Das religiöse Glaubenslabyrinth


Von Karl Sumereder

Die menschliche Vernunft wird durch Fragen gequält, die sie nicht abweisen, aber auch nicht zweifelsfrei beantworten kann. Die Frage nach der Religion ist eine solche Frage. Sie bringt inneres Bedürfnis und intellektuelle Redlichkeit in eine spannungsreiche Konstellation.

Im Allgemeinen haben wir das Bedürfnis, weiter zu leben. Dies steht aber im Widerspruch zur Realität. Alles individuelle Leben erlischt nach einiger Zeit. Das Bedürfnis weiter zu leben ist aber so tief fundiert, dass in allen Kulturen versucht wurde, auf die eine oder andere Weise, mit oder ohne Religion, ein Weiterleben nach dem Tod zu konstruieren.

Die Grundlage der Religionen

Die Überzeugung, dass es ein Sein gibt, das alle wissenschaftlichen Aussagen, alle Formen begrifflichen Denkens überschreitet, ist die Grundlage der Hochreligionen wie Hinduismus, Sikhismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam, aber nicht nur von diesen.

Die Vielfalt der in der Menschheitsgeschichte und ihren Kulturen herausgebildeten Religionen, Kirchen und Sekten ist jedenfalls erstaunlich groß.

Selbst unter Beiseitelassung all derer, welche heute nicht mehr existieren, und unter Beschränkung auf diejenigen, welche eine bestimmte Bedeutung und Anhängerschaft besitzen, würde allein eine kurze Darstellung ihrer Geschichte, Lehre und Organisation, wie Helmuth von Glasenapp (1891–1963) in seiner zum Klassiker gewordenen Einführung: „Die fünf Weltreligionen“ (Eugen Diederichs Verlag, München, 1963 und 1996) darlegt, Bände füllen.

In diesem Essay werden in Anlehnung an diese Einführung überblicksartig asiatische und christliche Kirchen, deren Absplitterungen und Sekten dargestellt.

Der Hinduismus

Etwa 2500 vor unserer Zeitrechnung in der Induskultur entstanden, ist der Hinduismus eigentlich ein geografischer Begriff, nämlich ein auf die Bewohner des Indusgebietes bezogener. Der Hinduismus ist unter den fünf großen Religionen die vielfältigste, weil er fast alle Ausdrucksformen des religiösen Lebens vereinigt. Vom Kult von Fetischen, Bergen, Flüssen, Pflanzen, Tieren, Dämonen und Geistern, über den Dienst um lokale Heroen, dem Eingottglauben (Vishnu oder Shiva), bis zur Überzeugung, dass das Universum nicht von einem Weltherrn, sondern von ewigen, moralischen Gesetzen einer sittlichen Weltordnung (Dharma) beherrscht wird.

Der Hinduismus ist also durch eine Fülle von nebeneinander bestehenden religiösen Anschauungen und Kultformen gekennzeichnet. Ein essenzielles Charakteristikum ist das Kastenwesen. Das Zentraldogma aller indischen religiösen Systeme, ob theistisch, pantheistisch oder atheistisch, ist die Lehre vom Karma und von der Seelenwanderung. Das Ziel jedes religiösen Menschen ist darauf gerichtet, sich durch gute Taten eine gute Wiedergeburt zu sichern.

Der Buddhismus

Der Buddhismus ist eigentlich keine Religion, sondern eine philosophische Lehre, deren Begründer Prinz Siddharta, etwa in den Jahren 560 bis 480 vor unserer Zeitrechnung wirkte.

Die Geschichte des Buddhismus zeigt, dass eine Heilslehre, welche auf eine farbenprächtige mythologische Einkleidung und auf einen prachtvollen Kultus bewusst verzichtet, im Grunde eine aristokratische Weisheitslehre für Wenige ist. Den religiösen Bedürfnissen der großen Masse konnte sie daher nur in begrenztem Umfange Genüge tun. Dem wurde im Verlauf der Geschichte dahingehend entgegengekommen, dass einerseits der Kultus der Religionen, welche vorher da waren, bestehen blieb; andererseits, dass Andachtsformen und sakrale Zeremonien eingeführt wurden, welche an die Stelle derjenigen der vorherigen Götter- und Heiligendienste traten.

