Nikolaus von Kues, ein unkatholischer Kirchenmann


Von Karl Sumereder

Im Zusammenhang mit den vielfältigen Bemühungen, Naturwissenschaft, die Quantentheorie, Quantenmechanik und Religionen in eine Beziehung zu setzen, wie es beispielsweise die Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein, Max Planck oder Werner Heisenberg vollzogen haben, soll das ähnliche Denken eines heute nur wenig bekannten Mannes, eines großen Philosophen und Theologen aus der frühen Neuzeit, vermittelt werden.

Nikolaus von Kues, 1401–1464

Es geht um Nikolaus von Kues, lateinisch Cusanus, der 1401 als Sohn eines wohlhabenden Weinbauers in Kues an der Mosel (heute Bernkastel-Kues) geboren wurde. Er lebte bis zu seinem Tod 1464 ein reiches und sehr engagiertes Leben. Als Fünfzehnjähriger studierte er zunächst in Heidelberg, um ein Jahr später an die berühmte Universität Padua zu übersiedeln, wo er in sechs Jahren alles studierte, was es damals zu studieren gab. Er hörte Vorlesungen über Mathematik, Physik, Astronomie, Medizin, antike Philosophie und Jurisprudenz, die er mit dem Doktortitel abschloss.

Später begann er auch mit dem Studium der Theologie, allerdings an der Universität Köln.

Cusanus befasste sich engagiert mit den gesellschaftlichen Problemen seiner Zeit, zunächst aber nicht als Philosoph und Theologe, sondern als Jurist und als Politiker, zu dem er aufgrund seiner Fähigkeiten wurde.

Rückblickend kann man ihn als den letzten bedeutenden Philosophen bezeichnen, der wichtige Stellungen in der Römisch-katholischen Kirche bekleidete. Er gehörte zu den ersten deutschen Humanisten in der Epoche des Überganges zwischen dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit. Nikolaus von Kues verfasste mehr als 50 Schriften über die Bereiche Philosophie und Theologie, Kirchen- und Staatstheorie, Mathematik und Naturwissenschaft.

Der Kirchenpolitiker und Theologe

Mit sechsundzwanzig Jahren wurde er Dekan in Koblenz, drei Jahre später Sekretär des Erzbischofs von Trier. 1448 wurde er zum Kardinal von San Pietro in Vincoli ernannt, dann 1450 zum Fürstbischof von Brixen (Südtirol) und schließlich zum Generalvikar in Rom, bekleidete also das höchste Kirchenamt neben dem des Papstes. Dort spielte er insbesondere in den Auseinandersetzungen um die Kirchenreform eine bedeutende Rolle.

Als Philosoph und Theologe hat er das aristotelische Verständnis über das Wissen, das offiziell auch jenes der Kirche geworden war, hinter sich gelassen. In seinen diesbezüglichen Veröffentlichungen ging es um Fragen der Metaphysik und der ontologischen Lehre vom Sein und dem Seienden und um die theologischen Konsequenzen, die sich aus deren Beantwortung ergeben. Philosophische Aussagen wurden für die Beantwortung theologischer Fragen nutzbar gemacht.

Nikolaus von Kues war zwar ein mit höchsten Ämtern betrauter Katholik, sein Denken aber war teilweise auf verblüffende Weise völlig unkatholisch.

Die Gottesfrage

Die Fülle des einen Wortes

Gott ist für uns das Wort für die eine Kraft,
die alles trägt und bewegt und schafft.
Gott ist für uns das Wort für den einen Geist,
der alles verwebt und in allem kreist.
Gott ist für uns das Wort für die Ur-Idee:
Licht zu werden, damit Wachheit entsteh.
Gott ist für uns das Wort für das kosmische Streben
vom Anfang der Sterne empor zum Leben.
Gott ist für uns das Wort für die hehre Pracht,
für die Schönheit der Welt, sei es Tag, sei es Nacht.
Gott ist für uns das Wort für höchste Moral:
Das Gute zu wirken in freier Wahl.
Gott ist für uns das Wort für Erhabenheit
über Raum und Zeit und Vergänglichkeit.
Gott ist für uns das Wort für den tiefsten Grund,
tut ewiges Geheimnis kund.

Von einem zeitgenössischen Denker

Eine der Grundfragen des Denkens von Nikolaus von Kues war, ob Gott überhaupt denkbar ist. Das Wort „Gott“ täusche nämlich vor, dass etwas Bezeichenbares vorliegt. Etwas, das sich im Bereich menschlicher Vorstellung bewegt, ein Gegenstand im weitesten Sinn. Er meinte, wenn es um „Gott“ und nicht um einen Götzen geht, stehe man vor dem unlösbaren Problem, mit dem Verstand etwas erfassen zu wollen, das außerhalb des menschlichen Verstandes liegen muss, wenn es die Qualität des Göttlichen haben soll. Für Cusanus ging es nicht um die Frage, ob es „Gott“ gibt oder nicht, weil „Gott“ sich nicht in die menschlichen Kategorien von Sein und Nichtsein einordnen lässt. „Gott“ wird von ihm im Verborgenen gelassen, wird nicht unter Anwendung eines gewaltigen Bilderreichtums und von Riten auf die endliche Ebene menschlicher Erkenntnis herabgezogen.

