„Das Leben ist ein Traum in einem Traum“


Von Karl Sumereder

Dieser Ausspruch des amerikanischen Poeten Edgar Allan Poe (1809–1849) gab einen Anstoß zu diesem Essay. Um die tiefere Bedeutung dieser Aussage zu hinterfragen, wurden zunächst die beiden erfolgreichsten und revolutionärsten physikalischen Theorien der Neuzeit, die Quantentheorie in Verbindung mit der Speziellen Relativitätstheorie, herangezogen. Diese auch in der Praxis bewährten Theorien haben ja unsere Vorstellungen über das Wesen des Stofflichen, der Materie, grundlegend verändert. Seit durch die Allgemeine Relativitätstheorie (1915) auch die Rekonstruktion der Geschichte des Universums aufschlussreicher wurde, kann man speziell auch die Entwicklung des Lebens bis auf die ersten materiellen Strukturen zurückverfolgen. Die Erkenntnisse lauten, dass das beobachtbare prozessuale Geschehen im Universum von Naturkonstanten, der Gravitationskonstante, der Feinstrukturkonstante, dem Masseverhältnis von Elektronen zu Protonen und der Lichtgeschwindigkeit gesteuert wird. Wie der Physiker Max Planck (1858–1947) darlegte, haben die verschiedenen Versuche und Messungen zur Einsicht geführt, dass sämtliche physikalischen Geschehnisse ohne Ausnahme auf mechanischen oder elektrischen Vorgängen beruhen, die durch die Bewegungen von Elementarteilchen wie Elektronen, Positronen, Protonen oder Neutronen hervorgerufen werden. Daraus folgte zwingend die Annahme einer von uns völlig unabhängigen Welt, die wir durch die beschränkte Brille unserer Sinneswahrnehmungen und die beschränkte Art unseres Denkvermögens nur eingeschränkt erkennen können. Woraus gefolgert wird, dass die erstellten Weltbildkonstruktionen uns wohl einleuchtend und nachvollziehbar erscheinen, aber dennoch nicht unzweifelhafte Wahrheiten sein können.

Das Phänomen Leben

Die Entwicklung von Leben auf der Erde begann nach naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vor ungefähr 3,5 Milliarden Jahren mit einem ersten molekularen, sich vervielfältigenden Ding, das etwas hervorbrachte, was ihm ähnelte. Alles Leben fing mit einer einzigen Lebensform an, hervorgegangen aus einer Art Kollektiv von informationstragenden Molekülen, der Desoxyribonukleinsäure (DNA) beziehungsweise deren Abschnitten, den Genen und den Proteinen. (Ein Gen ist aber nur im metaphysischen Sinn ein Akteur. Überleben und sich vervielfältigen muss eine biologische Gesamtstruktur). Aus dieser Basisversion des Lebens, der es – angetrieben wie auch immer – gelang, sich mittels einer hauchdünnen Membran gegen die chaotische Umwelt teilweise abzuschirmen und so ein inneres Milieu zu bilden, war eine erste einfache, einzellige Lebensform mit völlig neuen Eigenschaften entstanden. Die ersten gemeinsamen Vorfahren aller Lebewesen waren prokaryotische Einzeller, ähnlich den heutigen Bakterien. Das Lebendige selbst ist statistisch gesehen ein Zustand, der um einen geradezu astronomisch großen Faktor unwahrscheinlicher ist, als es unbelebte Dinge sind.

Man denke an die Vielfalt und Kompliziertheit aller Vorgänge zur Aufrechterhaltung des Lebens eines noch so einfachen Einzellers, geschweige denn von höheren biologischen Strukturen. Viele der ablaufenden Vorgänge und Funktionen wurden noch nicht entdeckt. Von denen, die man kennt, wurden auch noch keine im vollen Ausmaß durchschaut oder verstanden. Bis heute ist es weltweit keinem Labor gelungen, mit den vorhandenen chemischen Substanzen ein Gebilde herzustellen, das einer Bakterienzelle auch nur nahe kommt. Wenn man den geradezu unvorstellbaren Aufwand bedenkt, der im Naturgeschehen vor sich geht, um einen Organismus wenigstens vorübergehend in einem als lebendig bezeichneten prozessualen Zustand zu erhalten, bevor der Stoff, aus dem dieser besteht, wieder in die Dimension der unbelebten Materie zurückfällt, dann fragt man sich staunend nach dem tieferen Hintergrund und dem Sinn solchen Geschehens, so wie es auch E. A. Poe widerfahren sein mag.

Ein Rätsel stellen ebenso die erwähnten universellen Naturkonstanten dar. Welche Bedeutung haben diese? Sind sie Erfindungen menschlichen Forschergeistes oder sind sie eben nicht weiter erklärbare Gegebenheiten, etwa erstarrte Geistesfaktoren?

Ist die Funktionsweise eines lebenden Organismus nichts anderes als ein unberechenbares Spiel kausal-mechanischer Kräfte, ein besonderer physikalisch-chemischer Prozess einer Selbstorganisation gemäß den Prinzipien der Kybernetik und des Besitzes von einem oder mehreren Strängen des Großmoleküls DNA? Oder steckt etwas anderes, eine Art Programm, um einen Terminus aus der Computertechnologie zu verwenden, dahinter?

Oberflächlich gesehen sind in einem Universum, das – wie wir es erkennen – von Massen und ziellosen Kräften mechanisch regiert wird, nicht die Energie und nicht die Materie befremdlich, sondern das Lebendige. Dieses Lebendige, geprägt durch Stoffwechsel, Selbstreproduktion und Mutagenität, durch die verschiedenen Formen psychischer Lebendigkeit, ist wirklich ein rätselhaftes Phänomen.

So lässt sich ein grotesk anmutendes Gedankenexperiment dahingehend entwickeln, ob es sich sowohl beim kosmischen Geschehen als auch bei den Lebensvorgängen eventuell um virtuelle Ereignisse handelt?

Eine universelle Quantencodierung

Wir existieren in einer Welt, die wir von Geburt an bis in das Alter kaum verstehen. Wir sind ein Zellenkonglomerat, das wir nicht genau kennen, das denkerische Leistungen hervorbringt, mit dem wir uns vertragen müssen, fast wie mit einer zweiten Person. Der Blick in unser Inneres und die ablaufenden Stoffwechselvorgänge bringt uns meist arg aus der Fassung. Es ist uns unklar, woher die in den Genen gespeicherten Informationen für Gestaltung und Funktionen stammen. Wir können auch nicht begreifen, warum es uns zunächst gibt und dann wieder nicht mehr. Wir erkennen nur, dass die Welt und das Lebendige ein prozessuales Geschehen, nichts Feststehendes sondern ein sich permanent Wandelndes sind.

Mit der im abgelaufenen Jahrhundert entwickelten Quantentheorie und Quantenmechanik, was den Bau vieler neuer technischer Geräte, wie zum Beispiel von Computern ermöglichte, wurde eine neue Physik mit neuen Erkenntnissen begründet. Die bislang geltende Vorstellung eines durchgängigen Determinismus, von Ursachen und Wirkungen, wurde aufgehoben. Gemäß der Quantentheorie ist die Geschichte des Universums nicht von vornherein festgelegt. Sie ist weder kompakt beschreibbar noch exakt vorhersehbar. Alles erscheint uns wie ein universeller Quantencode, ein materielles und nichtmaterielles Kräfteensemble zugleich, das sich auf der Quantenebene verflüchtigt und ungreifbar wird.

Wie können wir wissen, ob die Welt, wir selbst real oder virtuell sind, fragte sich auch der amerikanische Dichter und Philosoph George Santayana (1863–1952). Unser individuelles Bewusstsein könnte absolutes Bewusstsein sein, das einen denkt. Ist alles Geschehen ein geträumtes, virtuelles, illusorisches Ereignis?

Immanuel Kant (1724–1804) war es, der schon klar und deutlich aufgezeigt hat, dass Raum und Zeit Anschaungsformen unseres Verstandes sind. Die Welt nehmen wir nicht deshalb als räumlich und zeitlich wahr, weil sie so ist, sondern weil wir sie nicht anders wahrnehmen können. Jedes „Ding an sich“, das hinter einer wahrgenommen Erscheinung liegt, muss als außerräumlich und außerzeitlich gedacht werden. Dies gilt wohl auch für lebende Dinge; ist daraus ein erster Hinweis auf Virtualität ableitbar?

Die Computermetapher

Als Konrad Zuse (1910–1995) in den 1930/40er Jahren die ersten Computer baute, nahmen solche wie Science Fiction anmutende Fragen eine überraschend konkrete Form an. Zuse wandte Konzepte aus der Informations-Kommunikationstheorie und der Automatentheorie auf physikalische Prozesse an. Gemäß einer Computermetapher funktioniert das Universum wie ein Superrechner, der die Vielfalt, Komplexität und Ordnung hervorbringt. Physikalische und biologische Prozesse kann man wie Programme ansehen. Die physikalischen Gesetze wiederum sind als Rechenanweisungen oder übergeordnete Programme zu verstehen. Sind also die gedachten oder über ihre Eigenschaften konkretisierten Gegenstände, Prozesse, Merkmale, Spiegelbilder, Ausflüsse einer unbekannten Realität? Handelt es sich beim ganzen Geschehen um eine katalytische Steuerung durch ein Ideengefüge? Ist unser Sein und Schicksal mit einer kosmischen Rechenleistung verknüpft? Konrad Zuse vermutete, dass im kybernetischen Geschehen die reale Welt mit einer virtuellen Welt verschmilzt. Eine gute Simulation sei von der Wirklichkeit nicht zu unterscheiden.

Eigenzeit und Systemzeit

Bei solchen Überlegungen ist auch der Zeitfaktor einzubeziehen, beziehungsweise zu relativieren. Für Konrad Zuse waren nicht nur die Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen quantisiert, sondern auch die Raumzeit.

Der Zeitbegriff für biologische Systeme ist ein anderer als die absolute Zeit Isaac Newtons (1643–1727) oder die bezugssystemabhängige, lineare und homogen strukturierte Zeit der Relativitätstheorie. Die Zeit ist eine Illusion, war die Meinung Albert Einsteins. Wenn Zeit eine Illusion ist, ein Ausdruck menschlicher Perspektive im Angesicht der überwältigen „ewigen Gegenwart“, dann haben auch die Gegenwart und die Zukunft wie die Vergangenheit bereits stattgefunden. Alle lebenden Systeme sind zeitlich verfasst. Ihre Zeit ist irreversibel. Die Annahme der klassischen Physik, dass alle Prozesse prinzipiell auch in umgekehrter Richtung ablaufen könnten, gilt für lebende Strukturen nicht. Die Unterscheidung der Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist ein Produkt unseres Geistes, wobei nur die Gegenwart unverlierbar und die Form allen Lebens ist. Die Vergangenheit erscheint uns nicht unmittelbar, nur als eine Erinnerung. Die Zukunft ist unbestimmt, ist ein Fantasiegebilde, eine Spekulation.

Nur ein Sein, das wie im religiösen Glauben, das nicht an Raum, Zeit und Materie gebunden ist, kann den Gegensatz von Leben und Nichtleben aufheben.

„Gegenwart und Vergangenheit sind
vielleicht in der Zukunft enthalten und
im Gewesenen das Künftige. Ist aber jegliche
Zeit stets Gegenwart, wird alle Zeit
unwiderrufbar“.
T. S. Eliot

Ein vorläufiges Resumee

Es gab keine Kultur, welche die Frage, was vor dem Anfang des Lebens war oder nach seinem Ende kommen mag, nicht schon gestellt hätte.

Dass wissenschaftliche Theorien Gültigkeitsgrenzen haben, ist explizit durch die Relativitätstheorie und die Quantentheorie sichtbar geworden. Wir sind wegen der eingeschränkten Beschaffenheit unseres denkerischen und Erkenntnisvermögens außerstande, den tatsächlichen Sachverhalt zu erfassen. Wir können uns die Wirklichkeit nur in einer Form vorstellen und beschreiben, die im Rahmen der eigenen empirischen Erkenntnis liegt. Mystische Intuitionen können nur in symbolischer Weise dargelegt werden.

Da wir, wie der Philosoph Karl R. Popper (1902–1994) darlegte, nirgends eine Sicherheit, nur ein Vermutungswissen haben, muss auch spekuliert werden, wodurch es selbst für die Naturwissenschaft legitim sei, sich auf metaphysisches Gelände zu begeben.

Die Vorstellung von der Welt als einem „rechnenden Raum“, in dem alle physikalischen Prozesse endliche, digitale Informationen übertragen, kann zwar nicht als eine wissenschaftliche, experimentierbare oder beweisbare Erklärung angesehen werden, aber als eine das Denken anregende Metapher. Die vermeintliche Freiheit des Willens, die wir in Bezug auf die Bewegungen unseres Körpers oder unsere Handlungen spüren, wäre nach solcher Sichtweise nur eine Illusion.

Der Physiker und Philosoph Werner Heisenberg (1901–1976) wies darauf hin, dass der Materiebegriff, wie er sich aus der Quantenmechanik ergibt, platonisch ist.

Der Mensch sei, so schrieben die Philosophen Martin Heidegger (1889–1976) und Jean Paul Sartre (1905–1980), dazu verurteilt, sich selbst zu entwerfen und dem Dasein einen Sinn zu geben.

Solange wir in Toleranz über die Reichweite unserer unterschiedlichen religiösen Glaubenssysteme und die verschiedenen naturwissenschaftlichen Weltbildhypothesen diskutieren, mit der Hoffnung, vielleicht einmal tiefere Wahrheiten und Modelle mit größerer Erklärungsmächtigkeit finden zu können, ist es evident, dass wir wenig wissen, was hinzunehmen wohl unser Schicksal ist.

 
Dr. Karl Sumereder, Jahrzehnte lang als Top-Manager tätig, ist Tiroler und begeisterter Autodidakt in Wissenschaftsfragen

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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