Zur älteren, intellektuelleren Ansicht, die von den Schulen des „Kleinen Fahrzeuges“ (Hínayána) vertreten wird, wonach die Chance im Verlauf zahlloser Existenzen zu einem Buddha, einem Erleuchteten zu werden, der in das Nirwana eingeht, nur wenigen Auserwählten vorbehalten ist, bildete sich eine weitere Schule heraus. Nämlich etwa 500 Jahre nach unserer Zeitrechnung die Schule des „Großen Fahrzeugs“ (Maháyána). Es erwuchsen eine reiche Mythologie und der Glaube, dass die Buddhas in dieser oder jener Weise aus überirdischen Himmeln den Frommen Wohltaten erweisen. Außerdem, dass unermesslich viele Menschen gemäß ethischer und sittlicher Lebensführung in nachfolgenden Generationen auch der Buddhawürde teilhaftig werden können.

Der chinesische Universalismus

Die chinesische Philosophie hat in den mindestens drei Jahrtausenden, in denen deren metaphysische Lehren nachverfolgbar sind, eine Mannigfaltigkeit von Theorien und Weltvorstellungen hervorgebracht. Es gibt in China, ebenso wie auch im Westen, eine Fülle von Auffassungen, von religiösen und philosophischen Systemen, von Sekten und Geheimbünden und Formen des Ahnenkultes.

Hinsichtlich des höchsten Weltprinzips handelt es sich im Wesentlichen um den Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus. Es sind diese drei Hauptformen, in denen das religiöse Denken seine Gestalt gefunden hat. Der Kosmos ist ein gewaltiger Mechanismus, der in einem beständigen Wandel begriffen ist. Aus solcher Sicht sind Elemente wie Wasser, Feuer, Holz, Metall, Keramik, die Erde selbst, keine ewigen Substanzen, sondern verdanken ihr Dasein den beiden Urgewalten Yin und Yang, welche die Ursachen des unaufhörlichen Wechsels aller Dinge sind. Yang ist das männliche, aktive, zeugende, schöpferische, lichte Prinzip. Yin das weibliche, passive, empfangende, hingebende, verhüllende. Beide sind Gegenstücke, die einander ergänzen, aber keine Gegensätze, die sich bekämpfen.

Yang und Yin ihrerseits sind die beiden Seiten des All-Einen, des im ständigen Wandel begriffenen Seienden.

Konfuzius ist die lateinische Wiedergabe des chinesischen „K`ung-fu-tse“, das bedeutet Meister K`ung. Er wurde 551 vor unserer Zeitrechnung geboren, war also ein Zeitgenosse von Buddha oder Pythagoras. Konfuzius war ein Gelehrter, der die Überlieferungen des Altertums der Nachwelt in reiner und unverfälschter Form übermitteln wollte. Ein Moralphilosoph, der die ewigen Normen für das Leben des Einzelnen wie für die Regierungen von Staaten lehrte.

Lao-tse und das Tao-te-ching. Laotse ist eine der geheimnisvollsten und umstrittensten Gestalten der chinesischen Geisteswelt. Er lebte von 604–517 v. u. Z. und war ein großer Gegenspieler des Konfuzius. Manche Geschichtsforscher halten Laotse für eine Legende, die erfunden wurde, um dem aus den Werken taoistischer Philosophen kompilierten „Tao-te-ching“ Ansehen zu verleihen. „Tao-te-ching“ – „Das Buch vom Weltgesetz und seinem Wirken“, stellt eine aus vielen Quellen zusammengetragene Schrift dar. Wegen der kulturkritischen Haltung und den mystischen Tendenzen zählt dieses Werk zu den am häufigsten in europäische Sprachen übersetzten chinesischen Büchern.

Tao ist der ewige Urquell allen Seins, eine substanzielle Kraft, die allem zugrunde liegt; das Gesetz, das in der Welt wirksam ist, und die Richtschnur für das richtige Tun. Tao ist das unfassbare, undefinierbare höchste Prinzip der natürlichen und sittlichen Welt. Im Laufe seiner Geschichte ist der Taoismus zu einer besonderen Religion geworden, mit eigenem Pantheon, eigenen heiligen Schriften, Dogmen und Riten.

