Das Weltbild aus Sicht des Islam


Tamim Ansary, Destiny Disrupted – A History of the World through Islamic Eyes, BBS Public Affairs, New York, 2009, ISBN 978-1-58648-606-8, 390 Seiten

 

Buchbesprechung von Bertram Schurian

Der Autor, Tamim Ansary, gehört zu den wenigen seltenen Menschen, die in zwei sehr unterschiedlichen Kulturen zu Hause sind und deren Nuancen verinnerlicht haben. Er wurde in Afghanistan, in Kabul geboren und lebte dort bis in seine Mittelschulzeit. Als Mittelschüler gewann er ein Stipendium für einen Aufenthalt an der Colorado Rocky Mountain Boarding School. Seit jener Zeit lebt er in Amerika und ist dort bekannt als Schriftsteller und Lehrer. Er hat mehrere Bücher und Artikel veröffentlicht, die zeigen, dass er sehr abgewogen und redlich über die Moslem-Welt und ihre Interaktion mit dem westlichen Kulturkreis urteilt.

In diesem Buch, Destiny Disrupted, legt er auf einfühlsame und spannende Weise dar, wie alles in der islamischen Welt angefangen hat. Seiner Meinung nach ist die islamische Welt ein in sich geschlossener Kosmos, wobei die Interaktion mit dem westlichen Kulturkreis meist zu Katastrophen geführt hat. Der aus dem Osten kommende Mongolensturm, der auch in Europa zu einigen Verwerfungen geführt hat, wird in der islamischen Welt als Katastrophe mit weitreichender Wirkung betrachtet. Aber auch die christlichen Kreuzzüge ins Heilige Land werden als riesige Katastrophen für den Islam hingestellt.

Interessant ist auch seine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung, wie sie aus dem Blickwinkel der westlichen demokratischen Gesellschaften, die sich selbst als Endpunkt der geschichtlichen Entwicklung betrachten, gesehen wird:

  • Geburt der Zivilisation in Ägypten und Mesopotamien
  • Die klassische Zeit (Griechenland und Rom)
  • Das Mittelalter (Aufkommen des Christentums)
  • Die Renaissance (Reformation, Aufklärung und wissenschaftlich/technische Revolution)
  • Entstehung der Nationalstaaten
  • Erster und Zweiter Weltkrieg
  • Der Kalte Krieg
  • Triumpf des Demokratischen Kapitalismus

Aus islamischer Sicht stellt sich die Entwicklungsgeschichte gänzlich anders dar:

  • Antike Zeit (Mesopotamien und Persien)
  • Geburt des Islam
  • Die Kalifate (Einheit des Islam)
  • Glaubensteilung im Islam (Sultanate)
  • Katastrophen (Kreuzfahrer und Mongolen)
  • Wiedergeburt (Zeit der drei islamischen Weltreiche)
  • Eindringen westlicher Einflüsse
  • Reformationsbewegungen
  • Triumph der säkularen Modernisierer
  • Die islamische Reaktion

Im vorliegenden Buch werden diese unterschiedlichen Betrachtungen in sehr anschaulicher Weise präsentiert und beschrieben. Ein wichtiger Unterschied zwischen diesen beiden heutigen Weltbildern liegt in der unterschiedlichen Auffassung, die die islamische Welt hinsichtlich der Sexualisierung unseres täglichen Lebens hat. In der islamischen Welt ist man der Auffassung, dass es eine Domäne für Männer und eine Domäne für Frauen geben sollte. Die Verbindung zwischen den zwei Domänen sollte im privaten Bereich stattfinden. Damit sollte die Sexualität – beziehungsweise deren Sprengkraft – als Faktor im öffentlichen Leben einer Gemeinschaft eliminiert werden. Diese fundamental unterschiedlichen Auffassungen erschweren es bzw. machen es Anhängern des Islam fast unmöglich, sich in die Lebenweise unserer säkularisierten Gesellschaften einzufügen.

 
Diplomkaufmann Bertram Schurian war international als führender Manager tätig und lebt heute in Kärnten

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft