Geschichte gegen CSR-Mythen


Zeihsel (SLÖ): „Dieses Buch muss man gelesen haben“

 
Tomás Krystlík, Verschwiegene Geschichte, Band I, München 2009, 310 S., 15,00 €; ISBN 978-3-9812414-3-3.

 

Von Ernst Korn

Der Titel des Werkes weist auf Tatsachen hin, die zwar allerorten offenkundig sein müssten, sich aber meist verschämt hinter dem Schleier der Opportunität verbergen. Und Berufene, die als Historiker, Journalisten, Lehrer, ja selbst Politiker offene oder versteckte Unwahrheiten über geschichtliche Ereignisse um der zutreffenden Unterrichtung der Bürger willen aufdecken sollten, verharren, sich sicher wähnend, in der lobby-geschützten Verschwiegenheit der political correctness. Dabei müssten sie doch aus Gründen der Offenheit und Ehrlichkeit, eben der Wahrheit zuliebe, Falschaussagen anprangern. Denn: „Helfen kann beim Umgang mit der Geschichte nur die ungeschminkte Wahrheit“ (R. Herzog).

Dies gilt natürlich auch und vor allem für die tschechische Geschichtsschreibung. Warum gab es bislang nur so wenige Stimmen aus den Reihen derer, die sich als Nachfahren des heiligen Wenzel oder eines Comenius verstehen, der Humanität verpflichtet fühlten und bescheidene Versuche unternahmen, historische Vorgänge wie die Entrechtung, Demütigung und Vertreibung der Deutschen literarisch zu dokumentieren. Gar Bußfertigkeit von der eigenen Regierung zu verlangen, hat noch niemand aus ihrer Gesellschaft gewagt.

Es mag im „Land der Wenzelskrone“ von einst Tradition haben, sich eher an eifrig geschmiedete Mythen zu halten, denn an die historische Realität. Mit ihrer Hilfe und unterstützt durch Gelder diffuser Herkunft an ausländische Medien konnte sich offenbar die tschechische Staatspropaganda immer wieder Gehör und Wohlwollen verschaffen und einer verfälschten Geschichtsschreibung Verbreitung sichern. Eine Umkehr dieser Haltung ist nach aller Erfahrung nicht zu erwarten.

Was sollte auch für diese Leute schon von der Ablehnung jeden Entgegenkommens abhängen? Sie sind doch auch so trotz aller Entschließungen und verbalen Barrieren ohne das geringste Zugeständnis an die von ihnen entrechteten und dem Genozid überantworteten Vertriebenen mit offenen Armen in die EU-„Wertegemeinschaft“ aufgenommen worden.

Die „Verschwiegene Geschichte“ Tomás Krystlíks bedeutet angesichts solchen Umfelds eine Offenbarung. Die einleitende Aussage des Autors muss die Leser jenseits des Böhmerwaldes schockieren, wird aber zum Brennpunkt und Strahlungskern des Werkes:

„Die tschechische Historiographie dient seit 1918 den Bedürfnissen des tschechischen Nationalstaates, unangenehme Fakten werden verschwiegen oder verdreht. So ist es bis heute. Junge Historiker nach 1989 stimmen der offiziellen Auslegung mitunter nicht zu, sind sich dessen aber sehr wohl bewusst, dass sie ihre berufliche Existenz im Fach Geschichte durch einen Widerspruch riskieren würden“.

Krystlík verwahrt sich nachdrücklich gegen die Mythen zur tschechischen Geschichte und der Entwicklung tschechischer Staatlichkeit. Da muss es schon revolutionär anmuten, wenn dazu auf Emil Háchas These aufmerksam gemacht wird, nach der die tschechische Misere sich auf den Zerfall der k.u.k. Monarchie gründet. Die Ränkespiele führender tschechischer Politiker bei der Gründung der ČSR nach den sog. Friedensverhandlungen von 1918/19 mag einen britischen Historiker veranlasst haben, jenes Staatsgebilde als „Kind der Propaganda“ zu apostrophieren.

