Zentralasien als Brandherd unentwirrbarer Konflike


Von Gerald Brettner-Messler

Seit Jahrzehnten ist dem österreichischen Medienkonsumenten der Nahost-Konflikt bestens vertraut. Eher unbemerkt hat sich in den letzten Jahren ein Konflikt weiter im Osten hinzugesellt, dem allerdings weniger Aufmerksamkeit gezollt wird, als er verdient. In jüngster Zeit ist zu seiner Bezeichnung das Kürzel AfPak – ein Akronym aus Afghanistan und Pakistan – aufgekommen. Dass die Berichterstattung weniger umfassend ist, mag mit der größeren Entfernung – geographisch wie geistig – zu tun haben, vielleicht auch mit dem Umstand, dass der Nahost-Konflikt immer wieder unmittelbare Bezüge zu Österreich hatte und hat: Sei es Kreiskys Vermittlung für eine Lösung, Terrorattacken in Österreich (OPEC u. a.) oder der Bundesheereinsatz am Golan. Die vordergründige Berichterstattung fokusiert sich auf Terror-Anschläge. Die Situation im Unruheherd Afghanistan/Pakistan ist aber ähnlich komplex wie im Nahen Osten.

Im Zentrum stand anfänglich Afghanistan, später kam es zur Ausdehnung auf Pakistan. In seiner Gesamtheit ist der Konflikt aber noch umfassender, geht über die beiden Staaten hinaus. Die Nachbarn Indien und China sind aufgrund eigener Interessen ebenso involviert wie die USA und Großbritannien. Die Zusammenhänge mit den genannten Staaten reichen mehr oder weniger weit in die Vergangenheit. China hat traditionell gute Beziehungen zu Pakistan, wegen der Probleme mit Moslemextremisten im eigenen Land aber kein Interesse an einem Erstarken des Islamismus. Das hinduistisch geprägte Indien ist seit der Teilung des britischen Kolonialreiches in zwei Staaten der Erzrivale des muslimischen Pakistan; um das Gebiet von Kaschmir gibt es seit damals einen Streit (in den auch China involviert ist). Das historische Erbe ist auch noch in einem anderen Gebiet wirkmächtig: Die pakistanischen Unruheprovinzen, die „North West Frontier Province“ und die „Federally Administered Tribal Areas“, gehörten historisch zu Afghanistan. Auf beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze leben Menschen aus dem Volk der Paschtunen. Der Konflikt weist also auch eine ethnische Komponente auf. Insofern hat die Bezeichnung AfPak eine doppelte Berechtigung, um diese sicherheitspolitische Herausforderung zu charakterisieren.

Die sicherheitspolitische Herausforderung

Worin besteht sie? Begonnen hat es mit den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001. Das von den radikal-islamischen Taliban regierte Afghanistan bot den Drahtziehern, der Terrorgruppe Al-Kaida des Arabers Osama Bin Laden, Unterschlupf. In einem Feldzug einer internationalen Koalition gemeinsam mit den innerafghanischen Gegnern der Taliban unter Zustimmung der Vereinten Nationen wurde das Regime gestürzt und eine neue Regierung errichtet. Die Terroristen um Bin Laden sind in der Folge in das schwer zugängliche, weil gebirgige Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan ausgewichen. Schätzungen lauten, dass sich derzeit 300 Al-Kaida-Leute in Pakistan aufhalten, aber nicht einmal 100 in Afghanistan. In Afghanistan wurde der Kampf gegen Al-Kaida zum Kampf gegen die Taliban, die zurück an die Macht wollen. Es gibt zum Teil nach wie vor sehr enge Kontakte der Taliban zur Al-Kaida – die Grenzen sind fließend.

Dieser Kampf der USA und ihrer Verbündeten dauert bis heute an – ohne nachhaltigen Erfolg. Die Taliban sind stärker als je zuvor. Der afghanische Präsident Hamid Karzai, der von den USA unterstützt wird, konnte sich nur dank massiver Wahlfälschung an der ohnehin nur beschränkten Macht halten. Ein Vorgang, der kaum geeignet ist, das Vertrauen der Afghanen in die Bemühungen des Auslands zu stärken. Die neue Regierung Obama war gegenüber ihrem Verbündeten Karzai anfänglich äußerst skeptisch und seine weitere Unterstützung stand zur Disposition. In Washington musste man allerdings erkennen, dass Druck auf Karzai einen gegenteiligen Effekt hatte: Er suchte nun bei diversen Warlords Unterstützung, deren Einfluss eigentlich beseitigt werden sollte. Letztlich hielten ihm die USA die Stange und er wurde in seinem Amt bestätigt.

Während sich der Kampf für eine Stabilisierung Afghanistans als mühevoll erwies, hat der islamistische Terror immer mehr auf den Nachbarn Pakistan übergegriffen. Im Zeitraum Oktober/November 2009 sind dort 300 Menschen bei Anschlägen getötet worden, vor allem im Nordwesten des Landes. Auch in Pakistan stützen die USA eine höchst unpopuläre Regierung unter Präsident Asif Ali Zardari, die wie die afghanische als korrupt und ineffizient gilt. Die Stabilität Pakistans hat im Vergleich zu Afghanistan allerdings ungleich größere Bedeutung, da das Land über Nuklearwaffen verfügt. Die USA haben aus diesem Grund die Regierung in Islamabad gedrängt, härter gegen die Aufständischen vorzugehen. Ein islamistischer Umsturz wäre das schlimmste anzunehmende Szenario. Zardari fallen zu lassen ist ebenfalls keine Alternative, weil ein besserer Mann kaum zu finden sein dürfte. Die pakistanische Regierung hat sich in der Folge entschlossen, eine Offensive gegen die Rebellenhochburg im Grenzgebiet Südwaziristan zu starten. Wenn die militärische Operation beendet sein wird, wird aber erst ein Teil der Arbeit getan sein. Die Regierung muss die durch die Kampfhandlungen zerstörten Gebiete wieder aufbauen. Sollte das nicht gelingen, werden sich Frust und Zorn der Betroffenen gegen die Verantwortlichen richten.

