Der Balkan im Röntgenbild


Christian Wehrschütz, Im Kreuzfeuer – Am Balkan zwischen Brüssel und Belgrad, Molden Verlag, Wien 2009, ISBN 978-3-85485-247-6, 311 Seiten

 

Eine Buchbesprechung von Gerulf Stix

„Mich erfüllt jedenfalls nach zehnjähriger Tätigkeit als Korrespondent der Eindruck mit Sorge, dass wir anstelle einer dynamischen Europäisierung des Balkans eine weit raschere Balkanisierung Europas erleben, die der realen Ausbreitung der Balkan-Stereotypen immer weniger Grenzen setzt.“ Mit dieser bitter-ironischen Anspielung auf Balkan-Stereotypen wie Unverlässlichkeit, Korruption, Misswirtschaft u.s.w. erklärt der studierte Jurist und Slawist Wehrschütz die Zweideutigkeit im Untertitel seines Buches. ORF-Korrespondent mit Sitz in Belgrad, zuständig für das ehemalige Jugoslawien und Albanien, schildert er in 24 Kapiteln seine abenteuerliche journalistische Arbeit in diesem von Zerrissenheit gebeutelten Südosten Europas. Griechenland zählt zwar im allgemeinen nicht zum Balkan, beschäftig aber derzeit in Entsprechung sämtlicher Balkan-Stereotypen alle Finanzexperten bis zum Überdruss. Dass die EU am Balkan längst schon finanziell blutet, zeigt Wehrschütz mit folgendem Hinweis: „Die Last des EU-Engagements am Balkan trägt auch der europäische Steuerzahler, weil die EU in Bosnien bisher 2,7 und im Kosovo 2,3 Milliarden Euro an Mitteln eingesetzt hat.“ (Seite 255). Die „Problemzone des Balkans“, der Kosovo, wird in einem eigenen Kapitel abgehandelt, ebenso Bosnien und Herzegowina, „der Staat, den keiner wollte“.

Wer eine präzise Kurzdarstellung der ebenso komplexen wie komplizierten Geschehnisse rund um den Kosovo bis zu seiner staatlichen Selbständigkeit benötigt, wird von diesem Buch bestens bedient. Die Darstellung ist nicht nur genau, sondern wird durch bezeichnende Anekdoten zusätzlich erhellt. So z. B. wenn als böser Scherz berichtet wird, was denn der Unterschied zwischen der organisierten Kriminalität und der UNO-Verwaltung UNMIK sei, worauf die Antwort lautet, dass die Kriminalität wenigstens organisiert sei. So etwas spricht Bände. Bekanntlich wurde UNMIK anschließend durch die EU-Mission EULEX ersetzt, deren Arbeit enorm erschwert wird durch den Umstand, dass weder Serbien noch Russland, ja nicht einmal alle EU-Staaten die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt haben. Und noch einmal zu den Finanzen: „So hat Serbien von der EU bereits weit mehr als eine Milliarde Euro an Hilfe erhalten“ und weitere Zusagen als „Budgetspritzen“: „Angesichts dieser Summen sollte Brüssel von Belgrad durchaus in forscherer Weise verlangen, die regionale Integration des Kosovo nicht ständig zu blockieren …“ (Seite 148).

Was Bosnien und Herzegowina anbelangt, so wird dem Leser recht anschaulich eine Fülle schier unglaublicher, ja absurder Ereignisse und Zustände serviert. Wie angesichts des Geschilderten ein zukunftsfähiges Staatswesen entstehen soll, bleibt unerfindlich. Wehrschütz selbst dämpft seinen diesbezüglichen Optimismus, indem er „die Existenz dieses Staates am Balkan noch nicht endgültig gesichert“ sieht (Seite 138).

Die genaue Schilderung der Verhältnisse – was das Buch auszeichnet – lässt keinen der Nachfolgestaaten des zerfallenen Tito-Reiches aus. Wer sich als Zeitzeuge vergangener Jahrzehnte noch an die glanzvolle Rolle Josip Broz Titos auf der Weltbühne erinnert, nimmt mit Staunen zur Kenntnis, welche geringe Rolle der Diktator heute in der wahrnehmbaren Erinnerung der Balkanvölkerschaften noch spielt. Sic transit gloria mundi …

Im Vordergrund stehen die – zum Teil schrecklichen – spannungsgeladenen Ereignisse während des Zerfalls Jugoslawiens und in dessen Folge. Sogar die seinerzeitige Staatssprache Serbokroatisch zerfällt. Und auch zu dieser Frage wird ein bitteres Bonmot zitiert: „Sprache ist ein Dialekt, der eine Armee hinter sich hat.“ Es zeichnet den Journalisten Wehrschütz aus, dass er die am Balkan gängigen Sprachen teils perfekt und teils in praktikablem Ausmaß selbst beherrscht. Genau das erlaubt ihm die rasche Lektüre der maßgeblichen Zeitungen ebenso wie die gründlichen Recherchen vor Ort im Gespräch mit den betroffenen Menschen. Diese Originalität untermauert Wehrschütz durch seine fundierten Geschichtskenntnisse. Bei der Darstellung der aktuellen Zusammenhänge berücksichtigt er immer wieder die geschichtlichen Faktoren, flicht sie ein und gewichtet ihre Bedeutung für das Geschehen in der Gegenwart.