In schonungsloser Offenheit werden die Art jener Agitation, ihre Taschenspielertricks, die Politik der Verleumdungen und des Verschweigens der wahren Tatsachen offen gelegt. Dabei wird auch der im Exil lebende vermeintlich große Humanist Thomas Masaryk wegen seiner Verbindung zu serbischen Nationalisten und panslawistischen Kräften, die er bereits zu Beginn des Weltbrandes von 1914 pflegte, seiner Gloriole entledigt. Dies vermochten freilich auch nicht die verlogenen Schriften über „österreichischen Terrorismus“, zumal zur gleichen Zeit eine kaiserliche Amnestie an die tausend Tschechen, darunter zum Tode verurteilte, auf freien Fuß setzte.

Die aus sicherem Exil betriebene Spionagetätigkeit für Frankreich des Masaryk-Nachfolgers Edvard Beneš und seiner Helfer sollte dem „Erreichen der tschechoslowakischen nationalen Ziele“ dienen.

Krystlík schildert überzeugend das Versagen der tschechischen Legion, ihre Plünderungen in Sibirien, ihren Verrat an den Weißen während des Bürgerkriegs. Berechtigte Kritik erfährt der Mythos der ČSR als „Insel der Demokratie“, die sich um die Rechte der 50% Minderheiten nicht scherte, was sich in zahlreichen demütigenden Gesetzen und Schikanen manifestierte. Man denke dabei an die „Bodenreform“, an Verstaatlichungen von Industrien, das „Sprachengesetz“, die Finte der „Minderheitenschulen“ u. v. a. m. Das „Gesetz zum Schutz der Republik“ von 1923 hatte die Pressefreiheit praktisch aufgehoben. Den Staatspräsidenten zu kritisieren wurde unter Strafe gestellt, weshalb sich der jeweilige Amtsinhaber im Volk lange als Ikone bewahren konnte. Damit war aber der Staat zur Formaldemokratie abgesunken.

Das Buch geißelt das Fehlen jeden guten Willens zu friedensfördernden Einrichtungen, wie einer Zollunion zwischen Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei oder einer Bündnispolitik gegenüber den Donaustaaten, was beitragen hätte können, einen folgenschweren Weltbrand zu verhindern. Dem Wirken Konrad Henleins, des Vorsitzenden der Sudetendeutschen Partei (SdP) widmet der Autor eine objektiv ausgewogene Beurteilung. Er entmythologisiert tschechische Thesen über „München“, erläutert dessen Hintergründe und vor allem den Anteil der tschechischen Politik an dem Geschehen.

Der Autor erkennt die sog. zweite Republik vom September 1938 bis März 1939 als Etappe, über die man lieber schweigt, und nennt als einen der Gründe den offenbar betrüblichen Rechtszustand, der sich u.a. in einem Memorandum von Notaren, Ärzten, Ingenieuren kundtat, nach welchem Juden die Ausübung der genannten Berufe verwehrt sein müsste. Auch die Karlsuniversität würde fürderhin keine jüdischen Studenten mehr aufnehmen. Die Republik schickte überdies Emigranten und Flüchtlinge aus dem Reich wieder zurück. Krystlík bemüht sich auch um Versachlichung etwa der Begebenheiten um das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Heydrich, um Lidice sowie um den meist nur herbeigeredeten Widerstand im Protektorat, die „Machtergreifung“ Beneš’, seine Willfährigkeit gegenüber Moskau oder den slowakischen Nationalaufstand. Für ihn war die damalige Republik ein nationalsozialistischer Staat. Schließlich wird der Mythos über 1968 entschleiert, als es der UdSSR gelang, mit der Stationierung ihrer Truppen in der ČSSSR/ČSFR die kommunistische Herrschaft zu festigen.

Freilich wird der Historiker Krystlík von politisch Korrekten, welche die Verbrechen eigener Landsleute nur zu beschönigen gelernt haben, angegriffen, denn: „Wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man die Geige an den Kopf“ (altdeutsche Spruchweisheit). Er wird nicht nur mit gehässiger Kritik bedacht, sondern erhält auch Drohbriefe. Er muss offensichtlich eine empfindliche Stelle der tschechischen Seele getroffen und ihr Geschichtsverständnis erschüttert haben. Umso höher anzuerkennen ist sein Freimut und der Wille zur historischen Wahrheit, an der man sich doch im Land jenseits des Böhmerwaldes weiter vorbeizumogeln versucht.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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