„Der Feind heißt Nihilismus“


Eine Schweizer Philosophin gegen den pädagogischen Mainstream

 

Von Barbara Rosenkranz

Die Gültigkeit kompetenter Urteile zu jeweiligen Zeitereignissen erweist sich insbesondere dann, wenn sie Jahrzehnte später noch aktuell sind. In diesem Sinne kommt den streitbaren Aussagen einer Schweizer Pädagogin und Philosophin, deren 100. Geburtstag und 10. Todestag just in dieses Jahr fallen, zu den Jugendkrawallen der achtziger Jahre gerade auch für unsere Zeit wegweisende Bedeutung zu. – Der Herausgeber

„Der Feind heißt Nihilismus“, das ist der Untertitel der Streitschrift, mit der Jeanne Hersch die offizielle Stellungnahme, die eine beamtete Kommission zu den Schweizer Jugendunruhen des Jahres 1980 verfasst hatte, beantwortete. Damit hat sie den Kern ihrer Aussagen schon am Beginn dargelegt: Nicht der Mangel an persönlichen Möglichkeiten und Freiräumen, nicht „indirekte“ (heute: strukturelle) Gewalt sei es, die die Jungen zur Rebellion verleite. Vielmehr sei es die Verweigerung der so genannten Erwachsenen, dieser „gealterten und nachgiebigen Jugendlichen“, die die ihren Kindern geschuldete Erziehung nicht leisten, die in die Sackgasse führe – frei nach dem Motto: „Werdet mit euch selber fertig, wenn ihr uns nur in Ruhe lasst.“ Hinter der vorgeschobenen Toleranz enthüllt die scharfsichtige Psychologin Konfliktscheu und Gleichgültigkeit.

„Rebellion ist eine Reaktion, aber kein Ausweg“, so hält sie den Verfassern des Textes der Kommission entgegen, die dem Ausbruch der Gewalt mit Verständnis begegneten und es damit bewenden lassen wollten. Als „eine Art amtliches Gütezeichen, um Gewaltanwendung zu rechtfertigen, Eltern, Erzieher und Behörden unsicher zu machen und den Sinn für die Rechtsordnung so zu schwächen, dass Freiräume der Anarchie unerlässlich erscheinen“ kritisiert sie „die dermaßen schädliche Broschüre“ der Kommission.

„Wir leben in einer Zeit, in der ungeheuerliche Dummheiten zu Gemeinplätzen geworden sind, die einschüchtern.“ Die Autorin ist sich bewusst, wie sehr ihre Thesen dem Zeitgeist widersprechen. Wir aber dürfen uns glücklich schätzen, diesen 30 Jahre alten Text zu besitzen. Denn zurzeit müsste die Autorin derart wahrer und harter Worte ein großes Risiko tragen, würde sie doch kaum Gnade vor den Hütern der politischen Moral finden. Denn in der Zwischenzeit hat sich gezeigt, dass genau jene, die die Beseitigung aller Tabus, die Überwindung aller überlieferten Traditionen und Strukturen gefordert und zum Teil auch durchgesetzt haben, ein besonders rigides Kontrollsystem zur Behauptung ihrer eigenen gesellschaftlichen Hegemonie eingerichtet haben.

Vieles von dem, was Jeanne Hersch schon im Keim erkannt hat, ist heute weit verbreitete Realität geworden. Ihre Analyse ist aber nicht nur von hoher Aktualität, sondern sie besticht auch dadurch, dass die konkreten Aussagen und Beobachtungen von damals mit grundlegenden Gedanken zum Menschsein, zur Notwendigkeit und zum Inhalt von Erziehung verbunden sind.

In klaren Linien entwirft die Philosophin und Pädagogin, die über zwei Jahrzehnte Französisch, Latein und Philosophie an der Ecole Internationale in Genf unterrichtete, das Grundgerüst einer am Menschen Maß nehmenden Pädagogik.