Das Christentum

Das Christentum unterscheidet sich von allen anderen großen Religionen dadurch, dass es seinen Stifter in viel höherem Maße in den Mittelpunkt der gesamten Lehre stellt. Christus als Messias, Gottessohn und Weltheiland hat so eine für das ganze kosmische Geschehen entscheidende Bedeutung. Jesus Christus ist für seine Kirche nicht der Urheber oder Wiederentdecker metaphysischer und ethischer Lehren wie Buddha und Konfuzius, nicht der Gesandte eines sich ihm geoffenbarten Gottes wie Mohammed, nicht eine der vielen Inkarnationen des Weltherrn wie Krishna, sondern er ist Gott selbst. Von historischem Interesse sind die aus dem Christentum heraus entstandenen unterschiedlichen Glaubengemeinschaften, Kirchen und Sekten.

Die christlichen Syrer waren schon zur Zeit Christi Anhänger seiner Lehre. Dogmatische Spaltungen führten zu den Monophysiten (Jakobiten) und den Nestorianern.

Erstmals überliefert seit der Mitte des dritten Jahrhunderts n. Chr. ist der Arianismus. Eine christliche theologische Lehre, die im Gegensatz zur Trinitätslehre steht. Sie wurde zwar auf mehreren lokalen Synoden verurteilt, hatte aber weiterhin Anhänger. In neuerer Zeit haben arianische Richtungen innerhalb des Christentums zum Unitarismus geführt. Neben anderen vertreten auch die Zeugen Jehovas eine arianische Lehre.

Die ägyptischen Kopten sehen im heiligen Markus den Stifter ihrer Kirche. Der Kirchenpatriarch hat seit dem 11. Jahrhundert n. Chr. seinen Sitz in Kairo.

Die christlichen Abessinier zählen zu den Anhängern des strengen monophysischen Dogmas. Deren Kirche wurde zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert gestiftet.

Die christlichen Äthiopier besitzen seit 1949 ein eigenes Patriarchat.

Die Armenische Kirche bildet seit dem Untergang der armenischen Selbständigkeit (1375) bis heute ein einigendes Band zwischen den auf der ganzen Welt zerstreuten Armeniern.

Die Nestorianer, zurückzuführen auf Nestorius, Patriarch von Konstantinopel (gest. ca. 450 n. Chr.), haben das Altsyrische als Kirchensprache. Sie verwerfen den Bilderkult, essen kein Schweinefleisch, haben zahlreiche Fastentage und gestatten die Priesterehe.

Die Griechisch-orthodoxe Kirche ist in eine große Zahl autokephaler Kirchen zerfallen. Außer den Patriarchaten von Konstantinopel, Alexandria, Antiochia, Jerusalem, Zypern und Sinai, umfasst sie die Kirchen von Serbien, Kroatien, Bulgarien, Rumänien, Griechenland und Georgien.

Das Russische Reich schuf sich 1589 sein eigenes, von Konstantinopel unabhängiges Patriarchat. Eine Einheit der Griechisch-orthodoxen Kirche wird aber trotz der Verschiedenheit der Kultsprachen durch ein gemeinsames kanonisches Recht, gemeinsames Dogma und gemeinsame Form des Kultus aufrechterhalten. Die Priesterehe ist ebenfalls erlaubt.

Seit dem 18. Jahrhundert hat sich wegen Differenzen in der Lehre oder im Kirchenregiment, eine weitere Reihe von Sonderkirchen von der römischen Kirche abgespaltet.

„Altbischöfliche Klerisei in den Niederlanden“, „Altkatholiken“, nannten sich die deutschen Angehörigen der römischen Kirche, welche das 1870 verkündete Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen nicht annehmen wollten, wie auch nicht das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens und den Zölibat der Priester.

Die Zahl der protestantischen Religionsgemeinschaften, hervorgegangen aus den Anhängern der deutschen Reformation, welche gegen die Beschlüsse des Reichstages von Speyer 1529 protestierten, ist umfangreich. Die wichtigsten Gruppen seien hervorgehoben:

Die Reste alter Reformbewegungen, die Waldenser, eine schon 1176 gegründete Sekte als eine asketische Vereinigung innerhalb der römischen Kirche. Die böhmisch-mährischen Brüder (Hussiten), von Johann Hus zu Beginn des 15. Jahrhunderts gegründet.

