Steuergelder für „Kunst“ als Provokation?


Von Gerald Brettner-Messler

„Der Künstler lebt von der Provokation – und Sie alle haben ihm jeden Gefallen getan“, kommentierte Wiens Bürgermeister Michael Häupl den jüngsten „Kunstskandal“ rund um den „Swingerklub“ in der Secession. Skandal war es eigentlich keiner, denn Deftiges ist man spätestens seit der Wiener Aktionskunst der 1960-er Jahre gewohnt. Die „Uni-Ferkelei“ von Brus, Mühl und Genossen darf in keinem Rückblick auf diese Zeit fehlen und hatte durch den völligen Bruch mit damaligen Konventionen tatsächlich Neuigkeitswert – eine echte Provokation. Nun ist unser Alltag heute stark sexualisiert, Sexuelles durch den Kommerz für alle greifbar und zugänglich gemacht – eine Entwicklung, die allgemein akzeptiert ist (wenn auch wenig darüber reflektiert wird). Die Tatsache der Existenz von Swingerklubs regt niemanden auf. Sie sind auch eine relativ harmlose Seite des Sex-Geschäfts, eine Begegnungsstätte von Menschen, die gerne der Promiskuität frönen und dafür bezahlen.

Bezahlen: das ist der springende Punkt, wo die Diskussion die Ebene der Kunst verlässt und in den politischen Bereich übergeht. Wie könnte nun ein liberaler Standpunkt zu der Frage aussehen? Aus dem Blickwinkel eines Liberalen kann kein Zweifel bestehen, dass mündige Bürger auf eigene Kosten und in gegenseitigem Einverständnis ihre sexuellen Vorlieben pflegen dürfen. Wie sieht es aber aus, wenn öffentliche Stätten, die der Präsentation von Kunst dienen und Subventionen erhalten, als Orte der Befriedigung solcher Gelüste herhalten müssen? Immerhin soll die Einrichtung des Swingerklubs in der Secession 90.000 Euro gekostet haben. Die Stadt Wien hat zwar nichts direkt dazu beigesteuert, subventioniert aber die Secession mit einem jährlichen Betrag. Ob die Einnahmen die Kosten des Klubs (Installation, Betrieb, Werbung usw.) tatsächlich decken ist fraglich (der Betreiber bejaht es – wenig überraschend).

Dass Kunst und Kultur von den Herrschenden gefördert werden, ist eine uralte Gepflogenheit. In der Demokratie sind es der Demos bzw. seine gewählten Vertreter, die mit den ihnen anvertrauten Geldern diese Aufgabe übernehmen. Hier kommt ein weiteres urliberales Anliegen ins Spiel, nämlich die verantwortungsbewusste Verwendung von öffentlichen Mitteln. Es ist zu konstatieren, dass Politiker, die Kunstförderungen vergeben, sich bei Kritik an den Kunstwerken meist auf den Standpunkt stellen, dass es sich eben um Kunst handle, und die sei – so auch das Motto der Secession – eben frei. Nicht frei hingegen sind die Politiker von der Pflicht, die Verwendung von Finanzmitteln zu rechtfertigen. Die demokratische Debatte darüber in den Volksvertretungen ist wiederum ebenfalls frei: Kritik darf geäußert werden.