Ihr offenkundiges Wohlwollen und ihre Erfahrung mit Kindern und sich entwickelnden jungen Menschen geben ihren Worten Gewicht. Der Mensch, so ihre Überzeugung, ist zur Freiheit geboren, die er sich erwirbt, indem er seinen Platz in Gesellschaft und Geschichte einnimmt, „aus Liebe für das, was ist, in Anstrengung für das, was sein kann“ (aus: Erziehung zu verantwortlicher Freiheit innerhalb menschlicher Grenzen). Diese Freiheit grenzt sie scharf von der Forderung nach einem „pubertären Paradies“ ab, das die Grundgegebenheiten des Menschseins nicht wahrhaben will, in dem der Wunsch das Recht begründen soll.

Voraussetzungen für eine „Erziehung zur Freiheit“

Frau Hersch benennt Sicherheit und Schutz – die beiden Begriffe kommen in den „Thesen“ gar nicht vor – als unverzichtbare Bedingung für jede erfolgreiche Erziehung, sind sie doch die Voraussetzung aller späteren Autonomie, der Freiheit. Sie erinnert daran, dass das Menschenkind unvollendeter und lebensunfähiger zur Welt kommt als alle anderen Lebewesen. Das ist eine Gefährdung, der durch ständige Zuwendung, durch ständige Fürsorge von außen, von anderen, entgegengewirkt werden muss. Das ist aber auch zugleich die notwendige Bedingung für ein besonderes Merkmal unseres Menschseins: „Der Mensch ist das einzige Wesen, das eine Geschichte entwickelt, d. h. die Abfolge der Generationen nutzt, um den Besitzstand einer jeden weiterzugeben, statt sich mit einem rein repetitiven Nacheinander zu begnügen.“

Somit ist Lernen ein im Sinne des Wortes wesentliches Grundbedürfnis des Menschen. Ohne es zu erfüllen, kann er nicht werden, was er ist. Daraus leitet sich nicht nur die grundsätzliche Notwendigkeit von Erziehung ab, sondern es ergeben sich auch Ansprüche an die Umgebung des Lernenden. Die Ausgangslage des Menschenkindes, das Fragen stellt, an Antworten lernt und neue Fragen stellt, ist unsicher, offen. Allein um Halt und Orientierung zu finden, braucht es von Anfang an Regeln, Gewohnheiten, Ordnung, es braucht also Sitten. Dass unsere Gesellschaft die Tendenz zeigt, Sitten grundsätzlich als Konventionen, als Vorurteile, als Hemmnis für Kreativität und Entfaltung zu zerstören, begreift die Autorin als große Gefahr. Sie weist darauf hin, dass – so verschieden Sitten nach Kulturen und Epochen auch waren – eine Gesellschaft ohne Sitten nie bestanden hat, weil es sie nicht geben kann. Eine Gesellschaft ohne Sitten sei nicht eine Gesellschaft der Freiheit, sondern setze vielmehr das Recht des Stärkeren in Kraft. Sie sei im Grunde genommen gar keine Gesellschaft.

Allerdings hat sich mittlerweile gezeigt, wie schon erwähnt, dass die großen Zerstörer von damals versuchen, ihre eigenen Regeln von der Spitze der Gesellschaft her, in die sie aufgestiegen sind, an die leer gewordenen Stelle zu setzen. Ein Unterfangen, dem Jeanne Hersch keine guten Aussichten zubilligen würde. Sitten lassen sich nicht erfinden, stellt sie fest. Sie erhalten ihre Kraft dadurch, dass sie von der Gesellschaft im Gesamten angenommen und weitergegeben werden.

Missachtung der überlieferten Kultur

„Eine Gesellschaft ohne Sitten ist überdies eine Gesellschaft ohne Geschichte, denn nichts wird in ihr weitergegeben.“ Die arrogante Missachtung der überlieferten Kultur, die überhebliche Geringschätzung der Leistungen früherer Epochen, die ahnungslos-dumme Kritik geschichtlicher Erscheinungen, die die Anforderungen des heutigen Zeitgeistes nicht erfüllen, haben in die Sackgasse geführt. (Dem Versuch, eine Gegenkultur zu errichten, war bisher kein erkennbarer Erfolg beschieden. Wer glaubt, auf Schubert, Breughel und Dante verzichten zu können, wer Dostojewski, Bach und Leonardo ersetzen will, hat sich Unmögliches vorgenommen.)

