Der Audimaxismus und seine Kriegsgewinnler


Ein Rundumschlag

 

Von Lothar Höbelt

Als Gegenstand der Jahres-, nein: der Semesterrückschau bieten sich diesmal auch die Universitäten an, mit Vorkommnissen, über die es schwierig ist, sich nicht in rein satirischen Kommentaren zu ergehen, z. B. darüber, wie auch dieses Rührstück von Revolutiönchen seine eigenen Kinder frisst, oder doch zumindest sexuell belästigt – weshalb bereits in den ersten 48 Stunden ein Teil der Belegschaft aus dem „Audi-Max“ floh und einen weiteren – zugegeben kleineren – Hörsaal mit Beschlag belegte, um dort ein Lesben-Nachtquartier zu errichten. Solidarität in Theorie und Praxis hat eben so ihre Tücken…

Der virtuelle Protest und seine Nutznießer

Bei den Studentenprotesten, wie sie Ende Oktober 2009 begannen, waren Studenten der zwar unverzichtbare, aber keineswegs tragende Teil: Die sogenannte Bewegung war in erster Linie eine „virtuelle“ Bewegung, weil die Medien – die verdächtig schnell mit Schlagzeilen zur Stelle waren – ihr eine Bühne boten, sei es aus Überzeugung, weil dort die „68er“ der Pension entgegendämmern; sei es aus Langeweile, weil seit Haiders Tod so wenig passiert; sei es, weil anfangs mit Wissenschaftsminister Hahn (noch) ein Konkurrent Häupls der Adressat der Beschwerden war?

Die tatsächliche Beteiligung des studentischen Publikums war gering: Ein, zwei Demonstrationen, aufgefettet durch Lebendsubventionen der Metallarbeitergewerkschaft. Selten war bei der Berichterstattung über Demonstrationen auch eine so große Diskrepanz zu beobachten zwischen den Zählungen der Polizei-Experten und den Teilnehmerzahlen, wie sie im Zentralorgan der Audimaxisten, Fellners „Österreich“,[1] kolportiert wurden. Auf der Universität selbst war von der „Bewegung“ kaum etwas zu spüren (zumindest an der Uni Wien war die Belästigung durch die Bauwirtschaft weit spürbarer, die sich in Zeiten der Wirtschaftskrise immer mehr als das Instrument entpuppt, das der Herr zur Züchtigung der Menschheit vorgesehen hat).[2]

Freilich können im Prinzip auch ein paar Dutzend Störer den Lehrbetrieb durcheinander bringen: Genau dazu kam es jedoch nicht, weil sich der Lehrkörper bald in Solidaritätsbekundungen erging, in einem prozentuell vermutlich viel höheren Ausmaß als die Studenten; ganz offensichtlich gab es hier ein Stillhalteabkommen, das dem Steuerzahler teuer zu stehen kam. Um Konflikten aus dem Weg zu gehen, wurde für alle besetzten Hörsäle schnell Ersatz angemietet, im Austria Center oder anderswo. Leidtragende waren die Studenten, die wirklich studieren wollten, weil sie ständig auf neue Hörsäle ausweichen und Umwege in Kauf nehmen mussten – um kurz vor Weihnachten, als dann spät, aber doch die Uni geräumt wurde, plötzlich vor verschlossenen Toren zu stehen, als sie Bücher über die Ferien ausborgen wollten.

Getrieben von einer veröffentlichten Meinung, die sich – ganz im Gegensatz zur vox populi, wie diverse Umfragen belegen – in Lobeshymnen über die studentische Selbstverwaltung im Audi-Max erging (über die dabei enstandenen Schäden wird man noch lesen oder vielleicht auch nicht?), und einem Lehrkörper, der vielfach in dieselbe Kerbe hieb, taktierten Rektoren und Universitätsverwaltungen vorsichtig. Freilich: Einem CEO, dem sein guter Ruf bei den Audimaxisten 20.000 Euro am Tag wert ist, hätte ein Aufsichtsrat wohl bald ein Wörtchen zu sagen (zumindest in der Theorie: Die Finanzkrise lehrt uns ja einiges auch über den Wert oder Unwert von Aufsichtsräten). Dieser Vorwurf entfällt freilich, wenn die Regierung dieses Verhalten umgehend mit einigen Millionen belohnt. Fazit: Ehre, wem Ehre gebührt. Es war Chuzpe – aber es hat funktioniert. Zwischen instrumentalisierten Studenten (die ihren Spaß haben wollten) und der Politik (die ihre Ruhe haben wollte), haben die Unis einen gewissen „Schnitt“ gemacht.