Nikolaus bekannte sich zur neuplatonischen negativen Theologie, die alle positiven Aussagen über Gott als unzulänglich und insofern irreführend verwirft. Er wandte sich Gott nicht zu, indem er Wissen über ihn für sich beanspruchte, sondern indem er Wissen über sein eigenes Nichtwissen erlangte. Und damit eine über sich selbst „belehrte Unwissenheit“. Eines seiner Hauptwerke trägt demgemäß den Titel (auf deutsch): „Die belehrte Unwissenheit“.

Cusanus setzte sich auch mit der Frage nach dem Wahrheitsgehalt der verschiedenen Religionen und Konfessionen auseinander: Judentum, antikes „Heidentum“, Islam, katholisches Christentum, Lehren der Hussiten, der Perser, der Chaldäer und so weiter.

Er meinte, jede Religion habe ein berechtigtes Anliegen und einen bestimmten Zugang zur Wahrheit. Jede sei insofern besser, als ihre Gegner wahrhaben wollen.

Die Philosophie des Nikolaus von Kues wurde letztlich aber weder im kirchlichen noch im außerkirchlichen Bereich wirksam. Hundert Jahre nach ihm hat der Priester, Dichter und Philosoph Giordano Bruno (1548–1600) die Lehren des Cusanus wieder aufgegriffen und endete dafür in Rom auf dem Scheiterhaufen.

Der Naturphilosoph

In seinem „Dialog über das Werden“ wird die Frage nach der Entstehung das Alls und dem Ursprung des Seins – von allem Seienden – erörtert.

Im Sinne der neuplatonischen Tradition betrachtete Cusanus als letztes Ziel aller Erkenntnisbemühungen den einen schöpferischen Urgrund des Werdens, der Ausgangspunkt und Bestimmung allen Werdens sei. Für ihn, der ja auch naturwissenschaftlich gebildet war, der sich auch eingehend mit dem Problem der mathematischen Unendlichkeit befasst hat, bedeutet von der Unendlichkeit ergriffen zu sein, sich nicht in einem starren Glaubenssystem einzunisten oder gar zurückzugehen zu Glaubensformen des Okkulten und Magischen. Für Nikolaus von Kues musste der Kosmos selber unendlich und unangreifbar sein, denn nichts Geringeres wäre der göttlichen Allmacht angemessen. Für ihn musste jeder Versuch des menschlichen Denkens, den Kosmos bis in das Letzte zu ergründen, scheitern. Er schloss, wenn man die räumliche Dimension des Kosmos ergründen wolle, werde man letztlich mit dem Grenzenlosen konfrontiert. Wenn man die Materie ergründen wolle, indem man sie in immer kleinere Teile zerlegt, stoße man auf etwas noch Kleineres und werde mit dem Ausbleiben des absolut kleinsten Teils konfrontiert.

In solche Gedanken des Cusanus hinsichtlich des Größten leuchtet in gewisser Weise schon die Relativitätstheorie herein und in seine Gedanken zum Kleinsten die Quantentheorie.

Für ihn war der Kosmos kein statischer, sondern ein dynamischer. Nichts könne in der Welt ohne Bewegung sein. Eine bewegende Kraft gehe durch das gesamte Universum. Er nannte diese Kraft „Natur“. Er war auch Gegner der kirchlichen Meinung, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt sei. Mit solchen Ideen vollzog er einen radikalen Bruch mit dem geozentrischen Weltbild der damaligen Kosmologie. Dieses Weltbild ersetzte er aber nicht durch ein heliozentrisches. Die Welt hatte für ihn weder einen Mittelpunkt noch einen Umfang. Nikolaus argumentierte nicht empirisch und astronomisch, sondern metaphysisch. Insofern war er kein Vorläufer des Kopernikus.

Im Naturkonzept des Cusanus bilden Einheit und Vielheit keinen ausschließenden Gegensatz, sondern ein sich wechselseitig durchdringendes Gegensatzpaar. In jedem Einzelding seien auch die Einheit und damit die gesamte Wirklichkeit gegeben.

Resümee

Eine philosophische oder theologische Schule des Nikolaus von Kues hat sich nicht gebildet. Seine Philosophie wurde nicht in ihrer Gesamtheit, sondern jeweils nur in Teilen rezipiert. Die seinerzeitige starke handschriftliche Verbreitung seiner Werke, besonders im süddeutschen und österreichischen Raum, zeigt aber von dem Interesse, das die Zeitgenossen seinen Ideen entgegenbrachten. Das Denken des Cusanus besticht durch den Mut, das Undenkbare zu denken und die den Geist beschränkenden Dogmen des aristotelischen Weltbildes zu verwerfen. Für ihn hat „Gott“ die Welt nicht erschaffen, weil er den Menschen schaffen wollte. Was wäre das für ein ungeheurer Aufwand für ein Lebewesen, so fragte er sich, das bei genauerem Hinsehen doch ziemlich jämmerlich erscheine.

Cusanus setzte theologisch im Grunde bereits dort an, wo die moderne Naturwissenschaft angelangt ist. Nämlich an den Grenzen des Denkbaren und des exakt Bestimmbaren.

Zu einer höheren Bewertung der Gesamtleistung des Nikolaus von Kues gelangt die moderne Forschung, die seine Originalität und seine Unabhängigkeit von den Beschränkungen der traditionsgebundenen spätscholastischen Philosophie betont.

In der Moderne wurde Cusanus Namensgeber einer Reihe von Institutionen, darunter des Cusanuswerks und der Cusanus-Akademie in Brixen. Auch eine Anzahl von Gymnasien in Deutschland trägt seinen Namen.

 
Dr. Karl Sumereder war Top-Manager und lebt in Tirol.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010
 
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