Die Wirklichkeit – ein flirrender Zustand


Ein Essay

 

Von Karl Sumereder

Wir existieren in einer Welt, die wir eigentlich, wie auch uns selbst, kaum verstehen. Wir wissen zwar, dass wir mehr als die Summe aller Moleküle und Zellen sind. Wissen, dass wir hinsichtlich unseres körperlichen Aufbaues ein Netzwerk von Billionen arbeitsteiliger Zellen und von Organen, die von einer Unzahl von einzelligem Leben besiedelt sind, darstellen.

Wir sind ein unteilbares Ganzes, das auch denkerische, geistige Leistungen hervorbringt.

Es ist aber unklar, woher beispielsweise all die genetisch gespeicherten Informationen für körperliche Gestaltungen und Funktionen stammen. Wir begreifen nicht, warum und zu welchem Zweck es uns zunächst gibt und dann wieder nicht mehr.

Wir erkennen, dass die Welt, die Natur, ein prozessuales Geschehen, nichts Feststehendes sondern ein sich ununterbrochen Wandelndes ist.

Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung, in denen Religion, Naturwissenschaften und Philosophie noch eine Einheit waren, nahmen erste abendländische Philosophen dem Wechselhaften seine rätselhafte Aura, indem sie dahinter die Beständigkeit einiger Elemente postulierten. Unter diesen Gelehrten, den Vorsokratikern wie Thales von Milet, Anaximander, Anaximes, war es auch Heraklit (um 550–480 v. u. Z.) aus dem kleinasiatisch-ionischen Ephesos, der eine Antwort auf das Wesen der Natur, und zwar in Form des einfachen Satzes gab: „Alles fließt“. (Vgl. Genius-Brief 3/2009, Lesestück Nr. 6, Schönknecht „Die Wiege der abendländischen Philosophie“, und Genius-Brief 4/2009, Lesestück Nr. 7, Schaare über Heraklit)

Alles ist Bewegung

Mit dieser Metapher zielte Heraklit, wie Hans Joachim Schönknecht erläutert („Die Entdeckung des ‚Logos‘ Heraklit von Ephesos“), auf die Formulierung eines fundamentalen Prinzips allgemeiner Bewegung. Das Seiende im Ganzen, die Welt, die Wirklichkeit, ist von Bewegungsvorgängen geprägt. Heraklits Intuition einer generellen Bewegtheit des Natürlichen, fand bekanntlich eine glänzende Bestätigung auch durch die neuzeitliche Physik. Das Prinzip der Bewegungen und des permanenten Wandels gilt seither sowohl für die Ebene des astrophysikalischen Geschehens, für die von der Geologie und Geophysik aufgezeigten erdgeschichtlichen Prozesse, als auch für die von der Biochemie und Medizin ausgewiesenen Stoffwechselprozesse als die Basis des Lebendigen. Es gilt auch für die Gehirntätigkeit, bis hinunter zu den molekularen und atomaren Strukturen.

In den avancierten Wissenschaften spielt der Prozessgedanke auch eine überragende Rolle. Wie beispielsweise in der Hirnforschung, wo man die neuronalen Stoffwechselprozesse untersucht und versucht wird, deren Steuerungsmechanismen zu eruieren. Mit der Hoffnung, vielleicht einmal – wenn auch wohl nicht sehr wahrscheinlich – die Denkakte selbst funktional herleiten zu können.

Gemäß den physikalischen Theorien wird versucht, das Weltganze als einen sich selbst steuernden Prozess zu rekonstruieren, wobei bisher allerdings nicht viel mehr als letztlich Worthülsen herausgekommen sind. Man ist so auch von einer Erklärung der phänomenalen, so genannten Emergenzen im Evolutionsgeschehen, also dem Auftauchen von unerwartet völlig Neuem, noch weit entfernt.

Gemäß dem Chinesischen Universalismus mit seinen zwei Hauptströmungen, dem Konfuzianismus und Taoismus, ist die Wirklichkeit das ewige Entstehen und Vergehen der Dinge. Unser menschliches Dasein sei in eine innere Harmonie eingefügt. Alles im Kosmos, auch das Lebendige wie das Tote, sei Teil eines unendlichen Fließens. Lebendiges gehe in Totes über, aus Totem entstehe Lebendiges. Das Fließen als solches sei der Sinn des Ganzen, ein fortwährender Zyklus aus unendlich vielen Unter-Zyklen. Aus Einheit entstehe Vielheit und diese kehre zur Einheit zurück.