Bürgermeister Häupl meint, dass die Kritiker dem Künstler den Gefallen getan haben, sich provozieren zu lassen. Umgekehrt würde das heißen, dass man auf Provokationen gar nicht reagieren, sie sich also schlicht gefallen lassen sollte. Ob es sich um eine Provokation handelt oder nicht, ist nicht der springende Punkt (wie oben ausgeführt, ist die gegenständliche Aktion nicht einmal sonderlich provokant). Der springende Punkt ist, wie öffentliche Mittel eingesetzt werden. Das ist allemal diskussionswürdig, denn sonst könnte man beispielsweise den Ankauf von Militärflugzeugen als Provokation werten, den die Opposition am besten nicht zu beachten hätte – aus Regierungssicht eine äußerst bequeme Vorgangsweise. Wie überhaupt der gesamte Rückzug auf die reine Kunstdebatte äußerst vorteilhaft ist, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Denn heute kann offenbar alles unter Kunst subsumiert werden – zumindest drängt sich dem Autor dieser Eindruck auf. Damit kann auf politischer Ebene keine sinnvolle Diskussion mehr geführt werden, wenn es um Subventionen für Kunst geht. Und eine solche Diskussion wäre sinnvoll, wenn es in Zeiten sinkender Budgets um die Verwendung von Geldmitteln geht.

Ist bloße Selbstinszenierung von „Künstlern“ schon Kunst?

Hier befindet sich die Diskussion wieder an dem Punkt, was „Kunst“ eigentlich ist, denn das müsste beantwortet werden, wenn die Frage gestellt wird, ob Kunst-Subventionen tatsächlich widmungsgemäß verwendet worden sind. Heute entsteht leicht der Eindruck, dass alles „Kunst“ ist, was ein „Künstler“ als solche definiert. Man muss sich nur als Künstler inszenieren und lässt sich dann für seine Produkte von der öffentlichen Hand Geld geben. Zweifelsohne können lange und umfassende Debatten über den Kunst-Begriff geführt werden. Auf einen gemeinsamen Nenner wird man nicht kommen, zumal der politische Standpunkt oft den Betrachtungswinkel bestimmt: Einem Parteigänger wird weit eher der Status eines Künstlers zuerkannt werden, der es wert ist, gefördert zu werden, als einem Kritiker der Mächtigen bzw. es können sich die regierenden Politiker mit Subventionen eine Anhängerschaft züchten.

Wie der Betrieb eines Swingerklubs mit Kunst in Verbindung gebracht werden kann, erscheint vollkommen unklar. Selbst bei den Verfechtern der Aktion dürfte eine gewisse Ratlosigkeit herrschen. Die Verteidigung erfolgt eher lau und mit krausen Argumenten. So wurde ein Zusammenhang mit den seinerzeitigen Auseinandersetzungen um den in der Secession angebrachten Beethoven-Fries von Gustav Klimt hergestellt. Der Streit bei dessen Fertigstellung ähnle den aktuellen Vorgängen. Es ist wohl keine sehr gewagte Spekulation, dass der Swingerklub keinen auch nur annähernd so großen kunsthistorischen Nachhall wie die Werke Klimts haben wird.

Der Autor ist der Ansicht, dass Kunst Ergebnis eines schöpferischen Aktes ist, in dem inneres Empfinden mit hohem handwerklichem Können zum Ausdruck gebracht wird. Die Secession gibt an, dass der „Künstler“ des Swingerklubs „in seinen Rauminstallationen und Projekten stets reale Gesellschaftszustände inszeniert und soziale Situationen in den Kunstraum transportiert.“ Im Grund inszeniert er damit seine Überzeugungen, ohne schöpferisch in einem höheren Sinn tätig zu werden, denn ein bloßes Erstellen einer Inneneinrichtung kann man wohl kaum als künstlerischen Akt interpretieren, denn sonst wäre auch das bloße Einrichten von Wohnungen Kunst. Damit wäre der „Begriff“ Kunst wertlos, weil völlig beliebig.

Mit den Ergebnissen dieser Beliebigkeit wird das Publikum heute konfrontiert. Wem so etwas gefällt, der soll es auch genießen dürfen. Aber es soll wenigstens darauf geachtet werden, dass nur der für diese „Kunst“ bezahlen muss, der sie wirklich konsumiert! Die Allgemeinheit sollte nicht für das Anfüttern einer politischen Klientel zur Kasse gebeten werden.

 
Dr. Gerald Brettner-Messler, Wien, ist wissenschaftlicher Beamter.

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

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