Gefährliche innere Spannungen in Pakistan

Was zur Unpopularität Zardaris beiträgt, ist seine politische Nähe zu den USA. Diese wird auch von den Militärs mit Skepsis betrachtet. Die USA unterstützen zwar die pakistanischen Streitkräfte, vertrauen ihnen aber nicht wirklich. Das hat mehrere Gründe. Das Militär hat eine starke Stellung und wiederholt ein Eigenleben entwickelt: Dreimal hat es bereits die Macht übernommen! Auch ist nicht ganz klar, wie weit die Islamisten Unterstützung aus der Armee erhalten, was für die Sicherheit der Nuklearwaffen bedeutsam ist. Den pakistanischen Generalen wiederum sind die guten Beziehungen der USA zu Indien ein Dorn im Auge. Zudem befürchten sie, dass die USA sich zu sehr in innerpakistanische Belange einmischen. Das jüngste von Washington beschlossene Hilfspaket von 7,5 Milliarden Dollar wurde nur unter diversen Auflagen gewährt: Dazu gehört die zivile Kontrolle der Streitkräfte. Die Armee sprach prompt von „ernsten Bedenken“ wegen der nationalen Sicherheit.

Dass die USA viel Geld in die pakistanischen Streitkräfte stecken, erscheint angesichts der Bedrohung durch die militanten Islamisten verständlich, langfristig ist es aber wichtiger, in das Humankapital zu investieren. (Ein Teil der erwähnten Hilfsgelder ist für Schulen gedacht.) Der Terror verunsichert viele Menschen. 80 % der Pakistanis glauben, dass das Land sich in die falsche Richtung entwickelt. Pakistan ist ein junger Staat, zwei Drittel der 180 Millionen Einwohner sind unter 30 Jahre alt! Die Jugend ist politisch gespalten: je 30 % unterstützen eine demokratische Gesellschaftsordnung bzw. eine auf der Sharia basierende. Das Schulsystem ist völlig unzulänglich. Mangelnde Bildung ist das Fundament für Radikalismus – letztlich wird entscheidend sein, wer den „Krieg“ um die Köpfe der Jungen gewinnt.

Die Stimmung gegenüber dem Westen ist keineswegs positiv, weil die Menschen den Eindruck haben, dass Pakistan nur als Hort von Verbrechern gesehen wird, auf den man keine Rücksicht zu nehmen braucht. Als Beleg dafür sehen sie die Angriffe mit Drohnen auf (vermutete) Terroristen-Verstecke in Pakistan. Diese von der CIA geführten Operationen haben in den letzten drei Jahren laut einer Schätzung ca. 1.000 Opfer gefordert, darunter auch Unbeteiligte – eine Studie geht von einem Drittel getöteter Zivilisten aus. Dass die USA auf fremdem Territorium nach Belieben schalten und walten und dabei die Souveränität Pakistans missachten, empört viele Menschen. Verständnis für dieses Vorgehen gibt es kaum. Außenministerin Hillary Clinton hatte bei ihrem letzten Aufenthalt lediglich einen trockenen Kommentar parat: Sie könne zu den Angriffen nichts sagen; es handle sich um eine Angelegenheit unter den Militärs.

Unterstützung für Terroristen – mal so, mal so

Fatal für die Glaubwürdigkeit der USA ist auch, dass die Instrumentalisierung von Terrorgruppen durch die USA selbst Tradition hat. Zur Zeiten der sowjetischen Intervention in Afghanistan wurden die Taliban unterstützt, wobei Pakistan als Verbündeter der USA in der Vermittlung eine wesentliche Rolle spielte. Daher traut man den USA durchaus zu, auch hinter den aktuellen Anschlägen zu stehen. Die radikalen Islamisten sind aber auch für die pakistanische Armee von Nutzen, um zu verhindern, dass der Erzrivale Indien Macht und Einfluss in Afghanistan gewinnt und Pakistan so in die Zange genommen wird. Seit Jahrzehnten werden daher Extremistengruppen unterstützt – auch mit Schlagrichtung Indien (die Spur der Mumbai-Attentäter von 2008 führte nach Pakistan). Umgekehrt vermuten viele Pakistanis den indischen Geheimdienst hinter den Anschlägen. Hinzu kommt, dass Israels Außenminister Avigdor Lieberman Pakistan als größere Bedrohung als den Iran bezeichnet hat. Das wurde von vielen so interpretiert, dass Israel und seine Lobby in den USA die wahren Drahtzieher seien. Viele Menschen wollen sich einfach nicht eingestehen, dass der Terrorismus aus der eigenen Gesellschaft kommt. Die Gerüchte sagen zwar nichts darüber aus, was sich hinter den Kulissen abspielt, aber sehr wohl, welche Stimmung in Pakistan herrscht.

Nimmt man alle diese Faktoren, bietet sich das Bild einer Konfliktregion, an dem sich so rasch nichts ändern wird. Die von den westlichen Staaten unterstützten Regierungen sind schwach, das Unterstützungspotenzial der USA und ihrer Verbündeten ist begrenzt und die den Konflikten zugrunde liegenden Strukturen können nicht binnen kurzer Zeit, sondern bestenfalls auf lange Sicht geändert werden. Ob die verfügbare Zeit dafür reichen wird?

 
Dr. Gerald Brettner-Messner, Historiker, lebt als wissenschaftlicher Beamter in Wien.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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