Es stellt sich die grundlegende Frage, was der Antrieb dieses Fließens, der Bewegungen und Prozesse ist? Der Kosmos besaß bei seinem vermuteten Entstehen, gemäß den vorherrschenden physikalischen Theorien, zunächst eine geringe Komplexität, er war relativ homogen. Es tauchten Elementarteilchen auf, bildeten sich Elemente, Gas- und Staubwolken, Sonnen, Galaxien, Leben – zumindest auf dem Planeten Erde. Reine Selbstorganisation, wie sie in offenen physikalischen Systemen auftritt, die fern vom thermodynamischen Gleichgewicht sind, denen aus der Umgebung Energie zugeführt wird und die Entropie abführen können? Selbstorganisation findet zwar tatsächlich statt, sie geschieht aber nur lokal, wie zum Beispiel bei chemischen Reaktionen. Eine umfassende Theorie globaler Selbstorganisation ist uns bis heute nicht verfügbar.

Die Naturgesetze

Es sind die Naturgesetze, welche einerseits als die Grundlage für alles Geschehen im Universum angesehen werden, andererseits erzwingen sie solches Geschehen auch. Bestimmte Physiker und Philosophen sind sich wiederum uneins, inwiefern Naturgesetze überhaupt, etwa unabhängig von Raum, Zeit, Materie und Energie existieren, oder ob sie metaphysisch gesehen, „erstarrter Geist“ sind. Oder ob sie nur unsere Beschreibungen, Abstraktionen und pragmatischen Ordnungsprinzipien sind, um die komplexe Natur, die Welt unserer Sinnesempfindungen zu vereinfachen, zu systematisieren, zu nutzen und in bestimmten Grenzen vorauszusagen.

Die Naturprozesse werden physikalisch als Bewegungen verstanden, die sich nach einer bis in das 20. Jahrhundert gegoltenen Regel, gewissermaßen einer inneren Ordnung, derart entwickeln, dass jede Phase durch die vorhergehende bestimmt wird, wie diese ihrerseits die folgende bedingt.

Die im Wesentlichen von den Physikern und Nobelpreisträgern Max Planck (1918), Albert Einstein (1921), Niels Bohr (1922), Heinrich Hertz (1925), Louis de Broglie (1929), Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und Paul Dirac (1933) entwickelte Quantenmechanik hat aber dieses Stetigkeitsprinzip der klassischen Physik verworfen. Die Vorstellung eines durchgängigen Determinismus, also von Ursache und Wirkung, wurde aufgegeben.

Nach der modernen Quantentheorie, gemäß welcher es gelungen ist, die Struktur und Beschaffenheit von Materie und Energie auf atomarer und subatomarer Ebene besser zu verstehen, ist die Geschichte des Universums jedenfalls nicht von vorneherein festgelegt. Sie ist weder kompakt beschreibbar, noch exakt vorhersehbar. Die Vorstellung eines durch und durch geregelten Kosmos wurde erschüttert. In der Quantentheorie berühren sich Physikalisches und Metaphysisches und das auf dem Boden exakter Wissenschaftlichkeit.

Die subjektive Konstruktion von Wirklichkeit

Wirklichkeit wird wissenschaftlich als ein kognitiv-sozial-kulturales Konstrukt, Realität als ein Konstrukt innerhalb kognitiv-sozial-kultural konstruierter Wirklichkeit definiert.

Die Wirklichkeit können wir uns jedenfalls nur in einer Form vorstellen und beschreiben, die im Rahmen unseres empirischen Erkenntnisvermögens liegt. Man merkt aber dabei, wie das Denken anfängt, sich im Kreise zu drehen. Gibt es nun die Welt an sich, unabhängig von uns als Beobachter, oder kann man immer nur von einer Welt sprechen, im Zusammenhang mit einem Bewusstsein von der Welt, das aber wiederum nicht etwas von der Welt Getrenntes, sondern mit ihr Identisches ist?