Freilich, wenn die Regierung ganz offensichtlich Mutwillen belohnt, müsste man den Vorwurf dann nicht bloß an ihre Adresse richten? Dafür wäre die Opposition zuständig. Da stößt man dann erst recht auf ein trauriges Kapitel. Von den Grünen wollen wir hier nicht sprechen: Die Schnittmenge von Jeunesse dorée und Lumpenproletariat ist nun einmal ihre Klientel; Anbiederungsaktionen sind da rational noch erklärbar. Schwieriger fällt einem das schon beim blauen Unglücksduo Graf & Kickl. Der Dritte Präsident erhob gleich den Ruf nach Krisengipfeln, weil ein paar Dutzend Obdachlose nach einem Winterquartier suchten; Kickl fand die Protestformen interessant. Vielleicht sollte ein Misstrauensvotum da ansetzen.

Bologna, Bildung und Ausbildung

In der Sache hatten die Proteste in einem Punkt Recht – dem Bologna-Prozess gehört längst der Prozess gemacht; oder zumindest seinen übereifrigen Kollaborateuren. Eine europaweite Vereinheitlichung von Lehrinhalten und Studienplänen macht keinen Sinn. Der Sinn des Auslandsemesters, einmal etwas anderes zu hören, kann dadurch bloß ad absurdum geführt werden (ganz abgesehen davon, dass die Anrechenbarkeit zwischen den Universitäten durch das administrative Chaos sogar gelitten hat). Es ist das alte Lied: Europa ist eine gute Sache, wenn bloß nicht die Europäer wären, nämlich die Berufseuropäer, die ihrer armseligen, wenn auch gutbezahlten Existenz durch eifrige Umsetzung bürokratischer Schnapsideen vergeblich Sinn zu verleihen versuchen.

Genau dieser Vorwurf gegen „Bologna“ wurde freilich bald eskamotiert. Denn dieselben Leute, die soeben ihr Bestes getan hatten, die Studienordnungen à la Bologna so teuflisch kompliziert und „verschult“ zu gestalten,[3] waren die ersten, die „Haltet den Dieb“ riefen, sich den Protesten anschlossen und nach mehr Geld verlangten. Im politisch korrekten Slang ließe sich das als gelungenes Beispiel einer „Täter-Opfer-Umkehr“ bezeichnen. Dahinter stand ein moderner Schlieffenplan: Wie der alte Graf für seinen Masterplan gegen Frankreich vor 1914 mit einer Reihe von Korps rechnete, die es noch nicht gab – und seine Exekutoren damit ein Problem bekamen –, wurden hier Studienpläne entwickelt, bei denen von vornherein klar sein musste, dass die vorhandenen Ressourcen (Personal, Räume) zu ihrer Umsetzung schwerlich ausreichen würden. Aber jeder wollte da natürlich noch schnell seine persönlichen Marotten oder das Fachgebiet seiner Klientel als Pflichtlehrveranstaltung, eigenes Master-Programm etc. hineinreklamieren …

Mehr Geld kann man natürlich immer brauchen. Wir wollen jetzt nicht den Streit um Studiengebühren wieder aufrollen, die prinzipiell natürlich sinnvoll sind. Jeder VHS-Sprachkurs kostet schließlich auch etwas. Im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit ist überdies nicht ganz einzusehen, warum aus dem Steueraufkommen der „Werktätigen“ – indirekte Steuern machen bei den Staatseinnahmen ja doch den größten Brocken aus – nach dem Gießkannenprinzip vornehmlich Studienplätze subventioniert werden sollen, die von Töchtern und Söhnen der gutsituierten Mittelschicht frequentiert werden. Die Sozialdemokratie sollte darüber vielleicht einmal nachdenken oder besser gesagt: Das tut sie zwar, traut sich’s aber nicht laut zu sagen (einen pensionierten Sektionschef als leuchtendes Beispiel einmal ausgenommen).

Vor allem aber sollte es darum gehen, wo die vorhandenen Mittel am sinnvollsten eingesetzt werden können. Lösen müsste man sich da zuallererst von der Illusion der Globalzahlen, der Akademikerrate als Goldenem Kalb oder des BIP-Anteils für Bildung und Forschung – ganz so, als ob arbeitslose Politologen dem Land Standortvorteile bescherten oder eine Vermehrung der Uni-Bürokratie (immerhin der Sektor mit den höchsten Wachstumsraten!) der Forschung wertvolle Impulse vermittelte. Die Verteilung der Proteste auf die einzelnen Fakultäten liefert da schon erste Hinweise: Nicht auf den „alten“ Fakultäten der „Brotberufe“ Medizin, Jus oder Theologie ist die Unzufriedenheit in erster Linie daheim, sondern auf der inzwischen durch Zellteilung vervielfachten, ehemaligen „Philosophischen Fakultät“, wo es – und das ist ein Unterschied, der nicht übersehen werden sollte – nicht zu wenig Geld gibt, sondern zuviele Hörer.