Wer die Herzen der Jungen öffnen will, braucht mehr als einen starken ideologischen Antrieb. Es sind die großen Werke, die großen Taten, die großen Geschichten, die begeistern. Aber wer die jungen Menschen befähigen will, die Schätze, die für sie bereitliegen, zu heben, muss ihnen einiges abverlangen an ernsthaftem Bemühen, an Fleiß und Beständigkeit. Auch die realistische Einsicht in die Natur des Menschen, dass wir – wiewohl gleich an Würde und Rechten – verschieden an Begabungen und Talenten sind, ist notwendige Voraussetzung einer guten Ausbildung. Beiden müsse man gerecht werden, sagt die erfahrene Pädagogin, der Würde und der Ungleichheit.

Alles in allem sind die Darlegungen von Jeanne Hersch ein Gegenentwurf zu dem, was wir heute vorfinden, worunter wir leiden. Wie sehr können wir ihr zustimmen, wenn sie Dinge beim Namen nennt! Es gibt nichts, was gelehrt, nichts, was gelernt werden kann, es gibt keine Vorbilder, keine Werte, es gibt keine Hoffnung, es gibt keinen Sinn. Es ist der radikale Substanzverlust, dieser „Brandherd des Nichts“, wie Jeanne Hersch drastisch formuliert, der gerade den sensiblen unter unseren Jungen das Leben versperrt. Der Feind heißt Nihilismus.

Der Weg aus dem Nihilismus

Doch die Autorin lässt uns nicht ohne Therapie zurück. Was nun, fragt sie und legt ein kluges und lebensnahes Programm vor. Zuallererst ruft sie dazu auf, in einer anti-nihilistischen Grundhaltung die Traditionen aufrechtzuerhalten, die trotz allem nicht unterzukriegen waren. Weder die Natur noch Jahrhunderte der Kultur seien gänzlich auszulöschen. Sie streicht die bedeutende Rolle der Familien und besonders der Mütter heraus und fordert deren gesellschaftliche Unterstützung, wie sie auch jene Lehrer ermutigt, die sich im Klassenzimmer ihrer Rolle als Erwachsene stellen wollen. Der Unterricht, so schlägt sie vor, muss in den Werken und Taten der Vergangenheit die möglichen Aufgaben der Zukunft zeigen: „Das Kind muss entdecken, dass es eingebettet ist in eine lange, herrliche, schreckliche Geschichte, die nicht zu Ende ist und auf es wartet“.

Mit dem Hinweis, dass die Voraussetzungen für unsere Jugendlichen bedingt durch den phantastischen Wandel der Lebensbedingungen im letzten Jahrhundert so gut sein können wie die keiner Generation vorher, zeigt sie den Weg in eine kraftvolle und lebensfrohe Zukunft. Am 13. Juli 2010 jährte sich ihr Geburtstag zum hundertsten Mal. Jeanne Hersch – eine große Philosophin, eine kluge Pädagogin, eine mütterliche Frau.

Anmerkung

Jeanne Hersch, geboren 1910 in Genf als Tochter polnisch-jüdischer Einwanderer, war 1956–1977 Professorin für Philosophie an der Universität Genf. Von 1973–1994 fungierte sie als Präsidentin der Karl Jaspers-Stiftung in Basel. Sie verstarb am 5. Juni 2000 in Genf.

 
Barbara Rosenkranz ist Mitglied der Landesregierung von NÖ, St. Pölten, und war Kandidatin der FPÖ für die Wahl des Bundespräsidenten.
Buchveröffentlichung: „MenschInnen“, Graz 2008

Bearbeitungsstand: Montag, 10. Jänner 2011

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

 
Impressum, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung des Herausgebers