Der Philosoph Karl R. Popper (1902–1994) vermutete, dass unsere dinglichen Begriffe „wirklich“ oder „existierend“ oder „real“, ursprünglich nur zur Charakterisierung körperlicher Dinge von handlicher Größe dienten. Dann wurden diese Begriffe auf größere Dinge wie Häuser, Berge, die Erde und die Sterne ausgedehnt, aber auch auf sehr kleine Dinge wie Bakterien oder Staubpartikel. Natürlich auch auf Flüssigkeiten, Luft, Gase, Moleküle und Atome.

Es erhebt sich die Frage, ob alle Dinge die wir als wirklich annehmen, auch tatsächlich existieren oder ob sie eventuell fiktiv, virtuell sind? Man müsse doch zugeben, meinen Philosophen, dass wirkliche, reale Dinge in verschiedenen Graden konkret oder abstrakt sein können. In der Physik hält man Kräfte oder Kraftfelder oder Ladungen für wirklich, doch sind diese abstrakter und vielleicht auch hypothetischer als die körperlichen oder materiellen Dinge. Alle materiellen Dinge, insbesondere feste Körper, auch der Komplex, den wir darstellen, sind nicht in irgendeinem Sinn etwas „Letztgefügtes“. Es handle sich um spezielle physische Vorgänge. Geschehnisse, bei denen Kräfte, heutzutage im Zeitalter der digitalen Revolution wie Programme anmutend, eine dominierende Rolle spielen.

Alles nur Schein, eine virtuelle Welt?

Bereits in den alten Kulturen Persiens und Indiens gab es Ansätze für die Vorstellung, dass die Erde und die Himmelskörper nicht real existieren. Alle Dinge wurden für fiktive Erscheinungen einer vollkommenen Gottheit gehalten. Gemäß der hinduistischen Vendata-Lehre gilt die Welt als reine Illusion.

Wir täuschen uns oft. Wir könnten, so sinnieren Philosophen, uns vielleicht immer täuschen. Wie können wir wissen, so stellte sich der Dichter und Philosoph George Santayana (1863–1952) die Frage, ob die von uns wahrgenommene Welt – auch wir selbst – real oder virtuell ist? Als die Eigenschaft einer Sache, die nicht in der Form existiert, in der sie zu wirken scheint, aber in ihrem Wesen und ihrer Wirkung einer real existierenden Sache gleichartig ist.

Jede(r) glaubt von sich, wirklich in wirklicher Welt, die einen umgibt, zu existieren; die Gegenstände und die Ereignisse genau zu fühlen und in einer realen und gegenwärtigen Zeit zu leben. Wir zweifeln nicht daran, dass das, was wir sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen, eine materielle Welt, eine körperliche Wirklichkeit ist, die unabhängig von unserer Wahrnehmung existiert.

Der zeitgenössische amerikanische Physiologe V. B. Mountcastle ist jedoch der Meinung, dass es sich um Illusionen der Wahrnehmung handle. Jeder von uns begegne der Welt mit einem Gehirn, das mit dem was „draußen“ ist, über einige Millionen gebrechlicher, sensibler Nervenfasern verbunden ist. Dies sind unsere – wie auch anderer, selbst „niedriger“ Lebewesen, die anstelle eines Gehirns nur ein zelluläres, humorales System besitzen – einzigen Informationskanäle, die lebendigen Verbindungen zur Wirklichkeit. Empfindungen seien Abstraktionen, nicht Wiedergaben einer realen Welt. So etwas wie ein intellektuelles Sinnesorgan besitzen wir nicht, obwohl uns eine Fähigkeit zum Argumentieren oder vernünftigen Denken gegeben ist.

Die Frage bleibe offen, ob alle gedachten oder über ihre Eigenschaften konkretisierten Gegenstände, Prozesse, Merkmale, Spiegelbilder Ausflüsse einer realen oder nicht weiter hinterfragbaren Gegebenheit sind.