Ein gutes Beispiel für das Nachwirken weit zurück liegender Vorgänge liefert der für uns Mitteleuropäer skurril anmutende Streit zwischen Kroatien und Slowenien um die Seegrenze in der Bucht von Piran. Wen dazu die Einzelheiten interessieren, der findet sie in Kapitel 16.

Tatsächlich erreichte dieser Streit ein derartiges Ausmaß, dass er fast den Beitritt Kroatiens zur NATO gefährdet hätte. Und die Beitrittsverhandlungen zwischen Kroatien und der EU hat das EU-Mitglied Slowenien konkret deswegen blockiert. Trotz des sich anbahnenden Kompromisses wird es als Konsequenz kaum einen Beitritt Kroatiens vor den Jahren 2012/2013 geben. Schier unfassbar, dass „die Slowenen und Kroaten einander heute mehr hassen als beide die Serben, trotz aller Dinge, die sich im Krieg ereignet haben“ (Seite 229).

Ein düsteres Geschichtskapitel sind die Massenmorde während des Kriegsendes 1945 und anschließend. Historiker haben in Slowenien etwa 570 Massengräber aus dieser Zeit entdeckt. Da Slowenien geografisch gesehen ein geballtes Rückzugsgebiet war, trafen die Liquidierungen durch die siegreichen kommunistischen Tito-Partisanen Soldaten wie Zivilisten, ebenso Deutsche wie Kroaten, Slowenen und andere mit der deutschen Seite Verbündete: „In Slowenien sind somit wahrscheinlich mehr als 100.000 Menschen in den zwei Monaten nach dem Krieg ermordet worden.“ (Seite 168). Was sich Kroaten und Serben wechselseitig angetan haben, wird teilweise sichtbar gemacht durch eine 2009 veröffentlichte achtbändige Studie der Akademie der Wissenschaften der Vojvodina. Sie enthält die Namen von über 100.000 zivilen Opfern in der Vojvodina in den Jahren 1941–1948.

In dem Buch finden sich zahlreiche weitere Daten des Schreckens und keineswegs nur weit zurückliegende. Im Kapitel über das Haager Tribunal werden die Kriegsverbrechen der jüngsten Vergangenheit (Stichwort: Miloševic‘) und ihre politisch-judizielle Behandlung detailliert geschildert. Immer wieder beeindruckt die Genauigkeit der Recherche und Darstellung, deren sich Wehrschütz hier befleißigt. Über weite Strecken lässt sich sein Buch wie ein Nachlagewerk zu vielen aktuellen Problemen des Balkans verwenden, unterstützt durch ein umfassendes Personenregister.

Auch die wirtschaftlichen Belange werden beleuchtet, insbesondere die Bedeutung des Balkans für Österreich. Allein in Kroatien sollen rund 7.000 Firmen aus Österreich tätig sein. In Slowenien sind 700 österreichische Firmen mit Niederlassungen vertreten. In Albanien bauen Verbund und EVN Wasserkraftwerke. Viele namhafte Österreicher wirkten und wirken im Rahmen von UNO oder EU in Balkanländern. Richtig schreibt Wehrschütz: „Gegen die Geografie lässt sich nicht Politik machen, daher bleibt Ost- und Südosteuropa für Österreich der Schlüsselraum.“

Diese Buchbesprechung wäre nicht vollständig, wollte man hinter der Dichte des Inhaltes nicht auch den Menschen Wehrschütz wahrnehmen. Nicht bloß als erstklassigen Journalisten mit fundiertem Sachwissen, sondern auch als mutigen und einsatzfreudigen Mann. Seine Unerschrockenheit in Kriegsgebieten, seine Fähigkeit, Interviews auch mit „Untergrundkämpfern“ zustande zu bringen und den Dingen persönlich auf den Grund zu gehen, hinterlassen einen starken Eindruck beim Leser. Dem ORF kann man zu seinem Balkankorrespondenten nur gratulieren. Seine Familie freilich bangt oft um den Mann und Vater. Sie trägt als Kraftquelle im Hintergrund sein aufregendes Berufsleben mit. Sehr schön fasst das seine Tochter Immanuela im Schlusswort zusammen: „Mein Vater liebt seinen Beruf, die Selbstbeweihräucherung von Krisenberichterstattern lehnt er ab. Von überstandenen Gefahren spricht er selten. Trotzdem sind wir alle stets erleichtert, wenn es zum Wiedersehen in Wien oder in Hauptstädten des Balkan kommt.“

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011
 
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