wollte schon in einer Welt leben, die von China, Indien, Japan oder Russland dominiert wird, oder gar in einem Europa, das seine Randgebiete ohne die Hilfe der Amerikaner nicht befrieden kann?

Eine pessimistische Lagebeurteilung

Trotz dieses Lobgesanges auf die Stärke der Vereinigten Staaten, kommt Bergsten zu einer etwas weniger günstigen Einschätzung der Lage. Schon in den ersten Sätzen seines Aufsatzes fordert er, dass – trotz der enormen bisherigen Anstrengungen der Vereinigten Staaten zur Bekämpfung der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise – die Vereinigten Staaten eine neue Politik lancieren sollten, die große externe Defizite vermeidet, auf ausgeglichene Bundeshaushalte setzt und ein Währungssystem unterstützt, welches dem US Dollar eine weniger prominente Rolle zuteilt, als im heutigen System der Fall ist. Obwohl diese Politik jahrelange Anstrengungen seitens der US-Regierung erforderlicht macht, sollte sie sofort angegangen werden, um so das Fundament für eine nachhaltige längerfristige Wirtschaftsentwicklung der Vereinigten Staaten zu legen. Dies sei nicht nur eine dringende wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch im Interesse der nationalen Sicherheit und der Auslandsbeziehungen. Es wäre gefährlich, an der alten Politik festzuhalten.

Einer der Gründe für die Finanzkrise lag und liegt in der dominierenden Rolle des US-Dollars, der es der Regierung ermöglichte, riesige Handelsbilanz- und Zahlungsbilanzdefizite mit der übrigen Welt zu haben, da sie davon ausgehen konnte, dass die US-Dollar Überschüsse der übrigen Welt doch wieder in die USA fließen würden. Dieser enorme Zufluss an ausländischem Kapital war einer der Gründe dafür, dass die Zinsen in den USA sehr niedrig bleiben konnten, die Liquidität in der Wirtschaft zu hoch und die monetäre Politik zu locker war. In Kombination mit einer zu nachsichtigen bzw. laxen Kontrolle des Finanzsektors brachte dies eine Überschuldung im Kreditmarkt für Privatpersonen zu Stande, wobei die aufgelaufenen Risiken total unterbelichtet wurden. Alles zusammen genommen ist der Grund für den Crash im Finanzsektor und der daraus entstandenen Vertrauens- und Wirtschaftskrise.

Die Regierung der Vereinigten Staaten sollte sich daher bewusst sein, dass große Handels-bzw. Zahlungsbilanzdefizite, die Dominanz des US-Dollars im internationalen Handel und der daraus folgende Zustrom von ausländischem Kapital nicht mehr im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten lägen. Große Handelsbilanzdefizite haben nämlich im Inneren einen Gegenpol: große Budget-Defizite. Hohe Budget-Defizite vergrößern die Binnennachfrage, die wiederum mehr Güter aus dem Ausland und höheren Zufluss an ausländischem Kapital bedingt. Dieser Kreislauf muss unterbrochen werden, auch aus demografischen Gründen. Das Congressional Budget Office erwartet für das kommende Dezennium, weil die „Baby boomers“ altern, riesige nicht mehr finanzierbare Defizite. Dem muss jetzt vorgebeugt werden. Die heutige Regierung hat schon die richtigen Signale abgegeben, die da lauten: Die kommende Erholung der US-amerikanischen Wirtschaft soll vom Export getrieben und nicht vom inländischen Konsum getrieben werden. Die Obama-Regierung hat die Idee, wonach die Vereinigten Staaten der rettende Weltkonsument für alle sein solle, aufgegeben und die übrigen Länder der Welt aufgefordert, Anstrengungen zu unternehmen, ihre eigene Binnennachfrage zu stärken. Die Vereinigten Staaten werden, wenn sie wieder mehr konsumieren wollen, erst mehr sparen müssen. Die Sparquote muss drastisch angehoben werden. Dies kann geschehen einerseits durch höhere Besteuerung des Konsums (Mehrwertsteuer) und/oder durch verpflichtende Sparprogramme für jedermann. Ziel sollte jedenfalls ein Mix aus Budgetüberschüssen und relativ niedrigen Zinsen sein.

Auch muss der Finanzsektor, der zuletzt zu sehr alles beherrschte, besser und strenger überwacht werden. Das teure und uneffiziente Gesundheitssystem soll durchdacht und verbessert werden. Auch die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern soll drastisch verringert werden. Die Vereinigten Staaten sind – welche Politik auch immer und von wem auch verfolgt – gezwungen, das durch sie mit verursachte Ungleichgewicht in der Weltwirtschaft zu beenden.

Die Zukunft bleibt offen

Bei all dieser Analyse über den Ist-Zustand und dem Nachdenken über die zukünftigen Entwicklungen sollte man nicht außer Acht lassen, dass es auch noch so etwas wie eine autonome technische Entwicklung gibt, die sich relativ unabhängig vom wirtschaftlichen Geschehen entwickelt. So hat z. B. Bill Gates, einer der Größten in der Entwicklung des Personal-Computers, trotz seiner technischen Kenntnisse völlig die Entwicklung im Internet verschlafen. Doch gerade das Internet hat auf die Entwicklungen in der Welt nachhaltig gewirkt und viele Dinge dauerhaft verändert. Der große russische Wirtschaftsfachmann Nikolai Kondratieff hat schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nachgewiesen, dass es neben kurzfristigen Konjunkturzyklen auch langfristige Zyklen gibt, die mehr als fünfzig Jahre im Schnitt dauern und an deren Anfang meist eine Basiserfindung liegt, die Jahre braucht, bis ihr volles Potenzial ausgeschöpft ist. Ob wir uns gegenwärtig am Beginn einer solchen Periode befinden, ist schwer zu sagen, jedoch auch nicht auszuschließen.

Bemerkenswert ist, dass einer der Autoren auf die Stärken der Vereinigten Staaten hinweisen muss. Dem wirklich Starken braucht dies nicht bescheinigt zu werden. Beide Herren vermeiden es übrigens, auf die verfehlte Drogenpolitik in Amerika einzugehen oder ein kritisches Wort über die militärischen Interventionen der USA im Rahmen der Nato zu äußern. Derweil macht sich der US-Amerikanische Generalstab große Sorgen über die stark zugenommene Selbstmordrate unter amerikanischen Soldaten im Einsatz im Irak und in Afghanistan. Die Handlungsweise der US-Amerikaner in Sachen Opel-Verkauf, Drogenpolitik, Klimaschutz und Energieabhängigkeit weist jedoch auf das Vorhandensein auffälliger Schwächen im amerikanischen politischen System hin. Paul Kennedy hatte schon Recht mit seiner Feststellung, „dass es lange dauern kann, bis ein Imperium stirbt“.

Wenn es den Vereinigten Staaten gelingt, einen Teil der von Bergsten für erforderlich gehaltenen Maßnahmen zu verwirklichen, bedeutet dies für Europa und viele andere Länder in der Welt, die auf den Absatz ihrer Produkte in Amerika hoffen, eine deutliche Umstellung ihrer Wirtschaftspolitik vom Befriedigen der Auslandsnachfrage auf ein Befriedigen der Inlandsnachfrage. Mit anderen Worten: Wirtschaftswachstum wird mehr und mehr in wichtigem Ausmaß von der Entwicklung der jeweiligen Binnennachfrage bestimmt werden. Dies bedeutet gerade für die deutsche Volkswirtschaft, die sich zu sehr auf Investitionsgüter spezialisiert hat (was abgeschwächt auch für Österreich gilt), eine einschneidende Änderung in Richtung mehr Dienstleistungen und Konsumgüter. Wie auch immer, es kommen schmerzhafte Veränderungen für alle auf uns zu.

 
Dipl. Kfm. Bertram Schurian war in führender Position in der internationalen Energiewirtschaft tätig und lebt dzt. in Kärnten.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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