Der Philosoph und Theologe Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1779–1831) beispielsweise sah zufolge seiner Metaphysik das Ich des Menschen als eine Manifestation des „absoluten Geistes“ in endlicher Gestalt. Oder anders, wie durch H.J.Schönknecht ausgedrückt: Durch das (Selbst)Bewusstsein denkt das Göttliche (oder wie man es nennen mag) sich selbst, das heißt, es kehrt aus seiner Entäußerung als Natur oder Welt in sich selbst zurück.

Unser Bewusstsein könnte „absolutes Bewusstsein“ sein, das einen denkt, sagt auch George Santayana. Könne man diese Möglichkeit ausschließen, wenn ja, mit welcher Begründung? Der Umstand, dass man gemäß dem Philosophen René Descartes (1596–1650) denke, demgemäß also wirklich sei, verbürge keineswegs eine Existenz im eigentlichen Sinne, sondern nur als etwas Gegebenes. Gegebensein aber existiere nicht, weil es im Augenblick des Gegebenseins keinen Ort und keine Zeit habe. Man sei nicht als die Person, die denkt, als Subjekt des Denkens gegeben, sondern, wenn überhaupt, immer nur als Gedachtes, als Objekt des Denkens.

Eine universelle Codierung?

Mit der im abgelaufenen Jahrhundert entwickelten Quantentheorie und Quantenmechanik wurde eine neue Physik mit neuen, metaphysischen Einsichten begründet. Es stellt sich dabei die Frage, ob das kosmische Geschehen etwa durch nicht weiter zugängliche „Programme“ bewirkt wird, etwa wie bei einem intelligenten Superrechner?

Der heutzutage wie ein Zauberwort verwendete Begriff einer allem Geschehen innewohnenden „Information“, hilft letzten Endes auch nicht entscheidend weiter. Gelegentlich wird in einer als absolut gesetzten „Information“ die Lösung aller Fragen gesehen. Sie beende die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, erledige das Leib-Seele-Problem, versöhne Wissenschaft und Religion.

Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007), der naturphilosophische Antworten auf so manche Fragen der modernen Physik suchte, hielt einen „absoluten“ Informationsbegriff für sinnlos. Sei doch dieser Begriff, wie jeder andere, ein Produkt unseres Denkens. Den Begriff Information zum Grund von allem und das Denken zu einer Funktion von Information zu machen, führe wie H. J. Schönknecht darlegt, in einen logischen Zirkel, wo der Begriff zum Ursprung seiner selbst wird und das Verstehen dabei aufhört.

Es gibt keine Physik, so meint Friedrich Cramer („Chaos und Ordnung“), ohne metaphysische Grundlegung. Es ist immer eine Nahtstelle zwischen Theorie und Metatheorie zu konstatieren.

Eine solche Einschätzung gilt wohl auch im Zusammenhang mit dem unlängst erfolgreich in Betrieb gegangenen größten Elementarteilchenbeschleuniger (Large Hadron Collider) der Welt, in Genf. Mit annähernder Lichtgeschwindigkeit werden Bedingungen erzeugt, ähnlich wie sie Sekundenbruchteile nach dem vermuteten Urknall geherrscht haben sollen. Dadurch wird gehofft, die Struktur des Mikrokosmos beziehungsweise die Grundstruktur des Kosmos überhaupt enträtseln zu können. Für Philosophen stellen sich allerdings Zweifel ein, ob dies je gelingen wird, vor allem dann, wenn es sich herausstellt, dass hinter den gesuchten ominösen Higgs-Bosonteilchen, die Reihe immer noch nicht zu Ende ist. Was sich genau abspielte, kann wohl nur in theoretischen Modellen entworfen werden.

Wir besitzen letztlich kein absolutes Kriterium, gemäß welchem wir entscheiden können, ob alles Lebendige, unser Leben, alles von uns Gedachte und Erdachte, das wir für eigentlich und real halten, vielleicht nur eine Art von Schlaf ist oder ein virtuelles Sein, aus dem man erst in den eigentlichen Zustand hineingerät. Die Fragen bleiben.

 
Dr. Karl Sumereder, ursprünglich erfolgreicher Top-Manager, publiziert seit Jahrzehnten über philosophische Themen, die ihn nachhaltig fesseln.

Bearbeitungsstand: Freitag, 26. November 2010

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