Martin Luther begann seine Reformation 1517 in Wittenberg, Huldreich Zwingli 1524 in Zürich, Johannes Calvin 1536 in Genf.

Die Anglikanische Kirche wurde von König Heinrich VIII. von England aus weltlichen Erwägungen als eine Staatskirche unter seiner Leitung von der römischen getrennt.

In den „Yearbooks of American and Canadian Churches“ sind über 200 kirchliche Gemeinschaften aufgeführt, die teilweise weltweit verstreute Anhänger besitzen.

Einige Beispiele: Die Presbyterianer, auch Puritaner genannt, die Baptisten, Episkopalisten, Jünger Christi, Methodisten, Quäker, Adventisten, Jünger der Heiligen Familie, Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen), Vereinigte Christen Kirche und so weiter.

Der Islam

Islam bedeutet „Hingabe an Gott, Ergebung in Gottes Willen“. Mit diesem Namen bezeichnete Mohammed (ca. 570–632 n.Chr.) die von ihm gegründete arabische Form des bildlosen Monotheismus. Die religiöse Grundidee des Islam bildet der Glaube an den einen Gott Allah und ein Jüngstes Gericht, bei dem dieser den guten Menschen die Wonnen des Paradieses, den Bösen die Qualen des ewigen Höllenfeuers zuteil werden lässt. Wie bei jeder großen Menschheitsgruppe, ist es trotz der betonten Einheitlichkeit zu Spaltungen verschiedenster Art gekommen. So zu den Anhängern der „Rechtgläubigen Vertreter der Tradition“ (Sunna) = Sunniten und den Vertretern der so genannten „Gegenüberstehenden Partei“ (Shìa) = Shiitten. Des weiteren zu Derwischorden wie die Kàdiniten oder Rifàiten.

Die beiden ältesten islamischen Abspaltungen verdanken ihre Existenz nicht Meinungsverschiedenheiten religiöser, sondern staatsrechtlicher Natur.

Innerhalb des Shiitentums sind auch Richtungen entstanden, die fast als neue, selbständige Glaubensbewegungen anzusehen sind. Wie die in verschiedenen Zweigen bestehenden Ismàìliten, die ihrerseits wieder in Untergruppen zerfallen sind, wie die Assassinen oder Karmaten. In diesem Zusammenhang sei auf die Buchbesprechung „Bin Laden und der mythische Alte vom Berg“ im Genius-Heft Nr. 1/2002 hingewiesen.

Eine kurze Zusammenfassung

Jede der Religionen trägt laut Helmuth von Glasenapp als eine Gesamtheit von Glaubensüberzeugungen, Gefühlen, Neigungen, in der Fantasie befriedigten Glückseligkeitstrieben, ethischen Normen und kultischen Vorstellungen ein so mannigfaches Gepräge, dass sich betreffend konkreter Einzelheiten kein Consensus feststellen lässt.

Dass die Ansichten über die Methoden zum Heil so stark voneinander abweichen und die Vorstellung über die der Verehrung würdigen Personen und Sachen völlig divergieren, zeige, dass keine religiöse Einzelanschauung nach objektiven Kriterien den Anspruch auf alleinige Geltung erheben kann.

Der Religionspädagoge Hans-Ferdinand Angel meint, dass man nicht als religiöser Mensch auf die Welt komme. Religiosität entwickle sich erst in einem bestimmten Umfeld. Aus diesem übernehmen wir vorgefundene Begriffe, Ausdrucksweisen oder Regeln.

Der Glaube, die Delegierung von Absichten, von übergeordneten Ursachen in ein Reich außerhalb der möglichen Erfahrung, war wohl, wie Rupert Riedl feststellt, des menschlichen Bewusstseins früheste geistige Regung. Gemäß Franz M. Wuketits bildete die Entwicklung eines religiösen Glaubens vermutlich einen Überlebensvorteil im Daseinskampf.

 
Dr. Karl Sumereder, Innsbruck, entwickelte sich neben einer erfolgreichen Manager-Karriere zu einem Autodidakten der Philosophie

Bearbeitungsstand: Montag, 4. Jänner 2010

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