Die Besonderheit eines jeden Kindes entwickeln


Detlev Gürtler, Wir sind Elite – Das Bildungswunder, Gütersloher Verlagshaus (Verlagsgruppe Random House München), Gütersloh 2009, 174 Seiten.

 

Buchbesprechung von Gerulf Stix

Der Verfasser dieses Buches, als Jahrgang 1964 ein „Mann in den besten Jahren“ und zudem Vater dreier Kinder, mischt mit diesem Buch die Diskussion um die künftige Bildungspolitik gehörig auf. Gleich vorweg sei gesagt, dass man keineswegs allen seinen Ansichten und Vorschlägen beipflichten wird können. Aber einige seiner Überlegungen sind es wert, ernst genommen zu werden. Das Anregende dieser Lektüre resultiert aus der Frische des Stils, der unkonventionellen Weise, wie an schwierige Fragen herangegangen wird, und der erkennbar ernsten Absicht, gangbare Wege in die Zukunft zu finden. Gürtler fordert nicht mehr und nicht weniger als einen Wilhelm von Humboldt II. für die zeitgemäße Gestaltung unseres Bildungssystems.

Die uns allen verordneten Scheuklappen verleiten natürlich dazu, den Verfasser und sein Buch schematisch als links oder rechts einzuordnen. Nach diesem gängigen Schema ist Gürtler ein Linker, der seinem geistigen Mentor, dem grünen Spitzenpolitiker Bütikofer dankbar Rosen streut. Aber eben dieser Gürtler straft das Links-Rechts-Schema mit seinen Aussagen Lüge. In meinen Augen bestätigt er damit meine auch in den Genius-Lesestücken wiederholte Male argumentierte Auffassung, dass dieses beliebte Schema in Wirklichkeit längst unbrauchbar geworden ist. Es dient heutzutage hauptsächlich als einfach handhabbarer Knüppel, um ideologische Gegner – so oder so – in eine jeweils „böse“ Ecke zu treiben. Zum Beispiel setzt sich Gürtler mit der „gleichmacherischen Wirkung“ der gerade in Deutschland massiv ausgebauten Ganztagschule auseinander und schreibt u. a.:

„In der politischen Rechts-Links-Auseinandersetzung wurde unter der Fahne der Gleichheit meistens die Umverteilung von oben nach unten, von reich zu arm, von privilegiert zu benachteiligt betrieben. Das ist in der Ökonomie ein völlig berechtigter Ansatz: Je nach aktueller Situation kann es mal sinnvoll sein, die Massenkaufkraft zu stärken … und mal die umgekehrte Richtung einzuschlagen, indem höhere Anreize für Unternehmer und Investoren geboten werden. Im Bildungswesen wurde bzw. wird ein solcher Umverteilungs-Ansatz in mehreren Varianten praktiziert, aber jeweils mit miserablen Ergebnissen.“

Er kritisiert dann die gleichmacherischen bildungspolitischen Maßnahmen in der DDR, in Ungarn und in den USA sowie ähnliche Vorstellungen im heutigen Deutschland (Seite 51 ff).

Jeder von uns ist etwas Besonderes

Wenn sich ein Gedankengang wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht, dann ist es der von der Besondertheit eines jeden Kindes, die es schulisch herauszufinden und zu entwickeln gilt. Gürtler geht davon aus, dass der Intelligenzquotient (IQ) über das ganze Leben konstant ist (Prof. D. Rost) und eigentlich schon vor dem Schulbeginn „bereits der Mensch angelegt ist, der daraus werden wird“. Folgerichtig plädiert er dafür, dass „Schulen und Universitäten es schaffen, große Mengen an Individuen auf individuelle Weise zu unterrichten“. Unserem derzeitigen Bildungssystem wirft er vor, dass es nicht das Besondere, sondern das Vergleichbare fördert.

Als heilsam bezeichnet Gürtler den so genannten Pisa-Schock von 2001. Dieser habe die erstarrte und verkrustete Bildungsbürokratie wachgerüttelt. Seitdem sei einiges voran gebracht worden, aber die wirklich zukunftsgerechte Bildungsreform fehle nach wie vor.

Dem bekannten Spannungsverhältnis zwischen (Aus-)Bildungssystem einerseits und Beschäftigungssystem (Arbeitswelt) andererseits widmet Gürtler nicht nur die angemessene Aufmerksamkeit, sondern auch originelle Feststellungen. Ganz richtig hält er Erwerbstätigkeit und Arbeitsplatz auseinander. Damit bescheinigt er unausgesprochen jener verbreiteten Einstellung zur Ökonomie, die ständig auf die „Schaffung von Arbeitsplätzen“ schielt, ein eher primitives Verständnis der heutigen Wirtschaftswelt. Realität ist die individuell sehr unterschiedlich gestaltete Trennung von „Arbeit“ und „Arbeitsstelle“, natürlich auch vom „Wohnen“.

In diesem Zusammenhang befasst sich Gürtler auch mit der Situation arbeitender Mütter und schreibt dazu: „Bislang wird das in den Individuen wie in den Netzwerken steckende ökonomische Potenzial schlicht nicht genutzt. Die Infra- und Denkstrukturen von Staat und Unternehmen sind noch auf die Bürokratien der Industriegesellschaft ausgerichtet … Mütter, die Geld verdienen wollen oder müssen, werden deshalb noch immer dazu gezwungen, morgens das Kind in der Krippe abzuwerfen, in die City zu hetzen, vier Stunden im Hamsterrad zu japsen, mit schlechtem Gewissen und ohne Karrierechance zurückzujagen, und dafür nach Steuern gerade so viel übrig zu behalten, dass Putzfrau und Babysitter noch bezahlt werden können.“ (Seite 34)

Diese Ausflüge in die Arbeitswelt dienen ihm dazu, Anforderungsprofile für die zu schaffende Schul- und Bildungswelt heraus zu finden. So formuliert er dann: „Lernen wird Lebensaufgabe – Lehren auch.“ Dabei immer wieder auch Rückgriffe auf biologische Sachverhalte, wie z. B. dass lebenslanges Lernen, „das uns als Herausforderung der Wissensgesellschaft genannt wird, aber nur den Normalzustand unseres Gehirns beschreibt“.

Einen Mentor für jeden Schüler

Der für die Praxis vermutlich interessanteste Vorschlag Gürtlers zielt auf die breite Einführung von Mentoren ab. Das Mentorensystem als „eine der ältesten Bildungs-Institutionen der Welt“ sieht vor, jedem Schüler einen Mentor aus der Lehrerschaft beizugeben. Der Schüler kann ihn sich auswählen. „Dieser Lehrer fungiert für den Schüler als Begleiter in schulischen Fragen. Was kann ich? Was nicht? Wo liegen meine Probleme, wo meine Chancen?“ Es werden konkret Beispiele vorgestellt und positive Ergebnisse genannt.

Da gibt es natürlich auch viele Wenn und Aber. Gürtler weicht den hier sich auftuenden Fragen nicht aus, zeigt Lösungsmöglichkeiten, lässt aber vieles auch offen. Er will einfach Denkanstöße geben.

Fasst man zusammen, so geht es dem Autor um eine Individualisierung unseres Schul- und Bildungssystems, die jedoch breit angelegt sein und alle Schichten der Bevölkerung erfassen soll. Er will auf diese Weise das gesamte relevante Begabungspotenzial ausschöpfen, ohne eine Elite im herkömmlichen Sinne zu schaffen. Das ist der eigentliche Knackpunkt, wenn man eine Beurteilung seiner bildungspolitischen Vision versucht. Mit seinem Buchtitel „Wir sind Elite“ will Gürtler aussagen, dass wir – richtige Bildung vorausgesetzt – alle eine Elite bilden können. Dass hier ein Widerspruch zum herkömmlichen Elite-Begriff aufscheint, ist nicht zu bestreiten. Elite als Ergebnis einer Auslese der Besten aus den Guten ist aber nicht das, was Gürtler vorschwebt. Er sieht diesen Widerspruch und schreibt:

„Die Alternative besteht darin, dass wir unseren demokratischen Lieblingsbegriff ‚für alle‘ mit dem aristokratischen Wort ‚Elite‘ völlig neu kombinieren – zu ‚Elite für alle‘. Denn jeder Mensch hat etwas Besonderes. Und jeder Mensch kann etwas besonders gut. Und wenn nicht, kann er es lernen. Im 21. Jahrhundert ist es die vornehmste Aufgabe des Bildungssystems, jedem Menschen dazu zu verhelfen, seine Begabungen, seine Talente zu entdecken und zu entfalten. Für die Menschen. Für die Gesellschaft. Für die Volkswirtschaft. Für die Welt.“

Wenn ich eingangs meinte, dass dieses Buch die bildungspolitische Diskussion gehörig aufmischt, so dürfte das mit dem obigen Zitat deutlich gemacht worden sein. Die Lektüre hinterlässt einen geistig durcheinander gerüttelten Leser. Doch unbeschadet von punktueller Zustimmung oder Ablehnung eröffnen sich neue Perspektiven, neue Horizonte, weil die Möglichkeit neuer Wege unter neuen Verhältnissen aufgezeigt wird. Und das ohne rabiate Bilderstürmerei, sondern auch mit Rückgriffen auf uralte, klassische Weisheiten. Aus der journalistisch flotten Schreibweise mag zwischen den Zeilen ein schelmisches Lächeln hervor schimmern. Sei’s darum – wenn es der Sache dient.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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