Die Unterscheidung zwischen Ausbildung und Bildung

Damit kommen wir zur Unterscheidung zwischen Ausbildung und Bildung. Kritiker weisen gerne darauf hin, dass Bildung einen Wert an sich darstellt, der nicht der schnöden Logik von der „Verwertbarkeit des Kapitals“ unterworfen werden dürfe. Einverstanden. Doch die Verhältnisse oder: besser gesagt, die Menschen sind nicht so! Wer gerade noch auf sein abstraktes Recht auf Bildung pocht (und dabei vielfach ein Fach studiert, das ihn nicht wirklich interessiert!), tut das meist doch in der Erwartung, eben „irgendeinen Magister“ zu machen, um nach der Sponsion ganz konkret für seine Ausbildung bezahlt zu werden. Das Ziel lautet: Ein „A‑Posten“ in der öffentlichen Verwaltung, die wiederum – aus guten Gründen – Aufnahmestopp hat. Das ist die Krise der „ex-phil. Faks“, nicht die paar Hörer, die bei Semesterbeginn auf den Stiegen sitzen müssen, weil ihre lieben Kollegen die Ecksitze der Bankreihen blockieren.

Wenn die Nachfrage nach Absolventen dieser Studienrichtungen so gering ist, wäre es volkswirtschaftlich nur vernünftig, das Angebot zu drosseln – oder zumindest nicht auszuweiten. Während Techniker gesucht werden (und leicht Sponsoren finden), produziert das Bildungssystem anderswo hoch- oder zumindest langausgebildete Arbeitslose, die auf Grund gewerkschaftlicher Vorgaben dann zum Teil schon chancenlos sind wegen „Überqualifikation“! Wenn es wirklich um Bildung geht, müsste man die Studien in den „humanities“ und „liberal arts“ als begleitendes Lernen verstehen, nicht als Vorbereitung auf den Berufseinstieg wie bei uns (oder als Vorbereitung auf das Fachstudium, wie in den Colleges der USA). Man absolviert das Studium neben dem Brotberuf – Berufstätige sind nicht die schlechtesten Studenten und wissen mit ihrer Zeit umzugehen.

Sobald es sich nicht um Ausbildung für das Berufsleben handelt, um Diplome und Titel, sondern um das hehre Gut Bildung, ist dann freilich auch die oft beschworene „drop out“-Rate irrelevant. Gerade bei Dissertationen ist ein Verschulungs-Programm, wie es derzeit angedacht wird (soweit von Denken da die Rede sein kann), erst recht widersinnig – da kommt es nicht auf Tempo an, wie beim Absolvieren von Einführungsveranstaltungen, sondern auf eingehende Beschäftigung mit der Materie, die sich auch zeitlich nicht über einen Leisten scheren lässt.

Fazit

Das Protestpotenzial „der Studenten“ wurde von der Öffentlichkeit weit überschätzt, vom gerechtfertigten Kern des Unmuts wurde erfolgreich abgelenkt. Die Methoden des Protests waren höchst zweifelhaft, die Reaktion darauf freilich noch perfider – auf Kosten der tatsächlich „Studierenden“ wie des Steuerzahlers. Die eigentlichen Probleme liegen anderswo – und werden durch Vorgaben emsiger Reglementierer in Brüssel (und anderswo: Denn wer in der Forschung kein Zuhause mehr findet, flüchtet in die „Gremien“) bloß noch verschärft.

Anmerkungen

[1] Amüsant zu beobachten war auch, dass „heute“ offenbar mit den Fellners am gleichen Strang zog – und damit wider den Stachel der schwiegerväterlichen Linie löckte…

[2] Bei den baulichen Veränderungen im Hauptgebäude der Universität Wien handelt es sich angeblich um Arbeiten, die durchgeführt werden müssen, weil die Universität jetzt all die Auflagen erfüllen muss, wie sie für Privatfirmen gelten, sprich: die unheilige Allianz von Sozialbürokratie und auftragsgeiler Wirtschaft erfasst jetzt auch den Elfenbeinturm. Freilich hackt ein Schädling dem anderen kein Auge aus: Am Wochenende nach der Audi-Max-Besetzung hätte im Zuge der Bauarbeiten im ganzen Gebäude der Strom abgeschaltet werden sollen – was durch in vorauseilendem Gehorsam eingeleitete Verhandlungen verhindert wurde.

[3] So sollen z. B. dem Vernehmen nach Lehrveranstaltungen, die für Magister-Studenten gehalten werden, für Bakkalaureatsanwärter nicht mehr anrechenbar sein. Warum einfach, wenn’s kompliziert auch geht. Zur adäquaten Charakterisierung solcher „Ordnungen“ reicht das deutsche Schimpfwörterlexikon leider nicht aus.

 
Univ. Prof. Dr. Lothar Höbelt ist Historiker und lehrt in Wien.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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